Ist “Ich” eine Gesellschaft?

Juni 25th, 2011 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Hab mir gera­de nach einem Zitat, das ich bei Kusanow­sky gele­sen hat­te und das mir die­sen Autor als inter­es­sant erschei­nen ließ, den lan­ge Zeit ver­ges­se­nen Sozio­lo­gen und Durk­heim-Wider­sa­cher Gabri­el Tar­de, genau­er sei­ne Schrift zur Mona­do­lo­gie und Sozio­lo­gie vor­ge­nom­men. Abge­se­hen davon, dass die­se Schrift von außer­or­dent­lich inspi­rie­ren­der Schräg­heit ist, bin ich auf einen Gedan­ken gesto­ßen, der mir enorm frucht­bar erscheint:

Am Grun­de jedes Dings liegt jedes wirk­li­che oder mög­li­che ande­re Ding. Dies setzt aber zunächst vor­aus, dass jedes Ding eine Gesell­schaft ist und dass alle Phä­no­me­ne sozia­le Tat­sa­chen sind. […] Alle Wis­sen­schaf­ten schei­nen dazu bestimmt, Zwei­ge der Sozio­lo­gie zu wer­den.

Abge­se­hen von der Schräg­heit der dekon­struk­ti­ven Umkeh­rung, die Gesell­schaf­ten nicht mehr aus Ein­zel­nen, son­dern ein­zel­ne aus Gesell­schaft bestehen las­sen, scheint mir eine hohe Anschluss­fä­hig­keit an die hier und eben­falls bei Kusanow­sky beschrie­be­ne Über­le­gung zur poly­morph-per­ver­sen Struk­tur des Post-Sub­jekts (das, um all­zu vor­ei­li­ge Kom­men­ta­to­ren vor­ab zu besänf­ti­gen, kei­ne Exis­tenz­aus­sa­ge zum Sub­jekt impli­ziert, son­dern nur eine Begriffs­re­fe­renz dar­stellt) vor­zu­lie­gen.

Reißt man die uralte Dua­li­tät von Mate­rie und “Psy­che” ein, wie Tar­de es tut, indem er selbst auf ato­ma­rer und sub­ato­ma­rer Ebe­ne das Vor­lie­gen von Phä­no­me­nen kon­sta­tiert, die jen­seits “blo­ßer Mate­rie” lie­gen, und kommt zu Tar­des an Leib­niz geschärf­ten  Begriff der Mona­de, öff­net sich tat­säch­lich der Denk­raum für ein “Sub­jekt”, das kein Sub­jekt mehr ist, son­dern eben jenem poly­morph-per­ver­sen oder protei­schen Sub­jekt gleicht, von dem etwa Rif­kin ange­sichts des “Men­schen” der Netz­ge­sell­schaft redet. Dabei ist Tar­des Dreh so sim­pel wie ver­blüf­fend ein­leuch­tend: Wenn sich tra­di­tio­nell von Gesell­schaf­ten mit der Meta­pher, dem Bild oder der Ana­lo­gie des Orga­nis­mus reden lässt — war­um soll­te sich umge­kehrt nicht ange­sichts von Orga­nis­men nicht von Gesell­schaf­ten reden las­sen. Dann ist also ein Kör­per eine Zell­ge­sell­schaft, die Zel­le selbst wie­der Gesell­schaft ihrer Kon­sti­tu­en­ten, die Kon­sti­tu­en­ten selbst wie­der Atom­ge­sell­schaf­ten , deren Zusam­men­hang in die­ser Per­spek­ti­ve nichts weni­ger als eine Über­ra­schung sein kann (war­um ver­hal­ten sich die Ato­me zu einer Zel­le?), die durch den Begriff des Natur-“Gesetzes” viel­leicht anthro­po­morph ver­kleis­tert und ver­deckt, nicht aber » Wei­ter­le­sen «

Ich habe soeben das schauspielfrankfurt übernommen

Juni 25th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Ich habe soeben das schauspielfrankfurt übernommen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Zum Glück nur auf fours­qua­re. Kurz nach der Über­nah­me der Mayor­ship für das Dol­ly Bus­ter Cent­re Frank­furt. Wor­über soll ich mich jetzt mehr freu­en?

