Die zwei Ausgänge aus dem Theater: theorêtikos und praktikos

Oktober 30th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Die zwei Ausgänge aus dem Theater: theorêtikos und praktikos § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In Fort­füh­rung der letz­ten Über­le­gun­gen, die den Riss in der thea­tra­len Beob­ach­tung ansie­del­ten, die tras­zen­denz-imma­nenz oder das Per­fo­mat-Doku­ment als oszil­lie­ren­de Beschrei­bung des Beob­ach­ters (vor oder auf der Büh­ne), kann man sagen, dass es nach der Vor­stel­lung zwei Aus­gän­ge aus dem Thea­tron gibt:

Ers­ter Aus­gang: theo­ria

Der theo­ros im thea­tron mag die Tür wäh­len, über der “bios theo­re­ti­kos” steht und bei­spiels­wei­se eine gran­dio­se Kri­tik der rei­nen theo­re­ti­schen Ver­nunft schrei­ben, die zwar selbst vor­aus­setzt, theo­re­tisch ver­nünf­tig zu den­ken und sich selbst, das heißt: das eige­ne Den­ken, beim Den­ken theo­re­tisch erfas­sen zu kön­nen, aber dabei dar­an schei­tern, die pra­ti­kê in den Blick zu bekom­men und dah­her nur eine jämm­mer­li­che und schä­bi­ge “Kri­tik der prak­ti­schen Ver­nunft” vor­le­gen. Der kate­go­ri­sche Impo­e­ra­tiv der prak­ti­schen Ver­nunft hät­te umfor­mu­lier auch als Kri­tik der rei­nen theo­re­ti­schen Ver­nunft funk­tio­nie­ren kön­nen: Den­ke nur in den­je­ni­gen Kate­go­ri­en, durch die du zugleich wol­len kannst, dass sie all­ge­mei­ne Geset­ze wür­den. Bla­bla.

Zwei­ter Aus­gang: pra­xis

Natür­lich kann der theo­ros aber auch ent­schei­den, durch die Tür des bios prak­ti­kos zu gehen. Dann könn­te er etwa nach­ah­men, was er gese­hen hat, könn­te sich hin­ein­be­ge­ben, in die Geflech­te, deren eines er eben beschaut hat. Dann aber wird er die theo­ria auf­ge­ben müs­sen, weil er im Geflecht kein Beob­ach­ter mehr ist, son­dern Akteur. Er wird tun, was er tun — aber er wird nicht wis­sen, was er tut. Er kann natür­lich ein Buch lesen, das der theo­re­ti­kos geschrie­ben hat — wird aber, selbst mit die­sem Wis­sen, nicht vor der Büh­ne sit­zen kön­nen, auf der er selbst agiert (und die übri­gens auch kei­ne Büh­ne ist). Das bios prak­ti­kos kennt kein know that, son­dern nur ein know how (in Anleh­nung an Gil­bert Ryle’s “The » Wei­ter­le­sen «

Theoros und Beobachter: Nachtrag

Oktober 30th, 2010 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Mir fiel gera­de ein, dass sich der zuletzt hier beschrie­be­ne Riss in der Wahr­neh­mung, den das Bewußt­sein, es mit Thea­ter zu tun zu haben, mit sich bringt, viel­leicht zwei­er­lei Ver­wandt­schaf­ten auf­weist:

Nimmt man Kusanow­skis Unter­schei­dung von Per­for­mat und Doku­ment (hier und in zahl­rei­chen wei­te­ren Pos­tings) auf, müss­te man text­ge­bun­de­nes Thea­ter (also das Thea­ter der euro­päi­schen Tra­di­ti­on) als ein kom­ple­xes Spiel zwi­schen die­sen bei­den betrach­ten. Denn das geschrie­be­ne und doku­ment­för­mi­ge “Werk-Stück “wird in der Per­for­mance schein­bar zum Per­for­mat. Es liegt aber — für den um Thea­ter wis­sen­den Beob­ach­ter — ein Text zugrun­de. Die­se Text­grund­la­ge sorgt — neben ande­rem — dafür, dass der Beob­ach­ter die Auf­füh­rung als nicht mehr blo­ßes Per­for­mat, son­dern als text­re­la­tiv und damit zumin­dest doku­men­ta­risch betrach­tet. “Doku­men­ta­risch” heißt damit aller­dings eben nicht — wie es die mime­sis-Theo­rie annimmt — dass ein bestimm­ter Aus­schnitt der Wirk­lich­keit hier nach­ge­ahmt wird, also Thea­ter ein Doku­ment aus dem gesche­he­nen Per­for­mat erzeugt. Son­dern dass es durch Bezug auf den — von Werk­treue-Anwäl­ten ja ger­ne laut­stark pos­tu­lier­ten — Bezug auf das Text-Doku­ment einen doku­men­ta­ri­schen Touch erhält. Es ist aller­dings jeder­zeit weni­ger doku­men­ta­risch als das Text­do­ku­ment (oder die als Rück­zugs­po­si­ti­on gebuch­te “Inten­ti­on des Autors, die sich im Text doku­men­tiert), son­dern durch den Über­gang in die Per­for­mance wird es not­wen­di­ger­wei­se ein per­for­mier­tes Doku­ment. Zugleich ist es für den­je­ni­gen, der vom Text nichts weiß, dem aber gesagt wird, dass es sich um Thea­ter han­delt, mehr Doku­ment als das vor Beginn und nach Ende der Vor­stel­lu­ung Erleb­te, da es sich gewis­sen Kate­go­ri­en fügr, die die Dra­ma­tur­gie ein­führt. Oder der mythos.

