Dercon, Renner, Peymann, Castorf – Der Sturm im Berliner Wasserglas

April 9th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN
DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT
DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN
(Hei­ner Mül­ler, ehe­ma­li­ger Lei­ter des BE)

 

Viel ist es nicht, was zur Zeit bekannt ist über die Zukunfts­pla­nung der Ber­li­ner Volks­büh­ne – des­we­gen lässt sich treff­lich spe­ku­lie­ren, dis­ku­tie­ren, pole­mi­sie­ren, agi­tie­ren.

Berich­tet wird am 26.03. im Tages­spie­gel, es gäbe das Gerücht, die Ber­li­ner Kul­tur­ver­wal­tung, per­so­ni­fi­ziert durch den Kul­tur­staats­se­kre­tär Tim Ren­ner, pla­ne die Lei­tung der Volks­büh­ne ab 2017 an Chris Der­con zu geben. Der­con sol­le als Kura­tor fun­gie­ren, Erfah­rung sei ihm nicht abzu­spre­chen, aller­dings eher im Rah­men der bil­den­den Kunst in einem sehr wei­ten Sin­ne. Unter Beweis gestellt hat er sie als Lei­ter des Hau­ses der Kunst in Mün­chen und als Lei­ter der Tate Modern in Lon­don. Ob das tat­säch­lich eine kon­kre­te Pla­nung ist, ob es sich um Ide­en und Gesprä­che han­delt oder um über­wie­gend sub­stanz­lo­se Spe­ku­la­ti­on ist gegen­wär­tig nicht wirk­lich klar. Hin­dert aber auch nicht an tosen­den Stel­lung­nah­men. Im Gegen­teil.

Die Spe­ku­la­ti­ons­bla­se

In der Welt schreit es direkt nach „Ret­tung“ vor dem Kura­tor Der­con. Auf nacht­kri­tik wird die ers­te Mel­dung wenig kom­men­tiert, erst nach­dem Claus Pey­mann am 1. April einen offe­nen Brief (PDF) an den Kul­tur­se­na­tor und Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler ver­schickt, kommt die Debat­te in Gang (hier): Unter­gang der Volks­büh­ne im Beson­de­ren, der (Ber­li­ner) Kul­tur im All­ge­mei­nen hie – Auf­bruch und Inter­es­se da. Und die neu­es­te Mel­dung über ein Pey­mann-Inter­view auf nacht­kri­tik setzt gera­de an, das argu­men­ta­ti­ve Flo­rett durch die Keu­le zu erset­zen.

Pey­mann beschwert sich, kei­nen Ter­min bei Ren­ner bekom­men zu haben, schmäht Ren­ner als ‚uner­fah­re­nen und über­schät­zen Mann’ und als „größ­te Fehl­be­set­zung des Jahr­zehnts“ – unter ande­rem mit Hin­weis auf sei­ne Initia­ti­ve zum Live-Strea­ming von Thea­ter­auf­füh­run­gen. Ren­ner schlägt zurück und weist dar­auf hin, dass Pey­mann nicht mehr der Jüngs­te sei (hier Bericht der Ber­li­ner Zei­tung) – ein alter Mann, des­sen Thea­ter ihn nicht beson­ders inter­es­sie­re. Was wie­der­um Pey­mann pro­vo­ziert, über Ren­ner her­zu­zie­hen. Auf nacht­kri­tik wird wie­der­ge­ge­ben:

“Jung, frisch, ein bis­serl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhyth­mus aus”. Er habe sich ein paar­mal mit ihm getrof­fen, “der weiß vom Thea­ter nix”. (…) Pey­manns Fazit: “Der Ren­ner muss weg. Und der Bür­ger­meis­ter muss die Kul­tur­agen­da abge­ben, er kann es nicht!” Auch sein eige­ner Nach­fol­ger, Oli­ver Ree­se, “unter­schei­de sich äußer­lich nur unwe­sent­lich von Ren­ner”, bei­de ver­kör­pern den­sel­ben Phä­no­typ.

