Abbau der Sozialbürokratie – der blinde Fleck der Diskussion ums bedingungslose Grundeinkommen?

Januar 28th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Abbau der Sozialbürokratie – der blinde Fleck der Diskussion ums bedingungslose Grundeinkommen? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das Kon­zept des Bedin­gungs­lo­sen Grund­ein­kom­mens scheint an der Zeit zu sein und ver­spricht, in nähe­rer Zukunft nicht nur zuneh­mend öffent­lich dis­ku­tiert zu wer­den, son­dern auch stei­gen­de Wahr­schein­lich­keit auf Rea­li­sie­rung zu bekom­men: es heißt gele­gent­lich, die kürz­lich bekannt gewor­de­ne geplan­te Initia­ti­ve der Fin­ni­schen Regie­rung sei ein Schritt zum Grund­ein­kom­men. In der Schweiz wird dem­nächst ein Volks­ent­scheid mit dem (angeb­li­chen) Ziel eines Grund­ein­kom­mens abge­hal­ten wer­den. In Deutsch­land gibt es nicht nur wach­sen­de Initia­ti­ven und Bewe­gun­gen, die auch in den vor­han­de­nen poli­ti­schen Insti­tu­tio­nen Gehör und Befür­wor­ter fin­den. Son­dern es mel­den sich auch ein­fluss­rei­che Wirt­schafts­ver­tre­ter zu Wort, (Tele­kom, Davos), die dem Kon­zept etwas abge­win­nen kön­nen. Es soll hier außer acht blei­ben, dass „Bedin­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men“ ein gan­zen Bün­del von Kon­zep­ten (hier ein recht fun­dier­ter Über­blick über eini­ge Kon­zep­te von Ronald Blasch­ke aus dem Jahr 2008) umfasst, die in ihrem Umfang, ihren Aus­wir­kun­gen und Zie­len extrem unter­schied­lich sind: zwi­schen neo­li­be­ra­lem Sozi­al­kahl­schlag und eman­zi­pa­to­ri­scher Sozi­al­uto­pie. Ins­ge­samt und auf­grund der kon­zep­tio­nel­len Viel­falt bleibt das BGE des­we­gen umstrit­ten. Ein Ele­ment, das aber gera­de­zu bedin­gungs­los von allen Model­len posi­tiv ange­führt wür­de, ist der damit (angeb­lich) mög­li­che (weit­ge­hen­de) Abbau der soge­nann­ten Sozi­al­bü­ro­kra­tie. Also jener Ver­wal­tung, die heu­te für die Bewil­li­gung und Beschei­dung der Anträ­ge zustän­dig ist. Die­ser Bestand­teil der Uto­pie soll hier in den Blick genom­men wer­den – weil die aus­blei­ben­de Dis­kus­si­on, ob das wün­schens­wert ist, ein blin­der Fleck ist, der weit weni­ger selbst­ver­ständ­lich auf Zustim­mung hof­fen kann, befasst man sich damit.

(Cap­tatio Ben­evo­len­tiae: Nicht alle Begrif­fe im fol­gen­den Text sind scharf defi­niert, noch wer­den sie in einem stren­gen Sin­ne oder in Anleh­nung an bestimm­ten wis­sen­schaft­li­chen Sprach­ge­brauch ver­wen­det. Das ist ein Man­ko. Aber ein hof­fent­lich akzep­ta­bles.)

Die­se Sozi­al­bü­ro­kra­tie ist zwei­fel­los nicht nur ein Ärger­nis für die Hil­fe­be­dürf­ti­gen. Sie ist durch die Maß­nah­men der letz­ten Jah­re zuneh­mend zu einer Kon­troll- und Über­wa­chungs­in­sti­tu­ti­on umge­baut wor­den, die die Antrag­stel­ler und Leis­tungs­be­rech­tig­ten nicht unter­stützt, son­dern eher kujo­niert bis an der Rand der Ent­wür­di­gung durch absur­de „Mit­wir­kungs­pflich­ten“. Das mag nicht jeder glau­ben, ins­be­son­de­re » Wei­ter­le­sen «

Trailer zum Schalke-Oratorium “Kennst du den Mythos…?”

