Machen Datenschützer Facebook platt — oder eben doch nicht?

Dezember 9th, 2011 Kommentare deaktiviert für Machen Datenschützer Facebook platt — oder eben doch nicht? Autor: Ulf Schmidt

Bei Nico Lum­ma (dis­clo­sure: Mit dem zusam­men ich zu den Gründuns­mit­glie­dern von D64 – Zen­trum für digi­ta­len Fort­schritt gehö­re) fin­det sich heu­te hier ein sehr pro­non­cier­ter Blog­post zu der gest­ri­gen Erklä­rung des Düs­sel­dor­fer Krei­ses, des Zusam­men­schlus­ses aller Daten­schutz­be­hör­den der Län­der, die hier nach­zu­le­sen ist.

Zwi­schen­be­mer­kung: Wie­wohl beruf­lich mit Face­book beschäf­tigt, feh­len mir umfas­sen­de tech­ni­sche Hin­ter­grün­de, die mich zu einem tat­säch­lich fun­dier­ten Stand­punkt hin­sicht­lich der Fra­ge befä­hi­gen, was wo wie Face­book mit den durch Inte­gra­ti­on sei­ner Soci­al Plug­ins wie des Like-But­tons tat­säch­lich für Daten sam­melt und wie die­se Daten genau ver­wer­tet wer­den. So weit ich sehe, gibt es eini­ge, die dazu durch­aus fun­dier­te­res Wis­sen haben, lese ich aber die Erklä­rung der Daten­schüt­zer, scheint auch selbst in die­sem Kreis nie­mand wirk­lich genau zu wis­sen, was Face­book damit tut. Es heißt dort, dass „Anbie­ter deut­scher Web­sites, {…} in der Regel kei­ne Erkennt­nis­se über die Daten­ver­ar­bei­tungs­vor­gän­ge haben kön­nen, die bei­spiels­wei­se durch Soci­al Plug­ins aus­ge­löst wer­den …“. Zu einem gro­ßen Teil speist sich also die Vehe­menz der Debat­te auch aus der Tat­sa­che der man­geln­den Trans­pa­renz, die auf der einen Sei­te zu der Unter­stel­lung miss­bräuch­li­cher oder bös­wil­li­ger Ver­wen­dung füh­ren, auf der ande­ren Sei­te zu einem „die wer­den schon nicht“ füh­ren muss. Ende der Zwi­schen­be­mer­kung.

Lum­ma schüt­tet in sei­nem Blog­post das Daten­schüt­zer­kind mit dem Bade aus – und das repro­du­ziert sich in den Kom­men­ta­ren zu sei­nem Pos­ting. Da es mei­nes Erach­tens Sinn macht, die Ding etwas dif­fe­ren­zier­ter zu betrach­ten, kom­men­tie­re ich nicht kurz bei ihm, son­dern fas­se mich hier etwas län­ger als kom­mentar­taug­lich.

Wor­um geht es?

Web­sei­ten­an­bie­ter – wie auch die­ses Blog hier – schät­zen die Like-Funk­ti­on von Face­book, weil Besu­cher der Web­sei­te damit auf ein­fa­che Wei­se Freun­de von einem inter­es­san­ten Inhalt infor­mie­ren und den Inhalt via Face­book tei­len kön­nen. Zugleich nutzt Face­book – so weit zu sehen ist – die Funk­tio­na­li­tät nicht nur, um durch die „Like“-Aktivität unter­schied­lichs­te Daten zu sam­meln, son­dern der in die Sei­te inte­grier­te But­ton führt dazu, dass auch Web­sei­ten­be­su­cher, die nicht mit dem But­ton inter­agie­ren, Daten an Face­book lie­fern – unbe­merkt und zumeist unwis­sent­lich.

Wor­um der Streit?