Ers­te Ver­wandt­schaft:

Dem baro­cken Glau­ben, hin­ter der wech­sel­haf­ten Natur lie­ge ein gött­lich geschrie­be­nes Buch (und sei es in mathe­ma­ti­scher Spra­che geschrie­ben), lässt die Begeis­te­rung für das Thea­ter viel­leicht ver­ständ­lich wer­den, weil Thea­ter hier als Modell fun­giert, das sich in der Welt-Theo­rie wie­der­fin­det, sofern man » Wei­ter­le­sen «

Theoros und Beobachter: Die gemeinsame Geschichte von Theater und Bewusstsein

Oktober 29th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Theoros und Beobachter: Die gemeinsame Geschichte von Theater und Bewusstsein § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die Fra­ge ist so alt wie die Phi­lo­so­phie selbst: Wie kommt der Mensch aus sei­ner Hin­ge­ge­ben­heit an das sinn­lich Vor­lie­gen­de, das hier und jetzt Wahr­nehm­ba­re, her­aus und hin zu etwas, das jen­seits des Sin­nen­flus­ses liegt. Wie reißt er sich aus der blo­ßen Imma­nenz her­aus, die ein blo­ßes Wech­sel­spiel von Ein­drü­cken bie­tet, die Gegen­stän­de (von denen zu reden schon einen Schritt aus der Imma­nenz hin­aus bedeu­tet) mal in die­ser, mal in jener Form, mal fer­ner und klei­ner, mal näher und grö­ßer erschei­nen lässt? Die meta­phy­si­sche Tra­di­ti­on bie­tet den Aus­bruch in die Tran­szen­denz an. Etwa durch die Wie­derer­in­ne­rung an die ewi­gen Ide­en, die im Toten­reich geschaut wur­den. Oder aber durch die Begrif­fe, die vor allem sprach­lich vor­lie­gen, und den See, der mor­gens in tie­fem Blau, abends im tie­fen rot, nachts in tie­fem Schwarz liegt, als den­sel­ben See mit unter­schied­li­chen akzi­den­zi­el­len Zustän­den beschrei­ben las­sen. Sei die wech­sel­haf­te und täu­schungs­ver­wo­be­ne wahr­nehm­ba­re Welt nur eine Teil­ha­be an den jen­sei­ti­gen Ide­en, sei­en die­se Ide­en Begrif­fe und bloß nomi­nal  exis­tent und ver­bür­gen durch die Sel­big­keit des Begrif­fes die Iden­ti­tät.

Allen gemein­sam ist, dass der­je­ni­ge, der sich aus der Imma­nenz lösen will, sich abwen­den muss vom sinn­lich Vor­lie­gen­den. In Pla­tons Höh­len­gleich­nis schön beschrie­ben durch die Hin­wen­dung zur Son­ne oder gar durch den Schritt ins Toten­reich im Mythos von ER. Im nomi­na­len Zusam­men­hang durch die Abwen­dung vom Sinn­li­chen hin zum Den­ken, zum Spre­chen oder noch bes­ser: gleich zum Buch. Der aris­to­te­li­sche Den­ker ist der Schrei­ber und Leser, der über Tie­re und Pflan­zen spricht, die gera­de nicht da sind. Es ist die Abwen­dung vom Vor­lie­gen­den, der Über­gang in die Ver­nunft, die dann in der Rück­wen­dung zum Vor­lie­gen­den zum ver­ste­hen­den Betrach­ter wird.

Raus aus dem Hier und Jetzt – durch die Schrift

Der Los­riss vom Vor­lie­gen­den rich­tet sich daher immer auf ein Abwe­sen­des, das inten­diert wer­den kann. Das also abwe­send ist – zugleich aber anwe­send in gewis­ser Hin­sicht. Etwa in der Vor­stel­lung, der Erin­ne­rung, im Refe­ren­ten der Schrift. Es ist kein Zufall, dass Hegel bereits ganz zu Anfang der Phä­no­me­no­lo­gie ein Blatt Papier auf­tre­ten lässt, wenn es gilt, aus der sinn­li­chen Gewiss­heit aus­zu­bre­chen.

Auf die Fra­ge: Was ist das Itzt? ant­wor­ten wir also zum Bei­spiel: Das Itzt ist die Nacht. Um die Wahr­heit die­ser sinn­li­chen Gewiß­heit zu prü­fen, ist ein ein­fa­cher Ver­such hin­rei­chend. Wir schrei­ben die­se Wahr­heit auf; eine Wahr­heit kann durch Auf­schrei­ben nicht ver­lie­ren; eben­so­we­nig dadurch, daß wir sie auf­be­wah­ren. Sehen wir itzt, die­sen Mit­tag, die auf­ge­schrie­be­ne Wahr­heit wie­der an, so wer­den wir sagen müs­sen, daß sie schal gewor­den ist. {…} Es wird der­sel­be Fall sein mit der andern Form des Die­ses, mit dem Hier. Das Hier ist zum Bei­spiel der Baum. Ich wen­de mich um, so ist die­se Wahr­heit ver­schwun­den, und hat sich in die ent­ge­gen­ge­setz­te ver­kehrt: Das Hier ist nicht ein Baum, son­dern viel­mehr ein Haus. Das Hier selbst ver­schwin­det nicht; son­dern es ist blei­bend im Ver­schwin­den des Hau­ses, Bau­mes und so fort, und gleich­gül­tig, Haus, Baum zu sein. (Quel­le)

Aus der sinn­li­chen Gewiss­heit, die sich auf das Hier und das Die­ses aus­zu­bre­chen, heißt, die Spra­che, die „hier“ und „die­ses“ sagen kann, nicht nur zu ver­ste­hen als kon­stan­te Aus­sa­ge über das „hier“ und das „die­ses“, son­dern durch das Auf­schrei­ben noch die Iden­ti­tät genau die­ses „Hier“ und die­ses „die­ses“ sicher zu stel­len.

