Die Deutsche Bank und wie sie die Zukunft der Arbeit sieht (spoiler: dystopisch)

Juli 9th, 2015 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Pro­gno­sen blei­ben schwie­rig — ins­be­son­de­re wenn die die Zukunft betref­fen. Und sie erzäh­len zumeist mehr über die Zeit, in der sie ent­ste­hen, als über die nähe­re oder fer­ne­re Zukunft, über die sie zu erzäh­len sich vor­neh­men oder vor­ge­ben. So vehe­ment die eige­ne sehe­ri­sche Fähig­keit auch betont wer­den mag — die Wahr­schein­lich­keit, auf empi­ri­schen Indi­zi­en begrün­det, ist doch ver­gleichs­wei­se gering, dass die­se Fähig­keit tat­säch­lich grund­sätz­lich und nach­weis­lich die­sem oder jenem Auto­ren zukommt, der dar­auf Anspruch erhebt. Das gilt natür­lich in beson­de­rem Maße für Auto­ren von Ban­ken, die sich anschi­cken die gesell­schaft­li­che Zukunft der nächs­ten Jah­re vor­her­zu­sa­gen, dabei aber nicht ein­mal in der Lage sind, die Bör­sen­kur­se der nächs­ten Minu­ten (von bevor­ste­hen­den Finanz­kri­sen, Bör­sen­crashs ganz zu schwei­gen) vor­her­zu­sa­gen.

Den­noch die Lek­tü­re wert ist der Text über die Zukunfts­as­sich­ten des soge­nann­ten Arbeits­mark­tes von der Deut­schen Bank, genau­er: Deut­sche Bank Rese­arch, über den vor eini­gen Wochen bereits in der FAZ (hier) berich­tet wur­de und der nun online zu lesen ist. Der Ver­fas­ser Alek­san­dar Kocic, Mana­ging Direc­tor der Deut­schen Bank in New York, ver­sucht sich pro­gnos­tisch in durch­aus übli­cher Wei­se: aus der Beob­ach­tung der Gegen­wart, der Kon­struk­ti­on von kau­sa­len oder mikro-/mak­ro­his­to­ri­schen Zusam­men­hän­gen, aus denen mehr oder min­der linea­re Pro­jek­tio­nen in die Zukunft vor­ge­nom­men wer­den. Dem kann man skep­tisch gegen­über­ste­hen, da der Beweis, dass die Zukunft eine wei­test­ge­hend linea­re Fort­set­zung von Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart ist, noch nicht abschlie­ßend geführt wur­de, zudem das Pro­phe­ten-Para­do­xon (Ver­än­de­rung der zu erwar­ten­den Zukunft durch Ein­fluss die­ser Erwar­tung auf die Ent­schei­dun­gen der nächs­ten Gegen­war­ten) dafür sor­gen kann, dass die Zukunft, eben weil sie so ein­tref­fen wird wie pro­gnos­ti­ziert, eben nicht ein­tre­ten wird.

Lesens­wert ist die­ser Text also nicht so sehr als Vor­weg­nah­me eine zu erwar­ten­den Zukunft, son­dern als gegen­wär­ti­ges Doku­ment, in dem eine Ein­rich­tung der bei wei­tem größ­ten Bank Deutsch­lands einen gegen­wär­ti­gen Blick auf die gegen­wär­tig als mög­lich (oder wahr­schein­lich) ein­tre­ten­de Zukunft wie­der­gibt. Und die­ser Blick ist — dys­to­pisch in einem Umfang, der bei einer sol­chen Insti­tu­ti­on kaum erwart­bar ist (jeden­falls für mich) — zumal er kei­ne “lob­by­is­ti­schen” For­de­rungs­ka­ta­lo­ge an poli­ti­sches Han­deln auf­stellt, son­dern die­se Dys­to­pie offen­bar als weit­ge­hend zwangs­läu­fig betrach­tet. Die Lek­tü­re lohnt, weil sie zeigt, dass ein bestimm­ter Dis­kurs (vom “Ende der Arbeit”) offen­sicht­lich beginnt, in zen­tra­len Schalt­stel­len “der Wirt­schaft” Beach­tung und damit poten­zi­ell Wirk­sam­keit zu fin­den. EIni­ge Zita­te hier vor­ab (die Lek­tü­re ist, wie gesagt, emp­feh­lens­wert — aber nichts für schwa­che Ner­ven):

Die Wirt­schafts­leis­tung wird stär­ker vom Kapi­tal bestimmt als von der Arbeit, und nur noch zwi­schen schlech­te­ren Arbeits­be­din­gun­gen und Arbeits­lo­sig­keit wäh­len zu kön­nen, schwächt die Posi­ti­on der Arbeit­neh­mer. (60)