Die Massen der Medien

Juni 16th, 2011 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Rolf Todes­co hat einen inter­es­san­ten Text zum The­ma Mas­sen und Mas­sen­me­di­en geschrie­ben (hier).Dabei defi­niert er Mas­sen­me­di­en fol­gen­der­ma­ßen:

Als Mas­sen­me­di­en bezeich­ne ich Zei­tun­gen, Radio, Fern­se­hen, usw., also jour­na­lis­ti­sche Arte­fak­te, die funk­tio­nal zwi­schen einer Redak­ti­on und einem Publi­kum ver­mit­teln, indem sie Signa­le ver­mit­teln, die als Schrift, Bild oder Ton usw. inter­pre­tiert wer­den.

Spä­ter for­mu­liert er:

„Mas­sen­me­di­en“ sind Medi­en, die sich an Mas­sen rich­ten.

Ich fin­de den Ansatz span­nend, wür­de ihn aber gedank­lich ein Stück weit ver­schie­ben oder umkeh­ren, wie ich in einem Kom­men­tar dazu geschrie­ben habe:

„Mas­sen­me­di­en“ sind Medi­en, die sich an Mas­sen rich­ten. “ – könn­te man nicht umge­kehrt behaup­ten, Mas­sen­me­di­en sei­en Medi­en, die Mas­sen erschaf­fen. Spe­zi­fi­zier­ter (wenn es um als nicht-fik­tio­nal gekenn­zeich­ne­te, soge­nann­te Nach­rich­ten­sen­dun­gen geht): ein Publi­kum oder gar (wenn es sich um poli­ti­sche-gesell­schaft­li­che) Nach­rich­ten han­delt: eine Öffent­lich­keit? Sodaß der Fluch des Mas­sen­me­di­ums dar­in bestün­de, fort­ge­setzt wei­ter Inhal­te zu pro­du­zie­ren, um die Mas­se, die sich zwar ver­ein­zelt in den Wohn­zim­mern befin­det, durch Schaf­fung eines poten­zi­ell all­ge­mei­nen Gesprächs­zu­sam­men­hangs (Über Poli­tik reden – mit Freun­den, an Stamm­ti­schen, auf Par­ties) wei­ter als Mas­se zu sta­bi­li­sie­ren, die genau idann wie­der in ihre Kon­sti­tu­en­ten zer­fie­le, wenn das Mas­sen­me­di­um aus­fällt?

Nimmt man also als Ansatz: Mas­sen­me­di­en sind Medi­en, die eine Mas­se pro­du­zie­ren, wird der dif­fu­se und schwer fass­ba­re Begriff der “Mas­se” plötz­lich » Wei­ter­le­sen «

Theater als Sesshaftmachung des rasenden Publikums — Paul Virilio und Loriot

Juni 15th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Theater als Sesshaftmachung des rasenden Publikums — Paul Virilio und Loriot § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Schö­ner Gedan­ke, den ich über die Lek­tü­re von Vis­manns Medi­en der Recht­spre­chung bei Paul Viri­lio (Rasen­der Still­tand, 150) fand:

In der Stadt ent­stan­den und folg­lich bedingt durch das Phä­no­men der Sess­haft­ma­chung, hat­te die Thea­ter­auf­füh­rung immer zum obers­ten Ziel, den Zuschau­er an der Bewe­gung zu hin­dern. Die Pracht der anti­ken Zir­kus­se und Thea­ter läßt letzt­lich die Erfin­dung eines aller­ers­ten sta­ti­schen Vehi­kels erken­nen, das patho­lo­gi­sche Sess­haft­ma­chen eines auf­merk­sa­men Zuschau­ers, der die Auf­füh­rung des opti­schen Lei­bes des sich bewe­gen­den Schau­spie­lers ver­folgt.

