Nutten und Manager: Dienstleistungsökonomie jenseits von Schuld+Ware

Oktober 23rd, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Könn­te es sein, dass der Über­gang von der Indus­trie- zur Dienst­leis­tungs- und wei­ter zur Wis­sens­ge­sell­schaft die gesam­te Tra­di­ti­on der Öko­no­mie auf den Müll­hau­fen der Geis­tes­ge­schich­te kata­pul­tiert? Der Gedan­ke kam mir bei der Lek­tü­re der ers­ten Sei­ten des Buchs (Update 2015: Bog inzwi­schen off­line; Link zur Way­back­Ma­chi­ne))von Tho­mas Stro­bl. Nicht etwa, weil das Buch nicht über­zeu­gend argu­men­tie­ren wür­de, dass Schul­den kein Makel sind. Son­dern weil das Buch über­haupt die Schul­den­the­ma­tik (über­zeu­gend) mit der Wachs­tums­the­ma­tik intim ver­knüpft. Das Argu­ment, dass Schul­den im Sin­ne einer Anlei­he auf die Zukunft nicht nur höhe­ren Wohl­stand in der Gegen­wart son­dern auch Wachs­tum (um die Schul­den plus Pro­fit abzu­tra­gen) erzeugt, ist zutiefst indus­tri­ell gedacht. Es setzt vor­aus, dass die Ver­schul­dung in eine Inves­ti­ti­on mün­det, also gewis­se Anschaf­fun­gen, die nicht erst getä­tigt wer­den, wenn sie erwirt­schaf­tet wur­den, son­dern erwirt­schaf­tet wer­den, nach­dem sie ange­schafft sind. Und dabei einen höhe­ren Ertrag und Pro­fit abwer­fen, als Til­gung und Zins betra­gen. Das macht für eine auf Maschi­nen, Anla­gen, Werks­ge­bäu­de, Pro­duk­ti­ons­nie­der­las­sun­gen usw. hoch­gra­dig Sinn. Für alle Wirt­schafts­zwei­ge, deren Pro­duk­ti­on im Wesent­li­chen mit Inves­ti­ti­ons­gü­tern bewerk­stel­ligt wird. Stro­bl schreibt:

Wer Gewinn machen will, der muss zunächst inves­tie­ren. Ware und Pro­duk­ti­ons­an­la­gen müs­sen ange­schafft, Arbeits­löh­ne müs­sen vor­fi­nan­ziert wer­den. Das Unter­neh­men bedarf außer­dem eines Stand­orts, der gekauft oder gemie­tet wer­den muss – denn geschenkt wird einem in der Wirt­schaft bekannt­lich nichts. Für all das ist Kapi­tal erfor­der­lich. Und das muss von irgend­wo­her kom­men: In Form eige­ner Mit­tel, die man sich als Eigen­ka­pi­tal qua­si sel­ber vor­streckt oder von Gleich­ge­sinn­ten besorgt. Oder durch Auf­nah­me von Schul­den. (129f)

So pro­duk­ti­ons­ori­en­tiert, so waren­ori­en­tiert – so weit so rich­tig. Der lau­fen­de Rekurs in der vor­he­ri­gen Kapi­teln auf den Tausch von Eiern gegen Kar­tof­feln oder unter­schied­li­cher Fuß­ball­bild­chen bleibt in der­sel­ben Bil­der­welt.

Öko­no­mie ohne Schul­den

Aber wie sieht das in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft aus? Wie sieht das also in einer Öko­no­mie aus, die im Wesent­li­chen nur den Mit­ar­bei­ter als Kos­ten­fak­tor zum Ein­satz bringt? Ver­gli­chen zur Indus­trie­ge­sell­schaft sind die „Inves­ti­tio­nen“ in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft rela­tiv gering. Sie kön­nen zudem durch Mie­te und Lea­sing ein­fach fle­xi­bi­li­siert wer­den. [Neben­be­mer­kung: Wie eine Tau­schöko­no­mie in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft aus­sieht, fin­det sich übri­gens in Sich Gesell­schaft leis­ten].

