Pay (with) attention — Ein gangbares Urhebervergütungsmodell für die Digitalökonomie?

Februar 11th, 2012 Kommentare deaktiviert für Pay (with) attention — Ein gangbares Urhebervergütungsmodell für die Digitalökonomie? Autor: Ulf Schmidt

In einer Arti­kel von Kon­rad Lisch­ka auf Spon (hier) fin­det sich eine Bemer­kung, die es m.E. erlaubt, eine Visi­on für die zukünf­ti­ge Ent­loh­nung von Urhe­bern zu erar­bei­ten. Zwar  krankt m.E. Lisch­kas Arti­kel grund­sätz­lich in sei­nem Tenor an der Unschär­fe von Urhe­ber- und Ver­wer­tungs­recht, im Ver­lauf fin­det sich aber die fol­gen­de, m.E. wei­ter­füh­ren­de Bemer­kung:

…Apple, Face­book, Goog­le, Mega­u­pload, Spo­ti­fy und all die ande­ren Mak­ler ver­wer­ten in der einen oder ande­ren Form die Wer­ke von Urhe­bern. Vie­le alte Ver­wer­ter aus der Unter­hal­tungs­bran­che bezah­len die meis­ten Urhe­ber schlecht und weni­ge sehr gut. Die­ses Ver­hal­ten gilt bei Kri­ti­kern der “Con­tent­ma­fia” als Aus­beu­tung. Aller­dings bezah­len vie­le neue Ver­wer­ter im Web — etwa Mega­u­pload — Urhe­bern gar nichts. Bei ihnen sehen die Kri­ti­ker der “Con­tent­ma­fia” dann aber über die Aus­beu­tung hin­weg und loben die Inno­va­tio­nen, die nur lei­der mit dem über­hol­ten Urhe­ber­recht kol­li­die­ren.

Das ist für mich über­zeu­gend: Die benann­ten Digi­tal­un­ter­neh­men ste­hen an der Stel­le tra­di­tio­nel­ler Ver­wer­ter wie Ver­la­ge, Musik­un­ter­neh­men, Film­un­ter­neh­men. Sie pro­fi­tie­ren in gewal­ti­gem Umfang von den Inhal­ten, die sie bereit­stel­len. Las­sen wir die tra­di­tio­nel­len Ver­wer­ter ein­mal gedank­lich außen vor und stel­len sie auf die letz­tens ange­mahn­te Abraum­hal­de der Geschich­te – so stellt sich die Fra­ge nach Urhe­ber- und Ver­wer­tungs­recht anders. Sie lau­tet: Wie kön­nen die geis­ti­gen Urhe­ber, die Krea­ti­ven und Jour­na­lis­ten, für ihre Arbeit von die­sen Ver­wer­tern „ange­mes­sen ver­gü­tet“ wer­den – wie es das Urhe­ber­rechts­ge­setz vor­sieht?

Das ist gar so schwie­rig nicht. You­Tube lebt von den Fil­men, die von Usern ein­ge­stellt wer­den. Mega­u­pload wäre nichts ohne die Datei­en, die von Usern hoch­ge­la­den wer­den. Und auch Face­book wäre nur eine blau­wei­ße Wüs­te, wür­den nicht die Mit­glie­der wie wild Inhal­te mit ihren Freun­den tei­len. Ich hat­te hier schon vor eini­ger Zeit aus­ge­führt, dass ich das aktu­el­le, kun­den­da­ten­ba­sier­te Geschäfts­mo­dell von Face­book eher für ein Über­gangs­phä­no­men hal­te und davon aus­ge­he, dass Face­book zukünf­tig über die – noch rela­tiv wenig bekann­ten und genutz­ten – Face­book Credits sei­ne größ­te Chan­ce hat, zu einem digi­ta­len Bezahl­sys­tem zu wer­den. Ohne die­se Debat­te in aller Tie­fe zu füh­ren, lässt sich doch spe­ku­la­tiv ein Geschäfts­mo­dell ent­wi­ckeln, an dem sowohl Face­book wie auch Urhe­ber in brei­ter Mas­se par­ti­zi­pie­ren kön­nen. Die­se klei­ne Spin­ne­rei möch­te ich hier wie­der­ge­ben, um der Urhe­ber­rechts­de­bat­te viel­leicht eine zukunfts­wei­sen­de Dimen­si­on zu geben, anstatt immer nur Abwehr­schlach­ten gegen die Durch­set­zung über­hol­ter rechts- und Geschäfts­mo­del­le im Netz zu füh­ren.

Face­book als Ver­wer­ter

Face­book lebt davon, dass Mit­glie­der attrak­ti­ve Inhal­te mit ihren Freun­den tei­len, attrak­ti­ve Inhal­te erstel­len und Inhal­te ande­rer wei­ter­ver­brei­ten, liken und kom­men­tie­ren. Hoch­wer­ti­ger Con­tent liegt also im Inter­es­se von Face­book. Zugleich sind es die­se Inhal­te, die Face­book für Urhe­ber (die ihre Ide­en mit Freun­den und Fans tei­len kön­nen) wie für „Kon­su­men­ten“ attrak­tiv. Begrei­fen wir also ver­suchs­hal­ber Face­book als Ver­wer­ter und über­le­gen, wie damit eine „ange­mes­se­ne Ver­gü­tung“ bewerk­stel­ligt wer­den kann.