September 8th, 2015 § Kommentare deaktiviert für Trailer zum Schalke-Oratorium “Kennst du den Mythos…?” § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Schal­ke TV hat einen klei­nen Film mit Pro­ben-Impres­sio­nen und Inter­views pro­du­ziert für die Jubi­lä­ums-Show “Kennst du den Mythos …?”, für den ich die Ehre und das gro­ße Ver­gnü­gen hat­te, das Libret­to zu schrei­ben. Sehr auf­re­gend, die eige­nen Tex­te so ver­tont zu hören und per­formt zu sehen. Die Musik stammt von Die­ter Falk und Heri­bert Feck­ler. Für die bild­star­ke Kino­at­mo­sphä­re zeich­net Jan Peter ver­ant­wort­lich. Regie führt Michae­la Dicu. Und als Dra­ma­tur­gin eine tol­le Ansprech­part­ne­rin beim Schrei­ben war Anna Grund­mei­er vom Musik­thea­ter im Revier.

Ich bin enorm gespannt, wie es den Fans in der Vel­tins-Are­na am kom­men­den Frei­tag gefällt. Hier gehts zum Video: » Wei­ter­le­sen «

Die Deutsche Bank und wie sie die Zukunft der Arbeit sieht (spoiler: dystopisch)

Juli 9th, 2015 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Pro­gno­sen blei­ben schwie­rig — ins­be­son­de­re wenn die die Zukunft betref­fen. Und sie erzäh­len zumeist mehr über die Zeit, in der sie ent­ste­hen, als über die nähe­re oder fer­ne­re Zukunft, über die sie zu erzäh­len sich vor­neh­men oder vor­ge­ben. So vehe­ment die eige­ne sehe­ri­sche Fähig­keit auch betont wer­den mag — die Wahr­schein­lich­keit, auf empi­ri­schen Indi­zi­en begrün­det, ist doch ver­gleichs­wei­se gering, dass die­se Fähig­keit tat­säch­lich grund­sätz­lich und nach­weis­lich die­sem oder jenem Auto­ren zukommt, der dar­auf Anspruch erhebt. Das gilt natür­lich in beson­de­rem Maße für Auto­ren von Ban­ken, die sich anschi­cken die gesell­schaft­li­che Zukunft der nächs­ten Jah­re vor­her­zu­sa­gen, dabei aber nicht ein­mal in der Lage sind, die Bör­sen­kur­se der nächs­ten Minu­ten (von bevor­ste­hen­den Finanz­kri­sen, Bör­sen­crashs ganz zu schwei­gen) vor­her­zu­sa­gen.

Den­noch die Lek­tü­re wert ist der Text über die Zukunfts­as­sich­ten des soge­nann­ten Arbeits­mark­tes von der Deut­schen Bank, genau­er: Deut­sche Bank Rese­arch, über den vor eini­gen Wochen bereits in der FAZ (hier) berich­tet wur­de und der nun online zu lesen ist. Der Ver­fas­ser » Wei­ter­le­sen «

Uraufführung “Der Marienthaler Dachs” im September in Wien — Regie: Volker Lösch

Mai 7th, 2015 § Kommentare deaktiviert für Uraufführung “Der Marienthaler Dachs” im September in Wien — Regie: Volker Lösch § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Jetzt ist es offi­zi­ell und der Pres­se ver­kün­det: Die Urauf­füh­rung mei­nes “Der Mari­entha­ler Dachs”, der letz­tes Jahr beim Hei­del­ber­ger Stü­cke­markt gewann, wird am 25. Sep­tem­ber 2015 am Volks­thea­ter Wien statt­fin­den, als eine der Eröff­nungs­pre­mie­ren der neu­en Inten­danz von Anna Bado­ra. Regis­seur: Vol­ker Lösch. Und ich könn­te mir kaum eine ande­re Regie vor­stel­len, bei der ich so der­ma­ßen gespannt bin auf das Ergeb­nis.

Die Jury­be­grün­dung beim Stü­cke­markt ist hier zu fin­den.

Der Voll­text des Stücks ist hier online zu fin­den.

