Von Produkt und Eigentum zu Service und Miete in der Postindustrie

Oktober 28th, 2010 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Der Arti­kel, da sehr lang, hier als PDF.

Inspi­riert von Tho­mas Stro­bls von mir mit Spaß und Inter­es­se gele­se­nen Schul­den-Buch, möch­te ich mei­nen Gedan­ken, dass even­tu­ell die tra­di­tio­nel­le (nicht nur die klas­si­sche) öko­no­mi­sche Leh­re auf den Müll­hau­fen der Geschich­te gehö­ren könn­te, wei­ter den­ken. Im Inners­ten von Stro­bls Aus­füh­run­gen sitzt nicht nur – wie zuletzt bemerkt – der Gedan­ke der Pro­duk­ti­ons­in­dus­trie, son­dern auch der Gedan­ke des Eigen­tums an Sachen. Der Indus­tri­el­le erwirbt Maschi­nen, Anla­gen, Gebäu­de als illi­qui­des Kapi­tal, um damit höhe­re Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten. Die­se Gewinn­aus­sicht recht­fer­tig den Ein­satz liqui­der Geld­mit­tel auch unter Eibe­zie­hung von Schul­den. Liegt der erwar­te­te Gewinn bzw. das Umsatz­plus höher als die Zins­sum­me, ist die Ver­schul­dung gerecht­fer­tigt. Es sei, so Stro­bl, eine Anlei­he aus der Zukunft, mit der heu­te schon Umsatz­ge­win­ne erwirt­schaf­tet wer­den kön­nen. Und nur durch sol­che Anlei­hen kann Wachs­tum ent­ste­hen.

Vom Inge­nieur-Entre­pre­neur zum Mana­ger

Bereits im letz­ten Pos­ting hat­te ich dem ent­ge­gen gesetzt, dass die inves­tie­ren­de Pro­duk­ti­ons­wirt­schaft zuneh­mend abge­löst wird durch eine  mie­ten­de oder lea­sen­de Ser­vice­wirt­schaft – ver­kör­pert in den Tätig­kei­ten der Nut­te und des Mana­gers in dem Film Pret­ty Woman. Das Pro­dukt des Mana­gers ist nicht das Pro­dukt, das die Fir­ma ver­treibt, die er lei­tet. Sei Ziel sind nicht bes­se­re Pro­duk­te. Das Pro­dukt des Mana­gers ist die Bilanz. Er wird an die­ser Vor­ga­be, an die­sen Zie­len und ihrer Errei­chung gemes­sen. Es sei die etwas plat­te typo­lo­gi­sche Abs­trak­ti­on erlaubt: Der Unter­neh­mer alter Pro­ve­ni­enz ist eher der Inge­nieur, der Edi­son, Benz, Krupp oder Fer­di­nand Por­sche. Sei­ne Geschäfts­idee ist ein bestimm­tes Pro­dukt, für des­sen Ver­bes­se­rung er sich stark macht. Der Mana­ger hin­ge­gen kon­zen­triert sich dar­auf, was die bes­te Bilanz bringt. Wenn er dafür das Pro­dukt ver­bes­sern muss – tut ers. Wenn er das Pro­dukt ver­schlech­tern muss – tut er auch das. Sein Leit­stern ist ein ande­rer als der des Inge­nieurs. Stro­bl for­mu­liert ähn­lich:

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Mana­ger mit ihren Unter­neh­men änder­te sich: Sie haf­te­ten jetzt nicht mehr als ‚ehr­ba­re Kauf­leu­te‘ mit eige­nem Namen und Ver­mö­gen, son­dern ver­dien­ten ihr Geld schlicht als ‚lei­ten­de Ange­stellt‘.  […] Das Ren­di­te­den­ken trat in den Vor­der­grund, ein­zel­ne Unter­neh­men und gan­ze Gesell­schaf­ten wur­den ihm unter­wor­fen. Ein­mal mehr erwies sich der Kapi­ta­lis­mus als äußerst inno­va­ti­ons­fä­hig: Schum­pe­ters legen­dä­re Entre­pre­neurs zogen den Blau­mann aus und ver­lie­ßen ihre Fabrik­hal­len, um in Nadel­strei­fen die holz­ge­tä­fel­ten Büros des Geld­adels zu erobern. (63f)

Zu Marx‘ Zei­ten war der Kapi­ta­list der­je­nig, der die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besaß. Maschi­nen, Anla­gen, Struk­tu­ren, Roh­stof­fe usw. Heu­te ist der Kapi­ta­list der Bank­ma­na­ger. Er besitzt gar nichts. Er ist beauf­tragt, ihm zur Ver­fü­gung gestell­te Kapi­tal­wer­te so ein­zu­set­zen, dass am Ende die Bilanz bes­ser wird als im Vor­jahr.

