“Das Prinzip Jago” und Fakenews in Essen

März 12th, 2017 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Bericht­erstat­tung der letz­ten Stun­den ist weni­ger, was in Essen bei der Schlie­ßung des Ein­kaufs­zen­trums “Lim­be­cker Platz” wirk­lich statt­ge­fun­den hat. Inter­es­sant ist die Bericht­erstat­tung selbst — und die Fra­ge, was denn eigent­lich berich­tet und her­aus­ge­fun­den wer­den kann, solan­ge der Poli­zei ent­we­der noch nicht bekannt oder zumin­dest von der Poli­zei noch nicht zwei­fels­frei ver­laut­bart ist, was die Situa­ti­on ist. Was also die “Sache” ist, was die Fak­ten sind, die berich­tet und inter­pre­tiert wer­den kön­nen.

Es gab eine konkrete Anschlagsplanung?

Spie­gelOn­line ist im Ren­nen um die schnells­te Exklu­siv­mel­dung immer mit am Start — und weiß des­we­gen mit­zu­tei­len:

Über­schrift: Deut­scher Dschi­ha­dist soll Ter­ror­grup­pe mit Anschlag beauf­tragt haben

Heißt: SpON setzt in der Über­schrift als gesi­cher­te Tat­sa­che vor­aus,

  • dass ein kon­kre­ter Anschlag bevor­stand,
  • dass die­ser ter­ro­ris­ti­sche Moti­va­ti­on hat­te
  • und von einer Grup­pe von Tätern aus­ge­führt wer­den soll­te.

Als nicht gesi­cher­te, aber doch so wahr­schein­lich zutref­fen­de Tat­sa­che, dass sich dar­über berich­ten lässt, wird ver­mel­det,

  • dass es einen Auf­trag für den Anschlag gege­ben hat,
  • der von einem Islamisten/Dschihadisten gege­ben wur­de,
  • der zudem deut­scher Staats­bür­ger ist.

Eine ein­zi­ge Head­line — vie­le Fak­ten­be­haup­tun­gen. Oder soll­te das “soll” ein Hin­weis dar­auf sein, dass sämt­li­che auf­ge­lis­te­ten Fak­ten­be­haup­tun­gen unge­si­chert sind? Eine Kurz­form der For­mu­lie­rung: Falls es in Essen einen Anschlag­plan gege­ben hat, der von einer Ter­ror­grup­pe aus­ge­führt wer­den soll­te, dann wur­de die­ser von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? For­mal­lo­gisch wäre die­se Aus­sa­ge schwer zu fal­si­fi­zie­ren. Aller­dings wäre sie blöd­sin­nig. Eine Mel­dung, in der sowohl die Exis­tenz des Anschlags­plans wie auch die Beauf­tra­gung oder gar die Exis­tenz eines bestimm­ten auf­trags­be­fä­hig­ten Dschi­ha­dis­ten spe­ku­la­tiv und nicht gesi­chert ist, wäre kei­ne Mel­dung son­dern Hum­bug. Ent­we­der steht als gesi­cher­tes Fak­tum ein Dschi­ha­dist, für den die Beauf­tra­gung eines Anschlags Spe­ku­la­ti­on ist (Hat er…?) oder der Auf­trags­plan ist das Fak­tum und der Dschi­ha­dist spe­ku­la­tiv (Wer hat…?) Aber einen spe­ku­la­ti­ven Dschi­ha­dis­ten einen spe­ku­la­ti­ven Anschlag pla­nen zu las­sen ist … in die­ser Form so lan­ge Fake-News wie nicht zumin­dest eine der bei­den Fak­ten­be­haup­tun­gen tat­säch­lich zuver­läs­sig beleg­bar ist.