Autorenpreis in Heidelberg für “Der Marienthaler Dachs” — die Jurybegründung

Mai 5th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Autorenpreis in Heidelberg für “Der Marienthaler Dachs” — die Jurybegründung § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Lei­der konn­te ich ges­tern Abend nicht in Hei­del­berg bei der Preis­ver­lei­hung des Hei­del­ber­ger Stü­cke­markts sein — in der Hein­rich-Boell-Stif­tung in Ber­lin fand zeit­gleich die Kon­fe­renz “Thea­ter und Netz 2014″ statt, die ich in den letz­ten Mona­ten mit zu kon­zi­pie­ren und am ver­gan­ge­nen Wochen­en­de zu orga­ni­sie­ren das gro­ße Ver­gnü­gen hat­te. Ich hät­te wahn­sin­nig ger­ne gehört, wie die Lesen­den unter der Lei­tung von Karo­li­ne Fels­mann mit dem Text umge­gan­gen, vor allem aber auch, wie das Publi­kum auf die­ses Frei­land­ex­pe­ri­ment reagiert hat. Und nicht zuletzt hät­te ich ger­ne auch gehört, wie die Jury die Preis­ver­ga­be begrün­det. Glück­li­cher­wei­se fin­det sich die­ser Text von Vasco Boe­nisch im Netz. Und ich gebe ihn hier ger­ne wie­der:

Auto­ren­Preis des Hei­del­ber­ger Stü­cke­markts 2014 für „Der Mari­entha­ler Dachs“ von Ulf Schmidt

Lau­da­tio von Vasco Boe­nisch

Es war irgend­wie ein ani­ma­li­scher Stü­cke­markt 2014. Nicht nur wegen der tra­ben­den Ren­tie­re auf dem Pla­kat … Mal wur­de in den ein­ge­la­de­nen Stü­cken ein Chin­chil­la gestoh­len (wie in Nol­te Decars „Das Tier­reich“), mal ein Reh­kitz erschos­sen (wie in Dani­el Foers­t­ers „Tan­zen! Tan­zen!“), mal ein Frosch auf­ge­bla­sen (wie in Julia­ne Sta­del­manns „Noch ein Lied vom Tod“). Aber dass ein gan­zes Dorf einem Tier hul­digt, das gibt es nur bei Ulf Schmidt.

„Der Mari­entha­ler Dachs“ ist – der Dachs von Mari­en­thal. Einem klei­nen Ort in einem » Wei­ter­le­sen «

“Der Marienthaler Dachs” gewinnt beim Heidelberger Stückemarkt

Mai 4th, 2014 § Kommentare deaktiviert für “Der Marienthaler Dachs” gewinnt beim Heidelberger Stückemarkt § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich freue mich gewal­tig — gera­de kan die Mel­dung, dass der Jury­preis des dies­jä­hi­gen Hei­del­ber­ger Stü­cke­markts an mei­nen “Der Mari­entha­ler Dachs” geht. Was mich (fast) sprach­los macht.

Hier gehts zur Mel­dung auf nachtkritik.de.

Und hier fin­det sich “Der Mari­entha­ler Dachs” online.

Ich gra­tu­lie­re auch den ande­ren Preis­trä­gern — und freue mich, tol­le Kol­le­gen in Hei­del­berg getrof­fen zu haben, tol­le Tage in Hei­del­berg erlebt zu haben. Und bin gespannt, ob sich ein töll­küh­nes Thea­ter fin­det, das sich an den Dachs macht.

Und jetzt wie­der: sprach­los.

André Mumot über den “Marienthaler Dachs” für den Heidelberger Stückemarkt

April 11th, 2014 § Kommentare deaktiviert für André Mumot über den “Marienthaler Dachs” für den Heidelberger Stückemarkt § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf der Web­sei­te zum Hei­del­ber­ger Stü­cke­markt fin­det sich ein wun­der­vol­ler, von André Mum­ot ver­fass­ter Text über den “Mari­entha­ler Dachs”. Dass sich jemand der Mühe unter­zieht, das A1-Papier­mon­strum über­haupt zu lesen, über­rascht mich immer wie­der. Dass jemand dar­über dann aber auch noch, wie André Mum­ot, so einen schö­nen und klu­gen Text dar­über schreibt, freut mich gewal­tig.