Das­sel­be gilt natür­lich für Mana­ger­vor­stän­de in pro­du­zie­ren­den oder dienst­leis­ten­den Unter­neh­men. Hier lau­tet der Auf­trag, den „Besit­zern“ (Aktio­nä­ren) per Bilanz höhe­re Akti­en­kur­se und Divi­den­den zu pro­du­zie­ren. Er besitzt die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht. Er ver­wal­tet d.h. managt das Kapi­tal. Er ist gemie­tet wie das Haus, in dem die Bank sitzt.

Das Sys­tem der Miet­ar­bei­ter

Der Mana­ger war – Boltanski/Chiapello beschrei­ben die­sen Über­gang, der sich bereits seit den Nach­kriegs­jah­ren mit wach­sen­der Geschwin­dig­keit voll­zieht – aller­dings nur der ers­te Schritt. Die Ent­wick­lung vom Mit­ar­bei­ter zum Miet­ar­bei­ter ist die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung. War dem Inge­nieur die Stamm­be­leg­schaft ein wich­ti­ger Besitz (auch wenn er sie ver­mut­lich immer häu­fi­ger als lohn­gie­ri­gen Moloch erleb­te), betrach­tet der Mana­ger die Beleg­schaft als lau­fen­den Kos­ten­fak­tor. Im Rah­men der Bilanz ist die Lohn­quo­te ein­fach ein Pos­ten unter vie­len ande­ren. Und wie eine Groß­in­ves­ti­ti­on die Bilanz eines Jah­res hübsch ver­ha­geln kann (weil sie ja schul­den­fi­nan­ziert ein Loch in die liqui­den Mit­tel reißt) und ent­spre­chend die Mie­te oder Lea­sing für ihn sinn­vol­ler ist, dass hier lau­fen­de Lea­sing­kos­ten gegen lau­fen­de (Mehr)Einnahmen gerech­net wer­den kön­nen, ist auch die Stamm­be­leg­schaft als zumeist unfle­xi­bler Kos­ten­block eine Belas­tung, die durch soge­nann­te Fle­xi­bi­li­sie­rung, d.h. den Über­gang von der Stamm­be­leg­schaft zur Leih­ar­beit (jen­seits der unab­ding­ba­ren Kern­be­leg­schaft), in eine Kos­ten-Ertrags-Rech­nung über­führt wer­den kann. Die gesam­te Fle­xi­bi­li­sie­rungs- und Leih­ar­beits­de­bat­te, die der tat­säch­li­chen Leih­ar­bei­ter­quo­te vor­aus läuft, deu­tet klar in die­se Rich­tung- Egal ob es sich um den pro­du­zie­ren­den Sek­tor oder die Dienst­leis­tungs­bran­che han­delt: Der Miet­ar­bei­ter liegt im Trend. Und die eben­falls von Boltanski/Chiapello luzi­de beschrie­be Wand­lung hin zur pro­jekt­ba­sier­ten Netz­wer­köko­no­mie wird die­sen Trend in gewal­ti­ger Geschwin­dig­keit rea­li­sie­ren.

Im Miet­ver­hält­nis tritt eine drit­te Kom­po­nen­te des Besit­zes in den Vor­der­grund: das voll­gül­ti­ge, aber befris­te­te Nut­zungs­recht. In einer ver­netz­ten Welt muss man die­ser und nur die­ser Kom­po­nen­te sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit wid­men. Anstatt sich als Eigen­tü­mer von sei­nem Eigen­tum ver­ein­nah­men zu las­sen oder als Vor­stand von Objek­ten, für deren Repro­duk­ti­on man ver­ant­wort­lich ist, abhän­gig zu sein, bie­tet sich eine ande­re Mög­lich­keit. Vor­rang haben hier Leih- und Miet­ob­jek­te, über die man nach Gut­dün­ken ver­fügt, solan­ge man sie eben braucht.