Das hin­dert SpOn nicht an der Ver­tie­fung und Kolo­rie­rung der “Mel­dung”:

  •  “Kam der Auf­trag zu einem Anschlag auf das Esse­ner Ein­kaufs­zen­trum aus Syri­en?”
  • “Die Ermitt­ler könn­ten einen ver­hee­ren­den Anschlag im Ein­kaufs­zen­trum “Lim­be­cker Platz” ver­hin­dert haben”
  • “Laut dpa soll­te ein Teil der Grup­pe aus dem Aus­land anrei­sen.”
  • “Den Berich­ten zufol­ge stammt der mög­li­che Auf­trag­ge­ber aus Ober­hau­sen und ist Mit­glied der sala­fis­ti­schen Sze­ne.”
  • “Laut “Bild” habe er das Kom­man­do zum Anschlag offen­bar im Auf­trag der IS-Füh­rung gege­ben.”

Und so wei­ter. Aber was wenn es die­sen Anschlags­plan gar nicht gab? Nicht von einem Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? Nicht aus Syri­en? Nicht von einer Grup­pe? Nicht ver­hee­rend? Nicht von der IS-Füh­rung?

Es gab keine konkrete Anschlagsplanung?

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Inter­es­sant nun an die­ser gegen 16 Uhr  erschie­nen Mel­dung (hier der ver­link­te Arti­kel) ist, dass es — laut Bon­ner Gene­ral­an­zei­ger — “kei­ne kon­kre­ten Vor­be­rei­tun­gen auf einen Anschlag” gab. Was wie­der­um vom zustän­di­gen NRW-Innen­mi­nis­ter ver­laut­bart wur­de. Das kann nun zu Fra­gen an die Poli­zei füh­ren, die hier aber weni­ger inter­es­sant sind — weil die­je­ni­gen, die die­se Fra­gen zu stel­len hät­ten, Jour­na­lis­ten wären. Und die­se Jour­na­lis­ten mit der Auf­klä­rung eines Sach­ver­halts zu beauf­tra­gen. an deren Ver­dun­ke­lung sie erheb­lich betei­ligt waren, ist rela­tiv kuri­os. Wes­we­gen hier also die Fra­ge an die die Pres­se­mit­ar­bei­ter selbst zu gehen haben. Die da lau­tet:

Wie kann es sein, dass über einen kon­kre­ten Anschlags­plan inklu­si­ve Hin­ter­grund-Details als gesi­cher­te Tat­sa­che berich­tet wird, den es offen­bar nicht gab? Der Vor­wurf lau­tet dabei nicht, dass über die Esse­ner Situa­ti­on (Sper­rungs Ein­kaufs­zen­trum) berich­tet wur­de. Der Vor­wurf lau­tet dahin­ge­hend, dass als Fak­tum berich­tet wur­de, was offen­bar (noch) nicht fak­tisch war: dass es einen Anschlags­plan gab. Bericht­ba­re Fak­ten waren offen­bar: Das Ein­kaufs­zen­trum wur­de von der Poli­zei gesperrt. Die Poli­zei gibt als Grund Hin­wei­se auf einen bestehen­den Anschlag an.

SpOn ist es offen­bar zu lang­wei­lig, die “Entwarnungs”-Meldung auch nur ansatz­wei­se in ver­gleich­ba­rer Pro­mi­nenz zu brin­gen. Für den eili­gen SpOn-Leser bleibt im Rau­me und Gedächt­nis ste­hen: Es gab den Plan für einen ver­hee­ren­den Anschlag in Essen, der von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt und von der muti­gen und gut infor­mier­ten Poli­zei ver­hin­dert wur­de. Womit sich anschlie­ßend Sicher­heits­po­li­tik machen lässt.

Es gab keine und eine konkrete Anschlagsplanung?

Der Gene­ral-Anzei­ger wie­der­um ent­schei­det sich in die­ser Situa­ti­on für Schi­zo­phre­nie: Nach­dem ver­kün­det wird, dass es kei­nen Anschlags­plan gab, fährt der­sel­be Arti­kel fort, als habe es die­sen Anschlag­plan doch gege­ben:

Laut NRW-Innen­mi­nis­ter Ralf Jäger stand in Essen kein unmit­tel­ba­rer Anschlag bevor.… Mut­maß­li­cher Draht­zie­her soll nach dpa-Infor­ma­tio­nen aus Sicher­heits­krei­sen ein deut­scher Kämp­fer der Ter­ror­mi­liz Isla­mi­scher Staat (IS) sein. Er soll von Syri­en aus per Inter­net-Mes­sen­ger meh­re­re Per­so­nen direkt kon­tak­tiert und ver­sucht haben, sie für einen Angriff auf das Ein­kaufs­zen­trum zu moti­vie­ren. Ein Teil der mut­maß­li­chen Täter­grup­pe soll sich in Deutsch­land befun­den haben, ein ande­rer Teil soll­te aus dem Aus­land anrei­sen.

