ARD 23.11 Uhr — wer hat Sarrazin den Saft abgedreht?

August 30th, 2010 § Kommentare deaktiviert für ARD 23.11 Uhr — wer hat Sarrazin den Saft abgedreht? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Sen­sa­tio­nell. Nach­dem Sar­ra­zin sei­nen Unfug minu­ten­lang über die ARD ver­brei­ten darf — fällt der Sen­der aus. Nur in Frank­furt? Bun­des­weit? Kein Stör­bild. Kei­ne Sen­der­aus­fall­ent­schul­di­gung. ARD ist der ein­zi­ge betrof­fe­ne Sen­der.

Was ist pas­siert?

Hat ein beherz­ter Mit­ar­bei­ter dem Natio­nal­so­zi­al­de­mo­kra­ten den Saft abge­dreht? Hat der Inten­dant auf den Buz­zer gedrückt? Wenn es ein mensch­li­cher Ein­griff war — Respekt!

Überwachung, Beobachtung, Wahrgenommensein in Digitalien

August 30th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inder phi­lo­so­phi­schen Tra­di­ti­on ist der Zusam­men­hang zwi­schen Sein und Wahrnehmung/Beobachtung alles ande­re als ein­fach oder harm­los. Solch ein Rück­blick in die Tra­di­ti­on kann viel­leicht den Beob­ach­tungs­phä­no­me­nen im Zeit­al­ter des Inter­net eine inter­es­san­te Dimen­si­on ver­schaf­fen — einer­seits zwi­schen der Seins­kon­sti­tu­ti­on, die durch Wahr­neh­mung ent­steht, ande­rer­seits die Bedro­hung durch den Betrach­ter.

Der ersehn­te Blick

Über­sprin­gen wir mal Par­men­ides und ande­re Onto­lo­gen und kom­men direkt zu Geor­ge Ber­ke­leys “Esse est per­ci­pi” — “Sein heißt wahr­ge­nom­men wer­den”. Und erlau­ben wir uns, ohne jeden inter­pre­ta­to­ri­schen und dis­kur­si­ven Bal­last eine Über­tra­gung ins Netz — so wird unmit­tel­bar augen­fäl­lig, dass für alles, was im Netz statt­fin­det, ein Ande­rer von­nö­ten ist. Sei es ein Mail-Emp­fän­ger, ein Chat­part­ner, ein Web­sei­ten­be­su­cher, ein Blog-Leser, ein Blog­kom­men­ta­tor, ein Video­be­trach­ter usw. Und die Seins­di­men­si­on des ein­zel­nen Sei­en­den ist quan­ti­fi­zier­bar. Ein mil­lio­nen­fach ange­se­he­nes You­Tube-Video “ist” (genau wie sein Macher) mehr als ein nur weni­ge Male geschau­tes. Ein Blog mit vie­len Besu­chern und Kom­men­ta­ren “ist” mehr als ein wenig gele­se­nes und unkom­men­tier­tes. Das “Sein” ist dabei nicht nur im Gegen­satz zum Nicht­sein — son­dern eine kan­tisch gespro­chen “inten­si­ve Grö­ße”, die er das Rea­le der Wahr­neh­mung zu sein urteil­te. Der Rea­li­täts­grad eines Dings ist quan­ti­ta­tiv dif­fe­rent:

Also hat jede Rea­li­tät in der Erschei­nung inten­si­ve Grö­ße, d.i. einen Grad. Wenn man die­se Rea­li­tät als Ursa­che (es sei der Emp­fin­dung oder ande­rer Rea­li­tät in der Erschei­nung, z.B. einer Ver­än­de­rung) betrach­tet: so nennt man den Grad der Rea­li­tät, als Ursa­che, ein Moment, z.B. das Moment der Schwe­re, und zwar dar­um, weil der Grad nur die Grö­ße bezeich­net, deren Appre­hen­si­on nicht suk­zes­siv, son­dern augen­blick­lich ist. (KrV 209; hier)