So wird aus dem Besitz­ver­hält­nis der Gegen­stän­de mit dem Nut­zungs­recht die­je­ni­ge Kom­po­nen­te iso­liert, die dem Wesens­zug der pro­jket­ba­sier­ten Polis ent­spricht, ohne die Zwän­ge von Besitz oder Macht zu beinhal­ten. Jemand, der sich an eine ver­netz­te Welt ange­passt hat, wird somit z.B. lie­ber Leih­wa­gen mie­ten bzw. eine Miet­woh­nung als Haupt­wohn­sitz haben wol­len, weil er häu­fig wird umzie­hen müs­sen.

Gera­de in die­sem Punkt unter­schei­det sich der schwe­re­lo­se Mensch der pro­jekt­ba­sier­ten Polis von der tra­di­tio­nel­len Figur des Bour­geois, der in den Kari­ka­tu­ren immer mit fet­tem Bauch dar­ge­stellt wird und den man sich stets schwer­fäl­lig und beleibt vor­stellt. Das Miet­ver­hält­nis ist die Form, die dem Pro­jekt, der Mon­ta­ge für eine befris­te­te Tätig­keit ent­spricht.

Da die frucht­ba­ren Pro­jek­te näm­lich nur schwer vor­her­zu­se­hen sind, lässt sich näm­lich die Art des even­tu­ell nöti­gen Besit­zes auch nur schwer im Vor­aus pla­nen. Des­we­gen ist es ver­nünf­tig, dem eigent­li­chen Besitz­ver­hält­nis einen leich­ten und befris­te­ten Zugang zu ent­lie­he­nen Res­sour­cen vor­zu­zie­hen, die in dem Rah­men eines Pro­jekts benutzt bzw. aus­ge­ge­ben wer­den, wäh­rend man sich so eine hin­rei­chen­de Fle­xi­bi­li­tät bewahrt, um sie gege­be­nen­falls zu erneu­ern.

Die­se Art des Besitz­ver­hält­nis­ses ist aber nicht allein auf die gegen­ständ­li­che Welt beschränkt. Sie trifft genau­so gut auf den Infor­ma­ti­ons­be­reich zu, wo die opti­ma­le Stra­te­gie dar­in besteht, die­je­ni­gen Ele­men­te zu ent­lei­hen, die sich in neue Struk­tu­ren ein­fü­gen las­sen, ohne des­we­gen das Gesamt­werk, dem sie ent­nom­men sind, exklu­siv zu erwer­ben. In gewis­ser Hin­sicht kann das Urhe­ber­recht als Leih­ver­trag betrach­tet wer­den. Boltanski/Chiapello 207)

Die Frei­be­ruf­ler der „Digi­ta­len Bohè­me“ sind die Avant­gar­de einer sol­chen (pre­kä­ren) Arbeit­neh­mer­schaft. Ange­sichts die­ser Arbeits­ver­hält­nis­se stellt sich die Fra­ge, ob es nicht grund­sätz­lich sinn­vol­ler ist, den post­in­dus­tri­el­len Arbeit­neh­mer (selbst wenn er noch als Leih­ar­bei­ter in der Indus­trie­pro­duk­ti­on tätig ist) als Dienst­leis­ter zu betrach­ten und sich damit kom­plett von der Kor­re­la­ti­on der gelei­te­ten Arbeit mit dem pro­du­zier­ten Wert zu tren­nen. Der dienst­leis­ten­de Miet­ar­bei­ter leis­tet kei­nen Bei­trag zum Mehr­wert – son­dern zur Bilanz.