Das zunächst an Nacht und Baum ver­fal­le­ne vor­be­wuss­te Ich, das noch nicht ein­mal Ich sagen könn­te, weil es im Fluss der Wahr­neh­mun­gen selbst zu einem Flie­ßen­den und kei­nem kon­stan­ten Ich-Flucht­punkt wer­den kann, muss eine Iden­ti­tät des Die­ses und Hier ler­nen. Und es lernt sie, indem es sich aus der Zeit und dem Ort los­reißt und an ein Abwe­sen­des erin­nert. Es lernt, dass es vie­le Jetzt und vie­le Die­ses gibt – indem es sich selbst Brie­fe schreibt. Den Brief von Jetzt zu » Wei­ter­le­sen «

Von Produkt und Eigentum zu Service und Miete in der Postindustrie

Oktober 28th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Arti­kel, da sehr lang, hier als PDF.

Inspi­riert von Tho­mas Stro­bls von mir mit Spaß und Inter­es­se gele­se­nen Schul­den-Buch, möch­te ich mei­nen Gedan­ken, dass even­tu­ell die tra­di­tio­nel­le (nicht nur die klas­si­sche) öko­no­mi­sche Leh­re auf den Müll­hau­fen der Geschich­te gehö­ren könn­te, wei­ter den­ken. Im Inners­ten von Stro­bls Aus­füh­run­gen sitzt nicht nur – wie zuletzt bemerkt – der Gedan­ke der Pro­duk­ti­ons­in­dus­trie, son­dern auch der Gedan­ke des Eigen­tums an Sachen. Der Indus­tri­el­le erwirbt Maschi­nen, Anla­gen, Gebäu­de als illi­qui­des Kapi­tal, um damit höhe­re Gewin­ne zu erwirt­schaf­ten. Die­se Gewinn­aus­sicht recht­fer­tig den Ein­satz liqui­der Geld­mit­tel auch unter Eibe­zie­hung von Schul­den. Liegt der erwar­te­te Gewinn bzw. das Umsatz­plus höher als die Zins­sum­me, ist die Ver­schul­dung gerecht­fer­tigt. Es sei, so Stro­bl, eine Anlei­he aus der Zukunft, mit der heu­te schon Umsatz­ge­win­ne erwirt­schaf­tet wer­den kön­nen. Und nur durch sol­che Anlei­hen kann Wachs­tum ent­ste­hen.

Vom Inge­nieur-Entre­pre­neur zum Mana­ger

Bereits im letz­ten Pos­ting hat­te ich dem ent­ge­gen gesetzt, dass die inves­tie­ren­de Pro­duk­ti­ons­wirt­schaft zuneh­mend abge­löst wird durch eine  mie­ten­de oder lea­sen­de Ser­vice­wirt­schaft – ver­kör­pert in den Tätig­kei­ten der Nut­te und des Mana­gers in dem Film Pret­ty Woman. Das Pro­dukt des Mana­gers ist nicht das Pro­dukt, das die Fir­ma ver­treibt, die er lei­tet. Sei Ziel sind nicht bes­se­re Pro­duk­te. Das Pro­dukt des Mana­gers ist die Bilanz. Er wird an die­ser Vor­ga­be, an die­sen Zie­len und ihrer Errei­chung gemes­sen. Es sei die etwas plat­te typo­lo­gi­sche Abs­trak­ti­on erlaubt: Der Unter­neh­mer alter Pro­ve­ni­enz ist eher der Inge­nieur, der Edi­son, Benz, Krupp oder Fer­di­nand Por­sche. Sei­ne Geschäfts­idee ist ein bestimm­tes Pro­dukt, für des­sen Ver­bes­se­rung er sich stark macht. Der Mana­ger hin­ge­gen kon­zen­triert sich dar­auf, was die bes­te Bilanz bringt. Wenn er dafür das Pro­dukt ver­bes­sern muss – tut ers. Wenn er das Pro­dukt ver­schlech­tern muss – tut er auch das. Sein Leit­stern ist ein ande­rer als der des Inge­nieurs. Stro­bl for­mu­liert ähn­lich:

Die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Mana­ger mit ihren Unter­neh­men änder­te sich: Sie haf­te­ten jetzt nicht mehr als ‚ehr­ba­re Kauf­leu­te‘ mit eige­nem Namen und Ver­mö­gen, son­dern ver­dien­ten ihr Geld schlicht als ‚lei­ten­de Ange­stellt‘.  […] Das Ren­di­te­den­ken trat in den Vor­der­grund, ein­zel­ne Unter­neh­men und gan­ze Gesell­schaf­ten wur­den ihm unter­wor­fen. Ein­mal mehr erwies sich der Kapi­ta­lis­mus als äußerst inno­va­ti­ons­fä­hig: Schum­pe­ters legen­dä­re Entre­pre­neurs zogen den Blau­mann aus und ver­lie­ßen ihre Fabrik­hal­len, um in Nadel­strei­fen die holz­ge­tä­fel­ten Büros des Geld­adels zu erobern. (63f)

Zu Marx‘ Zei­ten war der Kapi­ta­list der­je­nig, der die Pro­duk­ti­ons­mit­tel besaß. Maschi­nen, Anla­gen, Struk­tu­ren, Roh­stof­fe usw. Heu­te ist der Kapi­ta­list der Bank­ma­na­ger. Er besitzt gar nichts. Er ist beauf­tragt, ihm zur Ver­fü­gung gestell­te Kapi­tal­wer­te so ein­zu­set­zen, dass am Ende die Bilanz bes­ser wird als im Vor­jahr.