Eine Web­sei­te, ein Chat­part­ner, ein Mail­part­ner, ein Blog, der mehr Wahr­neh­mung hat bekommt mehr Rea­li­tät und damit wie­der­um mehr “Wir­kung”. Das hat Kant so nicht gemeint — ver­steht sich. Kant sprach von phy­si­schen Objek­ten, nicht von Kom­mu­ni­ka­ti­ons­grö­ßen. Den­noch lässt sich das Prin­zip “rau­ben”. Ein Web­in­halt, der nicht wahr­ge­nom­men wird, “ist” nicht. Ein Web­in­halt der oft wahr­ge­nom­men wird, “ist” mehr. Die­ses Phä­no­men kennt jeder, der ein Blog betreibt und auf die Stats schielt, jeder Wer­be­trei­ben­de, der Visits misst, jeder Video-Uploa­der, Musik-Uploa­der, Bild-Uploa­der. Und es kennt auch der Beob­ach­ter, der sich an » Wei­ter­le­sen «

Sarrazin — ein muslimischer Migrant???

August 27th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Sarrazin — ein muslimischer Migrant??? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Irgend­wie scheint mir gera­de (ein noch nicht hin­rei­chend aktisch beleg­ba­res) ein auf­blü­hen­des Inter­es­se am Rech­ten und Radi­ka­len bemerk­bar zu sein. So quen­gel­te kürz Nor­bert Blotz (hier) im Tages­spie­gel. “Nor­bert Bolz sieht im poli­ti­schen Spek­trum ein Vaku­um auf der Rech­ten.” Anders als ver­mu­tet ver­or­tet er das Vaku­um aber nicht in den rech­ten Köp­fen, son­dern sieht auf der Rech­ten ein Vaku­um. Nun­ja.

Der Meis­ter Sar­ra­zin nun wir­belt brau­nen Staub mit sei­nem Buch und einem Inter­view auf, das eben­falls im Tages­spie­gel (hier)  mit der hübsch viel­deu­ti­gen Über­schrift “Es gibt Gren­zen des Intel­lekts” zu fin­den ist. In der Ein­lei­tung poin­tiert der Tages­spie­gel: Deutsch­land ver­dum­me, weil die Unter­schicht und mus­li­mi­sche Migran­ten zu vie­le Kin­der krie­gen, meint Ber­lins frü­he­rer Sena­tor Thi­lo Sar­ra­zin.

Hm. Mus­li­mi­sche Migran­ten. Kin­der. Nach­fah­ren. Kusanow­sky hat in einem schö­nen Arti­kel über Skan­da­li­sie­rungs­ri­tua­le (hier) der Dis­kus­si­on in sei­ner Über­schrift eine Dimen­si­on abge­won­nen, die ich ger­ne einen Schritt wei­ter trei­ben möch­te. Kusanow­skys Zei­le: “Muez­zin und Sar­ra­zin — Die Reim­form moder­ner Ver­stän­di­gungs­pro­zes­se.” Muez­zin Sar­ra­zin. Hass­pre­di­ger aller­or­ten. Man kann ein­fach eine Goog­le-Suche nach der Her­kunft des Namens “Sar­ra­zin” anstel­len. Klingt doch schon nach Sara­ze­ner

Sara­ze­nen ist ein Begriff, der ursprüng­lich einen im Nord­wes­ten der ara­bi­schen Halb­in­sel sie­deln­den Volks­stamm bezeich­ne­te. Im Gefol­ge der isla­mi­schen Expan­si­on wur­de der Begriff in latei­ni­schen Quel­len und im christ­li­chen Euro­pa als Sam­mel­be­zeich­nung für die mus­li­mi­schen Völ­ker, » Wei­ter­le­sen «

Das Dokument, die Werktreue, die klassische Dramaturgie

August 27th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In dem Pos­ting “Gog­le Stre­et­view — Zur Unter­schei­dung von Doku­men­ta­ti­on und Simu­la­ti­on des Rau­mes 8” (hier) lis­tet Klaus Kusanow­sy vier Kri­te­ri­en der Doku­ment­form auf. Die­se sind:

  • Linea­ri­tät
  • Kau­sa­li­tät
  • Sequen­zia­li­tät
  • Iden­ti­tät

Spnan­nen dar­an ist für mich zwei­er­lei. Zum Einen sind die­se Kri­te­ri­en — ver­mut­lich in ande­rem Ver­ständ­nis als bei Kusanow­sky — sehr pas­send auf die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie anwend­bar, die sich durch Linea­ri­tät, Kau­sa­li­tät und Sequen­zia­li­tät sehr gut cha­rak­te­ri­sie­ren lässt. Die “Iden­ti­tät” ist ein eher schil­lern­des Ele­ment. Denn die klas­si­sche Dra­ma­tur­gie legt die figu­ra­le oder per­so­na­le Iden­ti­tät zugrun­de. Schon durch die Auf­lis­tung eines dra­ma­tis per­so­na, das durch Namens­zu­schrei­bung per­so­na­le Arte­fak­te erschafft, die durch die Namen wie­der­erkenn­bar sind und sich durch die Hand­lun­gen und Äuße­run­gen cha­rak­te­ri­sie­ren — wobei die Auf­füh­rung den Lese­pro­zess umkehrt, die zuneh­men­de Cha­rak­te­ri­sie­rung durch das Lesen (das den Cha­rak­ter erst am Ende ken­nen kann) durch den Dar­stel­ler schon von der ers­ten Minu­te vor­weg­neh­men lässt und durch Aus­stat­tung, Mas­ke, Kos­tüm bereits von Anfang an cha­rak­te­ri­siert.

Schil­lern­der aber ist die “Iden­ti­tät” zudem im Zusam­men­hang mit der häu­fig von Beob­ach­tern gefor­der­ten “Werk­treue” der Auf­füh­rung, die das Ansin­nen hat, das doku­men­tier­te Werk bzw. das im Werk Doku­men­tier­te treu auf der Büh­ne wie­der­zu­ge­ben. Eine Iden­ti­tät der Schrift und der Auf­füh­run­gen, wobei unter­stellt » Wei­ter­le­sen «

Die Verwirrung um “das Private” geht weiter

August 26th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wie grund­le­gend und tief­grei­fend die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen durch das Inter­net sind, wird zuneh­mend auch in der Medi­en­de­bat­te sicht­bar. Immer wie­der geht es um “das Pri­va­te”. Und immer wie­der geht es um staat­li­che Ein­grif­fe. Heu­te erschie­nen in ZEITon­line ein Arti­kel von Kars­ten Pol­ke-Majew­ski (hier) und auf Indis­kre­ti­on Ehren­sa­che von Tho­mas Knüwer (hier), die zunächst nicht viel mit­ein­an­der zu tun haben, tat­säch­lich aber um das Rät­sel des Pri­va­ten und die über­se­he­ne Ver­bin­dung mit den hier im Blog als Socia­li­tä­ten beschrie­be­nen Phä­no­me­ne krei­sen.

Um es vor­ab noch ein­mal zu sagen: “das Pri­va­te” gibt es nicht. Die Schwie­rig­keit, es auf der Ach­se privat/öffentlich zu ver­or­ten wur­de m.E. in groß­ar­ti­ger und unbe­dingt lesens- und beden­kens­wer­ter Wei­se von Alex Demi­ro­vic in sei­nem Auf­satz “Hege­mo­nie und das Para­dox von pri­vat und öffent­lich” beschrie­ben. Will man die Refle­xi­on aber bis zur Hand­hab­bar­keit des Begriffs für die gegen­wär­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen brin­gen, muss man die Socia­li­tä­ten-Gebun­den­heit von “Pri­va­tem” ein­be­zie­hen, wie hier in den letz­ten Pos­tings immer wie­der vor­ge­schla­gen wur­de. Das heißt: Was pri­vat ist bemisst sich an der jewei­li­gen Rela­ti­on, in der es als pri­vat fest­ge­legt wur­de. Die “Pri­vat­sphä­re”, die übli­cher­wei­se gemeint wird, ist jene Sphä­re, die der Staat als pri­vat zu respek­tie­ren hat,  über deren Gren­ze er sich also nur in sel­te­nen und jeweils zu begrün­den­den (und durch rich­ter­li­che Beschlüs­se anzu­ord­nen­den) Ein­zel­fäl­len hin­weg­set­zen darf. Das Brief­ge­heim­nis, die Unver­letz­lich­keit der Woh­nung sind sol­che “Pri­vat­hei­ten”, die ich vor dem Staat ver­schlie­ße.