Die Daten­schüt­zer pran­gern die­sen Umgang mit Nut­zer­in­for­ma­tio­nen an – Lum­ma ver­steht das als Bevor­mun­dung der User und befürch­tet, dass der gro­ße und von vie­len geschätz­te Nut­zen von Soci­al Net­works, der eben auch in der Mit­tei­lung für inter­es­sant befun­de­ner Inhal­te mit die­ser Funk­ti­on umfasst, durch den Ein­griff der Daten­schüt­zer zer­stört wer­den könn­te. Ich tei­le die­se Ein­schät­zung nicht – gesetzt den Fall, man dif­fe­ren­ziert. Noch­mal ein etwas aus­führ­li­che­res Zitat aus der Erklä­rung der Daten­schüt­zer:

In Deutsch­land ansäs­si­ge Unter­neh­men, die durch das Ein­bin­den von Soci­al Plug­ins eines Netz­wer­kes auf sich auf­merk­sam machen wol­len oder sich mit Fan­pages in einem Netz­werk prä­sen­tie­ren, haben eine eige­ne Ver­ant­wor­tung hin­sicht­lich der Daten von Nut­ze­rin­nen und Nut­zern ihres Ange­bots. Es müs­sen zuvor Erklä­run­gen ein­ge­holt wer­den, die eine Ver­ar­bei­tung von Daten ihrer Nut­ze­rin­nen und Nut­zer durch den Betrei­ber des sozia­len Netz­wer­kes recht­fer­ti­gen kön­nen. Die Erklä­run­gen sind nur dann rechts­wirk­sam, wenn ver­läss­li­che Infor­ma­tio­nen über die dem Netz­werk­be­trei­ber zur Ver­fü­gung gestell­ten Daten und den Zweck der Erhe­bung der Daten durch den Netz­werk­be­trei­ber gege­ben wer­den kön­nen. (Her­vor­he­bung von mir)

Wo liegt die Dif­fe­ren­zie­rung?

Kri­ti­siert wird nicht die von den Usern geschätz­te Funk­ti­on, Freun­den einen Inhalt mit­tei­len zu kön­nen. Kri­ti­siert wird ledig­lich die unbe­kann­te Ver­wen­dung durch den Netz­werk­be­trei­ber also Face­book. Das sind zwei paar Schu­he, die tun­lichst aus­ein­an­der zu hal­ten sind.

Ein Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­such

Selbst­ver­ständ­lich liegt bei dem nun fol­gen­den Ver­gleich der Vor­wurf auf der Hand: Man kann neue Pro­ble­me und Tech­no­lo­gie nicht mit dem Ver­ständ­nis alter Tech­no­lo­gi­en lösen. Das mag rich­tig sein – gele­gent­lich führt eine sol­che bewuss­te Ver­kür­zung der Gesamt­pro­blem­la­ge aber zur Klä­rung. So in die­sem Fal­le. Und so funk­tio­niert die Ver­kür­zung:

An der Tele­fon-Dienst­leis­tung der deut­schen Tele­kom schät­zen die Nut­zer, dass sie sich in direk­ter Ver­bin­dung mit Freun­den und Bekann­ten unter­hal­ten kön­nen (User­nut­zen). Zugleich wür­de nie­mand es zulas­sen, dass die Deut­sche Tele­kom die Gesprä­che tech­nisch auto­ma­ti­siert mit­hört, aus­wer­tet und die gewon­ne­nen Infor­ma­tio­nen dann kom­mer­zi­ell ver­wen­det. Heißt: Wenn ich mit jeman­dem am Tele­fon dar­über rede, dass mir der neue Mer­ce­des gefällt, erwar­te ich, dass die Tele­kom die­se Infor­ma­ti­on nicht aus­wer­tet, auf­ar­bei­tet und im Nach­gang etwa bei mir Anruf, um mir eine Pro­be­fahrt anzu­bie­ten. Oder bei Mer­ce­des anruft mit dem Ange­bot: Ich ken­ne jeman­den, der sich für euer Auto inter­es­siert – gebt mir Geld und ich schrei­be dem einen Brief.

Ende des Ver­gleichs.