Vom Eigen­tum zur Mie­te

Die Fir­men­chefs sind gemie­tet. Die Mit­ar­bei­ter wer­den zuneh­mend zu Miet­ar­bei­tern. Das Pro­dukt der Unter­neh­men wird zu einer blo­ßen Rand­be­din­gung für die Bilanz. Nun ist, um die Sache rund zu machen, trotz­dem erneut die Fra­ge nach der Schuld und der Inves­ti­ti­on zu stel­len. Ist es nicht noch immer so, dass die heu­ti­ge Inves­ti­ti­on, die durch Kre­di­te finan­ziert wird, das Wachs­tum von mor­gen und über­mor­gen sicher­stellt? Dass die­ses Wachs­tum selbst wie­der­um dazu führt, dass die Kre­di­te abge­tra­gen wer­den kön­nen? Ich glau­be – nein. Und zwar weil die tran­si­ti­ven Inves­ti­tio­nen zuguns­ten der intran­si­ti­ven Inves­ti­tio­nen, die schlich­te Kap­tal­um­wand­lung von liqui­den in illi­qui­de Mit­tel beinhal­tet, vor­an schrei­tet. Kei­ne Ahnung, ob es sol­che Begrif­fe bereits in der Öko­no­mie gibt. Ich könn­te genau­so gut sagen: Die Pro­du­zen­ten schaf­fen kei­ne Pro­duk­ti­ons­mit­tel mehr an, son­dern sie wer­den sie – wo immer es geht – mie­ten und lea­sen. Und die Eigen­tü­mer der Pro­duk­ti­ons­mit­tel pro­du­zie­ren mit die­sen Pro­duk­ti­ons­mit­teln nichts mehr, son­dern sie besit­zen und ver­mie­ten sie. Sie pro­du­zie­ren – wenn über­haupt – Geld damit. Eigen­tum an und Arbeit mit den Pro­duk­ti­ons­mit­teln fal­len aus­ein­an­der.

Tran­si­ti­ves und intran­si­ti­ves Kapi­tal

Stro­bl führt am Bei­spiel des Wohn­ei­gen­tums den Unter­schied zwi­schen Kauf und Neu­bau aus. Er kön­ne, schreibt er, sei­ne Miet­sa­che auf­ge­ben zuguns­ten eines Wohn­ei­gen­tums, das er ent­we­der erwirbt oder selbst bau­en lässt. Lässt er es bau­en, schafft er damit Arbeit. Kauft er nur, schafft er damit nichts.

Ich wür­de die­ses Bei­spiel ger­ne aus­bau­en. Neh­men wir also Mie­te, Neu­bau, Kauf. Und zwar nicht im pri­va­ten son­dern im wirt­schaft­li­chen Bereich. Ich will eine Fir­ma eröff­nen. Mie­te ich Räum­lich­kei­ten, baue ich oder kau­fe ich? Die bei­den letz­te­ren Alter­na­ti­ven schei­nen Inves­ti­tio­nen zu sein Schließ­lich muss ich jetzt bezah­len, um hin­ter­her die Räum­lich­kei­ten zu bekom­men. Das wäre aber zu kurz gedacht. Wenn man nicht zwi­schen tran­si­ti­vem und intran­si­ti­vem Kapi­tal unter­schei­det, sieht man den Unter­schied nicht.

Stro­bls Eigen­heim wäre die Wand­lung von Geld in Wohn­ei­gen­tum. Er kauft die Woh­nung um ihrer selbst wil­len – um dar­in zu woh­nen. Damit schafft er kei­nen Mehr­wert, er setzt die Woh­nung also nicht als Pro­duk­ti­ons­mit­tel ein. Viel­mehr wan­delt er nur zwei Kapi­tal­ar­ten inein­an­der um: Das liqui­de Geld in illi­qui­den Raum. Nun könn­te man sagen: Er inves­tiert doch und ver­schul­det sich. Tut er nicht. Betrach­ten wirs so: Stro­bel bringt mit sei­nem Ver­spre­chen, aus sei­nen zukünf­ti­gen Ein­nah­men einen gewis­sen Wohn­kos­ten­be­trag an eine Bank abzu­füh­ren, die­se Bank dazu, ein Haus zu bau­en. Die­ses gehört ihr (steht garan­tiert im Hypo­the­ken­brief). Anders als bei ande­ren Miet­sa­chen geht hier aber durch die Zah­lung all­mäh­lich das Eigen­tum von der Bank an Stro­bl über. Die Bank ver­dient Geld damit, dass sie die Miet­sa­che an Stro­bl „ver­least“ und am Ende in sein Eigen­tum über­gibt.