Ver­brau­cher­kre­di­te kom­pen­sier­ten aus­blei­ben­de Lohn­er­hö­hun­gen, Hypo­the­ken finan­zier­ten das ver­meint­li­che Recht auf ein Eigen­heim, Stu­den­ten­dar­le­hen ersetz­ten freie Bil­dung und das staat­li­che Gesund­heits­we­sen wur­de schritt­wei­se durch pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen abge­löst. Damit kommt ein wei­te­rer nega­ti­ver Rück­kop­pe­lungs­ef­fekt zum Tra­gen. Nied­ri­ge Löh­ne bedeu­ten eine stär­ke­re Abhän­gig­keit von Kre­di­ten. Dies führt zu höhe­ren Lebens­hal­tungs­kos­ten. Daher müs­sen immer mehr Men­schen (zum Bei­spiel Ehe­part­ner) immer län­ger arbei­ten und manch­mal sogar mehr als einen Job anneh­men. Das wie­der­um sorgt für einen Ange­bots­über­hang am Arbeits­markt, sin­ken­de Löh­ne und eine stär­ke­re Abhän­gig­keit von Kre­di­ten, was die Lebens­hal­tungs­kos­ten noch wei­ter erhöht. Weni­ger Arbeits­kräf­te pro­du­zie­ren also die­sel­be Wirt­schafts­leis­tung wie frü­her. Die pro­du­zier­ten Güter und Dienst­leis­tun­gen kön­nen sich jedoch immer weni­ger Men­schen leis­ten. Ange­sichts der wach­sen­den Ver­schul­dung der pri­va­ten Haus­hal­te ist es frag­lich, was die aktu­el­le Ant­wort der Poli­tik auf die Kri­se – nied­ri­ge Zin­sen und damit bil­li­ge Kre­di­te zur Kon­sum­för­de­rung – wirk­lich brin­gen soll. (63)

In man­cher­lei Hin­sicht könn­te man mei­nen, die Wirt­schaft ist in die Anfän­ge des Indus­trie­zeit­al­ters zurück­ge­fal­len. Wie schon erwähnt, arbei­te­ten die Men­schen damals nur wider­stre­bend mehr, als zum Leben nötig war. Des­halb zahl­ten die Arbeit­ge­ber gerin­ge­re Löh­ne, um sicher­zu­stel­len, dass ihre Arbei­ter mehr arbei­ten muss­ten, um genug zum Leben zu ver­die­nen. Die Nach­fra­ge nach Arbeits­kräf­ten war groß, aber gear­bei­tet wur­de damals nur wider­stre­bend. Die Mög­lich­keit, mehr zu ver­die­nen, war weni­ger attrak­tiv, als weni­ger zu arbei­ten. Das Ergeb­nis ist heu­te das­sel­be: nied­ri­ge Löh­ne. Die Ursa­chen sind jedoch ande­re. Wirt­schafts­wachs­tum gab es im spä­ten 20. Jahr­hun­dert nur dann, wenn die Men­schen mehr kon­su­mier­ten, als sie brauch­ten. Dazu müs­sen sie sich aber immer mehr Geld lei­hen, ins­be­son­de­re wenn ihre Schul­den wei­ter anwach­sen. Dafür brau­chen sie Arbeit, aber damit ver­die­nen sie nicht genug. Also müs­sen sie här­ter und län­ger arbei­ten, um ihren Lebens­un­ter­halt bestrei­ten zu kön­nen. Wäh­rend zu Beginn des Indus­trie­zeit­al­ters der Man­gel an Arbeits­kräf­ten der bestim­men­de Fak­tor war, sind Arbeits­kräf­te in den post-indus­tri­el­len Volks­wirt­schaf­ten reich­lich vor­han­den und die Lebens­hal­tungs­kos­ten hoch. Und was den Men­schen in der vor­in­dus­tri­el­len Zeit noch “genug“ war, wird durch die Mög­lich­keit, auf Kre­dit zu kau­fen, heu­te anders emp­fun­den. Auch wer mit dem, was er ver­dient, nicht aus­kommt, kann heu­te bequem sein Aus­kom­men haben. Aus Sicht eines Arbeit­neh­mers kom­pen­sie­ren Kre­di­te die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen von Effi­zi­enz­stei­ge­run­gen in der Pro­duk­ti­on durch neue Tech­no­lo­gi­en. Kre­di­te schaf­fen neue Bedürf­nis­se und set­zen neue Maß­stä­be dafür, was wir zum Leben brau­chen. Aber Kre­di­te müs­sen zurück­ge­zahlt wer­den. Allem tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt zum Trotz ist es daher noch zu kei­nem ent­spre­chen­den Rück­gang der Arbeits­zei­ten gekom­men. (64)