Der Ein­satz wur­de inzwi­schen been­det, doch die Ermitt­lun­gen zu den auf­ge­flo­ge­nen Anschlags­plä­nen gehen wei­ter. Die Poli­zei blei­be wach­sam, beton­te ein Spre­cher.(Quel­le; Fet­tun­gen von mir)

Der nicht exis­ten­te Plan hat­te also einen Draht­zie­her, der zum IS gehört und in Syri­en sitzt, für den eben als nicht exis­tent gemel­de­ten Plan steht eine Täter­grup­pe. Und die­se nicht-exis­ten­ten Anschlags­plä­ne sind auf­ge­flo­gen. Ver­ehr­te GA-Jour­na­lis­ten: Gibt es jetzt einen Plan, der auf­ge­flo­gen ist (und der Beginn des Arti­kels ist falsch) oder gibt es kei­nen Plan und die Aus­füh­run­gen über den Plan sind falsch? Und was genau ist der Unter­schied zwi­schen Falsch­mel­dung aus jour­na­lis­ti­scher Schlam­pig­keit und Fake-News?

Fazit

Hat es einen Plan gege­ben? Wer weiß es? Wer weiß, was die Poli­zei weiß? Wer weiß, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was sie Poli­zei weiß? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei über einen ver­mut­li­chen Anschlag ver­mu­tet? Wer weiß schon, was Fak­ten sind? Wozu auf Fak­ten warten,w wenn es zu berich­ten gilt? Oder wie es im “Prin­zip Jago” heißt:

Sei schnell. War­te nicht. Zöge­re nicht. Denk nicht. Berich­te! Was rein­kommt geht raus — bevor ande­re es sen­den. Lie­ber ein­mal mehr Kon­junk­tiv , als zwei­mal zu spät. Soll Alla­hu Akbar gesagt haben, könn­te bedeu­ten, dass der IS dahin­ter steckt laut unbe­stä­tig­ten Anga­ben ein ille­ga­ler Migrant, aus gut infor­mier­ten Krei­sen ist zu hören, dass die Poli­zei ihn im Visier hat­te, Exper­ten sagen, dass das Mus­ter zum IS passt — das reicht völ­lig, um uns gegen den Vor­wurf der Falsch­mel­dung zu ver­tei­di­gen, machen alle so, müs­sen wir also auch. Kapiert? (Hier der Voll­text als PDF)

 

Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated]

Oktober 9th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated] § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der Mit­te des vier­ten Aktes trägt in “Das Prin­zip Jago” der neu ernann­te Nach­rich­ten-Redak­teur Ben “Blei­ben Sie auf dem rech­ten Weg” Sützl sei­ne Leit­li­ni­en für die Nach­rich­ten der Zukunft vor. Und eine Woche nach der Esse­ner Urauf­füh­rung geriert sich die Tages­schau anläss­lich eines Vor­fal­les in Chem­nitz, als wol­le sie direkt mit der Umset­zung begin­nen.

Hier ein Aus­zug aus » Wei­ter­le­sen «

Das Prinzip Jago — Text-Download, Trailer, Kritiken

Oktober 9th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wer sich für das Arbeits­er­geb­nis des Esse­ner Wri­ters Rooms, den Stück­text von “Das Prin­zip Jago” inter­es­siert, kann ihn hier direkt und in vol­ler Län­ge als PDF her­un­ter­la­den: Down­load-Link via Web­sei­te des Schau­spiel Essen.

