Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen

September 9th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf dem Jour­na­lis­ten-Bran­chen­por­tal Mee­dia fin­det sich heu­te ein inter­es­san­ter Text von Ste­fan Win­ter­bau­er (Hier). Dar­in wird die Kri­se des Jour­na­lis­mus aus­nahms­wei­se nicht als Auf­la­gen­kri­se, son­dern als Kri­se der Erzäh­lung beschrie­ben: Anläss­lich der gest­ri­gen Sen­dung von Frank Plas­bergs „Hart aber Fair“ wird geschil­dert, wie die Ver­su­che, dort zu einer gemein­sa­men Erzäh­lung des Ukrai­ne-Kon­flikts zu kom­men, gleich­zei­tig in einer „Gegen­öf­fent­lich­keit“ in den digi­ta­len, sozia­len Medi­en kon­fron­tiert ist, die par­al­lel ihre eige­nen Erzäh­lun­gen ent­war­fen. Er schreibt:

Die Gegen­öf­fent­lich­keit arti­ku­liert sich im Zuge der Ukrai­ne-Kri­se erst­mals in gro­ßem Stil. Dass das Phä­no­men wie­der ver­schwin­det, ist unwahr­schein­lich. Für die klas­si­schen Medi­en ist dies eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Wie kön­nen Medi­en ihre Glaub­wür­dig­keit ret­ten oder zurück­ge­win­nen? Wie kön­nen sie dem Publi­kum deut­lich machen, dass es sich lohnt ihnen zu ver­trau­en?

Nun ist es sicher­lich etwas zu kurz gegrif­fen zu behaup­ten, hier arti­ku­lie­re sich eine Gegen­öf­fent­lich­keit zum ers­ten Mal. Die Geschich­te der Gegen­öf­fent­lich­kei­ten ist bereits im ana­lo­gen Zeit­al­ter rela­tiv lang (Bei­spiel: „Kein Blut für Öl“ im ers­ten Golf­krieg), wird noch erheb­lich umfang­rei­cher im Digi­tal­zeit­al­ter – von Online-Peti­tio­nen, über Pla­gi­ats-Jäger bis hin zu den Phä­no­me­nen des Ara­bi­schen Früh­lings. Trotz­dem bleibt die Beschrei­bung des Zusam­men­hangs von Ukrai­ne-Kri­se und erzäh­len­den Gegen­öf­fent­lich­kei­ten inter­es­sant zu beob­ach­ten, die Win­ter­bau­er hier anreißt.

Die Plas­berg-Sen­dung

Ich habe die Sen­dung mit dem Titel „Wla­di­mir Putin – der gefähr­lichs­te Mann Euro­pas? ges­tern gese­hen – und war von Beginn an über­rascht. Es saßen in der dort vor­wie­gend jour­na­lis­ti­sche „Erzäh­ler“: die rus­si­sche Jour­na­lis­tin Anna Rose, der ehe­ma­li­ge WDR-Inten­dant Fritz Pleit­gen, der Mos­kau­er Focus-Kor­re­spon­dent Boris Reit­schus­ter, der Jour­na­list und Fil­me­ma­cher Hubert Sei­pel. Zwi­schen ihnen der Kanz­ler­amts­chef Peter Alt­mei­er, der nicht zuletzt Auf­se­her der poli­ti­schen Erzäh­ler ist: des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes.

Zwi­schen die­sen Erzäh­lern ent­spann sich nun: der Kampf der Erzäh­lun­gen, der auf eigen­ar­ti­ge Wei­se an Aki­ra Kuro­sa­was Ras­ho­mon erin­ner­te, eines Fil­mes, der „den sel­ben“ Vor­fall vier­mal erzäh­len lässt, von vier unter­schied­li­chen Stand­punk­ten aus und dar­aus vier unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen von etwas gewinnt, von dem es ein „das­sel­be“ nicht mehr gibt.