Ver­glei­chen wir einen Rei­fen­her­stel­ler mit einem Gebäu­de­rei­ni­gungs­un­ter­neh­men. Der Rei­fen­her­stel­ler kann sei­ne Maschi­nen­aus­las­tung stei­gern oder dros­seln. Er wird den­noch die ange­schaff­ten Maschi­nen und Anla­gen abzah­len müs­sen. Bei gerin­ge­rer Aus­las­tung drü­cken ihn die Kos­ten, bei höhe­rer Aus­las­tung wird irgend­wann eine Gren­ze erreicht, jen­seits derer wie­der­um nur durch eine wei­te­re Groß­in­ves­ti­ti­on die Pro­duk­ti­on gestei­gert wer­den kann. Der Unter­neh­mer wird also kal­ku­lie­ren, ob er in Zukunft hin­rei­chend Zusatz­auf­trä­ge sieht, um neue Anla­gen anzu­schaf­fen. Hat er die Anschaf­fung getä­tigt, wird er sie auf Teu­fel komm raus (oder Teu­fel bleib drau­ßen) amor­ti­sie­ren müs­sen. Er hat sich ver­schul­det, muss die­se Schul­den abtra­gen und zugleich Ren­di­te erwirt­schaf­ten.

Der Rei­ni­gungs­un­ter­neh­mer beschäf­tigt Rei­ni­gungs­kräf­te. Sei­ne Inves­ti­tio­nen sind ver­nach­läs­sig­bar. Rei­ni­gungs­mit­tel und Rei­ni­gungs­ge­rä­te sind lau­fen­des Ver­brauchs­ma­te­ri­al. Benö­tigt er Maschi­nen, wird er sie zunächst lea­sen. Sein Fir­men­ge­bäu­de wird er (wenn nicht aus steu­er­li­chen Grün­den kau­fen) ver­mut­lich eben­falls mie­ten. Bre­chen die Auf­trä­ge ein, trennt er sich von Mit­ar­bei­tern. Kom­men zusätz­li­che Auf­trä­ge her­ein, wird er zunächst sei­ne Mit­ar­bei­ter Über­stun­den machen las­sen und durch Druck oder Zusatz­ge­halt dazu brin­gen, schnel­ler und mehr zu arbei­ten. Dann wird er viel­leicht eini­ge Teil­zeit- oder freie Mit­ar­bei­ter anstel­len. Sieht er wei­te­ren Anstieg oder Ver­ste­ti­gung des Bedarfs, stellt er fes­te Mit­ar­bei­ter ein. In sei­nem Sys­tem gibt es kaum Ver­an­las­sung, sich zu ver­schul­den.

Inves­ti­ti­on in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft

Stellt man die Fra­ge, was denn in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft über­haupt als Inves­ti­ti­on gel­ten kann, die in irgend­ei­ner Wei­se etwas Kre­dit-Ver­gleich­ba­res hat, fal­len mir zunächst nur zwei Din­ge ein: kün­di­gungs­ge­schütz­te Arbeit­neh­mer und Aus-/Fort­bil­dung.

Letz­te­res ist eine ver­gleichs­wei­se ein­fach zu ver­ste­hen­de Inves­ti­ti­on. Mit­ar­bei­ter in Aus­bil­dung zu bezah­len, heißt zumeist, sich dar­auf ein­zu­las­sen, einem Mit­ar­bei­ter eine Zeit lang mehr Geld zu bezah­len, als er zur glei­chen Zeit erwirt­schaf­tet. Nur die Chan­ce, dass die­ser Mit­ar­bei­ter hin­ter­her einen höhe­ren Arbeits­wert erbrin­gen wird, recht­fer­tigt die­ses Vor­ge­hen. Tat­säch­lich eine Inves­ti­ti­on. Eben­so die Fort­bil­dung von Mit­ar­bei­tern wäh­rend der Arbeits­zeit. Es wird wei­ter Gehalt bezahlt, wie­wohl in der Arbeits­zeit kei­ne an Kun­den abre­chen­ba­re (eher im Gegen­teil: es fal­len noch Zusatz­kos­ten für Coa­ches an) Leis­tun­gen erbracht wer­den. Recht­fer­ti­gung ist eine aus der Fort­bil­dung erwach­sen­de künf­ti­ge Stei­ge­rung von Leis­tung, Qua­li­tät oder Ange­bots­brei­te.