Am Ende die­ser Ent­wick­lung ste­hen viel­leicht Auk­tio­nen, auf denen bei­spiels­wei­se ein befris­te­ter 200-Stun­den-Job meist­bie­tend ver­stei­gert wird. Die Unter­neh­men haben maxi­ma­le Fle­xi­bi­li­tät, auf Kos­ten der Arbeit­neh­mer­schaft mit mini­ma­ler Ver­hand­lungs­macht. Qua­li­fi­zier­te­re Arbeit­neh­mer könn­ten eine höhe­re Bezah­lung ver­lan­gen, um auch in Zei­ten der Arbeits­lo­sig­keit ihre Kon­sum­aus­ga­ben bestrei­ten zu kön­nen. Ver­mitt­ler wür­den Heer­scha­ren von Bewer­bern mit Stan­dard­qua­li­fi­ka­tio­nen ver­wal­ten, für die es nur noch Teil­zeit­stel­len gibt. Für die Unter­neh­men redu­ziert die­se Fle­xi­bi­li­tät den Druck, eine Lang­frist­stra­te­gie zu ent­wi­ckeln und ent­spre­chend zu pla­nen. Statt­des­sen kön­nen sie kurz­fris­tig tak­tisch agie­ren und ihre Lohn­aus­ga­ben rasch einer neu­en Markt­la­ge anpas­sen. Im Extrem­fall ver­schwin­det der Arbeits­markt ganz von der Bild­flä­che – jeder arbei­tet nur noch für sich selbst. Dies wür­de einen Wan­del von einer Arbeit­neh­mer-Gesell­schaft hin zu einer Arbeit­ge­ber- Gesell­schaft bedeu­ten. Die tie­fe Iro­nie liegt dar­in, dass dann jeder sein eige­ner Herr ist, aber viel arbei­ten muss und wenig ver­dient. (65)

 

Der gesam­te Text fin­det sich hier ab Sei­te 58.

Viel­leicht etwas ver­früh­te Fra­ge, aber lesen wir in nächs­ter Zeit von der Deut­schen Bank das berühm­te Schirr­ma­cher-Zitat: “Ich begin­ne zu glau­ben, dass die Lin­ke recht hat”? Die Ant­wort wäre aller­dings eine Pro­gno­se  …

§ One Response to Die Deutsche Bank und wie sie die Zukunft der Arbeit sieht (spoiler: dystopisch)

  • Ralf sagt:

    Nach­wuch droht Gehalt auf Hartz-4-Niveau

    Ende der Wohl­stands-Ära: Die Jun­gen wer­den ärmer als ihre Eltern

    http://www.stern.de/wirtschaft/geld/mckinsey-studie–die-jungen-werden-aermer-als-ihre-eltern-6971346.html

    oder auch ganz lecker: Ver­ar­mung als Mega­trend — sie­he auch: https://www.berlinjournal.biz/verarmung-kinder-aermer-als-eltern/

    Laut Poli­tik müs­se man sich “inte­grie­ren” (nach Defi­ni­ti­on der Poli­tik was das denn angeb­lich sei). Dazu braucht es in der heu­ti­gen Zeit üppi­ge Geld­mit­tel, die die meis­ten Leu­te, die angeb­lich “nicht inte­griert” sind (auch sehr vie­le Deut­sche), gar nicht auf­brin­gen kön­nen.

    Auf einen Zusam­men­hang stieß die bri­ti­sche Sozio­lo­gin Marii Pes­kow in der Euro­pean Soci­al Sur­vey (ESS): Dem­nach sei die Bereit­schaft zur Wohl­tä­tig­keit in ega­li­tä­ren Gesell­schaf­ten deut­lich schwä­cher aus­ge­prägt, als in sol­chen mit gro­ßen Ein­kom­mens­un­ter­schie­den. Die Erklä­rung dafür lie­ge im sozia­len Sta­tus­ge­winn, den Wohl­ha­ben­de in unglei­chen Gesell­schaf­ten erfah­ren wür­den, wenn sie Schwä­che­re unter­stütz­ten. In ega­li­tä­ren Gesell­schaf­ten herr­sche hin­ge­gen das Bewusst­sein vor, dass dank des Sozi­al­staats für die Schwa­chen schon gesorgt sei.