Einen klei­nen Ein­druck von der Insze­nie­rung ver­mit­telt der Trai­ler des Schau­spiel Essen:

Eini­ge Kri­ti­ken:

In Thea­ter Heu­te 10/2016 ist zudem ein Inter­view mit den Betei­lig­ten des Esse­ner Wri­ters Room Vol­ker Lösch, Vera Ring, Oli­ver Schmaering und mir zu lesen. Der Arti­kel ist hier (kos­ten­pflich­tig) online zu fin­den. Oder in der Okto­ber-Print­aus­ga­be.

Writers Room Projekt am Schauspiel Essen: “Das Prinzip Jago”

Mai 12th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bereits seit Ende Febru­ar 2016, also seit drei Mona­ten, ist am Schau­spiel Essen ein Wri­ters Room Pro­jekt am Start, an dem ich betei­ligt bin: zusam­men mit dem Regis­seur Vol­ker Lösch, der Esse­ner Chef­dra­ma­tur­gin Vera Ring und dem Thea­ter- und Dreh­buch­au­to­ren Oli­ver Schmaering ent­steht eine Arbeit mit dem Titel „Das Prin­zip Jago“ nach Moti­ven aus „Othel­lo“ von Shake­speare. Kei­ne Stück­be­ar­bei­tung, kei­ne Über­set­zung, kei­ne Moder­ni­sie­rung, son­dern ein von vor­ne bis hin­ten neu geschrie­be­ner Text mit eige­ner Hand­lungs- und Sze­nen­struk­tur. In einem Wri­ters Room, der Schrei­ber, Regie, Dra­ma­tur­gie, zeit­wei­se auch Büh­nen­bild (Caro­la Reu­ther) und dem­nächst even­tu­ell noch wei­te­re Kom­pe­ten­zen ver­sam­melt, um gemein­sam an einem Gemein­sa­men zu arbei­ten. Die Urauf­füh­rung wird am 1.10.2016 am Schau­spiel Essen sein.

Wor­um es bei “Das Prin­zip Jago” gehen soll und wird, ist auf der Web­sei­te des Thea­ters seit heu­te zu lesen. Unter die­sem Link.

Mein Plä­doy­er für Wri­ters Rooms an Thea­tern ist auf nacht­kri­tik zu fin­den, hier.

Wer sich für die­se Arbeits­wei­se inter­es­siert und sie aus­pro­bie­ren möch­te, kann sich für einen soeben aus­ge­schrie­be­nen Wri­ters Room an den Wie­ner Wort­stät­ten bewer­ben. Die Aus­schrei­bung ist hier zu fin­den.

Und wer 8 Minu­ten Zeit hat, sich anzu­se­hen, wie in einem Zeit­raum von gut zwei Wochen (!) eine (!) Epi­so­de von Brea­king Bad ent­stand, der kann hier schau­en:

Dercon, Renner, Peymann, Castorf – Der Sturm im Berliner Wasserglas

April 9th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN
DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT
DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN
(Hei­ner Mül­ler, ehe­ma­li­ger Lei­ter des BE)

 

Viel ist es nicht, was zur Zeit bekannt ist über die Zukunfts­pla­nung der Ber­li­ner Volks­büh­ne – des­we­gen lässt sich treff­lich spe­ku­lie­ren, dis­ku­tie­ren, pole­mi­sie­ren, agi­tie­ren.

Berich­tet wird am 26.03. im Tages­spie­gel, es gäbe das Gerücht, die Ber­li­ner Kul­tur­ver­wal­tung, per­so­ni­fi­ziert durch den Kul­tur­staats­se­kre­tär Tim Ren­ner, pla­ne die Lei­tung der Volks­büh­ne ab 2017 an Chris Der­con zu geben. Der­con sol­le als Kura­tor fun­gie­ren, Erfah­rung sei ihm nicht abzu­spre­chen, aller­dings eher im Rah­men der bil­den­den Kunst in einem sehr wei­ten Sin­ne. Unter Beweis gestellt hat er sie als Lei­ter des Hau­ses der Kunst in Mün­chen und als Lei­ter der Tate Modern in Lon­don. Ob das tat­säch­lich eine kon­kre­te Pla­nung ist, ob es sich um Ide­en und Gesprä­che han­delt oder um über­wie­gend sub­stanz­lo­se Spe­ku­la­ti­on ist gegen­wär­tig nicht wirk­lich klar. Hin­dert aber auch nicht an tosen­den Stel­lung­nah­men. Im Gegen­teil.