Das­sel­be gilt natür­lich für Mana­ger­vor­stän­de in pro­du­zie­ren­den oder dienst­leis­ten­den Unter­neh­men. Hier lau­tet der Auf­trag, den „Besit­zern“ (Aktio­nä­ren) per Bilanz höhe­re Akti­en­kur­se und Divi­den­den zu pro­du­zie­ren. Er besitzt die Pro­duk­ti­ons­mit­tel nicht. Er ver­wal­tet d.h. managt das Kapi­tal. Er ist gemie­tet wie das Haus, in dem die Bank sitzt.

Das Sys­tem der Miet­ar­bei­ter

Der Mana­ger war – Boltanski/Chiapello beschrei­ben die­sen Über­gang, der sich bereits seit den Nach­kriegs­jah­ren mit wach­sen­der Geschwin­dig­keit voll­zieht – aller­dings nur der ers­te Schritt. Die Ent­wick­lung vom Mit­ar­bei­ter zum Miet­ar­bei­ter ist die kon­se­quen­te Wei­ter­ent­wick­lung. War dem Inge­nieur die Stamm­be­leg­schaft ein wich­ti­ger Besitz (auch wenn er sie ver­mut­lich immer häu­fi­ger als lohn­gie­ri­gen Moloch erleb­te), betrach­tet der Mana­ger die Beleg­schaft als lau­fen­den Kos­ten­fak­tor. Im Rah­men der Bilanz ist die Lohn­quo­te ein­fach ein Pos­ten unter vie­len ande­ren. Und wie eine Groß­in­ves­ti­ti­on die Bilanz eines Jah­res hübsch ver­ha­geln kann (weil sie ja schul­den­fi­nan­ziert ein Loch in die liqui­den Mit­tel reißt) und ent­spre­chend die Mie­te oder Lea­sing für ihn sinn­vol­ler ist, dass hier lau­fen­de Lea­sing­kos­ten gegen lau­fen­de (Mehr)Einnahmen gerech­net wer­den kön­nen, ist auch die Stamm­be­leg­schaft als zumeist unfle­xi­bler Kos­ten­block eine Belas­tung, die durch soge­nann­te Fle­xi­bi­li­sie­rung, d.h. den Über­gang von der Stamm­be­leg­schaft zur Leih­ar­beit (jen­seits der unab­ding­ba­ren Kern­be­leg­schaft), in eine Kos­ten-Ertrags-Rech­nung über­führt wer­den kann. Die gesam­te Fle­xi­bi­li­sie­rungs- und Leih­ar­beits­de­bat­te, die der tat­säch­li­chen Leih­ar­bei­ter­quo­te vor­aus läuft, deu­tet klar in die­se Rich­tung- Egal ob es sich um den pro­du­zie­ren­den Sek­tor oder die Dienst­leis­tungs­bran­che han­delt: Der Miet­ar­bei­ter liegt im Trend. Und die eben­falls von Boltanski/Chiapello luzi­de beschrie­be Wand­lung hin zur pro­jekt­ba­sier­ten Netz­wer­köko­no­mie wird die­sen Trend in gewal­ti­ger Geschwin­dig­keit rea­li­sie­ren.

Im Miet­ver­hält­nis tritt eine drit­te Kom­po­nen­te des Besit­zes in den Vor­der­grund: das voll­gül­ti­ge, aber befris­te­te Nut­zungs­recht. In einer ver­netz­ten Welt muss man die­ser und nur die­ser Kom­po­nen­te sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit wid­men. Anstatt sich als Eigen­tü­mer von sei­nem Eigen­tum » Wei­ter­le­sen «

Nutten und Manager: Dienstleistungsökonomie jenseits von Schuld+Ware

Oktober 23rd, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Könn­te es sein, dass der Über­gang von der Indus­trie- zur Dienst­leis­tungs- und wei­ter zur Wis­sens­ge­sell­schaft die gesam­te Tra­di­ti­on der Öko­no­mie auf den Müll­hau­fen der Geis­tes­ge­schich­te kata­pul­tiert? Der Gedan­ke kam mir bei der Lek­tü­re der ers­ten Sei­ten des Buchs (Update 2015: Bog inzwi­schen off­line; Link zur Way­back­Ma­chi­ne))von Tho­mas Stro­bl. Nicht etwa, weil das Buch nicht über­zeu­gend argu­men­tie­ren wür­de, dass Schul­den kein Makel sind. Son­dern weil das Buch über­haupt die Schul­den­the­ma­tik (über­zeu­gend) mit der Wachs­tums­the­ma­tik intim ver­knüpft. Das Argu­ment, dass Schul­den im Sin­ne einer Anlei­he auf die Zukunft nicht nur höhe­ren Wohl­stand in der Gegen­wart son­dern auch Wachs­tum (um die Schul­den plus Pro­fit abzu­tra­gen) erzeugt, ist zutiefst indus­tri­ell gedacht. Es setzt vor­aus, dass die Ver­schul­dung in eine Inves­ti­ti­on mün­det, also gewis­se Anschaf­fun­gen, die nicht erst getä­tigt wer­den, wenn sie erwirt­schaf­tet wur­den, son­dern erwirt­schaf­tet wer­den, nach­dem sie ange­schafft sind. Und dabei einen höhe­ren Ertrag und Pro­fit abwer­fen, als Til­gung und Zins betra­gen. Das macht für eine auf Maschi­nen, Anla­gen, Werks­ge­bäu­de, Pro­duk­ti­ons­nie­der­las­sun­gen usw. hoch­gra­dig Sinn. Für alle Wirt­schafts­zwei­ge, deren Pro­duk­ti­on im Wesent­li­chen mit Inves­ti­ti­ons­gü­tern bewerk­stel­ligt wird. Stro­bl schreibt:

Wer Gewinn machen will, der muss zunächst inves­tie­ren. Ware und Pro­duk­ti­ons­an­la­gen müs­sen ange­schafft, Arbeits­löh­ne müs­sen vor­fi­nan­ziert wer­den. Das Unter­neh­men bedarf außer­dem eines Stand­orts, der gekauft oder gemie­tet wer­den muss – denn geschenkt wird einem in der Wirt­schaft bekannt­lich nichts. Für all das ist Kapi­tal erfor­der­lich. Und das muss von irgend­wo­her kom­men: In Form eige­ner Mit­tel, die man sich als Eigen­ka­pi­tal qua­si sel­ber vor­streckt oder von Gleich­ge­sinn­ten besorgt. Oder durch Auf­nah­me von Schul­den. (129f)

So pro­duk­ti­ons­ori­en­tiert, so waren­ori­en­tiert – so weit so rich­tig. Der lau­fen­de Rekurs in der vor­he­ri­gen Kapi­teln auf den Tausch von Eiern gegen Kar­tof­feln oder unter­schied­li­cher Fuß­ball­bild­chen bleibt in der­sel­ben Bil­der­welt.

Öko­no­mie ohne Schul­den

Aber wie sieht das in einer Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft aus? Wie sieht das also in einer Öko­no­mie aus, die im Wesent­li­chen nur den Mit­ar­bei­ter als Kos­ten­fak­tor zum Ein­satz bringt? Ver­gli­chen zur Indus­trie­ge­sell­schaft sind die „Inves­ti­tio­nen“ in der Dienst­leis­tungs­ge­sell­schaft rela­tiv gering. Sie kön­nen zudem durch Mie­te » Wei­ter­le­sen «

Von der Würde zum Tauschwert (Marx bei Strobl)

Oktober 22nd, 2010 § Kommentare deaktiviert für Von der Würde zum Tauschwert (Marx bei Strobl) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Grad ange­fan­gen, Tho­mas Stro­bls Buch “Ohne Schul­den läuft nichts” zu lesen. Star­tet ful­mi­nant lau­nig und gut les­bar. Und ver­an­lasst mich, unmit­tel­bar ein Marx-Zitat bei ihm abzu­schrei­ben, das ide­al als Mot­to vor Sich Gesell­schaft leis­ten hät­te ste­hen kön­nen:

Die Bour­geoi­sie, wo sie zur Herr­schaft gekom­men, hat alle feu­da­len, patri­ar­cha­li­schen, idyl­li­schen Ver­hält­nis­se zer­stört. Sie hat die bunt­sche­cki­gen Feu­dal­ban­de, die den Men­schen an sei­nen natür­li­chen Vor­ge­setz­ten knüpf­ten, unbarm­her­zig zer­ris­sen und kein ande­res Band zwi­schen Mensch und Mensch übrig gelas­sen als das nack­te Inter­es­se, als die gefühl­lo­se ‘bare’ Zah­lung. Sie hat den hei­li­gen Schau­er der from­men Schwär­me­rei, der rit­ter­li­chen Begeis­te­rung, der spieß­bür­ger­li­chen Weh­mut in dem eis­kal­ten Was­ser ego­is­ti­scher Berech­nung ertränkt. Sie hat die per­sön­li­che Wür­de in den Tausch­wert auf­ge­löst und an die Stel­le der zahl­lo­sen ver­brief­ten und wohl erwor­be­nen Frei­hei­ten die eine gewis­sen­lo­se Han­dels­frei­heit gesetzt. (Marx/Engels, Kom­mu­nis­ti­sches Mani­fest 44; bei Stro­bl 24f.)

Über­rascht bin ich aller­dings von der weh­mü­ti­gen Remi­nis­zenz auf den Feu­da­lis­mus. Mal schaun, was Stro­bl sonst noch so bereit­hält.

Warum mich das bedingungslose Grundeinkommen (noch?) nicht überzeugt.

Oktober 21st, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die Grund­dia­gno­sen und Zie­le der Ver­tre­ter des BGE tei­le ich weit­ge­hend. Die Tat­sa­che, dass die auch hier im Blog bereits öfter beschrie­ben­de Pro­duk­tio­vi­täts­ex­plo­si­on durch die Digi­ta­li­sie­rung die mensch­li­che Indus­trie­ar­beit an ein Ende zu füh­ren ten­diert, kann nicht durch Dif­fa­mie­rung Arbeits­lo­ser, Erhö­hung des Drucks, Sub­ven­tio­nie­rung teil­wei­se oder kom­plett sinn­lo­ser Tätig­kei­ten gelöst wer­den. Die jahr­tau­sen­de­lang als irrelae Uto­pie gel­ten­de Vison eines Wohl­stands mit wenig oder ganz ohne Arbeit wird zu einem mög­li­chen Sze­na­rio, das durch Hartz IV und Aus­beu­tung von Dritt­welt­staa­ten ins Gegen­teil ver­kehrt wird.

