Sparnien, Siechenland, Irrland, Kapitalien – die Verschuldeten und die Schuldigen

Oktober 9th, 2012 § 5 comments Autor: Ulf Schmidt

Jawoll, recht so. Die Faulpelze aus den Südländern, die eigentlich nichts anderes tun, als am Strand rumzulungern, Wein zu verkonsumieren und den Staat auszuplündern haben es nicht anders verdient, als im Namen einer kosmisch-monetären Gerechtigkeit jetzt die Rechnung zu begleichen. Während die deutschen Ameisen Sommers wie Winters geschuftet haben, um ihren Bau gegen jedes Wetter abzusichern, haben diese Südländer da wie die fabelhafte Grille nur gezirpt und gesungen. Jetzt im Winter – sollen sie hungern.

Das ist der Duktus, der der Öffentlichkeit als herrschende Erzählung weißmachen soll, warums denen da jetzt so dreckig gehen muss, wie es ihnen geht. Und genau mit dieser Legende, die in ihrer historischen Wirkmacht der Dolchstoßlegende gleichkommen dürfte, wird verschleiert, was sich da tatsächlich abspielt. Nicht dass ich ich etwa als gelehrter ökonomischer Scholastiker in der Lage wäre, all das more oeconomico auseinanderzunehmen und anders zu erklären. Das tun zu wollen, hieße ja, sich diesem Diskurs so weit anzuverwandeln, dass der Blick sich notgedrungen verschleiern muss. Ignoranz ist vielmehr das Gebot der Stunde – und die Reduktion der Betrachtung des Ökonomischen auf ein – so weit möglich – Außerhalb des ökonomischen Diskurses. Und der geht so:

Die unverantwortlichen Schuldenmacher?

Massenblättchen erzählen gerne Geschichten darüber, wie pomfortionös die Misswirtschaft in dem Land ist, das vor noch nicht allzu langer Zeit als Wiege der europäischen Hochkultur gefeiert wurde (N.B. wärs andersrum, die griechischen Zeitungen könnten sicherlich genüsslich aus den Jahresberichten des Deutschen Bundesrechnungshofes zitieren,von Berliner Flughäfen und Ähnlichem wollen wir nicht weiter reden…). Schauen wir uns die Zahlen an:


Zweierlei fällt daran auf:

  1. So wahnsinnig groß ist der Ausschlag der PIIGS-Staaten nicht. Im Vergleich zu Japan sind diese vielmehr ausgesprochene Sparbrötchen.
  2. Die Knicks in den Kurven liegen in genau den Jahren nachdem festgestellt wurde, dass diese Länder gar so überschuldet sind und deswegen sparen müssen. Also: Die Verschuldungquote explodiert, seit festgestellt wurde, dass die Länder zu verschuldet sind und von den nicht demokratisch gewählten Institutionen wie der Troika dazu angehalten werden, weniger Schulden zu machen und die Staatshaushalte zu reduzieren. Das scheint ja ganz großartig zu funktionieren.

Um Schulden abzutragen – arbeitet man am besten weniger?

Ein anderes Diagramm, das ebenfalls auf Daten der Weltbank beruh, zeigt, dass die Folgen sich als Arbeitslosigkeit ausdrücken. Insbesondere Spanier zahlen den Preis für die angebliche Schluderei mit Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit? Wie soll durch steigende Arbeitslosigkeit eigentlich der ach so skandalöse Schuldenberg abgetragen werden?


Sind die Faulpelze so faulpelzig, dass sie sich jetzt gar nicht mehr von der Playa fortbewegen wollen? Und sorgt das dann dafür, dass die Wirtschaft besser läuft? Schauen wir mal:


Ach so, bis 2007 war in all den faulpelzigen Ländern noch ein ganz ordentliches BIP-Wachstum zu finden. Dann erst brach es ein. Und seit Griechenland unter dem Diktat der Troika steht, geht’s mal richtig abwärts. Da regiert mit Antonis Samaras immerhin ein Ökonom, ein Experte. Wie auch in Italien, wo der Goldman-Sachs-Berater Mario Monti dafür sorgt, dass die Wirtschaft … brummelt. SpOn schriebs  vor drei Wochen: Im Jahr 2012 schrumpft die italienische Wirtschaft um 2,6%. Im Jahr 2013 (Prognose, Prognose) soll sie um 1,8% schrumpfen. Dabei hat doch die italienische Regierung alles getan:

Die Technokratenregierung von Ministerpräsident Mario Monti hatte gleich zu Beginn ihrer Amtszeit ein umfassendes Reformprogramm angekündigt und zum großen Teil auch durchgesetzt. Die Frühverrentung wurde eingeschränkt und die Rente mit 67 eingeführt. Gebühren und Steuern wurden erhöht, Ausgaben gekürzt. Doch die Reformen haben bisher vor allem die Wirtschaft abgewürgt. (SpOn)

Dass die griechische Technokratenregierung mit ähnlichen Reformen unter dem Diktat der Troika ähnliche Erfolge hat, können wir jeden Tag der Presse entnehmen. Zum Beispiel vorgestern im Manager Magazin: Die Wirtschaft schrumpfte 2010 um 4,9%, 2011 um 7,1%, 2012 um 6,5%. Dafür steigt die Schuldenquote auf 140% (Quelle). Hä? War nicht der Schuldenabbau das eigentliche Ziel für die „Reformen“?

Und Sparnien? Wird dieses und nächstes Jahr mehr Schulden machen. Sieben Prozent Defizit dieses Jahr, sagt der IWF. 5,7% nächstes Jahr. (SpOn) Und die Wirtschaft? Schrumpft. Dieses Jahr um 1,8%, nächstes Jahr um 1,5% (SpOn).

2007 – was war da gleich noch?

Seit 2007 geht’s abwärts. 2007? Was war da gleich noch? Ach ja, die Bankenkrise. Die mussten gerettet werden. Und dafür wurden 1,6 Billionen Euro von den europäischen Staaten aufgewendet (Quelle). 1,6 Billionen oder 13% des BIP. Was das mit dem Schuldenstand zu tun hat, erklärt die Deutsche Bundesbank:

Die deutschen Staatsschulden (Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen einschließlich der zuzurechnenden Extrahaushalte) betrugen nach vorläufigen Berechnungen zum Jahresende 2010 in der Abgrenzung des Maastricht-Vertrages rund 2,080 Billionen € beziehungsweise 83,2 % des BIP. Damit erhöhte sich der Schuldenstand gegenüber dem Vorjahr um 319 Mrd €, und die Schuldenquote nahm um fast 10 Prozentpunkte zu.

In dem starken Schuldenzuwachs spiegeln sich umfangreiche Maßnahmen zur Finanzmarktstabilisierung in Höhe von 241 Mrd € wider, die vor allem im Zusammenhang mit den Abwicklungsanstalten FMS Wertmanagement (HRE) und Erste Abwicklungsanstalt (WestLB) standen. Die seit 2008 kumulierten Effekte von Finanzmarktstützungsmaßnahmen auf den Schuldenstand beliefen sich gemäß den derzeit berücksichtigten vorläufigen Werten auf 335Mrd € bzw. 13,4 % des BIP. Dem Zuwachs an Schulden steht dabei die Übernahme von umfangreichen Risikoaktiva gegenüber. Soweit sich die Aktiva im weiteren Verlauf verwerten lassen, wird sich dies zukünftig in einem sinkenden Schuldenstand niederschlagen. (Quelle; Hervorh. Von mir)

Toll. Die Staaten retten die Banken, nehmen dafür mehr Schulden auf, bekommen dann schlechtere Bewertungen hinsichtlich ihrer Kreditwürdigkeit – und gehen den Bach hinunter. Die Banken hingegen haben sich prächtig erholt, wie es das Quartals-Chart der Federal Deposit Insurance Corporation, der amerikanischen Einlagensicherung also, zeigt:

Quelle: FDIC, Quarterly Banking Profile Second Quarter 2012.

Die Gewinne der Deutschen Bank, um nur eine auszuwählen, sind auch wieder auf einem ganz hübschen Kurs unterwegs:

Quelle: Deutsche Bank Geschäftsbericht 2011.

Banken retten, Bürger opfern

Ist das so einfach? Ja, das ist so einfach. Die Staaten stürzen sich in Verschuldung, um Banken zu retten. Zum Dank sorgen dann die Banken dafür, dass die Staaten in die Klemme kommen, zwingen sie zum sparen, treiben sie noch tiefer ins Fiasko. Und spekulieren mit Derivaten auf den Untergang dieser Staaten oder des Euro. Tun sie nicht? Tun sie doch. Wetten?

 

Sparen, sparen, sparen

In Deutschland lautet das Motto der Stunde: Sparen. Nicht nur für die öffentlichen Haushalte. Vor allem auch für die Bürger. Für die Rente muss ja vorgesorgt werden. Am besten durch Rentenversicherungen und Riesterverträge. Die welche Folgen haben? Dass langfristig Geldzufluss zu Banken sichergestellt wird, die damit arbeiten und davon profitieren können. Die Sparwut der Deutschen sorgt dafür, dass die Banken eben jene Munition in den Lauf gesteckt bekommen, mit dem sie die Südländer sturmreif schießen.