Die Spe­ku­la­ti­ons­bla­se

In der Welt schreit es direkt nach „Ret­tung“ vor dem Kura­tor Der­con. Auf nacht­kri­tik wird die ers­te Mel­dung wenig kom­men­tiert, erst nach­dem Claus Pey­mann am 1. April einen offe­nen Brief (PDF) an den Kul­tur­se­na­tor und Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler ver­schickt, kommt die Debat­te in Gang (hier): Unter­gang der Volks­büh­ne im Beson­de­ren, der (Ber­li­ner) Kul­tur im All­ge­mei­nen hie – Auf­bruch und Inter­es­se da. Und die neu­es­te Mel­dung über ein Pey­mann-Inter­view auf nacht­kri­tik setzt gera­de an, das argu­men­ta­ti­ve Flo­rett durch die Keu­le zu erset­zen.

Pey­mann beschwert sich, kei­nen Ter­min bei Ren­ner bekom­men zu haben, schmäht Ren­ner als ‚uner­fah­re­nen und über­schät­zen Mann’ und als „größ­te Fehl­be­set­zung des Jahr­zehnts“ – unter ande­rem mit Hin­weis auf sei­ne Initia­ti­ve zum Live-Strea­ming von Thea­ter­auf­füh­run­gen. Ren­ner schlägt zurück und weist dar­auf hin, dass Pey­mann nicht mehr der Jüngs­te sei (hier Bericht der Ber­li­ner Zei­tung) – ein alter Mann, des­sen Thea­ter ihn nicht beson­ders inter­es­sie­re. Was wie­der­um Pey­mann pro­vo­ziert, über Ren­ner her­zu­zie­hen. Auf nacht­kri­tik wird wie­der­ge­ge­ben:

“Jung, frisch, ein bis­serl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhyth­mus aus”. Er habe sich ein paar­mal mit ihm getrof­fen, “der weiß vom Thea­ter nix”. (…) Pey­manns Fazit: “Der Ren­ner muss weg. Und der Bür­ger­meis­ter muss die Kul­tur­agen­da abge­ben, er kann es nicht!” Auch sein eige­ner Nach­fol­ger, Oli­ver Ree­se, “unter­schei­de sich äußer­lich nur unwe­sent­lich von Ren­ner”, bei­de ver­kör­pern den­sel­ben Phä­no­typ.

Har­te Num­mer. Pey­mann mit Cas­torf (der in der ZEIT vor eini­gen Wochen „Visi­ons­lo­sig­keit“ der Ber­li­ner Kul­tur­po­li­tik dia­gnos­ti­zier­te) ver­sus Ren­ner und Mül­ler. Dazwi­schen Der­con und letzt­lich auf Ree­se. Eine Macho-Schlamm­schlacht im Kul­tur-Vati­kan. Kuri­en­kar­di­nal Pey­mann als » Wei­ter­le­sen «

Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream

Dezember 11th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern Abend wur­de in der Boell-Stif­tung über die Fra­ge: “Schau­spiel im Live­stream — Fluch oder Segen” dis­ku­tiert. Dafür hat­te ich mir im Vor­feld ein paar Gedan­ken gemacht, mit denen ich mein Podi­ums-State­ment bestrei­ten woll­te. Nach dem gran­dio­sen Stream aus dem Schau­spiel Dort­mund mit Kay Voges’ Insze­nie­rung von Sarah Kanes “4.4. Psy­cho­se” hab ich dann ent­schie­den, nur rela­tiv knapp eini­ge weni­ge Über­le­gun­gen dar­aus anzu­brin­gen. Die gan­ze Sache des­we­gen jetzt hier:

Reak­tio­nen auf die Fra­ge: “Thea­ter-Strea­ming- Ja oder Nein?” oder: “I can haz live­stream?”