Bei Plas­berg tra­ten sehr gezielt ein­ge­la­de­ne jour­na­lis­ti­sche Erzäh­ler an, erzähl­ten – und kamen zu sehr unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen des­sen, wovon es sicher am Ende, ver­mut­lich aber von Anfang an kein „dasselbe“gibt. Waren hier und da Ele­men­te auch strit­tig, so waren sich doch die Erzäh­lun­gen im Wesent­li­chen dar­in ähn­lich, dass sie vie­le gemein­sa­me Ele­men­te ver­wen­de­ten, sie aber unter­schied­lich zusam­men­füg­ten, zu unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen mit unter­schied­li­chen dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen. Das im Ein­zel­nen zu rekon­stru­ie­ren, wür­de hier zu weit füh­ren, zumal die ein­zel­nen unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen weit­ge­hend schon vor­her eini­ger­ma­ßen bekannt waren.

Inter­es­san­ter ist die Beob­ach­tung, dass eben Erzäh­ler hier gegen­ein­an­der antre­ten, Jour­na­lis­ten, die in ihren unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen (mehr oder weni­ger prä­gnant) deut­lich wer­den las­sen, dass ihre Erzäh­lun­gen bestimm­te Gefü­ge von Zusam­men­hän­gen sind, die mit­ein­an­der inkom­pa­ti­bel sind. Es ist nicht nur ein Streit dar­über, was jetzt pas­sie­ren soll­te. Es ist vor allem der Streit, was „Sache“ ist – und was dar­aus zu fol­gern ist. Die Kon­se­quenz: Die Ukrai­ne-Kri­se lässt in gro­ßer Deut­lich­keit die Kri­se der Erzäh­lun­gen sicht­bar wer­den, die sich ver­stärkt durch die Par­al­le­li­tät alter und neu­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ergibt. Es wird sicht­bar, dass das alte Leit-Erzähl­me­di­um, die Media Divina Fern­se­hen ihre Erzähl­kraft ver­lo­ren hat.

Denn es strei­ten nicht nur in der Media Divina die Erzäh­ler, son­dern – wie Ste­fan Win­ter­bau­er berich­tet – in zahl­rei­chen klei­nen Debat­ten ver­hed­dern sich auch in der digi­ta­len und sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt die Erzäh­lun­gen inein­an­der, fal­len in Glau­bens­grüpp­chen aus­ein­an­der und bau­en sich ihre eige­nen Erzäh­lun­gen. Win­ter­bau­er attes­tiert eine „Glaub­wür­dig­keits­kri­se“ der Mas­sen­me­di­en, die er für rele­van­ter hält als den Medi­en­wan­del und die Auf­la­gen­kri­se der Zei­tun­gen. Der zen­tra­le Bestand­teil die­ser Dia­gno­se aller­dings ist „Glau­ben“ und „Glaub­wür­dig­keit“, weil er an etwas rührt, was Mas­sen­me­di­en als Erzäh­ler immer vor­aus­set­zen, wor­auf sie auf­bau­en müs­sen, ohne es doch selbst her­stel­len zu kön­nen. Das macht die­sen Sach­ver­halt in der hie­si­gen Blog­pos­ting-Rei­he „Dra­ma und Ideo­lo­gie“ inter­es­sant, weil sich Anschluss­fä­hig­keit an die Tri­via­li­tä­ten des Aris­to­te­les, von denen in den letz­ten Pos­tings die­ser Rei­he (hier, hier, hier und hier) die Rede, her­stel­len lässt.