Staa­ten haben unter die­ser Prä­mis­se vor­dring­lich dafür zu sor­gen, dass der welt­wei­te oder natio­na­le Reich­tum auch denen ein Aus­kom­men ermög­licht, die kei­ne Mög­lich­keit pro­duk­ti­ver Arbeit fin­den. Die Fra­ge lau­tet: wie. Beim Lesen auf der Sei­te des Netz­werks Grund­ein­kom­men, bin ich erneut über eine (auch bei Wer­ner bzw. Werner/Goehler en pas­sant zu fin­den­de) Stel­le gestol­pert, die auf den Punkt bringt, war­um ich an das vor­lie­gen­de Kon­zept nicht glau­be:

Das Grund­ein­kom­men darf maxi­mal so hoch ange­setzt wer­den, dass nicht durch den Rück­gang der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­be­reit­schaft sei­ne eige­ne Finan­zie­rung in Gefahr gerät. (Hier)

Das Pro­blem — flan­kiert von wei­te­ren, dem­nächst hier dar­zu­stel­len­den Fra­ge­zei­chen — besteht dar­in, dass das BGE einen bestimm­ten Wohl­stand (etwa als BIP) vor­aus­setzt, der unter den abge­lehn­ten Orga­ni­sa­ti­ons­be­din­gun­gen ent­stan­den ist, die (zurecht) kri­ti­siert und abge­lehnt wer­den. Das BGE insis­tiert auf sei­ne eman­zi­pa­to­ri­sche Dimen­si­on, weil unan­ge­neh­me oder unge­lieb­te Arbei­ten vom öko­no­mi­schen Zwang zur Arbeit ent­kop­pelt wer­den.

Erwerbs­ar­beit erlaubt außer­dem, mehr als „nur“ die Exis­tenz- und Min­dest­teil­ha­be abzu­si­chern, näm­lich einen zusätz­li­chen Ver­dienst. Es bestehen also über das Grund­ein­kom­men hin­aus wei­te­re mate­ri­el­le » Wei­ter­le­sen «

Bedingungsloses Grundeinkommen: Das desaströse Beispiel Otjivero/Namibia

Oktober 20th, 2010 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ganz begeis­tert fei­ern Werner/Goehler das Dorf Otjivero in Nami­bia. Hier habe man, heißt es, das BGE aus­pro­biert. Lese ich genau­er, lau­tet mei­ne Ant­wort: mit­nich­ten. Goeh­ler schreibt

Aus dem Dorf bezo­gen 930 Men­schen unter­halb des Ren­ten­al­ters in die­ser Zeit 100 Nami­bia-Dol­lar, also knapp zehn Euro: ein Betrag, der nicht ganz exis­tenz­si­chernd ist, aber mehr als nur schlimms­te Not zu lin­dern.

Ist das das BGE? „Nicht ganz exis­tenz­si­chernd“? Auf den vie­len Sei­ten vor­her klang das anders. Mir scheint das eine Lösung knapp unter­halb der Sozi­al­hil­fe oder von Hartz IV zu sein. Mit der Aus­nah­me der rela­tiv unbü­ro­kra­ti­schen Aus­zah­lung. Schau­en wir uns an, was Werner/Goehler als Kon­se­quen­zen beschrei­ben:

  • Das ers­te Bei­spiel Ceci­lia: Nach einer ers­ten Wel­le lebens­not­wen­di­ger Anschaf­fun­gen folg­ten Anschaf­fun­gen von Herd, Mikro­wel­le, Fern­se­her und DVD. Es sei ihr von Her­zen gegönnt! Aber es han­delt sich um eine indi­rek­te Sub­ven­ti­on an die Indus­tri­en, die die ent­spre­chen­den Güter her­stel­len. Eine Auf­wrack-Prä­mie sozu­sa­gen.
  • Hen­d­ri­sen, das zwei­te Bei­spiel, hat einen Lebens­mit­tel­la­den mit gut genutz­ter Juke­box auf­ge­macht. Auch das schön für sie und für die jun­gen Leu­te. Das bei ihr aus­ge­ge­be­ne Geld dürf­te vor­wie­gend das Pseu­do-BGE sein. Das heißt: Indi­rek­te Sub­ven­ti­on für sie. Was nicht schlecht ist. Aber was pas­siert, wenn das BGE weg ist?
  • Elma­rie ist Pfle­ge­mut­ter gewor­den, da ande­re Müt­ter sich jetzt die Finan­zie­rung einer Pfle­ge­mut­ter leis­ten kön­nen, um selbst auf dem Feld arbei­ten zu gehen. Aus dem zurück­ge­leg­ten Geld hat sie sich Stahl­töp­fe, Herd, Fern­se­her und Strom­ge­ne­ra­tor für den Fern­se­her gekauft. Und Pre­paid-Kar­ten. Auch hier fließt der Gewinn offen­bar weit­ge­hend in den Kon­sum.