In ande­ren Bezie­hun­gen hige­gen gibt es ande­re “Pri­vat­hei­ten” — dem Arbeit­ge­ber gegen­über etwa, den Kol­le­gen, ehe­ma­li­gen Schul­freun­den, dem Ehe­part­ner, den Eltern oder Kin­der. In all die­sen Bezie­hun­gen gibt es “aus­ge­schlos­se­ne” Berei­che, die das Pri­va­te mei­nen. Und es gibt Pri­vat­hei­ten gegen­über gänz­lich Frem­den (der Streit, ob die mir zuor­den­ba­re Haus­fas­sa­de dazu­ge­hört ist momen­tan ein Inhalt der Stre­et­view-Debat­te) oder gegen­über anony­men Fir­men (mei­ne Haus­fas­sa­de als Datum, das Goog­le über mich sam­melt; mei­ne Kre­dit­kar­ten­da­ten; mei­ne Vor­lie­ben und Lebens­um­stän­de).

Eini­ge die­ser “Pri­vat­hei­ten” wer­den durch gesetz­li­chen Schutz gere­gelt. So wird mir gesetz­lich das Recht am eige­nen Bild zuge­stan­den. Gegen­über dem Arbeit­ge­ber wird mir durch Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­ge­set­ze und aktu­ell die Ein­schrän­kung der Mit­ar­bei­ter­über­wa­chung und der Bewer­bungs­re­gu­la­ri­en eine Pri­vat­sphä­re garan­tiert. Die­se Pri­vat­heit betrifft aber — wie gesagt — immer Rela­tio­nen. Die Pri­vat­sphä­re ist dabei die Sphä­re über deren Geheim­hal­tung ich gegen­über dem ande­ren Part­ner der Rela­ti­on frei ver­fü­gen kann. Ich muss es nicht. Aber ich kann. Und es kann nicht zu mei­nem Nach­teil ver­wen­det wer­den, wenn ich auf Pri­vat­heit Anspruch erhe­be. So dürf­te selbst in den meis­ten Ehen das Öff­nen der an den Part­ner addres­sier­ten Post oder Emails als Ver­let­zung der  Pri­vat­sphä­re gel­ten und kei­ne Unter­stel­lun­gen nach sich zie­hen.

Zu den bei­den Arti­keln:

Thmas Knüwer zitiert eine mut­maß­lich aus einem Refe­ren­ten­ent­wurf des Innen­mi­nis­te­ri­ums stam­men­de Pas­sa­ge, in der der Gesetz­ge­ber zu defi­nie­ren » Wei­ter­le­sen «

Spannender Ansatz für ein Netztheater

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Spannender Ansatz für ein Netztheater § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Frei­tag bringt heu­te hier einen Bericht von Andrew Dick­son (Über­set­zung Hol­ger Hutt) über eine Ver­an­stal­tung des Edin­burg­her Tra­ver­se Theat­re mit dem Titel Impos­si­ble Things befo­re Bre­ak­fast. Inter­es­sant dar­an ist, dass die dort vor­ge­stell­ten Stü­cke live in Kinos über­tra­gen wur­den:

Nun ver­sucht das Tra­ver­se etwas, das man frü­her, wenn zwar nicht für unmög­lich, so doch für hoch ambi­tio­niert gehal­ten hät­te: An einem Abend wur­den die­se zwei kur­zen Stü­cke zusam­men mit drei wei­te­ren mit­hil­fe eines Video­bea­mers in 30 Kinos in ganz Groß­bri­tan­ni­en und Irland über­tra­gen. Das Thea­ter ist frei­lich nicht das ers­te, das etwas der­ar­ti­ges macht. Bereits im Jahr 2006 begann die Metro­po­li­tan Ope­ra in New York mit der Über­tra­gung ihrer Auf­füh­run­gen in Kinos auf der gan­zen Welt und im ver­gan­ge­nen Jahr folg­te Lon­dons Natio­nal Theat­re unter ande­rem mit Hel­len Mir­ren in Raci­nes Phèd­re, was welt­weit 200.000 Men­schen mit­ver­folg­ten. Vor ein paar Wochen gab das Lon­do­ner Don­mar, bei dem es auf­grund der gerin­gen Platz­ka­pa­zi­tä­ten und des gro­ßen Andrangs schwie­rig sein kann, eine Kar­te zu bekom­men, bekannt, man wer­de den King Lear des Herbst­spiel­pla­nes eben­falls live auf Video­bea­mer sen­den. (Quel­le)

Das selbst ist eigent­lich noch nicht wirk­lich der Span­nung letz­ter Schluss — hat doch schon das Fern­se­hen Thea­ter­auf­füh­run­gen live über­tra­gen (Ohn­sorg, Mil­lo­witsch, Kur­fürs­ten­damm um nur eini­ge zu nen­nen, an die ich mich noch aus eige­ner Anschau­ung erin­ne­re). Es ist auch nicht die gro­ße Mel­dung, dass nun in den Kinos eine Art des Gemein­schafts­ge­fühls bei den Zuschau­ern erzeugt wer­den soll, die bei Fern­seh­über­tra­gung nicht auf­kommt. Public Viewing fürs Thea­ter. Macht Bay­reuth auch. Ins Netz wird auch schon live gestreamt.

Mich wür­de viel­mehr inter­es­sie­ren, ein Kon­zept oder einen Mull­ti­text zu machen, der 30 (oder sagen wir: 3) Thea­ter mit­ein­an­der ver­bin­det — und unter­ein­an­der Live-Bil­der in die jewei­li­ge Live-Auf­füh­rung über­trägt, sodass ein Hybrid ent­steht, der an jedem Ort einen ande­ren “kör­per­li­chen” Bestand­teil hat (die leib­haf­ti­gen » Wei­ter­le­sen «

Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern.

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Dass das Thea­ter der Raum des “Sozialen“sei, gele­gen zwi­schen dem Öffent­li­chen und dem Pri­va­ten, war letz­tens hier und hier im Blog als The­se auf­ge­stellt wor­den. Das Sozia­le war dabei als der Bereich des sozia­len Sys­tems vor­läu­fig bestimmt wor­den — was sich ange­sichts der Über­le­gun­gen zum Ver­hält­nis von privat/öffentlich im Zusam­men­hang mit Goog­le Stre­et­view noch ein Stück wei­ter prä­zi­sie­ren lässt.

Das Sozia­le als Ver­öf­fent­li­chung des Pri­va­ten

Ins­be­son­de­re in der Dra­men­ge­schich­te der letz­ten Jahr­hun­der­te spiel­te Thea­ter häu­fig (aus dem Bauch her­aus wür­de ich sagen: in bestimm­ten Epo­chen nahe­zu aus­schließ­lich) in “Pri­vat­räu­men”. Sei­en es die Herr­scher- und Adli­gen­ge­mä­cher der Shakespeare’schen Köni­ge, die Paläs­te Raci­nes oder auch die Wohn­räu­me bür­ger­li­cher Trau­er­spie­le. Thea­ter ver-öffent­licht Räu­me, die wei­test­ge­hend “pri­vat” in dem Sin­ne waren, dass das Publi­kum dort nicht hin­ein konn­te. Und inner­halb die­ser ver­öf­fent­lich­ten Pri­vat­räu­me ent­spann sich das dra­ma­tur­gi­sche Sys­tem der Socia­li­tä­ten, der Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, die Ver­schie­bun­gen von Kon­stel­la­tio­nen, der Wis­sens­über­schuss oder -man­gel bei Betei­lig­ten. Das durch die Ram­pe getrenn­te, ggf. sogar ins Dun­kel des Zuschau­er­raums getauch­te Publi­kum war in die Rol­le des “pri­va­ten” Voy­eurs gewie­sen und hat­te das “Recht auf Ein­sicht” in das (aller­dings fik­ti­ve) Pri­va­te. Eine Form von “Big Bro­ther” — nur eben unter den Regu­la­ri­en des Sys­tems. Denn mit Kant wäre zu sagen, dass Thea­ter dabei die tran­szen­den­ta­le Ästhe­tik der prak­ti­schen Ver­nunft sowohl » Wei­ter­le­sen «

Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind

August 19th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wäh­rend die Öffent­lich­keit um das Goog­le Stre­et­view Som­mer­loch kreist, als wäre es eine Welt­sen­sa­ti­on, tes­tet die Bun­des­po­li­tik in Gestalt der Zens­ur­su­la von der Ley­en aus, wie weit ein Staat sich heu­te schon ins Pri­va­te vor­wa­gen darf. Die Sache selbst ist ein typi­scher Som­mer­loch-Fla­tus Vocis: Kin­der von Hartz IV-Emp­fän­gern erhal­ten mehr oder weni­ger Leis­tun­gen über eine Chip­kar­te. Mal inklu­si­ve Kin­der­geld, mal nur der Kla­vier­un­ter­richt, mal das Schwimm­bad, mal die Lehr­bü­cher. Was auch immer. Uner­heb­lich. Die gan­ze Geschich­te ist kom­plett absurd und unum­setz­bar. Sie zeugt einen so immensen Ent­schei­dungs- und Ver­wal­tungs- sowie Abrech­nungs­auf­wand, das der Ein­fall spä­tes­tens nach Ende der Som­mer­pau­se ver­ges­sen ist.

Es geht aller­dings auch hier im Hin­ter­grund um ande­res: Der Staat macht sich anhei­schig, in die Fami­li­en hin­ein zu schnei­den und zu regie­ren. Nach­dem in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren das Image der Hartz IV-Emp­fän­ger durch kon­ser­va­ti­ves Dau­er­feu­er in Trüm­mer gelegt wur­de, ist die Zeit nun reif für die » Wei­ter­le­sen «

Das eigentliche Problem hinter „Streetview“ – zwischen privat und öffentlich: theatrale Socialität

August 19th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die gera­de geführ­te Debat­te rund um Goog­le Stre­et­view ent­behrt nicht einer gewis­sen Komik – und zwar sowohl auf Sei­ten der Kri­ti­ker wie der Ver­tei­di­ger. Sie ent­spannt sich schein­bar auf der Ach­se pri­vat-öffent­lich und kann doch auf die­ser Ach­se weder ver­stan­den, noch wirk­lich in ihrer tat­säch­li­chen Trag­wei­te ent­fal­tet wer­den. Es fehlt der wesent­li­che Begriff zwi­schen pri­vat und öffent­lich.

Fas­sa­den sind öffent­lich

Auf Sei­ten der Befür­wor­ter herrscht schein­bar gro­ße Ver­blüf­fung dar­über, dass die Fas­sa­de eines Hau­ses von irgend­je­man­dem zur „Pri­vat­sphä­re“ gerech­net wer­den könn­te. Schließ­lich kann doch pro­blem­los jeder Mensch an jedem Haus vor­bei­ge­hen, es betrach­ten, ohne dabei von den Bewoh­nern des Ein­griffs in die Pri­vat­sphä­re beschul­digt zu wer­den. War­um also soll­te das digi­ta­le Abbild die­ses Hau­ses nun plötz­lich „pri­vat“ sein – wäh­rend doch ver­mut­lich auch die Ver­tei­di­ger der Pri­vat­sphä­re sehr ger­ne die Mög­lich­kei­ten einer Real­bild-Navi­ga­ti­on, einer Besuchs­pla­nung, einer Woh­nungs­su­che usw. nut­zen wer­den. Gro­ßes Unver­ständ­nis. Nicht unbe­rech­tigt.