Stro­bl könn­te aber auch eine Fir­ma grün­den, die in die­sen Räum­lich­kei­ten etwa Brems­fuß­he­bel für ein Auto­mo­bil­un­ter­neh­men her­stellt. Dann wäre der Raum poten­zi­ell ein tran­si­ti­ves liqui­des Kapi­tal. Es wäre ein Mit­tel zur Her­stel­lung von Brems­fuß­he­beln. Sein Zweck ist, die­se Brems­fuß­he­bel pro­du­zie­ren zu kön­nen. Und die Räum­lich­kei­ten wer­den aus dem Ein­nah­men der Brems­fuß­he­bel bezahlt. Das ist das Kre­dit­mo­dell. Man könn­te auch hier sagen: Die Räum­lich­kei­ten gehö­ren der Bank, die kei­ne Brems­fuß­he­bel son­dern Geld pro­du­ziert. Und nur indem Stro­bl aus sei­nen Ein­nah­men das Inter­es­se an Geld befrie­digt, wie ande­re Unter­neh­men bei Stro­bl ihren Bedarf an Brems­fuß­he­beln befrie­di­gen, kann die Bank ihr Geld­bi­lanz­pro­duk­ti­on auf­recht erhal­ten.

Ist die Woh­nung nur als Woh­nung inter­es­sant, ist sie intran­si­tiv. Es gibt kei­nen inhä­ren­ten öko­no­mi­schen Zweck, dem sie als Mit­tel zur Ver­fü­gung steht. Es han­delt sich dann ein­fach um die Umwand­lung von Gespar­tem (das als nur Gespar­tes ver­mut­lich auch eher intran­si­tiv wirkt) in Eige­nes. Zwei Eigen­tums­ar­ten wer­den inein­an­der über­führt. Aus Geld, das man bekannt­lich nicht mal essen kann, wird Wohn­raum.

Ist die Woh­nung eine Pro­duk­ti­ons­an­la­ge, wird sie intran­si­tiv. Sie wirkt als Mit­tel für die Brems­fuß­he­bel­pro­duk­ti­on, dem Mit­ar­bei­ter oder der Maschi­ne gleich. War­um aber soll­te ein Unter­neh­mer die Woh­nung kau­fen – wenn er sie doch mie­ten kann? Dann gibt es zwei Betei­lig­te: Den Eigen­tü­mer der Woh­nung, der sein liqui­des Geld­ka­pi­tal in das (als poten­zi­el­le Pro­duk­ti­ons­an­la­ge) tran­si­ti­ve Wohn­ka­pi­tal ver­wan­delt. Die Tran­si­ti­vi­tät ent­steht dadurch, dass die Sum­me der Miet­ein­nah­men eine inter­es­san­te Höhe hat. Trotz­dem inves­tiert er nicht, weil er ja kei­ne Schul­den auf­nimmt. Er über­führt zwei Kapi­tal­ar­ten inein­an­der. Oder er nutzt ein der Bank gehö­ri­ges Mie­tei­gen­tum, um es zu ver­mie­ten. Dann hat die  Bank zwei Kapi­tal­sor­ten inein­an­der umge­wan­delt.

Für Stro­bls Brems­fuß­he­bel­pro­duk­ti­on heißt das: Die Räum­lich­kei­ten gehö­ren ihm nicht (und nie). Son­dern er zahlt ledig­lich aus sei­nen lau­fen­den Ein­nah­men einen Betrag an den Ver­mie­ter (und der ggf. an die Bank). Wer ver­schul­det sich jetzt hier? Eigent­lich nie­mand. Die Bank hat statt Geld ein Haus und stellt es dem Ver­mie­ter gegen Geld zur Ver­fü­gung (ers­ter tran­si­ti­ver Gebrauch). Der Ver­mie­ter nutzt das Haus, um es zu ver­mie­ten (zwei­ter tran­si­ti­ver Gebrauch). Stro­bls Brems­fuß­he­bel­pro­duk­ti­on nutzt das Haus als Anla­ge (drit­ter tran­si­ti­ver Gebrauch). Aber kei­ne Schul­den zu sehen.

Wozu Kre­dit?