Viel­leicht nicht ganz so klar ersicht­lich ist der Zusam­men­hang zwi­schen Inves­ti­ti­on und Kün­di­gungs­schutz­re­ge­lun­gen. Dabei liegt er auf der Hand: Eine nahe­zu ver­zug­lo­se Hire+Fire Mög­lich­keit sorgt dafür, dass erst im Moment zusätz­li­chen Bedarfs Mit­ar­bei­ter ein­ge­stellt wer­den, die wie­der­um im Moment schwin­den­den Bedarfs frei­ge­setzt wer­den. Der Mit­ar­bei­ter ist kei­ne Inves­ti­ti­on. Anders wird es, wenn Mit­ar­bei­ter nicht so schnell frei­ge­setzt wer­den kön­nen. Der Ver­gleich mit der Maschi­ne schafft Klar­heit: Wäre die Pro­duk­ti­ons­an­la­ge nicht eine fes­te Instal­la­ti­on, son­dern könn­te von einem Tag zum ande­ren auf­ge­stellt, am nächs­ten wie­der weg­ge­schafft wer­den und kos­te­te nichts, gäbe es kei­ner­lei Grund sich zu ver­schul­den. Mehr Rei­fen? Maschi­ne rein. Weni­ger Rei­fen? Maschi­ne raus. Risi­ko: Null. Ver­schul­dens­grund: Null. Nur weil die Maschi­ne eine gewis­se Beharr­lich­keit hat, sprich: man sich von ihr nicht zu einem Preis und mit einer Geschwin­dig­keit tren­nen kann, die es wirt­schaft­lich sinn­voll mach­te, sie in die­ser Form rein- und raus zu schlep­pen, ist die Maschi­ne eine Inves­ti­ti­on.

Sind nun Mit­ar­bei­ter von einem Kün­di­gungs­schutz geschützt, ten­diert eine Neu­ein­stel­lung zu einer Inves­ti­ti­on. Und zwar para­do­xer­wei­se nicht zu einer in der Anlauf­pha­se belas­ten­den Inves­ti­ti­on (wozu sie wer­den kann, wenn es kei­ne Teil­zeit­ver­trä­ge gibt), son­dern zu einer in der Spät­pha­se belas­ten­den, auf­ge­scho­be­nen Inves­ti­ti­on. Der kün­di­gungs­ge­schütz­te Mit­ar­bei­ter wird bei sei­ner Ein­stel­lung benö­tigt und wird dem­entspre­chend rela­tiv schnell sei­ne eige­nen Kos­ten plus Pro­fit erwirt­schaf­ten. Zur Inves­ti­ti­on wird er erst in dem Fal­le, wo die Nach­fra­ge zurück­geht und er den­noch gehal­ten wer­den muss, weil der Kün­di­gungs­schutz ihn schützt.

Dar­über hin­aus sehe ich in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft kei­ne bedeu­ten­den Inves­ti­ti­ons- und Ver­schul­dens­grün­de. Kann an mei­ner öko­no­mi­schen Blind­heit lie­gen. Wenn aber kei­ne Ver­schul­dens­grün­de vor­lie­gen – dann haben in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft Schul­den kei­nen Wachs­tums­ef­fekt. Oder eine sich nicht ver­schul­den­de Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft muss sich vom Wachs­tum ver­ab­schie­den. Jeden­falls muss sich die Öko­no­mie end­lich von ihrer Waren­fi­xie­rung tren­nen.

Der Arbeits­trieb in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft

Auch ein Groß­teil der in der Öko­no­mie ent­hal­te­nen Arbeits­theo­ri­en fußt noch auf dem Gedan­ken des Pro­duk­tes, in dem der Arbei­ter sich ver­wirk­licht. Dar­in schlum­mert eine lan­ge Tra­di­ti­on wei­ter, die sich abwech­selnd dahin­ge­hen äußer­te, dass Arbeit ent­we­der grund­sätz­lich als „den Nie­de­ren“ zuge­ord­net abzu­leh­nen sei – oder dar­in die Mög­lich­keit der „Selbst­ver­wirk­li­chung“ sah. Es macht Sinn, auch die­se letz­te­re Dimen­si­on in Augen­schein zu neh­men. Prä­gnant for­mu­liert wur­de sie von Hegel in der Phä­no­me­no­lo­gie:

Die Arbeit hin­ge­gen ist gehemm­te Begier­de, auf­ge­hal­te­nes Ver­schwin­den, oder sie bil­det. Die nega­ti­ve Bezie­hung auf den Gegen­stand wird zur Form des­sel­ben, und zu einem Blei­ben­den; weil eben dem Arbei­ten­den der Gegen­stand Selb­stän­dig­keit hat. Die­se nega­ti­ve Mit­te oder das for­mie­ren­de Tun, ist zugleich die Ein­zel­heit oder das rei­ne Für­sich­sein des Bewusst­seins, wel­ches nun in der Arbeit außer es in das Ele­ment des Blei­bens tritt; das arbei­ten­de Bewusst­sein kommt so also hier­durch zur Anschau­ung des selb­stän­di­gen Seins, als sei­ner selbst. (126)

Das bil­den­de Bewusst­sein erkennt sich im geform­ten Gegen­stand wie­der. Es ist die Form, die der Gegen­stand erhal­ten hat. Damit kann es sich ver­wirk­li­chen, selbst­ver­wirk­li­chen. Die gesam­te Debat­te um die ent­frem­de­te und die selbst­ver­wirk­li­chen­de Arbeit in der Indus­trie­ge­sell­schaft kreist um die Fra­ge, ob arbeits­tei­li­ges Pro­du­zie­ren die Selbst­ver­wirk­li­chung hemmt, ob nicht der Stolz auf der Werk dadurch geschmä­lert wird, dass nur Ein­zel­tei­le am Fließ­band pro­du­ziert wer­den. Aber wie sieht das jetzt aus, wo ganz und gar nichts mehr pro­du­ziert wird?

Der Schmied, der Bild­hau­er und sicher­lich auch noch der Bau­er gehö­ren in die­se Arbeits­welt. Der Jäger aber? Der nichts pro­du­ziert, son­dern nur für ande­re aus­zieht, Rehe zu erle­gen und die­se zu ver­kau­fen? Des­sen Jagd­tä­tig­keit also bloß Dienst­leis­tung ist? Im toten Tier wird er sich nicht wie­der­erken­nen. Weil es kei­ne blei­ben­den Wer­ke gibt.

Der typi­sche Dienst­leis­ter ist dem „glück­li­chen Men­schen“ (Camus) Sisy­phos gleich. Unter Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen ist die­ser natür­lich ein unab­läs­sig gequäl­ter Schei­tern­der. Nicht aber als Dienst­leis­ter: Der Auf­trag, den Stein wie­der­holt den Berg hin­auf zu rol­len ist ein typi­scher Dienst­leis­tungs­auf­trag. Gleich dem Stra­ßen­bahn­fah­rer, der Tag um Tag die­sel­be Stre­cke fährt, ohne je zu einem „Ziel“ oder „Fer­tig“ zu kom­men. Die gele­gent­lich von der Poli­zei zu hör­den­de Frus­tra­ti­on, man habe es immer wie­der mit den­sel­ben Leu­ten zu tun und die Sicher­heit stei­ge nicht, ist nur des­we­gen für sie bekla­gens­wert, weil sie sich für Sicher­heits­pro­du­zen­ten hal­ten. Falsch: Sie sind Dienst­leis­ter. Der Taxi­fah­rer stöhnt doch auch nicht: “Jot­te, ick wees nisch. Jetz müs­sen doch aba ma alle am Kudamm sein oder watt?“. Nee, er fährt ein­fach wei­ter. Und dann fährt er sie wie­der ins Hotel. Als Dienst­leis­ter ist Sisy­phos hoch­pro­fi­ta­bel. Vor­aus­ge­setzt, er wird ent­lohnt für die Stein­wäl­ze­rei.