Nun — es ist die deut­sche Über­set­zung eines fran­zö­si­schen Tex­tes. Trotz­dem dürf­te sich die Dop­pel­deu­tig­keit von “bewe­gend” auch dort fin­den (ich habe es nicht über­prüft). Der still­ge­setz­te Zuschau­er schaut den Bewe­gun­gen des Akteurs zu, der sich bewe­gen darf, um sich dadurch selbst bewe­gen zu las­sen und zwar, indem er unbe­wegt bleibt. Las­sen wir die Fra­ge außen vor, der sich die Schau­spiel­theo­rie seit dem 18. Jahr­hun­dert wid­me­te, näm­lich die­je­ni­ge, ob ein selbst “inner­lich” beweg­ter Schau­spie­ler bewe­gen­der sei als ein unbe­weg­ter Bewe­ger, ein pro­ton kinoun aki­ne­ton um es mit Aris­to­te­les zu sagen. So fin­det sich den­noch eine durch­aus inter­es­san­te Bewe­gung von Still­stel­lung und Bewe­gung, die sich gegen­sei­tig durch­drin­gen. Der beweg­te Mensch wird sess­haft gemacht, fest­ge­setzt, still­ge­stellt und still gestellt (nun­ja — im anti­ken Thea­ter dürf­te nicht viel Stil­le geherrscht haben, ver­mut­lich eher ver­gleich­bar einer heu­ti­gen Kas­per­thea­teruf­füh­rung vor Kin­der­gar­ten­kin­dern oder einem Zweit­li­ga Fuß­ball­spiel…), um ihn bewe­gen zu kön­nen.

“Patho­lo­gisch” nennt Viri­lio das. Pathos und logos - das sind die Bewe­ger. Der Logos, der ein Pathos aus­lö­sen soll, der die ins scheiba­re Pas­si­vum gedräng­ten Zuschau­er mit Empa­thie, Anti­pa­thie, Sym­pa­thie viel­leicht auch Neu­ro­pa­thie ver­se­hen soll (nach Aris­to­te­les dient das ja der pathe­ti­schen Kathar­sis). Und es sind zu einem gro­ßen Teil die logoi, die für die­se pathe­ma­ta sor­gen. Patho­lo­gie ist des­we­gen eine sehr pas­sen­de Bezeich­nung für die thea­tra­le Ver­an­stal­tung. Das Thea­ter als patho­lo­gi­sches Insti­tut. Das aber die Zuschau­er des­we­gen nicht zum bl0ßen Pas­si­vum macht, weil sie aktiv dort­hin gegan­gen sind, mit der Ent­schei­dung, sich patho­lo­gi­sie­ren zu las­sen, das Thea­ter betra­ten. Sie lau­fen nicht davon, gehen nicht weg, las­sen sich nicht nur still­stel­len als wäre sie poli­zei­lich fest genom­men und im Thea­ter fixiert wor­den.

Die schein­ba­re Pas­si­vi­tät der Still­sit­zen­den ent­puppt sich als die Akti­vi­tät, die im bewußt gewoll­ten Sit­zen statt­fin­det. Inso­fern ist Adams Ant­wort auf die Fra­ge Got­tes: “Was machst du da?” kon­se­quent “Ich mache Nichts.” Und die wei­te­re Nach­fra­ge kann nichts ande­res zuta­ge för­dern als “Ich sit­ze hier” und wei­ter “Ich möch­te hier sit­zen … Ich woll­te immer nur hier sit­zen”. Gott kann nicht anders als rasend wer­den ob sei­ner Ent­schei­dung, sit­zen zu wol­len. Zwar heißt Adam hier Herr­mann und Gott ist in der Küche. Aber noch am Ende zeigt Adam-Herr­mann die schein­ba­re Para­doxa­li­tät des pas­siv Akti­ven wenn er laut­hals schreit: “Ich schreie dich nicht an.”

Im Nichts­tun unbe­wegt aus­har­rend lässt sich Her­mann patho­lo­gi­sie­ren von der ver­bor­ge­nen Akteu­rin in der Küche — bis hin zum Aus­bruch sei­ner Bewegt­heit, bis also zur E-Moti­on, die er den­noch unbe­wegt im Ses­sel sit­zend voll­zieht. Es ent­puppt sich die Pas­si­vi­tät als iner­te Akti­vi­tät. Lori­ots genia­ler Sketch führt das “patho­lo­gi­sche Sess­haft­ma­chen eines auf­merk­sa­men Zuschau­ers, der die Auf­füh­rung des opti­schen Lei­bes des sich bewe­gen­den Schau­spie­lers ver­folgt” in nuce vor. Und es zeigt sich, dass es alles ist — nur nicht pas­siv. Pas­sio­niert — ja. Lei­dend — ja. Nicht aber pas­siv, da es der Akti­on des Sit­zens, die als sol­che mit Motiv gewählt wur­de, folgt. Die Fra­ge “Was machst du” mit “sit­zen” zu beant­wor­ten, als han­de­le es sich um ein ganz nor­ma­les Ver­bum wie häm­mern, kochen, kämp­fen, bau­en usw., zeigt die Akti­vi­tät. Her­mann wird nicht geses­sen. Er sitzt. Aktiv. Dabei aber wird er be-han­delt von der Gat­tin. Oder von » Wei­ter­le­sen «

Sich Gesellschaft leisten — funktioniert.