Har­te Num­mer. Pey­mann mit Cas­torf (der in der ZEIT vor eini­gen Wochen „Visi­ons­lo­sig­keit“ der Ber­li­ner Kul­tur­po­li­tik dia­gnos­ti­zier­te) ver­sus Ren­ner und Mül­ler. Dazwi­schen Der­con und letzt­lich auf Ree­se. Eine Macho-Schlamm­schlacht im Kul­tur-Vati­kan. Kuri­en­kar­di­nal Pey­mann als » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 4

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 4 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn es so wäre, dass die unter dem Namen von Aris­tot­les in „περὶ ποιητικῆς“ zusam­men­schrie­be­nen, syn­the­ti­sier­ten Tri­via­li­tä­ten zutref­fend sind – was wäre dann der Dra­ma­ti­ker ande­res als ein Syn­the­si­zer? Ein sol­cher, der aller­dings nicht etwa Vor­han­dens syn­the­ti­siert, son­dern das Syn­the­ti­sier­te in der Syn­the­se erzeugt. Das unter­schei­det den Ver­fer­ti­ger » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 3

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 3 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist höchst bedau­er­lich: aber es scheint tat­säch­lich, als wäre seit Aris­to­te­les nichts Bemer­kens­wer­tes mehr über Dra­ma geschrie­ben wor­den. Dass es scheint, als lie­ße sich nichts Bemer­kens­wer­tes hin­zu­fü­gen, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass in die­sem Büch­lein unter dem Namen des Aris­to­te­les ein Hau­fen von Pla­ti­tu­den und Tri­via­li­tä­ten ver­sam­melt und for­mu­liert, auf­ge­zeich­net wur­de. Trotz­dem macht es noch immer Sinn, sich mit die­sen Tri­via­li­tä­ten zu beschäf­ti­gen

Das klei­ne Büch­lein, in dem sich das Bemer­kens­wer­te fin­det, trägt den Titel „περὶ ποιητικῆς“. Man über­setzt ger­ne „Von der Dicht­kunst“. Oder ähn­lich. Viel­leicht ist es hilf­rei­cher, etwas näher an der Titel­vo­ka­bel zu blei­ben, beim „ποιεῖν“ und zu über­set­zen „Von der Ver­fer­ti­gung“ oder „Vom Machen“. Es geht in die­sem Frag­ment ums Machen. Aris­to­te­les setzt sich mit Gemach­tem, Ver­fer­tig­tem aus­ein­an­der. Mit einem spe­zi­el­len Ver­fer­tig­ten, unter ande­rem der τραγῳδία, die er dezi­diert in ihrer Ver­fer­tigt­heit in den Blick nimmt. In die θεωρία, die Betrach­tung, Beob­ach­tung. Er kon­zen­triert sich » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 2

August 17th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 2 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In sei­nem viel­ge­nut­zen Buch „Das Dra­ma“ scheint Man­fred Pfis­ter dazu aus­zu­ge­hen, dass es etwas gibt, dass es Arte­fak­te gibt, die als Dra­ma bezeich­net wer­den kön­nen. Und die unter­scheid­bar sind von ande­ren Arte­fak­ten (sei es sprach­lich-schrift­li­cher Natur oder wel­cher sonst auch immer), die kein Dra­ma sind. Ohne die­se bei­den Kri­te­ri­en wäre die Rede von und das Buch über Dra­ma sinn­los bzw. über­flüs­sig. Es gibt also zumin­dest ein Dra­ma, ein Arte­fakt, das als Dra­ma bezeich­net und abge­grenzt wer­den kann. Wenn ich Pfis­ter rich­tig ver­ste­he, geht er sogar davon aus, dass es meh­re­re Arte­fak­te gibt, die Dra­ma sind, die sich zwar stark von­ein­an­der unter­schei­den, dabei aber doch etwas Gemein­sa­mes haben, das sie als Dra­ma qua­li­fi­ziert im Unter­schied zu vie­len ande­ren Din­gen, die nicht als Dra­ma qua­li­fi­zier­bar sind. Und er scheint zudem vor­aus­zu­set­zen, dass die Beschrei­bung bestimm­ter Arte­fak­te als Dra­ma von einem Leser geteilt und als geteil­te von ihm vor­aus­ge­setzt wer­den kön­nen. Es ist kein Vor­schlag, Arte­fak­te als Dra­ma zu betrach­ten oder zu beschrei­ben, son­dern es ist der Ver­such, einer ‚all­ge­mei­nen und sys­te­ma­ti­schen » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 1