Face­book Krea­tiv­bud­get

Um eine ange­mes­se­ne Ver­gü­tung bereit­stel­len zu kön­nen, braucht Face­book hin­rei­chen­de Ein­nah­men. Das kann m.E. rela­tiv sim­pel erreicht wer­den durch kos­ten­pflich­ti­ge Mit­glied­schaf­ten. Es bleibt bei einer kos­ten­lo­sen Basis­mit­glied­schaft mit ein­ge­schränk­ten Funk­tio­na­li­tä­ten. Dazu kommt eine Pre­mi­um­mit­glied­schaft, die sich viel­leicht ein­fach durch Wer­be­frei­heit aus­zeich­net. Oder durch ande­re dif­fe­ren­zie­ren­de Funk­tio­nen. Wäre zu klä­ren. Sicher wird die gro­ße Mas­se bei Free Accounts blei­ben – aber viel­leicht 10% der 800 Mil­lio­nen Mit­glie­der wer­den auf Pre­mi­um umstel­len. Bei einem durch­schnitt­li­chen Betrag von 5 Euro pro Monat kom­men damit 4,8 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr zusam­men. Davon gehen 20% in die Kas­se von Face­book, die rest­li­chen ca. 4 Mil­li­ar­den wer­den aus­ge­schüt­tet.

Zusätz­lich wer­den Unter­neh­mens­sei­ten kos­ten­pflich­tig. Goog­le tut das bei You­Tube bereits: Brand Chan­nel Sei­ten kos­ten die Unter­neh­men – ich habe lei­der kei­ne genau­en Zah­len, für Hin­wei­se wäre ich dank­bar – fünf­stel­li­ge Jah­res­be­trä­ge. Ich fand Zah­len zwi­schen 25.000 Euro und 100.000 Euro, die von Goog­le in Pro­mo­ti­on­maß­nah­men für die­sen Chan­nel umge­re­chent wer­den. Heißt: Unter­neh­men legen ordent­lich Geld auf den Tisch, um eine eige­ne You­Tube Prä­senz auf­zu­bau­en und zu pro­mo­ten. Eine sol­che Finan­zie­rungs­quel­le könn­te auch Face­book erschlie­ßen, zumal gera­de welt­weit unzäh­li­ge Unter­neh­men auf Face­book drän­gen. Das lie­ße sich – um Klein­un­ter­neh­men oder Künst­ler nicht zu belas­ten – auch mit einer Fan­zahl ver­bin­den: Ab 25.000 Fans kos­tet die Page Geld. Mit wach­sen­der Fan­zahl wach­sen die Kos­ten. Das dürf­te locker noch ein­mal über 4 Mil­li­ar­den Euro (ich phan­ta­sie­re frei) in die Kas­se spü­len. Blie­ben also viel­leicht 8 Mil­li­ar­den als aus­schütt­ba­res „Krea­tiv­bud­get“.

Aus­schüt­tung des Krea­tiv­bud­gets

Die Mit­glieds­bei­trä­ge von Usern mit per­sön­li­chen Sei­ten wer­den in Face­book Credits umge­rech­net. Die 5Euro ent­spre­chen 5000 Credits, die monat­lich zu bezah­len sind. Nun las­sen sich aber (das ist die Idee) Credits auch auf ande­re Wei­se erwer­ben: Durch Likes und Com­ments auf mei­ne Inhal­te. Um wie­der in Phan­ta­sie­zah­len zu spie­len: Ein „Like“ bringt mit 10 Credits, ein Com­ment 15, ein Sha­re 50. Für Unter­neh­men gilt das natür­lich nicht – ledig­lich für nor­ma­le Mit­glie­der.

Ich kann nun also durch gewertschätz­te Inhal­te dafür sor­gen, dass mein Mit­glieds­bei­trag gerin­ger wird – kann aber zudem mein Kon­to auch über den Mit­glieds­bei­trag auf­fül­len, um damit in den mög­li­chen Genuss einer Aus­schüt­tung zu kom­men. Zudem wer­den aus exter­nen Quel­len in Face­book hin­ein geshar­te Inhal­te (wie etwa durch das Liken hier auf dem Blog, das dann in Face­book gelangt) wei­te­re und höhe­re Credits erwirt­schaf­tet – sagen wir der Ein­fach­heit 100.