Hier ist der Text von André Mum­ot.

Und hier ist “Der Mari­entha­ler Dachs” online im Voll­text.

Die Baumol’sche “Kostenkrankheit” der Theater und der Ökonomismus

Juni 17th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In Istan­bul und Stutt­gart wer­den Park-Natur­oa­sen tap­fer ver­tei­digt – wäh­rend die Abhol­zung von thea­tra­len Kul­tur­oa­sen in Trier, Des­sau und anders­wo ver­gleichs­wei­se still über die Büh­ne gehen. Wäh­rend wir vor dem Fern­se­her hockend täg­lich Bil­der sehen, wie in Istan­bul Park­an­la­gen gegen den Zugriff des Staa­tes ver­tei­digt wer­den und die Zen­tral­macht in die Kri­se gerät, scheint in Deutsch­land die Fäl­lung der deut­schen Thea­ter­land­schaft weit­ge­hend unspek­ta­ku­lär abzu­lau­fen. Wird eine, auch nur als inner­städ­ti­sche Par­kin­sze­nie­rung vor­han­de­ne, Um- oder Lebens­welt ange­grif­fen, sind Bevöl­ke­run­gen – wie schon in Stutt­gart vor eini­gen Jah­ren – bereit auf die Bar­ri­ka­den zu gehen und die Macht dazu zu zwin­gen, sich zur Sicht­bar­keit zu ent­stel­len, Schlag­stö­cke, Trä­nen­gas, Was­ser­wer­fer ein­zu­set­zen. Hin­ge­gen sind Angrif­fe auf die gesell­schaft­li­che Mit­welt und ihre Insti­tu­tio­nen weit­ge­hend wider­stands- und pro­test­frei. Das Leben oder die Lebens­grund­la­ge von Men­schen ein­zu­schrän­ken mag hin­ge­hen – aber wehe, es geht Parks und Bäu­men an die Bor­ke. Wäre gele­akt wor­den, dass die USA ein welt­wei­tes Ent­lau­bungs­pro­jekt unter dem Namen Prism gestar­tet hät­te: Mil­lio­nen wären auf den Stra­ßen. Die Aus­spä­hung der welt­wei­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on – zieht nur eine iro­nisch-lar­mo­yan­te Melan­cho­lie nach sich. Oder fin­det gar Befür­wor­ter in bedeu­ten­dem Umfang (die sicher­lich anders reagier­ten, wäre bekannt gewor­den, dass deut­sche Finanz­äm­ter sämt­li­che Geld­strö­me und Kon­ten aus­spio­nier­ten … aber das ist ein ande­res The­ma.

In Trier, Sach­sen-Anhalt und anders­wo sind die Thea­ter­in­sti­tu­tio­nen in ihrer Exis­tenz bedroht. Dage­gen steht man ein biss­chen auf: Zeich­net Online-Peti­tio­nen (immer­hin ein erkleck­li­cher Teil der Trie­rer Bevöl­ke­rung „unter­schreibt“ gegen die dis­ku­tier­te Ver­stüm­me­lung oder Hin­rich­tung des dor­ti­gen Drei­spar­ten­hau­ses) oder ver­an­stal­tet Pro­test­ak­tio­nen (etwa in Des­sau und Eis­le­ben). Von bedeu­ten­den Pro­tes­ten, wie wei­land noch zur Schlie­ßung des Schil­ler­thea­ters, ist kaum zu reden. Umwelt­ver­tei­di­gung ruft die Men­schen auf die Stra­ße – Mit­welt­ver­tei­di­gung kaum.

Um es vor­weg zu sagen: ich bin mit den kon­kre­ten Ver­hält­nis­sen in Trier und Des­sau eben­so wenig ver­traut, wie mit denen in Istan­bul. Es sind für mich ledig­lich medi­al ver­mit­tel­te Vor­gän­ge. Aber das, was in den Medi­en zu fin­den ist und wie sich Medi­en dazu posi­tio­nie­ren, kann als Anhalts­punkt die­nen, um die fol­gen­de, ins All­ge­mei­ne gehen­de Stel­lung­nah­me zu ermög­li­chen.

