Das Postdrama

Januar 22nd, 2016 § Kommentare deaktiviert für Das Postdrama § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Immer wie­der ver­wun­dern sich Gesprächs­part­ner über den Namen die­ser Sei­te. Fra­gen, ob das denn auf das „post­dra­ma­ti­sche Thea­ter“ anspie­le und das doch selt­sam sei, weil post­dra­ma­ti­sches Thea­ter doch epo­chal nach (also zeit­lich dahin­ter) iso­liert geschrie­be­nen und kom­plett und geschlos­sen auf­ge­führ­ten Dra­men situ­iert sei. Es also doch selt­sam sei, dass jemand, der sol­che iso­liert geschrie­be­nen zusam­men­hän­gen­den Tex­te (man­chen nen­nen die­se Tex­te gar „Dra­men“) pro­du­zie­re, sich an die­se gegen­wär­ti­ge Thea­ter­kon­zep­ti­on anschlie­ße. Da das ja doch gera­de das Gegen­teil sei und sich im Übri­gen post­dra­ma­ti­sche Thea­ter­ma­cher für alles mög­lich inter­es­sie­ren – aber sicher nicht für iso­liert geschrie­be­ne zusam­men­hän­gen­de „geschlos­se­ne“ Tex­te, die ja doch „Wer­ke“ von „Auto­ren“ und damit eben das Gegen­teil von usw. Und ob ich denn wohl „Wer­ke“ … und „Autor“ … wo ich doch geschrie­ben habe, dass …

Das ist ver­ständ­lich. Der Name die­ser Web­sei­te aber nimmt nicht Bezug auf post­dra­ma­ti­sches Thea­ter son­dern auf das Post­dra­ma. Anfangs war die Über­le­gung, den Begriff „post­thea­tra­les Dra­ma“ ein­zu­set­zen. Das war zu lang. Und blöd. Und so wur­de es das Post­dra­ma. Das ist kür­zer. An die­ser Stel­le mögen wort­witz­ge­neig­te Leser sämt­li­che Spä­ße mit dem „Post“-Begriff durch­ki­chern. Das Post­dra­ma ist der Text, der nach dem Dra­ma kommt, das es zugleich noch ist und nicht mehr ist. „Die alte Form des Dra­mas ermög­licht es nicht, die Welt so dar­zu­stel­len, wie wir sie heu­te sehen.“ (Brecht) Das ist ein Schritt.

Man könn­te ver­lan­gen, das für das Post­dra­ma ein Mani­fest geschrie­ben wer­de. Ich mag kei­ne Mani­fes­te. Des­we­gen hier also » Wei­ter­le­sen «

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die “kostbare kleine Institution”

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vor­trag zum agi­len Thea­ter hat­te ich als vor­läu­fi­ge Arbeits­de­fi­ni­ti­on von Thea­ter ange­ge­ben, es sei “ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt.” Zudem gab es den Ver­weis auf Dirk Baeckers sehr schö­ne For­mu­lie­rung vom Thea­ter als “Labor der prak­ti­schen Ver­nunft” (in: Wozu Thea­ter?). Bei der Lek­tü­re von Bru­no Latours Eine neue Sozio­lo­gie für eine neue Gesell­schaft ist mir nun eine Pas­sa­ge unter­ge­kom­men, die sich zur Prä­zi­sie­rung die­ser For­mu­lie­run­gen eig­net, wie­wohl das Ori­gi­nal­zi­tat dafür eine klei­nen Ver­dre­hung hin zu Thea­ter bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbe­stimmt­heit des ANT-Sozio­lo­gen die Pra­xis des Ver­fer­ti­gens sozio­lo­gi­scher Berich­te und argu­men­tiert — ver­kürzt gesagt — für eine gedul­di­ge, klein­tei­li­ge, ent­fakt­ten­de, nicht vor­schnell ins Erklä­ren abdrif­ten­de Form der nahen, fast  schrift­stel­le­ri­schen Ver­fer­ti­gung von “guten” Tex­ten. Und was er gele­gent­lich von sol­chen ANT-sozio­lo­gi­schen Tex­ten schreibt, lässt sich nahe­zu 1:1 auch auf Thea­ter (oder viel­leicht zunächst Thea­ter­tex­te) über­tra­gen. Er schreibt über den text­lich Berich­ten­den:

Er bie­tet eine künst­li­che Stät­te an (den text­li­chen Bericht) {oder die Büh­ne; U.S.}, der für ein bestimm­tes Publi­kum etwa die Fra­ge lösen könn­te, zu wel­cher gemein­sa­men Welt man gehört. Ver­sam­melt um das ‘Labo­ra­to­ri­um’ des Tex­tes {Büh­ne; U.S.} fan­gen Auto­ren wie auch Leser viel­leicht damit an, die bei­den Mecha­nis­men sicht­bar zu machen, die zum einen für die Plu­ra­li­tät der zu berück­sich­ti­gen­den Asso­zia­tio­nen ver­ant­wor­lich sind, zum ande­ren für die Sta­bi­li­sie­rung oder Ver­ein­heit­li­chung der Welt, in der sie leben möch­ten. Einer­seits ist es nur ein Text aus Papier­bö­gen, von einem Tin­ten- oder Laser­strahl geschwärzt. Ande­rer­seits eine kost­ba­re klei­ne Insti­tu­ti­on, um das Sozia­le für alle sei­ne Betei­lig­ten zu reprä­sen­tie­ren, oder genau­er, zu re-prä­sen­tie­ren, das heißt, um es ihnen von neu­em zu prä­sen­tie­ren, ihm eine Per­form­anz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu ver­lan­gen heißt of, weni­ger zu bekom­men. Vie­le ‘macht­vol­le Erklä­run­gen’ mögen sich als weni­ger über­zeu­gend her­aus­stel­len als schwä­che­re. {S. 241f.; Anmer­kun­gen in geschweif­ten Klam­mern von mir; U.S.}

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Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern.

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Dass das Thea­ter der Raum des “Sozialen“sei, gele­gen zwi­schen dem Öffent­li­chen und dem Pri­va­ten, war letz­tens hier und hier im Blog als The­se auf­ge­stellt wor­den. Das Sozia­le war dabei als der Bereich des sozia­len Sys­tems vor­läu­fig bestimmt wor­den — was sich ange­sichts der Über­le­gun­gen zum Ver­hält­nis von privat/öffentlich im Zusam­men­hang mit Goog­le Stre­et­view noch ein Stück wei­ter prä­zi­sie­ren lässt.

Das Sozia­le als Ver­öf­fent­li­chung des Pri­va­ten

Ins­be­son­de­re in der Dra­men­ge­schich­te der letz­ten Jahr­hun­der­te spiel­te Thea­ter häu­fig (aus dem Bauch her­aus wür­de ich sagen: in bestimm­ten Epo­chen nahe­zu aus­schließ­lich) in “Pri­vat­räu­men”. Sei­en es die Herr­scher- und Adli­gen­ge­mä­cher der Shakespeare’schen Köni­ge, die Paläs­te Raci­nes oder auch die Wohn­räu­me bür­ger­li­cher Trau­er­spie­le. Thea­ter ver-öffent­licht Räu­me, die wei­test­ge­hend “pri­vat” in dem Sin­ne waren, dass das Publi­kum dort nicht hin­ein konn­te. Und inner­halb die­ser ver­öf­fent­lich­ten Pri­vat­räu­me ent­spann sich das dra­ma­tur­gi­sche Sys­tem der Socia­li­tä­ten, der Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, die Ver­schie­bun­gen von Kon­stel­la­tio­nen, der Wis­sens­über­schuss oder -man­gel bei Betei­lig­ten. Das durch die Ram­pe getrenn­te, ggf. sogar ins Dun­kel des Zuschau­er­raums getauch­te Publi­kum war in die Rol­le des “pri­va­ten” Voy­eurs gewie­sen und hat­te das “Recht auf Ein­sicht” in das (aller­dings fik­ti­ve) Pri­va­te. Eine Form von “Big Bro­ther” — nur eben unter den Regu­la­ri­en des Sys­tems. Denn mit Kant wäre zu sagen, dass Thea­ter dabei die tran­szen­den­ta­le Ästhe­tik der prak­ti­schen Ver­nunft sowohl » Wei­ter­le­sen «