Die ers­te Reak­ti­on: Ja klar, sofort. Die Tech­nik ist da, es ist eine groß­ar­ti­ge Chan­ce zur Öff­nung von Thea­tern in den digi­ta­len Raum, die Mög­lich­keit die Teil­ha­be zu erwei­tern, Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht im Thea­ter­raum anwe­send sein kön­nen oder wol­len Zugang zu ver­schaf­fen – immer­hin ist die Access-The­ma­tik einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le der uto­pi­schen Erzäh­lung vom Inter­net. Abwe­sen­de Zuschau­er bekom­men Zugang, kön­nen in unter­schied­li­chen Orten halb-anwe­send sein, Thea­ter­ma­cher kön­nen sich von ande­ren Thea­ter­ma­chern inspi­rie­ren las­sen. Klingt toll.

Die zwei­te Reak­ti­on: Wenn ihr es macht, macht es ver­nünf­tig. Die ner­vi­gen “Kame­rahei­nis” drei Tage vor der Pre­mie­re ein paar Minu­ten rein- und ihr Equip­ment auf­bau­en las­sen, dann die Sache irgend­wie ins Netz brin­gen, ist ein » Wei­ter­le­sen «

“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014

November 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für “Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich habe ver­ges­sen, den Text online zu stel­len. Das gilt es, jetzt nach­zu­ho­len für alle, die nach­le­sen möch­ten. Der ers­te Teil des Tex­tes ist eine kür­ze­re, leicht über­ar­bei­te­te Ver­si­on des Mann­hei­mer und Dort­mun­der Vor­tra­ges. Im letz­ten Teil dann mehr zum Frei­en und Stadt­thea­ter.
Hier ist der Vor­trag als PDF.

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die “kostbare kleine Institution”

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vor­trag zum agi­len Thea­ter hat­te ich als vor­läu­fi­ge Arbeits­de­fi­ni­ti­on von Thea­ter ange­ge­ben, es sei “ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt.” Zudem gab es den Ver­weis auf Dirk Baeckers sehr schö­ne For­mu­lie­rung vom Thea­ter als “Labor der prak­ti­schen Ver­nunft” (in: Wozu Thea­ter?). Bei der Lek­tü­re von Bru­no Latours Eine neue Sozio­lo­gie für eine neue Gesell­schaft ist mir nun eine Pas­sa­ge unter­ge­kom­men, die sich zur Prä­zi­sie­rung die­ser For­mu­lie­run­gen eig­net, wie­wohl das Ori­gi­nal­zi­tat dafür eine klei­nen Ver­dre­hung hin zu Thea­ter bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbe­stimmt­heit des ANT-Sozio­lo­gen die Pra­xis des Ver­fer­ti­gens sozio­lo­gi­scher Berich­te und argu­men­tiert — ver­kürzt gesagt — für eine gedul­di­ge, klein­tei­li­ge, ent­fakt­ten­de, nicht vor­schnell ins Erklä­ren abdrif­ten­de Form der nahen, fast  schrift­stel­le­ri­schen Ver­fer­ti­gung von “guten” Tex­ten. Und was er gele­gent­lich von sol­chen ANT-sozio­lo­gi­schen Tex­ten schreibt, lässt sich nahe­zu 1:1 auch auf Thea­ter (oder viel­leicht zunächst Thea­ter­tex­te) über­tra­gen. Er schreibt über den text­lich Berich­ten­den:

Er bie­tet eine künst­li­che Stät­te an (den text­li­chen Bericht) {oder die Büh­ne; U.S.}, der für ein bestimm­tes Publi­kum etwa die Fra­ge lösen könn­te, zu wel­cher gemein­sa­men Welt man gehört. Ver­sam­melt um das ‘Labo­ra­to­ri­um’ des Tex­tes {Büh­ne; U.S.} fan­gen Auto­ren wie auch Leser viel­leicht damit an, die bei­den Mecha­nis­men sicht­bar zu machen, die zum einen für die Plu­ra­li­tät der zu berück­sich­ti­gen­den Asso­zia­tio­nen ver­ant­wor­lich sind, zum ande­ren für die Sta­bi­li­sie­rung oder Ver­ein­heit­li­chung der Welt, in der sie leben möch­ten. Einer­seits ist es nur ein Text aus Papier­bö­gen, von einem Tin­ten- oder Laser­strahl geschwärzt. Ande­rer­seits eine kost­ba­re klei­ne Insti­tu­ti­on, um das Sozia­le für alle sei­ne Betei­lig­ten zu reprä­sen­tie­ren, oder genau­er, zu re-prä­sen­tie­ren, das heißt, um es ihnen von neu­em zu prä­sen­tie­ren, ihm eine Per­form­anz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu ver­lan­gen heißt of, weni­ger zu bekom­men. Vie­le ‘macht­vol­le Erklä­run­gen’ mögen sich als weni­ger über­zeu­gend her­aus­stel­len als schwä­che­re. {S. 241f.; Anmer­kun­gen in geschweif­ten Klam­mern von mir; U.S.}