August 17th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 1 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Was ein Dra­ma ist, was ein Dra­ma­ti­ker macht, scheint mir noch nicht so recht ver­stan­den zu sein. Es gibt seit eini­ger Zeit die Debat­te über dra­ma­ti­sches und post­dra­ma­ti­sches Thea­ter, gele­gent­lich wird dabei ent­we­der das Ende des Dra­mas, der Tod des Dra­ma­ti­kers als Autor kon­sta­tiert gefei­ert, gefor­dert, alter­na­tiv dazu das Über­le­ben oder Nicht-tot-zu-krie­gen des Dra­mas oder Dra­ma­ti­kers – oder des­sen Rück­kunft gefor­dert. Das alles funk­tio­niert ganz gut, um irgend­wie noch über irgend­was etwas zu sagen und zu reden zu haben. So könn­te man es wei­ter lau­fen las­sen und sich sicher sein, dass auch in nähe­rer Zukunft noch Druck­sei­ten gefüllt, Stamm­ti­sche und Kon­fe­ren­zen damit belebt wer­den kön­nen.

Dabei kommt die Fra­ge zu kurz, wovon eigent­lich die Rede ist, wenn vom Dra­ma die Rede ist. Sicher­lich gibt es eine gro­ße Zahl der Ver­su­che » Wei­ter­le­sen «

Die Darstellung der Welt als eine Veränderbare — Brecht revisted

April 22nd, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn also Mas­sen­me­di­en die Welt und die Gesell­schaft, in der wir leben, so kon­stru­ie­ren und dar­stel­len, dass unser Wis­sen über die­se Geselslchaft mehr oder min­der aus den Mas­sen­me­di­en stammt (Luh­mann) — was bleibt dann einer dar­stel­len­den Kunst noch zu kon­stru­ie­ren? Sich ein Bild von der Welt zu machen, kann es kaum sein. Denn gegen das mas­sen­me­dia­le Bild von Fern­se­hen und Zei­tun­gen kann es nicht ankom­men, dafür ist Thea­ter zu lang­sam, ihm feh­len die per­so­nel­len und finan­zi­el­len Mit­tel. Und das Publi­kum ist viel zu klein. In die­sem Zusam­men­hang bin ich über einen klei­nen Brecht-Text von 1955 gestol­pert, der sich dem Pro­blem der Dar­stell­bar­keit der Welt wid­met und dazu Stel­lung bezieht. Was Brecht im Ange­sicht der ato­ma­ren Bedro­hung schreibt, lässt sich even­tu­ell auch über die Welt im Ange­sicht der mone­tä­ren Bedro­hung noch ein­mal sagen. Ich zitie­re ihn in gan­zer Län­ge unkom­men­tiert. Die Fet­tun­gen sind aller­dings von mir.

Brecht – Über die Darstellbarkeit der Welt auf dem Theater

Mit Inter­es­se höre ich, daß Fried­rich Dür­ren­matt in einem Gespräch über das Thea­ter die Fra­ge gestellt hat, ob die heu­ti­ge Welt durch Thea­ter über­haupt noch wie­der­ge­ge­ben wer­den kann.

Die­se Fra­ge, scheint mir, muß zuge­las­sen wer­den, sobald sie ein­mal gestellt ist. Die Zeit ist vor­über, wo die Wie­der­ga­be der Welt durch das Thea­ter ledig­lich erleb­bar sein muß­te. Um ein Erleb­nis zu wer­den, muß sie stim­men.

Es gibt vie­le Leu­te, die kon­sta­tie­ren, daß das Erleb­nis im Thea­ter schwä­cher wird, aber es gibt nicht so vie­le, die eine Wie­der­ga­be der heu­ti­gen Welt als zuneh­mend schwie­rig erken­nen. Es war die­se Erkennt­nis, die eini­ge von uns Stü­cke­schrei­bern und Spiel­lei­tern ver­an­laßt hat, auf die Suche nach neu­en Kunst­mit­teln zu gehen.