Thesen zum Theater: Theater ist das soziale System (Reformuliert)

Juli 28th, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Da der let­ze Ver­such zur Defi­ni­ti­on des Thea­ters als “das Sozia­le” noch nicht befrie­di­gend war, ein neu­er Ver­such. Dies­mal her­kom­mend aus einer zu lan­ge zurück­lie­gen­den Luh­mann-Lek­tü­re. Aus­ge­hend wie­der­um von der Unter­schei­dung zwi­schen “pri­vat” und “öffent­lich” kann der gesuch­te Zwi­schen­be­reich zutref­fen­der als Bereich des Sys­tems oder der Sys­te­me umschrie­ben wer­den im Sin­ne Luh­manns. Viel­leicht im Kurz­schluss als der Bereich der Gesell­schaft, die weder öffent­lich noch pri­vat im zuletzt » Wei­ter­le­sen «

Thesen zum Theater: Theater ist das Soziale (erster Versuch)

Juli 26th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Thesen zum Theater: Theater ist das Soziale (erster Versuch) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Übli­cher­wei­se wird das Öffent­li­che dem Pri­va­ten ent­ge­gen­ge­setzt und als aus­schlie­ßen­de Oppo­si­ti­on ver­stan­den. Das Pri­va­te als das Nicht-Öffent­li­che, das Öffent­li­che als das Nicht-Pri­va­te.. Wiki­pe­dia dazu:

Pri­vat (von lat. pri­va­tus, PPP von pri­va­re, „abge­son­dert, beraubt, getrennt“, pri­va­t­um, „das Eige­ne“ und pri­vus, „für sich bestehend“) bezeich­net Gegen­stän­de, Berei­che und Ange­le­gen­hei­ten, die nicht mehr der All­ge­mein­heit gehö­ren bzw. offen­ste­hen, son­dern nur einer ein­zel­nen Per­son oder einer ein­ge­grenz­ten Grup­pe von Per­so­nen, die unter­ein­an­der in einem inti­men bzw. einem Ver­trau­ens­ver­hält­nis ste­hen. Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wird pri­vat meist als Gegen­satz von “öffent­lich” gebraucht.

Pri­vat­heit ist die Berau­bung des/vom Öffent­li­chen. Öffent­lich­keit hin­ge­gen ist: » Wei­ter­le­sen «

Projekt: Thesen zum Theater

Juli 24th, 2010 § 6 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das Blog gibt einen wun­der­ba­ren Rah­men ab, um Halb­ge­dach­tes zur Dis­kus­si­on zu stel­len, umzu­den­ken, neu zu den­ken, umzu­schrei­ben und anders zu for­mu­lie­ren. Dar­aus mögen viel­leicht ein paar abschlie­ßen­de Gedan­ken ent­ste­hen, die sich zu The­sen zusam­men­fas­sen las­sen. Nicht für Kir­chen­tü­ren. Fürs Nach­den­ken: To be con­ti­nued.

Das Kom­men­tie­ren im Blog muss dage­gen — der Pre­mie­ren­kri­tik gleich, die auch über alle der Kri­tik zeit­lich nach­fol­gen­den Auf­füh­run­gen gül­tig blei­ben will — jeder­zeit dar­auf insis­tie­ren, dass das Pos­ting ein Doku­ment ist und bleibt, sodaß auch nach Ver­öf­fent­li­chung des Kom­men­tars das Kom­men­tier­te sich noch so ver­hält, wie es vor dem Ver­fas­sen des Kom­men­ta­res sich dar­stell­te. Es behan­delt das Unfer­ti­ge als Vor­lie­gend. Es behan­delt die Pau­se als Ende des Pro­zes­ses. Als wäre auch der Kom­men­ta­tor unter jedem Arti­kel und in jedem Kom­men­tar der­sel­be, wenn er unter dem sel­ben Namen auf­tritt, immer ein ande­rer, wenn ver­schie­de­ne Namen auf­trä­ten.

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