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Ein Theater, das sich selbst umbaut: Joshua Prince-Ramus über das Wyly-Theater in Dallas

Juli 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter­bau­ten sind und waren immer Bau­wer­ke mit einem hohen Tech­ni­sie­rungs­grad: von Anbe­ginn an, als das thea­tron nicht nur ein tech­ni­sches Meis­ter­werk der Akus­tik war, son­dern zudem mit mecha­né und ekky­kle­ma aus­ge­stat­tet wur­de, über die Tech­nik der Renais­sance­ma­le­rei, die baro­cke Licht­tech­nik, Dreh­büh­ne, ver­schieb­ba­re Sei­ten- und Hin­ter­büh­nen, Schnür­bö­den mit kom­ple­xen Zug-Steue­run­gen, bis hin zur moder­nen Licht-, Ton und Film­tech­nik. Thea­ter waren Kunst­räu­me der Hand­werks­kunst und Tech­no­lo­gie eben­so­sehr wie Räu­me mensch­li­cher Dar­stel­lungs­kunst, die selbst immer wie­der zur Schau­spiel-Tech­nik zu ver­wan­deln ver­sucht wur­de.

In die­sem Zusam­men­hang ist das fol­gen­de Video durch­aus span­nend, in dem der Archi­tekt Joshua Prince-Ramus sein Kon­zept und die Rea­li­sie­rung » Wei­ter­le­sen «

“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag beim NRW Theatertreffen 2014

Juni 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Fol­gen­den ist der Vor­trag als PDF zu fin­den und her­un­ter­zu­la­den, den ich bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des NRW Thea­ter­tref­fens 2014 in Dort­mund die Ehre und das Ver­gnü­gen hat­te zu hal­ten. Zusätz­lich stel­le ich hier noch ein­mal den län­ge­ren Vor­trag “Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter” (gehal­ten auf der Jah­res­ta­gung der Dra­ma­tur­gi­schen Gesell­schaft 2014 in Mann­heim) zur Ver­fü­gung. Außer­dem die von mir aus den Sta­tis­ti­ken des Deut­schen Büh­nen­ver­eins für die Thea­ter in Nord­rhein-West­fa­len zusam­men­ge­stell­ten Zah­len in einer Excel-Datei zum Down­load.

»Der Dort­mun­der Vor­trag kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den.Die Prä­sen­ta­ti­ons-Bil­der sind eben­falls in die­sem PDF zu fin­den.

»Die Excel-Datei mit den Büh­nen­ver­eins-Zah­len für Nord­rhein-West­fa­len kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den. Ich hof­fe, die Beschrif­tun­gen sind eini­ger­ma­ßen ver­ständ­lich. Soll­ten in die­ser Datei trotz aller Sorg­falt Über­tra­gungs­feh­ler vor­kom­men, bit­te ich dafür um Ent­schud­li­gung und um Hin­weis, damit ich kor­ri­gie­ren kann.

»Wer den län­ge­ren Vor­trag aus Mann­heim mit den Aus­füh­run­gen über die agi­le Orga­ni­sa­ti­on her­un­ter­la­den möch­te, wird hier fün­dig.

»Und dies sind die Mann­hei­mer Prä­sen­ta­ti­ons-Sli­des:

 

»Außer­dem ist der Mann­hei­mer Vor­trag auch in einer leicht geän­der­ten Form auf nachtkritik.de zu fin­den: Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter.

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