Ich selbst habe, wie Ihnen als Leu­ten vom Bau bekannt ist, nicht weni­ge Ver­su­che unter­nom­men, die heu­ti­ge Welt, das heu­ti­ge Zusam­men­le­ben der Men­schen, in das Blick­feld des Thea­ters zu bekom­men.

Dies schrei­bend, sit­ze ich nur weni­ge hun­dert Meter von einem gro­ßen, mit guten Schau­spie­lern und aller nöti­gen Maschi­ne­rie aus­ge­stat­te­ten Thea­ter, an dem ich mit zahl­rei­chen, meist jun­gen Mit­ar­bei­tern man­ches aus­pro­bie­ren kann, auf den Tischen, um mich Modell­bü­cher mit Tau­sen­den von Fotos unse­rer Auf­füh­run­gen und vie­len mehr, oder min­der genau­en Beschrei­bun­gen der ver­schie­den­ar­tigs­ten Pro­ble­me und ihrer vor­läu­fi­gen Lösun­gen. Ich habe also alle Mög­lich­kei­ten, aber ich kann nicht sagen. daß die Dra­ma­tur­gi­en, die ich aus bestimm­ten Grün­den nich­taris­to­te­li­sche nen­ne, und die dazu­ge­hö­ren­de epi­sche Spiel­wei­se die Lösung dar­stel­len. Jedoch ist eines klar­ge­wor­den: Die heu­ti­ge Welt ist den heu­ti­gen Men­schen nur beschreib­bar, wenn sie als eine » Wei­ter­le­sen «

Die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der Dramaturgie. Eine Art Programm.

September 29th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der Dramaturgie. Eine Art Programm. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es gab Zei­ten, da neben den Erzäh­lern, neben Kir­chen­ma­lern und Pre­di­gern oder auch neben Roman­ciers die Thea­ter­au­to­ren die Auf­ga­be hat­ten Geschichte(n) zu erzäh­len. Sie mach­ten den Men­schen ein beweg­tes Bild vom Ver­hält­nis zwi­schen Men­schen, Men­schen und Göt­tern in der Anti­ke, zwi­schen Men­schen, Men­schen und Gott, zwi­schen Regier­ten, Regier­ten und Regie­ren­den, zwi­schen Armen, Armen und Rei­chen, zwi­schen Män­nern und Frau­en, Bür­gern und Adli­gen, Arbei­tern und Arbeit­ge­bern, Lin­ken und Rech­ten. Tat­säch­lich ist dabei das Medi­um selbst die Haupt­bot­schaft gewe­sen. Nicht nur das Medi­um der Guck­kas­ten­büh­ne allein, des Thea­trons, der Volks­büh­ne. Son­dern vor allem die Dra­ma­tur­gie. Die Geschich­te als „Sinn­ge­bung des Sinn­lo­sen“, wie es im Titel eines hüb­schen Buches von Theo­dor Les­sing heißt. Die per­p­etu­ier­te Dra­ma­tur­gie, die das Gesamt­ge­flecht in herr­schen­de Kon­flik­te sor­tier­te, in eine Abfol­ge aris­to­te­li­scher Pro­ve­ni­enz klemm­te, Wen­dun­gen mit moti­vier­ten oder erklär­ten Ver­än­de­run­gen (aus dem Cha­rak­ter der Han­deln­den, aus den ein­grei­fen­den Göt­tern, aus der revo­lu­tio­nä­ren Wil­lens­bil­dung) hin­ter­leg­ten. Der Mensch, der aus einer unüber­sicht­li­chen anti­ken, mit­tel­al­ter­li­chen, baro­cken, auf­klä­re­ri­schen, moder­nen Welt ins Thea­ter ging, kam her­aus und wuss­te: es gibt einen sinnn­haf­ten, ver­steh­ba­ren Zusam­men­hang. Er war auf­ge­for­dert, in sei­ner Welt die­sen Zusam­men­hang her­zu­stel­len. Der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv an den Thea­ter­zu­schau­er lau­te­te: Wursch­te­le nicht ein­fach rum um glau­be nicht, die ande­ren wursch­tel­ten nur. Viel­mehr mach Geschich­te, habe Moti­ve, habe Zie­le. Ver­ste­he das Dra­ma, in dem du dich befin­dest. Wursch­te­le nicht – han­de­le! Und ler­ne bei uns im, Thea­ter, was „han­deln“ ist.