Heißt: Wird ein Pos­ting von mir 10mal zu Face­book gesha­red, bringt das 1000 Credits. Wird es auf Face­book dann 50mal gelik­ed, bringt das wei­te­re 500 Credits. 10 Com­ments noch 150. Und Face­book inter­nes fünf­ma­li­ges Sharing wei­te­re 250. In Sum­me: 1900 Credits. Nicht toll viel? Stimmt. Es ist aller­dings ledig­lich ein ein­zi­ger Inhalt, der im rest­li­chen Monat mit wei­te­ren Inhal­ten zusam­men­ge­rech­net wird. Gelik­e­de Ori­gi­nal­pos­tings auf Face­book, geshar­te Bil­der usw. brin­gen wei­te­re Credits, die sich jen­seits der 5000 Bei­trag­s­credits zu einem posi­ti­ven Reve­nue addie­ren kön­nen. Davon wird der Otto­nor­mal­krea­ti­ve nicht leben kön­nen – aber er wird mehr erhal­ten, als in der tra­di­tio­nel­len Ver­wer­tungs­öko­no­mie, die einen sol­chen Klein­krea­ti­ven gar nicht auf den Markt gelas­sen hät­te. Und Con­tent, der eben nicht 10mal zu Face­book gesha­red wird, son­dern 100mal oder 1000mal wird in Addi­ti­on durch­aus denk­bar als rele­van­te Ein­nah­me­quel­le. Details to be done.

Und Goog­le?

Noch ist G+ nicht nach­hal­tig genug, um mit einem ähn­li­chen Modell an den Start zu gehen – wohl aber You­Tube. War­um nicht hier eben­falls eine Ver­gü­tung vor­se­hen für ange­se­he­ne Inhal­te? Eine gemein­sa­me Abrech­nung mit Face­book sorgt dafür, dass aus You­Tube auf Face­book gesha­re­te Inhal­te wie­der­um dem Urhe­ber zugu­te kom­men. Usw.

Die Unter­neh­mens­ab­rech­nung

Wie ich eben­falls bereits vor eini­ger Zeit schon hier geschrie­ben hat­te, müss­te das Abrech­nungs­mo­dell für Unter­neh­men etwas anders aus­se­hen: Eine „Cost per Like“ Abrech­nung. Das heißt: Unter­neh­mens­in­hal­te, die gelik­ed, kom­men­tiert, gesha­red wer­den, müs­sen von der Unter­neh­men nach Inter­ak­ti­on bezahlt wer­den. Ein „Like“ kos­tet dann eben 5 Credits. Und das hin­eins­ha­ren eines Unter­neh­mens­in­hal­tes von der Unter­neh­mens­sei­te nach Face­book wird mit 50 Credits abge­rech­net. Denn letzt­lich pro­fi­tie­ren die Unter­neh­men davon, dass es auf Face­book Urhe­ber gibt, die Inhal­te mit ihren Freun­den tei­len – denn nur so kön­nen sie sich mit ihren Inhal­ten Auf­merk­sam­keit ver­schaf­fen.

Spin­ne­rei?

Natür­lich ist das ziem­lich viel Phan­tas­te­rei – zumal nie­mand Face­book zu einem sol­chen Schritt zwin­gen kann, da Face­book momen­tan auch so schon glück­lich genug mit den Ein­nah­men ist. Wenn man aber ernst­haft über ein der Digi­tal­öko­no­mie ange­mes­se­nes Ver­gü­tungs­mo­dell nach­denkt, sind – wie Lisch­ka schreibt – die neu­en Ver­wer­ter durch­aus rele­van­ter als die alten Ver­lags­häu­ser. Die­se Unter­neh­men in einen Wett­be­werb um krea­ti­ve Inhal­te zu brin­gen, auf­merk­sam­keits­star­ke Inhal­te an sich zu bin­den, anstatt auf ande­re Platt­for­men gehen zu las­sen, kann den Krea­ti­ven und Jour­na­lis­ten finan­zi­ell nur gut tun.

Digi­tal­öko­no­mi­sche Impli­ka­ti­on: Pay­ing (with) atten­ti­on

Mir scheint die­ser Ansatz auch des­we­gen ganz ver­fol­genswert, weil er eine direk­te Kopp­lung von Auf­merk­sam­keit und Ertrag bie­tet. Das heißt: Inhal­te wer­den um so wert­vol­ler, je mehr Auf­merk­sam­keit sie bekom­men. Auf­merk­sam­keit wird mehr oder weni­ger direkt kon­ver­ti­bel in klin­gen­de Mün­ze, anstatt wie in der Indus­tri­al­öko­no­mie werb­li­che Auf­merk­sam­keit zu erlan­gen, die dann durch einen Kauf­akt rea­li­siert wird. Der Gedan­ke des digi­ta­len „Raub­ko­pie­rens“ wird hin­fäl­lig, weil der Akt der Rezep­ti­on in sich selbst bereits mit einer Ent­loh­nung ver­bun­den ist. Ich kau­fe nicht etwas, das ich dann anse­he (oder ich kau­fe es eben nicht) – son­dern ich bezah­le durch das Anse­hen und „Liken“.

„Liking is pay­ing (with) atten­ti­on“.

Blöd?

P.S. Falls jemand beim Lesen denkt „das kenn ich doch irgend­wo­her“ – rich­tig. Es ist nicht weit ent­fernt vom flattr-Modell. Aller­dings hal­te ich es für prak­ti­ka­bler. Soll Face­book doch flattr kau­fen. Geld Genug dafür dürf­te dem­nächst vor­han­den sein.

 

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