Fas­sa­den sind Teil eines Pro­fils von mir

Auf der ande­ren Sei­te die­je­ni­gen, die ein Pro­blem damit haben. Ich möch­te sagen, dass ich dazu gehö­re. Und zwar Ange­sichts sol­cher Diens­te wie yas­ni oder 123people.de. Die­se Diens­te aggre­gie­ren per­so­nen­be­zo­ge­ne Infor­ma­tio­nen, die im Netz zugäng­lich sind. Nach Ein­ga­be des Namens erschei­nen alle mit die­sem Namen ver­bun­de­ne Pro­fil­bil­der aus Soci­al Net­works, Twit­ter, MyS­pace, Face­book und Goog­le Bil­der­su­che. Zudem sind mit die­sem Namen vor­han­de­ne Adress- und Tele­fon­buch­ein­trä­ge ver­knüpft, pri­va­te Home­pages, Ver­öf­fent­li­chun­gen, Such­tref­fer aus News und Web, selbst Ama­zon-Wunsch­lis­ten, Vide­os, Instant Messa­ging und Sky­pe sowie Blogs und die mit mir in Soci­al Net­works ver­bun­de­nen Freun­de.

Zukünf­tig wird hier auch noch die Fas­sa­de des Wohn­hau­ses oder alle ver­füg­ba­ren Wohn­häu­ser der Ver­gan­gen­heit auf­tau­chen. Und sie wer­den über die Jah­re wach­sen. Denn die Per­so­nen­such­ma­schi­nen wer­den natür­lich über die Jah­re hin­weg zuneh­mend „klü­ger“ und voll­stän­di­ger. Neben dem aktu­el­len Snaphshot wird eine His­to­rie ent­ste­hen (die­se Per­so­nen­such­ma­schi­nen sind erst eini­ge Jah­re am Start – noch ist da bei hin­rei­chend häu­fi­gen Namen eini­ges an Fal­ses ent­hal­ten). Man könn­te auf die Idee kom­men, die­se Diens­te zu ver­bie­ten – was über­haupt nichts bringt. Denn wenn die kos­ten­lo­sen, all­ge­mein ver­füg­ba­ren Ange­bo­te aus dem Netz ver­schwin­den, wer­den Soft­ware-Anbie­ter sol­che Tech­no­lo­gi­en ein­fach als Desk­top-Engi­nes anbie­ten. Sei es jeder­mann, nur Unter­neh­men oder nur staat­li­chen Stel­len. Die Büch­se der Pan­do­ra lässt sich nicht ver­schlie­ßen.

Das ver­öf­fent­lich­te Pri­va­te

Nun – wo ist das Pro­blem? Das Pro­blem lässt sich als privat/öffentlich nicht fas­sen. Denn schließ­lich bin ich es doch, der all die­se Infor­ma­tio­nen „öffent­lich“ gemacht hat. Aller­dings habe ich sie nicht unbe­dingt „netz­öf­fent­lich“ gemacht. Gehen wir nun davon aus, dass ich in einer lau­en Som­mer­nacht – wie über 2 Mil­lio­nen Deut­sche – einen Account auf poppen.de ein­ge­rich­tet habe. Oder vor eini­gen Jah­ren bei fri­end­scout, edar­ling, adult­fri­end­fin­der, im Depres­si­ons­fo­rum, im Aids-Selbst­hil­fe­fo­rum, in einem Pro­dukt­kri­tik-Por­tal, bei Holi­day­check usw. Und gehen wir wei­ter­hin davon aus, dass auch die­se Daten mit­tel­fris­tig zugäng­lich sein wer­den. Spä­tes­tens dann, wenn die Klar­na­men-Pflicht ein­ge­führt wird. Oder wenn die Peop­le-Such­ma­schi­nen sich mit der Mög­lich­keit der Suche nach bestimm­ten „Pseud­ony­men“ nach­rüs­ten, die es in ande­ren berei­chen schon gibt. Ich kann jetzt schon eine gan­ze Rei­he vor­han­de­ner Platt­for­men dar­auf­hin durch­su­chen las­sen, ob dort ein bestimm­tes Pseud­onym ange­mel­det ist. Ver­knüp­fe ich die Ergeb­nis­se die­ser Suche mit der Per­so­nen­su­che, ist Durch­läs­sig­keit her­ge­stellt. Und ich kann sie durch Bücher-, Video-, Musik­prä­fe­ren­zen nach Belie­ben anrei­chern. Damit ist das eigent­li­che Pro­blem aber noch immer nicht zugäng­lich.