    Faul­heit gilt in den west­li­chen Indus­trie­na­tio­nen als Tod­sün­de. Wer nicht täg­lich flott und adrett zur Arbeit fährt, wer unbe­zahl­te Über­stun­den ver­wei­gert, lie­ber nach­denkt als malocht oder es gar wagt, mit­ten in der Woche auch mal bis mit­tags nichts­tu­end her­um­zu­lie­gen, läuft Gefahr, des Schma­rot­zer­tums und para­si­tä­ren Lebens bezich­tigt zu wer­den.

    Nein, stopp: Nur die armen Arbeits­lo­sen fal­len in die Schub­la­de »Bal­last­exis­tenz«. Mil­lio­nen­er­ben, Ban­ker- und Indus­tri­el­len­kin­der dür­fen durch­aus lebens­lang arbeits­los und faul sein. Sie dür­fen ande­re kom­man­die­ren, wäh­rend sie sich den Bauch auf ihrer Jacht son­nen.

    Frü­her glaub­ten vie­le Men­schen an einen Gott. Wie vie­le heu­te noch glau­ben, da oben säße einer, der alles len­ke, weiß ich nicht. Das ist auch egal. Got­tes ers­ten Platz hat im moder­nen Indus­trie­zeit­al­ter längst ein ande­rer ein­ge­nom­men: Der »hei­li­ge Markt«. Der Finanz­markt. Der Immo­bi­li­en­markt. Der Ener­gie­markt. Der Nah­rungs­mit­tel­markt. Und der Arbeits­markt.

    Der Arbeits­markt ist, wie der Name schon sagt, zum Ver­mark­ten von Arbeits­kraft da. Wer kein Geld und kei­nen oder nur sehr wenig Besitz hat, ver­kauft sie. Die Eigen­tü­mer der Kon­zer­ne kon­su­mie­ren sie, um dar­an zu ver­die­nen. Das geht ganz ein­fach: Sie schöp­fen den Mehr­wert ab. Sprich: Der Arbei­ter bekommt nur einen Teil sei­ner Arbeit bezahlt. Den Rest ver­rich­tet er für den Gewinn des Unter­neh­mers.

    Arbeit ver­kau­fen, Arbeit kon­su­mie­ren: So geschieht es seit Beginn der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on. Denn Skla­ve­rei und Leib­ei­gen­schaft wur­den ja, zumin­dest auf dem Papier, abge­schafft.

    Solan­ge Furcht vor Stra­fe, Hoff­nung auf Lohn oder der Wunsch dem Über-Ich zu gefal­len, mensch­li­ches Ver­hal­ten bestim­men, ist das wirk­li­che Gewis­sen noch gar nicht zur Wort gekom­men. (VIKTOR FRANKL)

    Die Tod­sün­de der Intel­lek­tu­el­len ist nicht die Aus­ar­bei­tung von Ide­en, wie fehl­ge­lei­tet sie auch sein mögen, son­dern das Ver­lan­gen, die­se Ide­en ande­ren auf­zu­zwin­gen (Paul John­son)

    Der Teu­fel hat Gewalt, sich zu ver­klei­den, in locken­de Gestalt… (Shake­speare)

    Das Heim­weh nach der Bar­ba­rei ist das letz­te Wort einer jeden Zivi­li­sa­ti­on (Cior­an)

    Alle Men­schen sind klug — die einen vor­her, die ande­ren nach­her (Vol­taire)

    Die Gefahr ist, dass die Demo­kra­tie zur Siche­rung der Gerech­tig­keit für die­se selbst gehal­ten wird (Frankl)

    Abso­lu­te Macht ver­gif­tet Des­po­ten, Mon­ar­chen und Demo­kra­ten glei­cher­ma­ßen (John Adams)

    Moral pre­di­gen ist leicht, Moral begrün­den schwer (Scho­pen­hau­er)

    Unser Ent­schei­den reicht wei­ter als unser Erken­nen (Kant)

    Denn man­cher hat, aus Furcht zu irren, sich ver­irrt (Les­sing)

    Die Augen gin­gen ihm über, so oft er trank dar­aus… (Goe­the)

    Immer noch haben die die Welt zur Höl­le gemacht, die vor­ge­ben, sie zum Para­dies zu machen (Höl­der­lin)

    So vie­le Gefüh­le für die Mensch­heit, dass kei­nes mehr bleibt für den Men­schen (H. Kas­per)

    “Die Dumm­heit von Regie­run­gen soll­te nie­mals unter­schätzt wer­den” (Hel­mut Schmidt)

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