Die Dif­fe­ren­zie­rung für Face­book

Sinn­vol­ler­wei­se sind bei der Ver­wen­dung des Like-Butons drei Ebe­nen aus­ein­an­der­zu­hal­ten:

  1. Die kom­mu­ni­ka­ti­ve: Dass ich – wie am Tele­fon – Freun­de dar­über infor­mie­re, dass ich etwas Inter­es­san­tes gefun­den habe, das ich mit ihnen tei­len kann.
  2. Die sen­der­be­zo­ge­ne: Die Infor­ma­ti­on dar­über, dass mir der Mer­ce­des gefällt.
  3. Die Daten­ebe­ne: Sämt­li­che aus die­ser Infor­ma­ti­on zu gewin­nen­de wei­te­re Infor­ma­ti­on sei es über mei­ne Prä­fe­ren­zen, sei es über die mei­ner Freun­de und Bekann­ten.

Die kom­mu­ni­ka­ti­ve Ebe­ne ist – sicher auch für die Daten­schüt­zer völ­lig unpro­ble­ma­tisch.  Dass es eine Emp­feh­lungs­funk­ti­on gibt begrün­det kei­nen Zwei­fel an Face­book. Im Gegen­teil: Das ist die akzep­tier­te und für Nut­zer bes­tens kon­trol­lier­ba­re Funk­ti­on, das eigent­li­che Soci­al Net­work.

Die sen­der­be­zo­ge­ne Ebe­ne ist – um den Tele­fon­ver­gleich fort­zu­füh­ren – dem Satz an Ver­bin­dungs­da­ten (mit etwas Unschär­fe, weil sich hier auch Inhalts­in­for­ma­tio­nen befin­den) ver­gleich­bar. Die Nut­zung die­ser Infor­ma­tio­nen sei­tens Face­book und ande­rer Soci­al Net­works dürf­te durch­aus unpro­ble­ma­tisch sein. Dass Fac­book mir auf der Grund­la­ge mei­ner durch „Likes“ doku­men­tier­ten Prä­fe­ren­zen etwa Face­book Ads oder Spon­so­red Sto­ries ein­spielt (und seis von ande­ren Auto­her­stel­lern) ist durch­aus hin­nehm­bar. Sicher­zu­stel­len wäre aller­dings, dass staat­li­cher Zugriff auf die­se Infor­ma­tio­nen unter den Schutz der Grund­rech­te gestellt wird (weil ander­falls Vor­ratsa­ten­spei­che­rung durch die Hin­ter­tür…). Heißt: Kein staat­li­cher Zugriff, es sei denn auf rich­ter­li­che Anord­nung, dem Durch­su­chungs­be­schluss ver­gleich­bar, der das Grund­recht auf Unver­letz­lich­keit der Woh­nung ein­schrän­ken kann.

Nicht ein­fach hin­nehm­bar ist aller­dings die drit­te, sehr nebu­lö­se Ver­wen­dung – näm­lich die Aggre­ga­ti­on und Auf­be­rei­tung sämt­li­cher Infor­ma­tio­nen, auch bezo­gen auf die Emp­fän­ger der Infor­ma­tio­nen, und die Erstel­lung umfas­sen­der Per­sön­lich­keits­pro­fi­le sowie deren kom­mer­zi­el­le Ver­wen­dung. Genau die­sen drit­ten Punkt neh­men m.E. die Daten­schüt­zer ins Visier, wenn sie schrei­ben:

Anbie­ter deut­scher Web­sites, die in der Regel kei­ne Erkennt­nis­se über die Daten­ver­ar­bei­tungs­vor­gän­ge haben kön­nen, die bei­spiels­wei­se durch Soci­al Plug­ins aus­ge­löst wer­den, sind regel­mä­ßig nicht in der Lage, die für eine infor­mier­te Zustim­mung ihrer Nut­ze­rin­nen und Nut­zer not­wen­di­ge Trans­pa­renz zu schaf­fen. Sie lau­fen Gefahr, selbst Rechts­ver­stö­ße zu bege­hen, wenn der Anbie­ter eines sozia­len Netz­wer­kes Daten ihrer Nut­ze­rin­nen und Nut­zer mit­tels Soci­al Plug­in erhebt. Wenn sie die über ein Plug­in mög­li­che Daten­ver­ar­bei­tung nicht über­bli­cken, dür­fen sie daher sol­che Plug­ins nicht ohne wei­te­res in das eige­ne Ange­bot ein­bin­den.