An der Situa­ti­on, dem eher mau­en Wider­stand gegen Thea­ter­schlie­ßun­gen im Ver­gleich zu Park­ab­hol­zun­gen, sind die Thea­ter­leu­te selbst nicht unschul­dig. Dass an Thea­tern Pro­test­for­men genau in dem Augen­blick gefun­den wer­den, da es ans eige­ne Leder geht, wäh­rend alle ande­ren zer­stö­re­ri­schen Akte die schö­nen Spiel­plä­ne nicht wirk­lich aus der Bahn wer­fen, lässt den Ver­dacht eines jäm­mer­li­chen Ego­is­mus auf­kei­men. War­um soll­ten Hartz 4-Emp­fän­ger sich dafür ein­set­zen, dass Thea­ter am Leben gehal­ten wer­den – wo waren die Thea­ter, als den Hartz 4 Emp­fän­gern das Leben beschnit­ten wur­de? Wo waren damals die krea­ti­ven Wider­stands­for­men, mit denen jetzt der eige­ne Fort­be­stand gesi­chert wer­den soll? Wo ist der krea­ti­ve Wider­stand gegen Prism?

Dass die Bäu­me dage­gen sind, abge­holzt zu wer­den, ist kei­ne Über­ra­schung. Die Kunst besteht dar­in, die Men­schen gegen die Abhol­zung der Bäu­me und der Thea­ter auf den Plan zu rufen. Und zwar indem Thea­ter sei­ne eige­ne Funk­ti­on in der Gesell­schaft wie­der­ent­deckt – bevor es ihm selbst an die Bud­gets geht. Ein Thea­ter, das die „Ästhe­tik des Auf­stands“ (Leh­mann) erst ent­deckt, wenn es dar­um geht, die Macher zu ver­tei­di­gen, wird kei­ne Alli­an­zen und Ver­tei­di­ger von außer­halb fin­den, die mehr als ein müdes „Och, nö. Wär scha­de.“ als Pro­test arti­ku­lie­ren.

Aber das ist eigent­lich nicht das The­ma die­ses Pos­tings – und dann am Ende wie­der doch. Von den Bäu­men zu Bau­mol. Damit zu dem The­ma, war­um die Aus­ein­an­der­set­zung mit Öko­no­mie und Öko­no­mis­mus nicht halt machen kann beim Kampf um die eige­nen Thea­ter­etats. Und war­um ein akti­ver und krea­ti­ver Wider­stand gegen die Öko­no­mi­sie­rung der Lebens­ver­hält­nis­se zu spät kommt, wenn es erst um die Ver­tei­di­gung der eige­nen Bud­gets geht.

Das Kos­ten­di­lem­ma der „per­for­ming arts“.

Als ich am Wochen­en­de die leicht irr­sin­ni­ge Prä­sen­ta­ti­on der Unter­neh­mens­be­ra­tung ICG zur Zukunft des Trie­rer Thea­ters auf Twit­ter gesha­red habe (hier die Prä­se), bekam ich von @Fritz dan­kens­wer­ter­wei­se den Hin­weis auf eine Publi­ka­ti­on aus dem Jahr 1966: Wil­liam J. Bau­mol & Wil­liam G. Bowen: Per­for­ming Arts-The Eco­no­mic Dilem­ma: A Stu­dy of Pro­blems Com­mon to Thea­ter, Ope­ra, Music and Dance. Das Buch kos­tet anti­qua­risch lei­der über 8000 Euro – des­we­gen bin ich auf ande­re Quel­len ange­wie­sen. Etwa den von @Fritz geschick­ten Link zu James Heils­bruns Arti­kel Baumol’s Cost Disea­se (hier als PDF) und den knap­pen Wiki­pe­dia-Ein­trag zur „Baumol’schen Kos­ten­krank­heit“ hier.