Zusam­men­fas­send urtei­len Werner/Goehler:

Es ist schwer vor­stell­bar, wie arm­se­lig das Dorf vor zwei Jah­ren aus­ge­se­hen haben muss, als sei­ne Bewoh­ner nur mit dem nack­ten Über­le­ben beschäf­tigt waren – alle erwäh­nen die­sen kras­sen Unter­schied. (214)

Klar – es gab kei­ne Her­de und Fern­se­her. Es gab kei­ne Händ­ler, die jetzt aus dem Boden schie­ßen, weil nie­mand Geld aus­zu­ge­ben hat­te. Ande­re Fra­ge: Kön­nen denn die Ein­woh­ner von Otjivero als Dorf­ge­mein­schaft das Geld erwirt­schaf­ten, das hin­ter­her im Pseu­do-BGE ver­teilt und in » Wei­ter­le­sen «

Gedanken zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Befreiung oder Turboausbeutung?

Oktober 19th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Gedanken zum Bedingungslosen Grundeinkommen: Befreiung oder Turboausbeutung? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach den Über­le­gun­gen, wie mit dem ABC einer neu­en (digi­tal­öko­no­misch vor­be­rei­te­ten) Wirt­schafts­ord­nung eini­ge gra­vie­ren­de gegen­wär­ti­ge Pro­ble­me mei­nes Erach­tens gelöst wer­den könn­ten, hat­te ich mir vor­ge­nom­men, mich mit dem BGE noch­mal aus­ein­an­der zu set­zen. In loser Fol­ge will ich dazu pos­ten. Heu­te zu einer Fra­ge, die mir vor­dring­lich erscheint. Ist das BGE die kapi­ta­lis­tisch logi­sche Fort­ent­wick­lung der Wirt­schaft? Oder han­delt es sich um die Gestal­tung einer lebens­wer­te­ren Kul­tur­ge­sell­schaft? Hand­fes­te­re öko­no­mi­sche Fra­gen zunächst zurück­ge­stellt.

Ein Zitat aus dem neu­en Buch von Werner/Goehler: „1000 Euro für jeden – Frei­heit, Gleich­heit, Grund­ein­kom­men“ (Ama­zon) dazu:

Eine Kul­tur­ge­sell­schaft defi­niert sich nicht mehr in ers­ter Linie über Lohn­ar­beit und die zuneh­men­de Abwe­sen­heit der­sel­ben. Sie erkun­digt sich nach den Ver­mö­gen eines Ein­zel­nen, das mehr umfasst als sei­ne Arbeits­kraft und sei­nen Markt­wert. In einer Kul­tur­ge­sell­schaft müss­te es dar­um gehen, aus einer sozia­len Arbeit, die Unge­rech­tig­kei­ten not­dürf­tig aus­gleicht, eine sol­che zu machen, die Gesell­schaft gestal­tet: mit Selbst­ver­ant­wor­tung, Ver­trau­en, Hin­ga­be, Eigen­in­itia­ti­ve, Expe­ri­men­tie­ren, Aus­pro­bie­ren, Ver­wer­fen. (145)

Das klingt rela­tiv ein­deu­tig nach einer Gesell­schafts­uto­pie der  Selbst­ver­wirk­li­chung. Bei Boltanski/Chiapello wür­de man es als die „Künst­ler­kri­tik“ an der Gesell­schaft sehen. Die Form der Kri­tik, die jen­seits der Sozi­al­kri­tik im Wesent­li­chen auf die Ver­wirk­li­chung der Indi­vi­dua­li­tät, Authen­ti­zi­tät, der eige­nen Krea­ti­vi­tät besteht. Bei Werner/Göhler aller­dings wird die­ser Künst­ler­kri­tik eine gesell­schaft­li­che – also letzt­lich dann sozia­le – Uto­pie ange­hängt. Eine Orga­ni­sa­ti­on von Kul­tur und Gesell­schaft zur Kul­tur­ge­sell­schaft, die die­se Form der Ver­wirk­li­chung des künst­le­ri­schen Selbst in den Mit­tel­punkt rückt. Dabei aber schnappt direkt im nächs­ten Satz die Fal­le des „neu­en Kapi­ta­lis­mus“ von Boltanski/Chiapello zu:

Die Idee der Kul­tur­ge­sell­schaft geht von zwei Annah­men aus: davon, dass die Res­sour­ce der Gegen­wart in roh­stoff­ar­men Län­dern die Krea­ti­vi­tät ist, die zu för­dern vor allem hef­ti­ge Fra­gen an das gegen­wär­ti­ge Bil­dungs­sys­tem auf­wirft. Zwei­tens setzt sie auf das Ver­mö­gend er Ein­zel­nen, dar­auf, dass alle Men­schen durch ihr Tun Wir­kung erzie­len wol­len, dass sie gebraucht, gemeint sein und gestal­ten wol­len. (145f.)

Ist das ein dem Kapi­ta­lis­mus ent­ge­gen­ge­setz­ter kul­tu­rel­ler “Huma­nis­mus”? Oder haben wir es mit Human­ka­pi­ta­lis­mus zu tun? Ist also die Gesell­schafts­uto­pie kei­ne » Wei­ter­le­sen «

Citizen Empowerment – Politik auf der Reise von Medien nach Digitalien.