Aris­to­te­les und der poli­ti­sche Gro­schen­ro­man

Die Erzäh­lung ist, im Anschluss an die letz­ten Bei­trä­ge zu Aris­to­te­les hier im Blog, eine Zusam­men­fü­gung von Prak­ti­ken (σύνθεσιν τῶν πραγμάτων), die Aris­to­te­les mit dem miss­ver­ständ­li­chen Wort μῦθος bezeich­net, die von einem Gefü­ge­ma­cher (μυθοποιός) erstellt wird, indem Prak­ti­ken zu einem Zusam­men­hang gefügt wer­den. Die­ses Gefü­ge hat sich dem Kri­te­ri­um des Mög­li­chen und Not­wen­di­gen (τὸ εἰκὸς τὸ ἀναγκαῖον) zu fügen. Ele­men­te wer­den zu einem Zusam­men­hang zusam­men­ge­setzt, neue Ele­men­te müs­sen, damit eine Erzäh­lung wei­ter erzählt wer­den kann, sich in die­ses Gefü­ge ein­fü­gen las­sen.

2010 hat­te Frank Schirr­ma­cher in der FAZ (hier) einen schö­nen Arti­kel, der beschrieb „wie man ein ver­dammt guter Poli­ti­ker wird“ – und dabei behaup­te­te: „Poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit im neu­en Medi­en­zeit­al­ter ist kei­ne mora­li­sche, son­dern eine lite­ra­ri­sche Kate­go­rie.

In kri­ti­scher Absicht, anläss­lich » Wei­ter­le­sen «

Der Reichstag brennt. Wetten dass?

November 21st, 2010 § Kommentare deaktiviert für Der Reichstag brennt. Wetten dass? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Reichs­tag brennt in allen Köp­fen.  Hier zum Bei­spiel oder da. Da und da. Es gibt noch kei­ne Bil­der, die den bren­nen­den Reichs­tag zei­gen wie einst das WTC. Aber der Bericht über die Gefahr eines zukünf­tig bren­nen­den Reichs­tags hat die­sel­be Wir­kung wie der Bericht über einen bren­nen­den Reichs­tag. Phan­ta­si­en hier oder da, Ima­gi­na­tio­nen des­sen, was geschah und berich­tet wird oder was gesche­hen könn­te. Die Phan­ta­sie trennt nicht zwi­schen Ver­gan­ge­nem und Zukünf­ti­gem. Die War­nung vor dem Ter­ror­akt nimmt den Ter­ror­akt vor­weg. Und schnell her­bei­ge­zau­ber­te „Maß­nah­men“ (wie die VDS) gau­keln vor, eine Sicher­heit her­stel­len zu kön­nen, die natür­lich die Angst nicht ban­nen wird. Denn es geht um ande­res – aber wor­um? Es geht um die Bil­der des bren­nen­den Reichs­tags. Nur um Bil­der (die ein geüb­ter Pho­to­shop­per inner­halb eini­ger Minu­ten, Roland Emme­rich sicher sogar als Film pro­du­zie­ren könn­te).

Die Wet­te

Ter­ro­ris­mus alter Prä­gung war mit For­de­run­gen ver­bun­den Erpres­sung zur Sys­tem­än­de­rung oder zur Frei­las­sung von Häft­lin­gen. Was ist hier die For­de­rung? Wor­um geht es? Um das Bild des bren­nen­den Reichs­tags. Auf der einen Sei­te die Wet­te, dass es die­ses Bild geben wird. Auf der andern Sei­te die Wet­te, dass nicht. Die Wett­part­ner Al Kai­da und Tho­mas de Meziè­re.  Wird Gott­schalk dau­er­mo­de­rie­ren? Ist Acker­mann, jener Spe­ku­lant auf die Zukunft, der Wett­pa­te? Oder Jörg Kachel­mann? Denn die media­le Ver­fas­sung die­ses Ter­rors ähnelt der media­len Ver­fas­sung der Ban­ken­kri­se, unge­mein. Ein­sturz des WTC führ­te zu welt­wei­ter Angst, Ein­sturz von Leh­mann Bro­thers stürz­te die Welt­wirt­schaft auf­grund einer „Ver­trau­ens­kri­se“ zwi­schen den Ban­ken ins Ver­der­ben. Der Wet­ter­vor­her­sa­ger Kachel­mann stürz­te ein, als eine Nach­richt über ihn in Umlauf kam. Spe­ku­la­tio­nen über „tat ers“ oder „tat ers nicht“, Bör­sen­spe­ku­la­ti­on, Nach­rich­ten­spe­ku­la­ti­on, Ereig­nis­spe­ku­la­ti­on. Die Spe­ku­la­ti­on ist der Kriegs­schau­platz der Gegen­wart. Wer ist der Gegen­stand die­ser medi­al aus­ge­tra­ge­nen spe­ku­la­ti­ven Wet­te? Wir. Sind der Wett­ein­satz. Rou­let­te – aber nicht rus­si­sches, son­dern ara­bi­sches Rou­let­te.