Bau­mols und Bowens Aus­füh­run­gen sind von enor­mer Bri­sanz, da sie zei­gen, dass kon­ti­nu­ier­li­che Kos­ten­stei­ge­run­gen an Thea­tern kein Pro­blem ist, dem man wirk­lich begeg­nen könn­te, son­dern (und ich benut­ze die­sen Begriff für öko­no­mi­sche Zusam­men­hän­ge nur sehr ungern, hal­te ihn hier aber » Wei­ter­le­sen «

Die Metaphysik des komplexen Quality TV #MediaDivina

Juni 6th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Neben der Live-Ness des „elek­tri­schen Tele­skops“ und dem Pro­gramm-Flow gehört die Seria­li­tät der Inhal­te zu den wesent­li­chen Eigen­schaf­ten des Fern­se­hens. Über die abge­schlos­se­nen For­ma­te des Kri­mi­nal­films etwa hat­te ich hier vor eini­ger Zeit bereits geb­loggt. Das ist aber, mit Blick auf das, was sich gegen­wär­tig im Fern­se­hen tut, nur eine Vari­an­te der Seria­li­tät. Viel wirk­mäch­ti­ger und wuch­ti­ger, viel eigen­ar­ti­ger und erheb­lich erfolg­rei­cher (kom­mer­zi­ell und in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung) sind die For­ma­te, die neu­er­dings als „Qua­li­ty TV“ oder „kom­ple­xe Serie“ sub­sum­miert wer­den, also Seri­en wie Sopra­nos, 24, Lost, Mad Men, Brea­king Bad, Home­land, Game of Thro­nes usw. Seri­en, die – nicht nur – mich begeis­tern und elek­tri­sie­ren und Fern­seh­in­hal­ten eine magne­ti­sche Kraft, ja eine gera­de­zu eupho­ri­sie­ren­de Aura ver­lei­hen, wie sie im Fern­se­hen wenn über­haupt, dann sicher lan­ge nicht mehr vor­ge­kom­men sind.

Anders als die klas­si­scher­wei­se als Serie bezeich­ne­ten For­ma­te, die aus in sich abge­schlos­se­nen Epi­so­den bestehen, sind die­se Seri­en in Abstam­mung der fort­lau­fen­den Fort­set­zung unter dem Namen „Seri­als“ » Wei­ter­le­sen «

Sparnien, Siechenland, Irrland, Kapitalien – die Verschuldeten und die Schuldigen

Oktober 9th, 2012 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Jawoll, recht so. Die Faul­pel­ze aus den Süd­län­dern, die eigent­lich nichts ande­res tun, als am Strand rum­zu­lun­gern, Wein zu ver­kon­su­mie­ren und den Staat aus­zu­plün­dern haben es nicht anders ver­dient, als im Namen einer kos­misch-mone­tä­ren Gerech­tig­keit jetzt die Rech­nung zu beglei­chen. Wäh­rend die deut­schen Amei­sen Som­mers wie Win­ters geschuf­tet haben, um ihren Bau gegen jedes Wet­ter abzu­si­chern, haben die­se Süd­län­der da wie die fabel­haf­te Gril­le nur gezirpt und gesun­gen. Jetzt im Win­ter – sol­len sie hun­gern.

Das ist der Duk­tus, der der Öffent­lich­keit als herr­schen­de Erzäh­lung weiß­ma­chen soll, war­ums denen da jetzt so dre­ckig gehen muss, wie es ihnen geht. Und genau mit die­ser Legen­de, die in ihrer his­to­ri­schen Wirk­macht der Dolch­stoß­le­gen­de gleich­kom­men dürf­te, wird ver­schlei­ert, was sich da tat­säch­lich abspielt. Nicht dass ich ich etwa als gelehr­ter öko­no­mi­scher Scho­las­ti­ker in der Lage wäre, all das more oeco­no­mico aus­ein­an­der­zu­neh­men und anders zu erklä­ren. Das tun zu wol­len, hie­ße ja, sich die­sem Dis­kurs so weit anzu­ver­wan­deln, dass der Blick sich not­ge­drun­gen ver­schlei­ern muss. Igno­ranz ist viel­mehr das Gebot der Stun­de – und die Reduk­ti­on der Betrach­tung des Öko­no­mi­schen auf ein – so weit mög­lich – Außer­halb des öko­no­mi­schen Dis­kur­ses. Und der geht so:

Die unver­ant­wort­li­chen Schul­den­ma­cher?