Das feh­len­de Ele­ment: Die Socia­li­tä­ten

Wo ist also das Pro­blem – ich habe mich doch öffent­lich gemacht? Das Pro­blem ist, dass „pri­vat und „öffent­lich“ nicht funk­tio­nie­ren. Zwi­schen Pri­vat und Öffent­lich gehört – abge­lei­tet aus dem Begriff des „Soci­al Web“ das Sozia­le. Und zwi­schen schein­bar ein­heit­li­cher pri­va­ter „Iden­ti­tät“ und öffent­li­cher „Per­son“ gehört ein Bün­del an Socia­li­ties. Rif­kin hat den nach­mo­der­nen Men­schen als „protei­sche » Wei­ter­le­sen «

Digitalökonomie — Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg

August 11th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie — Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die­Be­dro­hung des offe­nen Inter­net war hier im Blog bis­her (etwa hier) vor­nehm­lich an Face­book fest­ge­macht wor­den (was auch immer noch immi­nent ist — ich glau­be, dass Face­book tat­säch­lich durch die eige­ne Wäh­rung mit 500 Mil­lio­nen Mit­glie­dern welt­weit zu einer qua­si-staat­li­chen über­statt­li­chen Macht wird). Heu­te aber — wie hier von ZEIT Online gemel­det — macht Goog­le den ers­ten offe­nen Zug in dem anste­hen­den gro­ßen Digi­tal­krieg. Jeff Jar­vis nennt das, was zwi­schen Goog­le und Veri­zon ver­ab­re­det wur­de, hier ein “Mün­che­ner Abkom­men” — sich dabei auf das Abkom­men von 1938 bezie­hend, in dem Hit­ler von Frank­reich und Eng­land die Beset­zung des Sude­ten­lan­des erlaubt wur­de. ZEIT fin­det den Ver­gleich hart, ich dage­gen den­ke, wir sind schon über Mün­chen hin­aus. Zitat ZEIT:

Der Such­ma­schi­nen­kon­zern und die ame­ri­ka­ni­sche Tele­fon­ge­sell­schaft ver­su­chen, im Inter­net so etwas wie Maut­gren­zen und Zoll­schran­ken ein­zu­füh­ren. Gleich­zei­tig bau­en sie an einer dau­er­haf­ten Über­wa­chung der Inhal­te.

Dabei ist Inhalts­über­wa­chung kei­ne Über­trei­bung:

Der übels­te ist die Idee des “law­ful con­tent”. Die Neu­tra­li­tät des Net­zes und die Gleich­be­hand­lung von Daten sol­len nur noch für sol­chen “geset­zes­treu­en Inhalt” gel­ten. Was ille­gal ist, darf dis­kri­mi­niert wer­den. Prin­zi­pi­ell nicht schlimm, das gesell­schaft­li­che Leben funk­tio­niert genau­so. Mit einem ent­schei­den­den Unter­schied: In demo­kra­ti­schen Gesell­schaf­ten wird öffent­lich, trans­pa­rent und eben demo­kra­tisch ver­han­delt, was legal und was ille­gal ist.

Apple hat in Sachen Zen­sur schon mit den Apps einen klei­nen Vor­ge­schmack gege­ben, ein eher gerin­ges Grenzschar­müt­zel, das den Her­stel­lern von blin­ken­den Käst­chen und hüb­schen Touch­screens nicht wirk­lich übel genom­men wur­de in der brei­ten Öffent­lich­keit. Goog­le aber ver­kün­det nun­mehr, selbst zu ent­schei­den, was law­ful ist und was unla­w­fuil. Gehen wir mal nicht davon aus, dass » Wei­ter­le­sen «

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