Die ver­kehr­te Welt: Wir­kung vor der Ursa­che

Die Wet­te trifft uns in unserm Inners­ten: In  unse­rer Aus­rich­tung auf die Zukunft. Erin­ne­rung und Ver­gan­gen­heit ist eine Welt der His­to­ri­ker und der mas­sen­me­dia­len Fern­seh­be­rich­te, die uns sagen, was geschah. Nur der Wet­ter­be­richt sagt, was ver­mut­lich mor­gen gesche­hen wird. Und natür­lich die Bör­sen­spe­ku­la­ti­on. Die Zukunft. Der gro­ße Glau­be der Gegen­wart. Die Schul­den, die unse­re Kin­der abzah­len müs­sen. Die Wirt­schafts­ent­wick­lung, die die 5 Wei­sen » Wei­ter­le­sen «

Terrorwarnungen von Monty Python

November 19th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf die Idee, Alarm wegen einer selbst aus Übungs­grün­den zum Ein­satz gebrach­ten Bom­ben­at­trap­pe (SpON) aus­zu­lö­sen, kam Mon­ty Python lei­der nicht. Aber die­se klei­ne Alarm­übung hat auch was:

Nach­trag (Update): Was ich noch zu sagen ver­gaß und war­um das Post den Titel trägt, den es trägt: Die War­nung IST der Ter­ror. Die Furcht VOR dem Anschlag ist der Ter­ror.

Digitalökonomie — Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg

August 11th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie — Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die­Be­dro­hung des offe­nen Inter­net war hier im Blog bis­her (etwa hier) vor­nehm­lich an Face­book fest­ge­macht wor­den (was auch immer noch immi­nent ist — ich glau­be, dass Face­book tat­säch­lich durch die eige­ne Wäh­rung mit 500 Mil­lio­nen Mit­glie­dern welt­weit zu einer qua­si-staat­li­chen über­statt­li­chen Macht wird). Heu­te aber — wie hier von ZEIT Online gemel­det — macht Goog­le den ers­ten offe­nen Zug in dem anste­hen­den gro­ßen Digi­tal­krieg. Jeff Jar­vis nennt das, was zwi­schen Goog­le und Veri­zon ver­ab­re­det wur­de, hier ein “Mün­che­ner Abkom­men” — sich dabei auf das Abkom­men von 1938 bezie­hend, in dem Hit­ler von Frank­reich und Eng­land die Beset­zung des Sude­ten­lan­des erlaubt wur­de. ZEIT fin­det den Ver­gleich hart, ich dage­gen den­ke, wir sind schon über Mün­chen hin­aus. Zitat ZEIT:

Der Such­ma­schi­nen­kon­zern und die ame­ri­ka­ni­sche Tele­fon­ge­sell­schaft ver­su­chen, im Inter­net so etwas wie Maut­gren­zen und Zoll­schran­ken ein­zu­füh­ren. Gleich­zei­tig bau­en sie an einer dau­er­haf­ten Über­wa­chung der Inhal­te.

Dabei ist Inhalts­über­wa­chung kei­ne Über­trei­bung:

Der übels­te ist die Idee des “law­ful con­tent”. Die Neu­tra­li­tät des Net­zes und die Gleich­be­hand­lung von Daten sol­len nur noch für sol­chen “geset­zes­treu­en Inhalt” gel­ten. Was ille­gal ist, darf dis­kri­mi­niert wer­den. Prin­zi­pi­ell nicht schlimm, das gesell­schaft­li­che Leben funk­tio­niert genau­so. Mit einem ent­schei­den­den Unter­schied: In demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten wird öffent­lich, trans­pa­rent und eben demo­kra­tisch ver­han­delt, was legal und was ille­gal ist.