Mas­sen­blätt­chen erzäh­len ger­ne Geschich­ten dar­über, wie pom­for­ti­onös die Miss­wirt­schaft in dem Land ist, das vor noch nicht all­zu lan­ger Zeit als Wie­ge der euro­päi­schen Hoch­kul­tur gefei­ert wur­de (N.B. wärs anders­rum, die grie­chi­schen Zei­tun­gen könn­ten sicher­lich genüss­lich aus den Jah­res­be­rich­ten des Deut­schen Bun­des­rech­nungs­ho­fes zitieren,von Ber­li­ner Flug­hä­fen und Ähn­li­chem wol­len wir nicht wei­ter reden…). Schau­en wir uns die Zah­len an:


Zwei­er­lei fällt dar­an auf:

  1. So wahn­sin­nig groß ist der Aus­schlag der PIIGS-Staa­ten nicht. Im Ver­gleich zu Japan sind die­se viel­mehr aus­ge­spro­che­ne Spar­bröt­chen.
  2. Die Knicks in den Kur­ven lie­gen in genau den Jah­ren nach­dem fest­ge­stellt wur­de, dass die­se Län­der gar so über­schul­det sind und des­we­gen spa­ren müs­sen. Also: Die Ver­schul­dungquo­te explo­diert, seit fest­ge­stellt wur­de, dass die Län­der zu ver­schul­det sind und von den nicht demo­kra­tisch gewähl­ten Insti­tu­tio­nen wie der Troi­ka dazu ange­hal­ten wer­den, weni­ger Schul­den zu machen und die Staats­haus­hal­te zu redu­zie­ren. Das scheint ja ganz groß­ar­tig zu funk­tio­nie­ren.

Um Schul­den abzu­tra­gen – arbei­tet man am bes­ten weni­ger?

Ein ande­res Dia­gramm, das eben­falls auf Daten der Welt­bank beruh, zeigt, dass die Fol­gen sich als Arbeits­lo­sig­keit aus­drü­cken. Ins­be­son­de­re Spa­ni­er zah­len den Preis für die angeb­li­che Schlu­de­rei mit Arbeits­lo­sig­keit. Arbeits­lo­sig­keit? Wie soll durch stei­gen­de Arbeits­lo­sig­keit eigent­lich der ach so skan­da­lö­se Schul­den­berg abge­tra­gen wer­den?


Sind die Faul­pel­ze so faul­pel­zig, dass sie sich jetzt gar nicht mehr von der Playa fort­be­we­gen wol­len? Und sorgt das dann dafür, dass die Wirt­schaft bes­ser läuft? Schau­en wir mal:


Ach so, bis 2007 war in all den faul­pel­zi­gen Län­dern noch ein ganz ordent­li­ches BIP-Wachs­tum zu fin­den. Dann erst brach es ein. Und seit Grie­chen­land unter dem Dik­tat der Troi­ka steht, geht’s mal rich­tig abwärts. Da regiert mit Anto­nis Sama­ras immer­hin ein Öko­nom, ein Exper­te. Wie auch in Ita­li­en, wo der Gold­man-Sachs-Bera­ter Mario Mon­ti dafür sorgt, dass die Wirt­schaft … brum­melt. SpOn schriebs  vor drei Wochen: Im Jahr 2012 schrumpft die ita­lie­ni­sche Wirt­schaft um 2,6%. Im Jahr 2013 (Pro­gno­se, Pro­gno­se) soll sie um 1,8% schrump­fen. Dabei hat doch die ita­lie­ni­sche Regie­rung alles getan:

Die Tech­no­kra­ten­re­gie­rung von Minis­ter­prä­si­dent Mario Mon­ti hat­te gleich zu Beginn ihrer Amts­zeit ein umfas­sen­des Reform­pro­gramm ange­kün­digt und zum gro­ßen Teil auch durch­ge­setzt. Die Früh­ver­ren­tung wur­de ein­ge­schränkt und die Ren­te mit 67 ein­ge­führt. Gebüh­ren und Steu­ern wur­den erhöht, Aus­ga­ben gekürzt. Doch die Refor­men haben bis­her vor allem die Wirt­schaft abge­würgt. (SpOn)