Am Ende läuft es dar­auf hin­aus, dass Wachs­tum tat­säch­lich nur noch über Kre­di­te funk­tio­niert. Das heißt: Ein Staat nimmt Schul­den auf, pumpt sie (am einen oder ande­ren Ende) ins Wirt­schafts­sys­tem und freut sich am Ende des Jah­res, dass die Gesamt­wirt­schaft min­des­tens so sehr gewach­sen ist, wie die Schul­den­last. Es ist ein spät­kre­di­tis­ti­sches oder spät­ka­pi­ta­lis­ti­sches Sys­tem, das das Wachs­tum tat­säch­lich nur noch aus Kre­di­ten bezie­hen kann, die aller­dings durch kein Wachs­tum mehr abge­tra­gen wer­den kön­nen. Die „Öko­no­mie auf Pump“ (Stro­bl nach Keynes) wird auf Dau­er gestellt. Nur wenn Kre­dit der ein­zig mehr­wert­schaf­fen­de Impor­troh­stoff (impor­tiert aus der Zukunft oder der Luft ist), der am Ende nur wie­der schaf­fen soll, was er als Kre­dit auf­ge­nom­men hat – wie soll da Wachs­tum ent­ste­hen? Inno­va­ti­on viel­leicht – aber Wachs­tum?

Man mag die Zin­sen so hin­un­ter mani­pu­lie­ren wie man will. Ich einer kurz­fris­tig auf­wands-ertrags­ba­sier­ten Bilanz­öko­no­mie inves­tiert nie­mand. Viel­mehr wan­deln eini­ge Kapi­tal­in­ha­ber ihr tran­si­ti­ves Geld­ka­pi­tal um in illi­qui­des Kapi­tal (Häu­ser, Maschi­nen, Fahr­zeu­ge usw.), das zar tran­si­tiv sein soll, aber nicht im Sin­ne eines Pro­duk­ti­ons­mit­tels. Der Fuhr­park­be­sit­zer ver­dient nichts, indem er die Fahr­zeu­ge bestim­mungs­ge­mäß ein­setzt. Er ver­dient, indem er sie ver­mie­tet. Eben­so wie der Leih­ar­beits­un­ter­neh­mer, der 100, 200 oder mei­net­we­gen auch 1000 unter­schied­li­che Beru­fe in sei­nem Ange­botsport­fo­lio hat. Aber er ver­dient nicht mit den Pro­duk­ten, die die Arbei­ter her­stel­len, son­dern ledig­lich mit der Ver­mie­tung der Arbei­ter. Ein Kre­dit wäre für ihn kom­plett schwach­sin­nig. Zugleich aber sind die Unter­neh­men, die Lei­ar­bei­ter, gemie­te­te Räum­lich­kei­ten und geleas­te Maschi­nen benut­zen, gar nicht in der Situa­ti­on, Kre­di­te auf­neh­men zu müs­sen. Denn die Lohn-, Miet- und Lea­sing­kos­ten müs­sen aus den lau­fen­den Ein­nah­men bestrit­ten wer­den.

Bilanz

Der Mana­ger ist ein Bilanz­pro­du­zent, der Geld zu machen hat. Sei­ne Mit­ar­bei­ter sind Miet­ar­bei­ter, die eben­falls vor­nehm­lich über den Lohn moti­viert wer­den. Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen wer­den immer über­flüs­si­ger, weil es einer­seits Kapi­tal­be­sit­zer gibt, die eine Kapi­tal­art ger­ne in eine ande­re Über­füh­ren, um letz­te­re zu ver­mie­ten. Weil ande­rer­seits die Mie­ter, die damit viel­leicht Pro­du­zie­ren oder ihren Dienst­leis­tungs­be­trieb mög­lich machen, kei­ne Kre­di­te benö­ti­gen, um die Pro­duk­ti­ons­mit­tel anzu­schaf­fen, die sie mie­ten kön­nen. Das Nut­zungs­recht und die Mie­te erset­zen den Arbeits­ver­trag und das Eigen­tum an Pro­duk­ti­ons­mit­teln.

Kann die tra­di­tio­nel­le Öko­no­mie mit einem sol­chen Modell etwas anfan­gen? Das ist kei­ne rhe­to­ri­sche Fra­ge. Ich bin inter­es­siert.

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