Apple hat in Sachen Zen­sur schon mit den Apps einen klei­nen Vor­ge­schmack gege­ben, ein eher gerin­ges Grenzschar­müt­zel, das den Her­stel­lern von blin­ken­den Käst­chen und hüb­schen Touch­screens nicht wirk­lich übel genom­men wur­de in der brei­ten Öffent­lich­keit. Goog­le aber ver­kün­det nun­mehr, selbst zu ent­schei­den, was law­ful ist und was unla­w­fuil. Gehen wir mal nicht davon aus, dass » Wei­ter­le­sen «

Schlaaand und die Entfremdung: Teil 3 – „Wir müssen aber alle selbst ran.“

Juli 20th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Schlaaand und die Entfremdung: Teil 3 – „Wir müssen aber alle selbst ran.“ § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In den letz­ten bei­den Bei­trä­gen zum The­ma „Schlaaand und die Ent­frem­dung“ war die Sym­bol­ope­ra­ti­on (Fah­nen­schwin­ge­rei hier, Bun­des­prä­si­den­ten­wahl­ge­tüm­mel) mit­ein­an­der in Bezie­hung gesetzt wor­den mit dem Hin­weis, das Beob­ach­ter dazu nei­gen, sie für Inhalt­li­ches miss­zu­ver­ste­hen. Wie beim Fah­nen­schwin­gen kein Patrio­tis­mus invol­viert sein muss und nicht invol­viert zu sein scheint, ist die Bun­des­prä­si­den­ten­wahl kein geeig­ne­tes Moment inhalt­li­cher Betei­li­gung der Bevöl­ke­rung an Demo­kra­tie. Bei­des glaubt zu sehr, dass Sym­bo­li­sches Inhalt­li­ches wäre. Und die eigent­lich zu füh­ren­de Debat­te liegt an ande­rer Stel­le: Der Glau­be, der Staat sei das Ensem­ble sei­ner poli­ti­schen Reprä­sen­tan­ten. Heißt: Die Poli­ti­ker „sind“ der Staat.

Natür­lich schwingt die­ses ungu­te Gefühl bei denen mit, die – wie der Spie­gel-Titel – dar­auf hin­wei­sen, dass die Prä­si­den­ten­wahl von Poli­ti­kern aus­ge­kun­gelt sein.  Damit usur­pie­ren Poli­ti­ker das Null­mor­phem, das ihnen nicht gebührt, weil das Wahl­volk dar­über  zu bestim­men hat. Es ist ein Über­griff auf Sym­bo­li­sches – aber das ist eher das Epi­phä­no­men. Der Kampf um eine Posi­ti­on, die nichts zu sagen hat, kann kei­ne inhalt­li­che Fra­ge sein. Es ist die Fra­ge nahch der Macht im und über den Staat. Aber viel wich­ti­ger ist die inhalt­li­che Fra­ge. Heißt: wofür lohnt es sich, inhalt­lich die Fah­nen zu schwin­gen, gemein­sam öffent­lich auf­zu­tre­ten, wofür gilt es, Tri­kots anzu­zie­hen – wenn es denn kein Fuß­ball wäre. Was oder wen » Wei­ter­le­sen «

Schlaaand und die Entfremdung: Teil 1 – Schwarz-rot-goldene Vuvuzelas

Juli 18th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Schlaaand und die Entfremdung: Teil 1 – Schwarz-rot-goldene Vuvuzelas § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Zwei Sach­ver­hal­te, die zunächst nichts mit­ein­an­der zu tun haben. Welt­meis­ter­schafts­bil­der, in denen Men­schen­mas­sen mit Natio­nal­flag­gen zusam­men vor Groß­bil­lein­wän­den ste­hen oder sich gar in Sta­di­en ver­sam­meln, um gemein­sam „Fern­se­hen“ zu schau­en. Ein auf­kom­men­der, sich hin­ter­rücks ein­schlei­chen­der Neo­na­tio­na­lis­mus, wie Mül­ler )hier und hier) auf den Nach­denk­sei­ten meint – oder doch ganz harm­los wie der Spie­gel­fech­ter und die über­wie­gen­de Schar sei­ner Kom­men­ta­to­ren hier mei­nen?