Dass die grie­chi­sche Tech­no­kra­ten­re­gie­rung mit ähn­li­chen Refor­men unter dem Dik­tat der Troi­ka ähn­li­che Erfol­ge hat, kön­nen wir jeden Tag der Pres­se ent­neh­men. Zum Bei­spiel vor­ges­tern im Mana­ger Maga­zin: Die Wirt­schaft schrumpf­te 2010 um 4,9%, 2011 um 7,1%, 2012 um 6,5%. Dafür steigt die Schul­den­quo­te auf 140% (Quel­le). Hä? War nicht der Schul­den­ab­bau das eigent­li­che Ziel für die „Refor­men“?

Und Spar­ni­en? Wird die­ses und nächs­tes Jahr mehr Schul­den machen. Sie­ben Pro­zent Defi­zit die­ses Jahr, sagt der IWF. 5,7% nächs­tes Jahr. (SpOn) Und die Wirt­schaft? Schrumpft. Die­ses Jahr um 1,8%, nächs­tes Jahr um 1,5% (SpOn).

2007 – was war da gleich noch?

Seit 2007 geht’s abwärts. 2007? Was war da gleich noch? Ach ja, die Ban­ken­kri­se. Die muss­ten geret­tet wer­den. Und dafür wur­den 1,6 Bil­lio­nen Euro von den euro­päi­schen Staa­ten auf­ge­wen­det (Quel­le). 1,6 Bil­lio­nen oder 13% des BIP. Was das mit dem Schul­den­stand zu tun hat, erklärt die Deut­sche Bun­des­bank:

Die deut­schen Staats­schul­den (Gebiets­kör­per­schaf­ten und Sozi­al­ver­si­che­run­gen ein­schließ­lich der zuzu­rech­nen­den Extra­haus­hal­te) betru­gen nach vor­läu­fi­gen Berech­nun­gen zum Jah­res­en­de 2010 in der Abgren­zung des Maas­tricht-Ver­tra­ges rund 2,080 Bil­lio­nen € bezie­hungs­wei­se 83,2 % des BIP. Damit erhöh­te sich der Schul­den­stand gegen­über dem Vor­jahr um 319 Mrd €, und die Schul­den­quo­te nahm um fast 10 Pro­zent­punk­te zu.

In dem star­ken Schul­den­zu­wachs spie­geln sich umfang­rei­che Maß­nah­men zur Finanz­markt­sta­bi­li­sie­rung in Höhe von 241 Mrd € wider, die vor allem im Zusam­men­hang mit den Abwick­lungs­an­stal­ten FMS Wert­ma­nage­ment (HRE) und Ers­te Abwick­lungs­an­stalt (WestLB) stan­den. Die seit 2008 kumu­lier­ten Effek­te von Finanz­markt­stüt­zungs­maß­nah­men auf den Schul­den­stand belie­fen sich gemäß den der­zeit berück­sich­tig­ten vor­läu­fi­gen Wer­ten auf 335Mrd € bzw. 13,4 % des BIP. Dem Zuwachs an Schul­den steht dabei die Über­nah­me von umfang­rei­chen Risi­ko­ak­ti­va gegen­über. Soweit sich die Akti­va im wei­te­ren Ver­lauf ver­wer­ten las­sen, wird sich dies zukünf­tig in einem sin­ken­den Schul­den­stand nie­der­schla­gen. (Quel­le; Her­vorh. Von mir)

Toll. Die Staa­ten ret­ten die Ban­ken, neh­men dafür mehr Schul­den auf, bekom­men dann schlech­te­re Bewer­tun­gen hin­sicht­lich ihrer Kre­dit­wür­dig­keit – und gehen den Bach hin­un­ter. Die Ban­ken hin­ge­gen haben sich präch­tig erholt, wie es das Quar­tals-Chart der Federal Depo­sit Insuran­ce Cor­po­ra­ti­on, der ame­ri­ka­ni­schen Ein­la­gen­si­che­rung » Wei­ter­le­sen «

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