Das ent-eig­ne­te Thea­ter

Die­se Zei­ten sind vor­bei. Längst haben Fern­se­hen und poli­ti­sche Pres­se die­se Erzähl­for­men ursur­piert (hier im Blog wur­de gele­gent­lich schon auf den Hang zum Shakespeare’schen in den aktu­el­len Medi­en­land­schaft hin­ge­wie­sen). Längst ent­kommt nie­mand mehr der Dau­er­be­schal­lung mit Dra­ma­tur­gie. Auf die­ses Vor­ver­ständ­nis sich stüt­zend kön­nen Staa­ten und Regier­zun­gen dra­ma­tur­gisch ein­grei­fen und genau die regu­la­to­ri­schen Ein­grif­fe punkt­ge­nau anset­zen, die ihren Steue­rungs­ab­sich­ten ent­spricht. Weil die Dra­ma­tur­gie längst in allen Köp­fen und Lebens­ver­hält­nis­sen ange­langt ist.  Thea­ter befin­det sich in etwa in der Situa­ti­on der Male­rei im Ange­sicht der Foto­gra­fie. Über­flüs­sig. Ort­los.

Der undramat(urg)ische Über­druss malt nach Zah­len

Dar­aus haben sich zwei Grund­ten­den­zen erge­ben: Aus einem kaum arti­ku­lier­ten Grund­ge­fühl des Über­drus­ses, dem Büch­ner­schen Leon­ce sehr ver­gleich­bar, haben Thea­ter und Regi­en sich damit abge­fun­den, ein­fach das Alte zu per­p­etu­ie­ren. War­um neue Geschich­ten spie­len, wenn sie doch sich im Wesent­li­chen nicht von den Alten nicht unter­schei­den? Und das Wesent­li­che ist eben die Dra­ma­tur­gie. Man neh­me also die Vor­zeich­nung von Rem­brandts Nach­wa­che und zei­ge Krea­ti­vi­tät in der Aus­ge­stal­tung. Der eine stellt die Nacht­wachäch­ter nackt dar. Der eine als geschla­ge­ne Trup­pe. Der nächs­te als Grup­pe Trans­se­xu­el­ler, von Frau­en, von Ara­bern, Afri­ka­nern, Eski­mos. Oder von allen zusam­men. Der nächs­te als Grup­pe von Roter Armee und Wehr­macht. Wozu » Wei­ter­le­sen «

Definition von Theater (normativ)

Juni 22nd, 2010 § Kommentare deaktiviert für Definition von Theater (normativ) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter ist das Labor der prak­ti­schen Ver­nunft.

Storytelling, mythos, plot, Fabel — did TV kill the drama?

Juni 5th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Storytelling, mythos, plot, Fabel — did TV kill the drama? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Viel­leicht ist das Dra­ma seit nun­mehr 2 oder 3 Jahr­zehn­ten in der Kri­se, weil sei­ne Macher noch nicht bemerkt und reflek­tiert haben, dass es ihnen längst geraubt wur­de. Jen­seits einer rein for­ma­lis­ti­schen Debat­te könn­te doch die nüch­ter­ne Fest­stel­lung lau­ten, dass die dra­ma­ti­sche Form der Moder­ne, des Natu­ra­lis­mus, Rea­lis­mus und was auch immer — jeden Abend auf zahl­lo­sen Fern­seh­pro­gram­men zu sehen ist. Mag zwi­schen “Unter uns” oder GZSZ und Tsche­chow auch ein qua­li­ta­ti­ver Unter­schied bestehen — die dra­ma­ti­sche Dihe­ge­se ist nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt. Irgend­wann wird schon eine Fol­ge gelau­fen sein, die funk­tio­niert wie Tsche­chow. Oder Ibsen. Oder wer auch immer. Und wenn sie nicht gelau­fen ist — dann kommt sie irgend­wann — schon wegen der “…im deut­schen Sprach­raum so gelieb­ten, tsche­chow­schen Dia­log­mus­ter…” (Stree­ru­witz hier)