Eine offen­bar schnell vor­an­schrei­ten­de Ent­frem­dung der Bür­ger des Lan­des gegen­über den Staats­ver­tre­tern, den Reprä­sen­tan­ten der „Nati­on“. Eine man­geln­de Betei­li­gung, man­geln­des poli­ti­sches Inter­es­se, Ver­ach­tung von Poli­ti­kern, von Poli­tik über­haupt.

Was hat bei­des mit­ein­an­der zu tun? » Wei­ter­le­sen «

Wirtschaftskrieg Marke Taliban

Juni 7th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Wirtschaftskrieg Marke Taliban § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Gele­gent­lich muss­ten sich Wirt­schafts­ul­tras in die­sem Blog hier und von mir bereits als Tali­ban, ihre Aus­bil­dungs­stät­ten als Wirt­schafts­madras­sas attri­bu­ie­ren las­sen. Wovon ich mich auch kei­nen Fin­ger­breit distan­zie­re — aller­dings fest­stel­le, dass auch die tra­di­tio­nell als Tali­ban bezeich­ne­ten Kämp­fer in Afgha­ni­stan durch­aus enorm wirt­schaft­lich den­ken. Die ZEIT bringts gera­de an den Tag:

Wie die New York Times berich­tet, sol­len pri­va­te afgha­ni­sche Sicher­heits­leu­te auf­stän­di­sche Tali­ban nicht nur für frei­es Geleit im unweg­sa­men Hin­ter­land bezah­len. Sie sol­len viel­mehr auch Atta­cken auf aus­län­di­sche Ver­sor­gungs­kon­vois in Auf­trag geben – um die Gegend unsi­che­rer zu machen und sich somit Auf­trä­ge zu sichern. {…} Watan-Geschäfts­füh­rer Rashid Popal bestritt zwar, dass die Angrif­fe mit den Tali­ban abge­spro­chen waren, um sein Geschäft zu ret­ten. Aber die Ermitt­ler in Washing­ton sind skep­tisch. Der Gou­ver­neur der Pro­vinz Wardak, Moham­med Halim Fedai, sag­te, die Fir­ma Watan jeden­falls wer­de weni­ger oft ange­grif­fen als ande­re Sicher­heits­dienst­leis­ter. Ein afgha­ni­scher Offi­zi­el­ler, der anonym blei­ben woll­te, beton­te: “Watans Leu­te könn­ten die Atta­cke selbst initi­iert haben.”(hier)

“Ich gehe davon aus, dass eini­ge Leu­te so ihre eige­ne Nach­fra­ge gene­rie­ren”, sag­te auch der Nato-Kom­man­deur für » Wei­ter­le­sen «

Bundessparwehr

Mai 27th, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bun­des­um­gangs­spra­che­kriegs­mi­nis­ter und Frei­herr zu Gut­ten­berg will bei der Bun­des­wehr spa­ren (sagt SpOn), indem eini­ge klei­ne­re Stand­or­te gestri­chen wer­den. Ich hät­te fol­gen­de Vor­schlä­ge: Kabul, Kun­duz, Mazar-i-Sharif, Feyzabad, Ter­mez.

Das wür­de jähr­lich 3 Mil­li­ar­den Euro spa­ren (sagt mana­ger-maga­zin hier). Wär vie­len Men­schen gehol­fen.