Dienst­leis­ter pro­du­zie­ren nichts Fer­ti­ges und kein Werk. Der Dienst­leis­ten­de hat nichts, wor­in er sich wie­der­spie­geln wird. Sisy­phos wird sich abends den Rücken hal­ten und sagen: Janz schön watt jeschafft, Kin­der. Tat­säch­lich hat er nichts erschaf­fen, was am nächs­ten Tag noch da wäre – eben­so wenig wie der Taxi­fah­rer, die Kran­ken­schwes­ter, die Kin­der­gärt­ne­rin, der Leh­rer (las­sen wir “Bil­dung” mal außen vor), der Rei­ni­gungs­mit­ar­bei­ter. Mor­gen geht’s das­sel­be von vor­ne los. Ein Kreis­lauf statt linea­rer Ent­wick­lung.

Das ein­zi­ge, was als Pro­dukt bleibt, ist: Geld. Das ein­zi­ge gegen­ständ­li­che Pro­dukt der Dienst­leis­ter ist Geld. Dar­aus allein kön­nen sie – hege­lia­nisch gedacht – ihr Selbst­be­wusst­sein kon­sti­tu­ie­ren. Was dem Dienst­leis­ter (inklu­si­ve des Händ­lers) am Monats­en­de auf dem Kon­to erscheint, das ist sein Pro­dukt. Das Gehalt. Das erar­bei­te­te Geld ist die ein­zi­ge Befrie­di­gung des Dienst­leis­ters. Des­we­gen ist die Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft zutiefst eine Geldöko­no­mie (dar­in fol­ge ich Stro­bl). Aber eine ohne (not­wen­di­ge) Schul­den. Und eine, die zutiefst mit dem Casi­no­ka­pi­ta­lis­mus ver­wandt ist, wenn wir fest­hal­ten, dass das Pro­dukt des Dienst­leis­ters viel­leicht das Geld ist, in das er Bedürf­nis­se sei­ner Mit­men­schen direkt ver­wan­delt.

Der Mana­ger und die Nut­te

Die Schmon­zet­te „Pret­ty Woman“ ist nicht ein­fach eine neue Vari­an­te von „Le beau et la pute“. Die Grund­kon­stel­la­ti­on zeigt zwei Dienst­leis­tungs­nut­ten. Bei­de haben es eigent­lich mit einem pro­du­zie­ren­den Gewer­be zu tun, das aber statt zu pro­du­zie­ren ledig­lich Ertrag abwirft. Der eine zer­schlägt Indus­trie­un­ter­neh­men, die ande­re beschläft die Unter­neh­mer. Am Ende bleibt nichts außer Geld. Bei­de sind Dienst­leis­ter wie sie im Buch ste­hen, bei­de pro­du­zie­ren nichts. Wie­wohl bei­de mit Orga­nen ver­die­nen, die eigent­lich für die Pro­duk­ti­on vor­ge­se­hen sind.

Für Marx war die Hure der Inbe­griff der Dienst­leis­ter (hier eini­ge Zita­te). Dienst­leis­tung war eman­zi­pier­ten Men­schen undenk­bar, zumal sie, wie Marx süf­fi­sant zusam­men­fasst, kei­nen Mehr­wert schafft, son­dern ihn eigent­lich nur ver­braucht. Der Mana­ger bin­det sich nicht wie der Unter­neh­mer. Der Unter­neh­mer hin­ge­gen klebt am Unter­neh­men wie die Maschi­ne. Der Mana­ger ist frei wie die Putz­kräf­te der Rei­ni­gungs­fir­ma. Pro­dukt­kennt­nis behin­dert sein Geschäft eher: So kann der Chef einer Druck­ma­schi­nen­fa­brik Chef der Deut­schen Bahn wer­den. Arbeit für Geld, nicht Arbeit für Pro­dukt. Der Mana­ger inves­tiert nichts. Und er macht kei­ne Schul­den.

Der Mana­ger betrach­tet die Fabrik, wie der Bau­er den Boden: Hier muss das Pro­dukt erwach­sen, mit dem hin­ter­her Han­del getrie­ben wird. Für den Bau­ern wars Korn und Getrei­de. Für den Mana­ger ist es: Pro­fit. Mana­ger gehen nicht plei­te, auch wenn ein­mal eine Mißern­te das Ergeb­nis ver­ha­gelt. Sie gehen wei­ter zum nächs­ten Feld, dass sie wie­der­um bewirt­schaf­ten, um zu ern­ten. Der Mana­ger-Dienst­leis­ter pro­du­ziert Ren­di­te, Pro­fit, Mar­ge. Dafür braucht er kei­ne Schul­den. Oder wenn, dann nur gerin­ge.