Die Kri­se der Male­rei, die die Foto­gra­fie aus­lös­te, die Kri­se des Kinos durch das Fern­se­hen — ist die ent­spre­chen­de Kri­se des Thea­ter­tex­tes bereits in den Köp­fen der Thea­ter­au­to­ren UND der Dra­ma­tur­gi­en, Ver­la­ge, bei Regis­seu­ren und Schau­spie­lern ange­kom­men? Jen­seits blo­ßer Ver­wei­ge­rung durch post­dra­ma­ti­schen Büh­nen­jahrmakt? Wo läuft die Debat­te über ein Sto­ry­tel­ling, einen (aris­to­te­li­schen) Begriff des mythos als sys­the­sis prag­ma­tôn, den plot, die brecht­sche Fabel — die unter den Gege­ben­hei­ten der Gegen­wart zu reflek­tie­ren unter­nimmt, was dem Thea­ter eigen ist (“dem” Thea­ter nicht im Sin­ne eines Wesens­ker­nes übri­gens), was nur Thea­ter könn­te. Nicht um im Sin­ne eines Mar­ke­ting eine Markt­lü­cke zu öff­nen und zu besit­zen. Son­dern um die Kraft von Thea­ter wie­der frei­zu­set­zen. Sodaß die poli­ti­schen Spar-taner es nicht all­zu ein­fach haben bei Bud­get­strei­chen und Thea­ter­schlie­ßen. Weil Thea­ter etwas erzählt oder erfahr­bar macht, was weder TV noch Kino noch ande­re Küns­te bes­ser, schnel­ler, ein­fa­cher könn­ten. Ich ver­mis­se eine Debat­te ums Post­dra­ma. Oder bin ich blind und sehe nur nicht, wo sie wirk­lich ernst­haft geführt wird?

Das Handeln im Postdrama

Februar 21st, 2010 § Kommentare deaktiviert für Das Handeln im Postdrama § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ange­sichts des ges­tern gepos­te­ten Bei­trags über das Grund­pro­blem der Wirt­schaft muss natür­lich die Fra­ge nach dem Han­deln und der Hand­lung pro­mi­nent in den Vor­der­grund rücken. Nicht aus der blo­ßen Mehr­deu­tig­keit des Beg­riss “Hand­lung” her­aus, die zwar im Deut­schen ganz ein­gän­gig aber in ande­ren Spra­chen kaum in die­ser Form zu repro­du­zie­ren ist (und damit eher auf sprach­li­cher denn auf gedank­li­cher Ebe­ne liegt). Viel­mehr kann ein ober­fläch­li­ches, vul­gär­psy­cho­lo­gi­sches oder -sozio­lo­gi­sches Hand­lungs­mo­dell nicht län­ger als Grund­la­ge die­nen, das sich noch in vie­len dra­ma­ti­schen Grund­kon­struk­tio­nen fin­det. Einer der wich­tigs­ten und für die Büh­nen drän­gends­te Grund­kon­flik­te der Gegen­wart ist genau der­je­ni­ge zwi­schen sozio­lo­gi­schen und öko­no­mi­schen Hand­lungs­mo­del­len. Diie Thea­ter selbst fal­len in den Abgrund zwi­schen bei­den Model­len, wie jeder fest­stellt, der sich mit den Stel­lung­nah­men der Thea­ter zu den dro­hen­den Etat­kür­zun­gen und Haus­schlie­ßun­gen beschäf­tigt. Kon­fron­tiert mit einem öko­no­mi­schen Zusam­men­hang macht es über­haupt kei­nen Sinn, ein Dra­ma um die gesell­schaft­li­chen Dimen­sio­nen von Sinn und Unsinn von Thea­ter­schlie­ßun­gen auf­zu­füh­ren, wie es der Büh­nen­er­ein unter­nimmt:

Nie­mand unter­schätzt die dra­ma­ti­sche wirt­schaft­li­che Lage der Stadt – wie auch der meis­ten ande­ren Städ­te in NRW – doch legt die vom Stadt­käm­me­rer vor­ge­schla­ge­ne Schlie­ßung des Schau­spiel­hau­ses einen Zustand offen, der das Gemein­we­sen der Bun­des­re­pu­blik gefähr­det: Die Finanz- und Steu­er­po­li­tik ins­be­son­de­re des Bun­des nimmt bil­li­gend in » Wei­ter­le­sen «

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