Und beim Suchen nach Links stol­per­te ich dann über eine die­ser groß­ar­ti­gen Wider­wär­tig­kei­ten aus den deut­schen Wirt­schafts­madras­sas, dies­mal des DIW. ich zitie­re aus einem Inter­view im Mana­ger-Maga­zin (hier):

mm: Aber muss man denn wirk­lich so weit gehen, jeden gefal­le­nen Sol­da­ten mit einem Preis­schild zu ver­se­hen? Pro totem Deut­schen ver­an­schla­gen Sie in Ihrer Stu­die 2,3 Mil­lio­nen Euro.

Brück: Wie­der sage ich: Es wäre zynisch und respekt­los, den hohen Preis den die Sol­da­ten und ihre Fami­li­en gezahlt haben, nicht in unse­re Stu­die ein­flie­ßen zu las­sen. Der Betrag von 2,3 Mil­lio­nen Euro ent­spricht dem, was in der EU auch in ande­ren Kos­ten-Nut­zen-Ana­ly­sen als Preis für ein Men­schen­le­ben ver­an­schlagt wird — etwa bei Inves­ti­tio­nen in die Ver­kehrs­si­cher­heit.

Wer will ange­sicht der Tat­sa­che, dass sol­che Pro­fit­mul­lahs und Wirt­schaft­s­ta­li­ban in die­sem Land die Geschi­cke erheb­lich mit­be­stim­men, noch behaup­ten, unser Pro­blem sei die spät­rö­mi­sche Deka­denz von Hartz IV-Emp­fän­gern?

Friedfertigkeit und Kriegsfertigkeit : Wehrpflichtige in Afghanistan?

Mai 2nd, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das letz­tens hier beschrie­be­ne The­ma rund um den Afgha­ni­stan­krieg und die Teil­nah­me der deut­schen Wehr­pflicht­ar­mee dar­an geht mir nicht aus dem Kopf. Ins­be­son­de­re das extrem nach­voll­zieh­ba­re Phä­no­men, dass die deut­schen Staats­bür­ger in Uni­form dort in per­ma­nen­ter Angst (Mer­kel hier) leben, weil sie nicht wis­sen, was sie dort tun und sol­len. Sol­da­ten in Angst – ein Armuts­zeug­nis für die Armee? Die coo­len War­ri­ors der Mari­nes und die schnei­di­gen bri­ti­schen Guards machen einen so ganz ande­ren Ein­druck. Das führt tat­säch­lich auf eine sehr fun­da­men­ta­le Fra­ge – rund um die Demo­kra­tie, die Wehr­pflicht, die Gesell­schaft.

Fried­fer­ti­ge ver­sus  Berufs­krie­ger

Wehr­pflich­ti­ge – wie bereits bemerkt „durf­te“ ich die­se Erfah­rung selbst machen – wer­den tech­nisch im Gebrauch von Waf­fen, in sol­da­ti­scher Koor­di­na­ti­on, ein wenig in Fit­ness unter­wie­sen. Das wars. Die Moti­va­ti­on zur Teil­nah­me im Kampf und Inkauf­nah­me aller Gefah­ren und Risi­ken wird vor­aus­ge­setzt: die kol­lek­ti­ve Selbst­ver­tei­di­gung. Orga­ni­sier­te Not­wehr. Wie man will. In unmit­tel­ba­ren Gefah­ren­si­tua­ti­on ver­tei­di­gen sich auch fried­fer­tigs­te Men­schen gegen Angrei­fer. Wehr­pflicht­aus­bil­dung heißt: Fried­fer­ti­gen Kriegs­fer­tig­kei­ten bei­brin­gen.

