Partizpiation: Publikum bestimmt Thalia-Spielplan mit

November 3rd, 2011 Kommentare deaktiviert für Partizpiation: Publikum bestimmt Thalia-Spielplan mit Autor: Ulf Schmidt

Auf nacht­kri­tik ist hier gera­de zu lesen, dass das Ham­bur­ger Tha­lia Thea­ter vier Posi­tio­nen des nächs­ten Spiel­plans durch das Publi­kum bestim­men las­sen will. Das klingt inter­es­sant — hat aber den einen oder ande­ren Pfer­de­fuß, den es im Auge zu behal­ten gibt, der zugleich eini­ge empi­ri­sche Hin­wei­se auf die Fall­stri­cke der orga­ni­sier­ten Par­ti­zi­pa­ti­on geben.

Zunähst: Die Betei­li­gung fin­det offen­bar im Wege der Vor­schlags­ein­rei­chung per Mail oder Brief  an das Thea­ter statt. Das heißt: Das Thea­ter sam­melt einen Hau­fen an Ide­en. So weit, so fein. Ob dabei sehr viel auf­tau­chen wird, das den Dra­ma­tur­gen nicht selbst ein­ge­fal­len wäre, sei dahin gestellt. Der zwei­te chritt scheint dann eine Urnen­wahl im haus zu sin. Damit will man offen­bar sicher­stel­len, dass nur tat­säch­li­ches Publi­kum, und nicht etwa Kids aus Irgend­wo die Wahl bestim­men. Zudem behält sich die Dra­ma­tur­gie vor, beson­ders wich­ti­ge oder inter­es­san­te Vor­schlä­ge direkt aus­zu­wäh­len — nun­ja, Demo­kra­tie kann man sich auch ein­fach machen.

Die Pro­ble­me dabei

Zunächst ist natür­lich der Vor­wahl­pro­zess etwas intrans­pa­rent, da die Vor­schlä­ge offen­bar einer Prü­fung unter­zo­gen wer­den (wie der Hin­weis auf Direkt­aus­wahl inter­es­san­ter Vor­schläg nahe legt). Aber das ist viel­leicht das klei­ne­re Pro­blem — glau­ben wir der Dra­ma­tur­gie doch durch­aus, dass die Ver­an­stal­tung fair abläuft.

Das eigent­li­che Pro­blem ist ein ande­res: Zu erwar­ten ist, dass eine gro­ße Zahl von Vor­schlä­gen, die im zwei­ten Wahl­gang an den Urnen abge­stimmt wer­den sol­len, den Zuschau­ern nicht bekannt sind. Die Zahl der Men­schen, die Thea­ter­stü­cke lesen, ist ins­ge­samt eher gering (neue Stü­cke sind für das brei­te Publi­kum nicht greif­bar, da von Thea­ter­ver­la­gen nur Thea­tern ver­füg­bar gemacht). Zugleich ist die Schnitt­men­ge des bekann­ten ver­mut­lich rela­tiv klein und auf Klas­si­ker fokus­siert, die in der Schu­le gele­sen und land­auf-land­ab gespielt wer­den. Die übli­chen Ver­däch­ti­gen eben: Schil­ler, Goe­the, Brecht, Kleist, Les­sing, Mül­ler, Strauß … und so wei­ter.

Wenn nun die Urnen­gän­ger also abstim­men sol­len, haben sie die Wahl zwi­schen gänz­lich Unbe­kann­tem und eini­ger­ma­ßen Ver­trau­tem oder doch zumin­det als “wich­tig” oder “toll” Bekann­tem. Und sie haben ver­mut­lich wenig Gele­gen­heit, sich ver­traut zu machen mit vor­ge­schla­ge­nem Unbe­kann­tem. Es ist also zu erwar­ten, dass die Chan­ce der Klas­si­ker unver­hält­nis­mä­ßig hoch ist. Und von denen auch wie­der­um die “bekann­ten” Wer­ke.

Was könn­te man anders machen?

Ver­mut­lich dem Pro­blem geschul­det, dass man streng regio­na­le Wahl­teil­neh­mer haben will, hat man dar­auf ver­zich­tet, das Web als kom­mu­ni­ka­ti­ve Platt­form ein­zu­set­zen. Dort hät­te die Mög­lich­keit bestan­den, dass die Vor­schla­gen­den nicht nur einen Titel ein­rei­chen, son­dern ein “Plä­doy­er” hin­zu­fü­gen (und ggf. auch Text­aus­zü­ge ver­lin­ken), die ihren Vor­schlag mit einer Begrün­dung und damit einer wach­sen­den und pro­fun­de­ren Betrach­tung ver­se­hen. Zusätz­li­che sim­pe Like-/Vo­ting-Mecha­nis­men hät­ten zu einer Vor­auswahl geführt, der sich dann eine Jury hät­te wid­men und eine Vor­schlags­lis­te erar­bei­ten kön­nen. Sol­che Zwi­schen-Jurie­run­gen machen aus vie­ler­lei Grün­den Sinn, wie zuletzt das Bei­spiel der crowd-gesourc­ten Pril-Fla­sche (hier und hier) gezeigt haben.

Es bestün­de die Chan­ce, auf einer sol­chen Platt­form, inter­es­sier­te Thea­ter­fans zu ver­sam­meln und ins Gespräch zu ver­wi­ckeln. Es hät­te die Mög­lich­kit bestan­den, tat­säch­lich auch zu über­ra­schen­de­ren Vor­schlä­gen oder Wahl­er­geb­nis­sen zu kommen.Trotzdem ist die Initia­ti­ve natür­lich zu begrü­ßen — und mit Span­nung zu erwar­ten, was dabei raus­kommt und was das Thea­ter in der dar­auf fol­gen­den Spiel­zeit macht.

Viel­leicht wird ja dann auch irgend­wann, wie hier von mir schon lan­ge vor­ge­schla­gen, den Inten­dan­ten vom Publi­kum wäh­len zu las­sen …

 

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