Dass es da um ordentliche Munitionsmengen geht, nä,lich um ein Geldvermögen von 4,8 Billionen Euro, zeigt statista in einer hübschen Grafik:

Geldvermögen der Privathaushalte in Deutschland bis 2012
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Das sind nur die Geldvermögen, Immobilien und Ähnliches sind darin nicht enthalten. Und wo genau liegt dieses Geld? Unter Kopfkissen und in Sparstrümpfen? Es liegt bei den … Banken, die damit „arbeiten“. Jedenfalls zu einem großen Teil. Glaubste nicht? Guggst du hier:

Geldvermögen der privaten Haushalte nach Anlagearten
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Und weils die garantiert niedrigsten Erträge für Anleger bringt, zugleich relativ stabil als Verfügungsmasse bei den Banken zur Verfügung steht (Kündigungsfrist), legen wir das Geld wo an? Genau, auf Sparbüchern:

Umfrage zu genutzten Geldanlagemöglichkeiten 2012
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Die Moral von der Geschicht‘

Wer noch immer die Erzählungen von den Faulpelzen in Südeuropa glaubt, der lässt sich sicher auch einreden, Japan habe seit zwei Jahren ein selbstverschuldetes regionales Umweltproblem durch nachlässigen Umgang mit radioaktiven Stoffen. Wer den Atommeiler in Fukushima nicht als Ursache der Verstrahlung benennt, ist ein Lügner. Und die Ursache der „Staatsschuldenkrise“? Sind die Billionenmeiler der Banken. Vielleicht wird selbst Angela Merkel eines Tages selbst so wach, dass sie sich von ihren Beratern aus der Atom… nein Bankenwirtschaft trennt und einfach den Ausstieg aus der Finanzwirtschaft plant. Banken abschalten.

 

 

 

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§ 5 Responses to Sparnien, Siechenland, Irrland, Kapitalien – die Verschuldeten und die Schuldigen"

  • Fritz sagt:

    Gut ist dies hier: „Wie soll durch steigende Arbeitslosigkeit eigentlich der Schuldenberg abgetragen werden?“ Das ist in der Tat das Kerndilemma der augenblicklichen Situation.
    Vom ganzen Rest der Argumentation können die Zahlen stehen bleiben und die Erklärungen kanst du alle streichen. Sie beruhen auf solider Unkenntnis des Zusammenhangs von Verschuldung, BIP, Bankbilanzen, Guthaben etc.
    Auch der Popanz des „Die sind alle faul“ Vorwurfs stimmt ja nicht. Die Kritik an den griechischen Staatsfinanzen hat viel mit Steuervermeidung der Reichen, überdimensionierten Staatshaushalt, Desorganisation des Staatswesens zu tun, dann natürlich auch mit Statistikbetrug. Spanien hat viel mit der Verblendung und Gier von Bankern und Baukonzernen zu tun, die endlos viel Appartements produziert haben – klassische Immoblase. Das hat natürlich – exakt wie in den USA – eine Weile für ein schön geschminktes BIP gesorgt, aber irgendwann kommt eben die Quittung.
    Das die Banken gerettet worden sein, ist mindestens teilweise ein Mythos. Wie die West LB sind auch andere ungergegangen bzw. verstaatlicht worden. Das Kapital wurde zum Teil drastisch verwässert (Commerzbank), abgeschrieben etc. Gerade gestern diese schöne Story gelesen: http://www.mauldineconomics.com/ttmygh/things-i-don-t-understand Und vorhin auf der Buchmesse Deutschbanker gesprochen: Da werden in den nächsten 2 Jahren 25% (!!!) der Arbeistplätze gekillt „und diesmal fangen die oben an“.
    Und warum sind die Gewinne zuletzt gestiegen? Nicht zuletzt wg. wegen politisch verordneter Bilanzregeln. Demnach müssen Assets zum Marktpreis bilanziert: Gehen Anleihen in 1 Jahr runter im Kurs, sind Verluste festzustellen. Gehen die Kurse wieder rauf, sind Gewinne zu bilanzieren (und zu versteuern). Getan hat sich da eigentlich realiter nicht viel.
    Bei all dem darf man vor allem nicht übersehen, wie Staat und Banken eine Lebensgemeinschaft bilden, es sei denn die EZB würde die Staaten direkt finanzieren. Denn die Spargroschen, mit denen die Banken „Profit scheffeln“, wandern ja überwiegend in Anleihen (Kredite auch, vor allem bei den Sparkassen läuft die Finanzierung von Krediten viel über Kundeneinlagen).
    Wie auch immer: Wer immer auf einen Sündenbock zeigt, kann auch sich selbst angucken. In dem ganzen Desaster gibt es keine gesellschaftliche Gruppe, die nicht in irgendeinerweiser die Sache mitgetragen hat. Die Politiker mit unfinanzierbaren Wahlversprechen (Politiker können nämlich eigentlich nur eins: Geld ausgeben, das ist ihre Kernkompetenz und das Schönste, wenn man einem Ministerium vorsteht), Unternehmer, die immer munter staatliche „Konjunkturimpulse“ verlangt haben, Banke, die immer gieriger wurden, Menschen wie du und ich, die dem Staat immer mehr Aufgaben/Ausgaben abverlangt haben etc. Es war und ist eben ein System.