Es geht also dar­um, dass Face­book kei­ne Trans­pa­renz dar­über her­stellt, was mit den erho­be­nen Daten ange­stellt wird. „Wird nicht so wild sein“ – kann sein. „Wird miss­bräuch­lich ver­wen­det“ – kann auch sein. Die Unsi­cher­heit in die­ser drit­ten Ebe­ne ist es, die die Daten­schüt­zer auf den Plan ruft.

Aller­dings kri­ti­sie­ren die Daten­schüt­zer eben nicht – wie Lum­ma meint – die gewünsch­te und begrüß­te Funk­ti­on der Wei­ter­emp­feh­lung, die von die­ser drit­ten Ebe­ne tech­nisch ja ganz ein­fach zu tren­nen wäre. Heißt: Es muss nicht der Like-But­ton ver­bo­ten wer­den, es geht ledig­lich um die Ein­schrän­kung der intrans­pa­ren­ten Nut­zung der Daten durch Face­book. Auf die Nutz­bar­keit des Like-But­tons hät­te das kei­ner­lei Ein­fluss.

Wovon soll Face­book denn leben?

So weit zu sehen, beruht ein Groß­teil des Geschäfts­mo­dells von Face­book auf dem Umgang der Daten in der drit­ten Ebe­ne. Die intel­li­gen­te Aus­wer­tung von Nut­zer­da­ten, die zugleich eine Aus­wer­tung der Prä­fe­ren­zen von (gar nicht aktiv gewe­se­nen) Freun­den usw. invol­viert. Man kann nun also fra­gen: Wie soll denn Face­book exis­tie­ren, wenn die­se Daten­ver­wen­dung nicht mehr zuläs­sig ist? Und man könn­te drauf ant­wor­ten: Nun ja, wenn mein Geschäfts­mo­dell auf ille­ga­len Prak­ti­ken beruht – dann habe ich im Zwei­fels­fall kein Geschäfts­mo­dell mehr, wenn ich auf­flie­ge.

Das wäre zu ein­fach – schließ­lich will kaum jemand mehr Face­book mis­sen. Daher zwei viel­leicht nai­ve Gedan­ken dazu:

  1. War­um nicht eine Nutzer­ge­bühr erhe­ben? (Alte Idee – noch immer dis­ku­ta­bel).
  2. War­um nicht den kom­mer­zi­el­len Ein­satz des Like-But­tons mit Kos­ten bele­gen?

 

Kom­mer­zia­li­sie­rung des Like But­tons

Für Unter­neh­men sind die durch Like-But­tons getä­tig­ten Emp­feh­lun­gen bares Geld wert. Freun­des­emp­feh­lun­gen beein­flus­sen Kauf­ent­schei­dun­gen so stark wie kei­ne ande­re Kom­mu­ni­ka­ti­on im gewerb­li­chen Umfeld. Den Klick auf den Like-But­ton also CpC abzu­rech­nen, als han­de­le es sich um einen Ban­ner oder einen Face­book Ad, hal­te ich des­we­gen für nicht undenk­bar. Die Emp­feh­lung an eini­ge Hun­dert Freun­de soll­te Unter­neh­men ein paar Cent wert sein.

Am Schluss

So wich­tig die Debat­te rund um Face­book und den Daten­schutz auch ist, so sehr es das Soci­al Net­wor­king zu ver­tei­di­gen gilt – so sinn­voll ist es durch Dif­fe­ren­zie­rung dazu zu kom­men, das Bad aus­zu­schüt­ten, das Kind aber nicht mit in den Brun­nen zu wer­fen.

Nach­satz

Vor fast einem Jahr hat­te ich mit die­ser The­ma­tik schon ein­mal in einer zehn­tei­li­gen Rei­he von Pos­tings  beschäf­tigt und die Tren­nung der Nut­zer­funk­ti­ons­ebe­ne (Kom­mu­ni­ka­ti­on) von der Daten­ebe­ne ange­dacht. Hier (ins­be­son­de­re in der Kom­men­tar­de­bat­te mit mspro) gibt’s das ent­spre­chen­de Pos­ting dazu.

 

 

 

 

 

 

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