Der Mana­ger ist die Nut­te, die für Geld alles macht. Außer Kin­der.

Der gesam­te ehe­mals pro­du­zie­ren­de Sek­tor ist längst in ein Dienst­leis­tungs­ge­flecht ein­ge­bun­den. Das durch­zieht ihn selbst. Der Mana­ger ist kein Unter­neh­mer. Der Mana­ger ist ein Dienst­leis­ter, der sich nicht mit den Pro­duk­ten, son­dern ledig­lich mit der Bilanz iden­ti­fi­ziert. Die­se Dienst­leis­tungs­den­ke löst die klas­si­sche Pro­duk­ti­ons­den­ke ab: Nicht die Pro­duk­ti­on der Druck­ma­schi­ne steht im Fokus des Mana­gers, sie ist ledig­lich eine mar­ke­tin­gre­le­van­te Neben­er­schei­nung. Die Bilanz ist sein Fokus. Die des Unter­neh­mens und sei­ne eige­ne. Betrach­ten wir den Mana­ger also als Wan­der­päch­ter, der von Feld zu Feld zieht. Mal Kür­bis­an­bau lei­tet, mal Wei­zen­an­bau, mal Kum­quats. Sei Ziel ist die bes­te Mar­ge. Dafür wird er geheu­ert – nicht für die bes­ten Druck­ma­schi­nen.

Das aber heißt. Das Pro­dukt des Mana­gers ist das Geld. Geld wird dann nicht mehr nur zum Schmier-, Zeit­spei­cher-, Preis­bil­dungs- und Zah­lungs­mit­tel der Waren­wirt­schaft. Geld wird selbst zu einer pro­du­zier­ten Ware. Casi­no! Zocke­rei! Ist das so schlimm?

Geld als Ware?

Wäre Geld Wei­zen: Lie­ße sich nicht eine Wirt­schaft den­ken, in der nur Wei­zen gehan­delt wird? In der Wei­zen gegen Wei­zen getauscht wird? Völ­lig sinn­los, war­um soll­te ich mei­nen Wei­zen gegen dei­nen ein­tau­schen? Ja, war­um? Und war­um funk­tio­niert das auf den Geld­märk­ten? Weil real­wirt­schaft­li­che Neben­dar­stel­ler ein­ge­schal­tet sind. Weil ich das Gerücht höre, dass auf dem Feld mei­nes Nach­barn der Boden die Qua­li­tät hat, nächs­tes Jahr mehr Ertrag abzu­wer­fen, tau­sche ich mei­ne Ern­te gegen die Sei­ni­ge schon heu­te. Der Nach­bar aller­dings weiß um die­ses Gerücht. Er hats ja selbst in die Welt gesetzt. Und geht den Han­del ein. Was er aber wie­der­um nicht weiß: Sein Kon­trak­tor weiß um die nach­las­sen­de Qua­li­tät des eige­nen Bodens. Und so wei­ter.

Anders als Wei­zen aber ist Geld kein natür­lich knap­pes Gut. Es „ver­mehrt“ sich ganz ein­fach. Und aus die­ser Ver­meh­rung ent­steht Wohl­stand. Zugleich kommt nie­mand auf die Idee, das Geld abends zu schro­ten, zu backen und mor­gens zu knus­pern. Mana­ger und Dienst­leis­ter pro­du­zie­ren Geld. Wie wür­de solch eine Post-Waren­öko­no­mie zu beschrei­ben sein?

§ One Response to Nutten und Manager: Dienstleistungsökonomie jenseits von Schuld+Ware

  • autordidakt sagt:

    sehr schön ver­an­schau­licht. die meta­pher wachs­tum stammt ja aus der natur. eine wirt­schaft muss immer wach­sen? und ein baum? ein kind? wenn die wirt­schaft aus­ge­wach­sen ist, weil jeder einen fern­se­her hat?
    geld kann man aber auch knus­pern, “earn it to burn it”. gebe ich mein geld wie­der aus — in umlauf oder tu ich es in mei­nen korn­spei­cher und geil mich dar­an auf?

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