  • Postdramatiker sagt:

    So erzählt sich ein jeder Jeck sine eigene Geschichte. Halten wir fest: Auf der einen Seite schieben Menschen den Banken ihre Ersparnisse rüber, bzw. lassen sie von den Arbeigebern überweisen und versuchen auf Sparbüchern wenigstens der Inflation zu entkommen. In der Mitte finden lustige Spiele mit Bilanzierungen und Buchgeld statt. Und am Ende werden wieder „reale“ Effekte produziert, da von den Löhnen höhere Steuern abgeführt werden müssen, die Sozialleistungen zusamengestrichen werden und Arbeitsplätze den Bach runter gehen. Die Zusammenhänge dazwischen sind mehr oder weniger scholastisch.

  • Fritz sagt:

    „Lustige Spiele“? Ich weiß nicht, was du damit meinst. Es wurden zu viele Kredite gewährt an: Unternehmen, Privatleute, Staaten. Die werden jetzt nach und nach in den Schornstein geschrieben. In Spanien zum Exempel sind knapp 10% der Kredite „notleidend“, werden also nicht mehr bedient. Jetzt findet eine Art nachträgliches Sparen statt.
    Man kann sich fragen, warum alle diese Kredite gewährt wurden. Es haben alle darüber gejauchzt. Auch Gewerkschaften. Auch Kommunen.

  • Postdramatiker sagt:

    Was meinst du mit „zu viele Kredite“? Ein Kredit ist eine simple Buchung. Vergebe ich ihn, trage ich ihn in die Bilanz ein, fällt er aus, steiche ich ihn wieder. Was habe ich verloren? Nichts. Was habe ich gewonnen? Das Haus des überschuldeten Schuldners. Einem Staat die Hälfte der Schulden zu streichen ist ein simpler Buchungsakt. Die Bank verliert – abgesehen von erwarteten Zinsen – nichts dabei. Das ist das lustige Spiel. Fiat money – pereat money.
    Und was eigentlich glaubst du, würden Banken als sichere Papiere bei ihren Zentralbank-Kreditaufnahmen hinterlegen können, wenn nicht öffentliche Haushalte Schulden machten und damit sichere Schuldverschreibungen böten?
    ABer auch das sind – deine wie meine – nur Erzählungen.

  • Fritz (@Fritz) sagt:

    So wie auf dem Theater, so irreal geht es dann in den Bankbilanzen doch nicht zu. Anders wäre ja kaum zu erklären, dass alle Banken sich in den letzten Jahren händeringend um frisches Kapital bemühen mussten, sprich: die Aktionäre durften frisch einzahlen. Warum? Weil jeder Kredit eben auch mit Eigenkapital unterlegt ist und die Bank selbstverständlich für die ganze Summe gerade steht mit den Sicherheiten, die sie dafür hinterlegt hat. Da verschwindet nicht nur Geld, sondern Eigenkapital, für dessen Vorhaltung bekanntlich Regeln gelten, die in letzter Zeit noch verschärft wurden. Der Witz ist ja eben der, dass eine Bank, die 500 Mrd. ausgeliehen hat, bankrott ist, wenn 30 Mrd. ausfallen. Das war ja der Mechanismus bei der Finanzkrise. Und das ist auch der Grund, warum Spaniens Banken vor dem Ruin stehen, wenn 10% der Kredite notleidend sind. Dann muss nachgeschossen werden – oder Systemzusammenbruch. Oder eben: Staat, EZB drucken frisches Geld. Gratis ist das aber alles nicht.

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