Oktober 17th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Mar­ke­ting spricht man seit Jah­ren bereits vom „Con­su­mer Empower­ment“. Nach berühm­ten Fäl­len wie dem Kryp­to­ni­te-Desas­ter, Dell­fire und Dell­hell, Jako vs. Trai­ner Baa­de, DaWan­da vs. Jack Wolfs­kin, Green­peace vs. Nest­lé begrei­fen auch die größ­ten Unter­neh­men, dass Mas­sen­mar­ke­ting, wie es in der guten alten Zeit der Mad Men betrie­ben wur­de, um noch nicht bestehen­de Wün­sche mit neu­en Pro­duk­ten zu befrie­di­gen, von einer Pro­dukt­in­no­va­ti­on die 100.Kopie zu ver­trei­ben, an ein Ende gekom­men ist. Einer­seits schwin­den den Mas­sen­me­di­en die Rezi­pi­en­ten, zer­split­tern sich die­se Kanä­le intern extrem. Zum Ande­ren wird heu­te jeder eini­ger­ma­ßen ver­nünf­ti­ge Mensch jen­seits einer Baga­tell­preis­gren­ze zunächst im Inter­net such nach Bewer­tung und Mei­nun­gen, nach güns­ti­ge­ren Prei­sen, nach bes­se­ren Kon­kur­renz­pro­duk­ten. Der Kun­de ist am län­ge­ren Hebel. Und Unter­neh­men machen die Erfah­rung, dass sie im gesam­ten Stimm­ge­wirr nur eine ein­zi­ge Stim­me haben – der man, wenn sie tra­di­tio­nell werb­lich ist, nicht ein­mal mehr zuhört.

Hugh Macleods If You Talked ...

Nun könn­te man dar­aus die Kon­se­quenz zie­hen, dass die­se Unter­neh­men ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on umstel­len müss­ten. Das ist viel zu kurz gesprun­gen. Denn die­se Unter­neh­men haben nicht etwa pro­du­ziert – und dann Kom­mu­ni­ka­ti­on betrie­ben. Son­dern das gesam­te End­kun­den­pro­duk­ti­ons­mo­dell war mas­sen­för­mig. Mas­sen­pro­duk­ti­on und Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­on gehö­ren zusam­men. Es galt, Pro­duk­te zu erfin­den, die eine hin­rei­chen­de Mas­sen­käu­fer­schaft hat­ten – und ent­spre­chend loh­nend in Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln kom­mu­ni­ziert wer­den konn­ten. Die­ses Zeit­al­ter ist das Prêt-a-por­ter Zeit­al­ter. Con­ve­ni­en­ce-Food. Iden­ti­sche Repli­ka­ti­on eines initia­len Geschmacks­mus­ters. Das Zeit­al­ter der iden­ti­schen Ein­kaufs-Fuß­gän­ger­zo­nen. Wenn ich als Dou­glas im Fern­se­hen wer­be, muss ich dafür sor­gen, dass alle mich errei­chen kön­nen. H+M, Kar­stadt, Kauf­hof, C+A. Das Geschäfts­mo­dell war Mas­sen­wa­re, durch Mas­sen­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ver­kün­det, über­all anzu­bie­ten.

Der Wech­sel hin zum empowe­r­ed con­su­mer heißt: Über­gang vom Prêt-a-por­ter zum Tay­lor Made. Indi­vi­dua­li­sie­rung wird eben­so zuneh­mend wich­ti­ger wie der Ser­vice.  Es heißt, den Kun­den und Kon­kur­renz­kun­den zunächst zuzu­hö­ren, wie was und wor­über netz­öf­fent­lich gespro­chen wird. Ten­den­zen, Wün­sche und Trends auf­zu­neh­men. Ver­ste­hen, was die Men­schen sich wün­schen um die­se Bedürf­nis­se zu befrie­di­gen. Das ist ein gänz­lich ande­rer Ansatz als der­je­ni­ge, der Pro­duk­te erfand, sich von der Wer­bung eine emo­tio­na­le Begeh­rens­di­men­si­on dar­um her­um schnit­zen ließ – und durch initia­le Pro­duk­ti­on des Begeh­rens dann in zwei­ter Linie das soeben pro­du­zier­te Begeh­ren mit dem eige­nen Pro­dukt zu ver­bin­den. Ein altes Mus­ter: Erschaf­fe die Phan­ta­sie eines para­die­si­schen Jen­seits und leg zugleich die Bei­tritts­er­klä­rung zur Kir­che hin. Dann wird der eine Rau­cher plötz­lich zum Cow­boy, der ande­re ist der cle­ve­re Wort­witz­lieb­ha­ber, der nächs­te liebt das fran­zö­si­sche Lebens­ge­fühl der Frei­heit. Nichts von alle­dem hat je mit dem Glimm­stän­geln zu tun gehabt.

Fazit: Im Zeit­al­ter des empowe­r­ed con­su­mers reicht es für Unter­neh­men nicht, ihre Kom­mu­ni­ka­ti­on anzu­pas­sen. Sie müs­sen zuhö­ren, auf Wün­sche, Anre­gun­gen, Kri­tik reagie­ren (kön­nen!) – und ihr Pro­dukt- und Ser­vice­portfo­lio dar­auf anpas­sen kön­nen, was die Kun­den wol­len. Sie sind nicht län­ger die Jäger son­dern die Gejag­ten.

Vom empowe­r­ed con­su­mer zum empowe­r­ed citi­zen

Nun wird es Zeit, dass auch im Bereich des Poli­ti­schen die Ein­sicht ankommt, dass die Mas­sen­me­di­en­de­mo­kra­tie an ein Ende gelangt ist. Auch hier gilt es aller­dings zu ver­ste­hen, dass es nicht eine Demo­kra­tie war, die im poli­ti­schen Bereich arbei­te­te um dann vor lau­fen­den Kame­ras ihre Ergeb­nis­se kund­zu­tun. Viel­mehr war auch die Mas­sen­me­di­en­de­mo­kra­tie in ihrem Inners­ten » Wei­ter­le­sen «

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