Was nicht geschieht ist: die sys­te­ma­ti­sche Unter­drü­ckung oder Aus­schal­tung der Tötungs­hem­mung. Eben­so wenig die sys­te­ma­ti­sche Umpro­gram­mie­rung der Gefah­ren­wahr­neh­mung und Selbst­ein­schät­zung. Bei­des sind Ziel der Grund­aus­bil­dung von Berufs­ar­me­en wie den Mari­nes oder der Legi­on. Es wäre fatal, wür­de die Bun­des­wehr die­se Umpro­gram­mie­run­gen ange­hen. Nach Ende des Wehr­diens­tes wür­den Men­schen aus der Armee ent­las­sen, denen das Zusam­men­le­be in der Gesell­schaft kaum mehr mög­lich ist – eben weil sowohl gelern­te Tötungs­hem­mung als auch Angst­wahr­neh­mung extrem deran­giert sind.  In der gegen­wär­ti­gen Debat­te wird die­ser Unter­schied in der Aus­bil­dung übri­gens durch­aus erwähnt, aller­dings in Form einer „Kri­tik an Aus­bil­dungs­de­fi­zi­ten“.

Kriegs­fer­tig machen

Die Aus­bil­dung von Berufs­ar­me­en setzt dar­auf, die Sol­da­ten zu dres­sie­ren. Sitz, Platz, Fass. Still­ge­stan­den, Marsch, Feu­er. Zuneh­mend wird noch „Intel­li­genz“ bzw. Nach­den­ken gefor­dert – tak­ti­sches. Nicht grund­sätz­li­ches! In jeder Situa­ti­on zu gehor­chen. Moti­va­ti­on die­ser Sol­da­ten ist schlicht und ein­fach Geld. Ein Beruf. Ein Aus­kom­men. Eine Art männ­li­che Zwangs­pro­sti­tu­ti­on. Alles ande­re ist Drill und Gehor­sam. Aus Fried­fer­ti­gen wer­den Kriegs­fer­ti­ge gemacht.

Zwei inter­es­san­te Sach­ver­hal­te dazu:

  • Fried­fer­ti­ge im Krieg

Im 2. Welt­krieg haben über­haupt nur über­ra­schend wenig ame­ri­ka­ni­sche Sol­da­ten von ihren Waf­fen Gebrauch gemacht, noch weni­ger gezielt geschos­sen. Dar­auf­hin wur­de die Aus­bil­dung grund­le­gend geän­dert: das geziel­te Schie­ßen auf sehr men­schen­ähn­li­che Zie­le wird als auto­ma­ti­sier­te Stress­re­ak­ti­on antrai­niert: Beschos­sen wer­den – Angst – Stress – Aggres­si­on – Feu­ern. Das ist der ein­ge­schlif­fe­ne Mecha­nis­mus. Letzt­lich: Angst in Aggres­si­ve Gewalt umset­zen. Das soll­te man einer Wehr­pflicht­ar­mee kei­nes­falls bei­brin­gen. Eine Gesell­schaft, in der jede Angst- oder Stress­si­tua­ti­on unmit­tel­bar zu aggres­si­ver Gewalt ohne Tötungs­hem­mung führt – ist ver­mut­lich kei­ne wirk­lich Lebens­wer­te.

Inter­mez­zo: Die genau­en Zah­len und die genau­en Hin­ter­grün­de (gibt es eine Tötungs­hem­mung oder – wie Reemts­ma vor 4Jahren vor­trug – gibt es sie nicht?) sind nicht so leicht online zu recher­chie­ren. Ich bin auf einen ziem­lich inter­es­san­ten Arti­kel in einem sehr inter­es­san­ten Organ gesto­ßen: Das Ulmer Echo, das Gefan­ge­nen­ma­ga­zin der JVA Düs­sel­dorf Ulmer Höh‘ ver­öf­fent­lich­te im Jahr 2000 einen Arti­kel „Pawlow’s Hund frisst Schuld“, der mit sehr span­nen­den Zah­len auf­war­te­te: Im 2. Welt­krieg ( = all­ge­mei­ne Wehr­pflicht in USA) haben nur ca. 15 von 100 ame­ri­ka­ni­schen Infan­te­ris­ten über­haupt ihre Waf­fe benutzt.  (Die­se Ergeb­nis­se wer­den » Wei­ter­le­sen «

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