Juni 14th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Sich Gesellschaft leisten — funktioniert. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der taz vom Wochen­en­de fin­det sich hier die­ser kur­ze Info­text:

Wirt­schaf­ten ohne Wachs­tum II: Die Sawa­y­a­ka Wel­fa­re Foun­da­ti­on in Japan, in den Neun­zi­gern gegrün­det von Ex-Jus­tiz­mi­nis­ter Tsu­to­mu Hot­ta, eta­blier­te ein geld­lo­ses Pfle­ge­sys­tem mit mitt­ler­wei­le über drei Mil­lio­nen Mit­glie­dern. “Fureai Kip­pu” heißt “Pfle­ge-Bezie­hungs-Gut­schrift” und ist das welt­größ­te Zeit­tausch­sys­tem. Wer Pfle­ge­be­dürf­ti­gen hilft, kriegt die Stun­den auf sei­nem Zeit­kon­to gut­ge­schrie­ben. Die Gut­schrift kann er oder sie spä­ter gegen Pfle­ge­diens­te ein­tau­schen oder an Ver­wand­te über­tra­gen. Eine Stun­de bleibt eine Stun­de — ohne Zins und Infla­ti­on.

Klas­se Sache — die Stun­den, die ein­ge­setzt wer­den, um die eige­ne Groß­mut­ter zu pfle­gen, kön­nen kon­ver­tiert wer­den in die eige­ne Pfle­ge durch irgend­wen. Ori­gi­nä­re Wert­schöp­fung aus Schuld­ver­schrei­bun­gen der Groß­mut­ter gegen­über dem Dienst­leis­ter, der die­se Schuld­ver­schrei­bun­gen und damit die Schuld der Groß­mut­ter, die sich aus der kör­per­li­chen Hin­fäl­lig­keit ablei­tet, an die Kin­der oder » Wei­ter­le­sen «

Die Utopie: Netztheater für eine globale Öffentlichkeit

Juni 13th, 2011 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist Pfings­ten – Zeit für Geist, der ins Thea­ter fährt. Nicht Hei­li­gen. Eher Spi­rit. A new spi­rit.

Schlecht­ge­laun­tes wie zuletzt hier über das gegen­wär­ti­ge Stadt­thea­ter abzu­son­dern ist eine Leich­tig­keit. Den Beob­ach­ter in der Loge zu geben, der sou­ve­rän sein Urteil über die Gla­dia­to­ren fällt, die sich täg­lich mit dem Thea­ter her­um­schla­gen, reicht nicht. Wie also wäre ein neu­es Thea­ter anzu­ge­hen? Dirk Baecker hat mit der sieb­ten sei­ner 15 The­sen gera­de eine ganz lau­ni­ge Dis­kus­si­on unter Sys­tem­theo­re­ti­kern (auto­po­iet und Dif­fe­ren­tia) ange­sto­ßen, die sich dar­über unter­hal­ten, wie denn wohl eine sol­che Kunst beschaf­fen sein müss­te. Abge­se­hen davon, dass „Kunst“ ein ziem­lich hoh­ler und damit unhand­li­cher Begriff ist, den es über­haupt erst ein­mal über Bord zu wer­fen gilt, sind die Gedan­ken inspi­rie­rend. Aller­dings geht es hier um eine ande­re Dimen­si­on der Fra­ge nach einer neu­en Kunst (kann über­haupt von „Kunst“ die Rede sein – wenn, dann als For­mu­lie­rung eines Gedan­kens, nicht aber als Zuschrei­bung zu irgend­ei­nem real exis­tie­ren­den Ding. Das vor­ab). Es geht um Thea­ter. Und es geht mir dar­um, wie ein Thea­ter aus­se­hen könn­te, das sich dem schein­bar unaus­weich­li­chen Kre­pie­ren der gegen­wär­ti­gen Thea­ter ent­zie­hen, ent­ge­gen­stel­len könn­te. Eine Uto­pie von Thea­ter, die mit dem bestehen­den pyra­mi­da­len Grab­mä­lern der Ver­gan­gen­heit bricht. Das will ich hier und heu­te zei­gen. Und das geht so: » Wei­ter­le­sen «

Where am I?

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