ARD 23.11 Uhr – wer hat Sarrazin den Saft abgedreht?

August 30th, 2010 § Kommentare deaktiviert für ARD 23.11 Uhr – wer hat Sarrazin den Saft abgedreht? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Sensationell. Nachdem Sarrazin seinen Unfug minutenlang über die ARD verbreiten darf – fällt der Sender aus. Nur in Frankfurt? Bundesweit? Kein Störbild. Keine Senderausfallentschuldigung. ARD ist der einzige betroffene Sender.

Was ist passiert?

Hat ein beherzter Mitarbeiter dem Nationalsozialdemokraten den Saft abgedreht? Hat der Intendant auf den Buzzer gedrückt? Wenn es ein menschlicher Eingriff war – Respekt!

Überwachung, Beobachtung, Wahrgenommensein in Digitalien

August 30th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inder philosophischen Tradition ist der Zusammenhang zwischen Sein und Wahrnehmung/Beobachtung alles andere als einfach oder harmlos. Solch ein Rückblick in die Tradition kann vielleicht den Beobachtungsphänomenen im Zeitalter des Internet eine interessante Dimension verschaffen – einerseits zwischen der Seinskonstitution, die durch Wahrnehmung entsteht, andererseits die Bedrohung durch den Betrachter.

Der ersehnte Blick

Überspringen wir mal Parmenides und andere Ontologen und kommen direkt zu George Berkeleys „Esse est percipi“ – „Sein heißt wahrgenommen werden“. Und erlauben wir uns, ohne jeden interpretatorischen und diskursiven Ballast eine Übertragung ins Netz – so wird unmittelbar augenfällig, dass für alles, was im Netz stattfindet, ein Anderer vonnöten ist. Sei es ein Mail-Empfänger, ein Chatpartner, ein Webseitenbesucher, ein Blog-Leser, ein Blogkommentator, ein Videobetrachter usw. Und die Seinsdimension des einzelnen Seienden ist quantifizierbar. Ein millionenfach angesehenes YouTube-Video „ist“ (genau wie sein Macher) mehr als ein nur wenige Male geschautes. Ein Blog mit vielen Besuchern und Kommentaren „ist“ mehr als ein wenig gelesenes und unkommentiertes. Das „Sein“ ist dabei nicht nur im Gegensatz zum Nichtsein – sondern eine kantisch gesprochen „intensive Größe“, die er das Reale der Wahrnehmung zu sein urteilte. Der Realitätsgrad eines Dings ist quantitativ different:

Also hat jede Realität in der Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese Realität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in der Erscheinung, z.B. einer Veränderung) betrachtet: so nennt man den Grad der Realität, als Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der Schwere, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. (KrV 209; hier)

Eine Webseite, ein Chatpartner, ein Mailpartner, ein Blog, der mehr Wahrnehmung hat bekommt mehr Realität und damit wiederum mehr „Wirkung“. Das hat Kant so nicht gemeint – versteht sich. Kant sprach von physischen Objekten, nicht von Kommunikationsgrößen. Dennoch lässt sich das Prinzip „rauben“. Ein Webinhalt, der nicht wahrgenommen wird, „ist“ nicht. Ein Webinhalt der oft wahrgenommen wird, „ist“ mehr. Dieses Phänomen kennt jeder, der ein Blog betreibt und auf die Stats schielt, jeder Werbetreibende, der Visits misst, jeder Video-Uploader, Musik-Uploader, Bild-Uploader. Und es kennt auch der Beobachter, der sich an » Weiterlesen «

Sarrazin – ein muslimischer Migrant???

August 27th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Sarrazin – ein muslimischer Migrant??? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Irgendwie scheint mir gerade (ein noch nicht hinreichend aktisch belegbares) ein aufblühendes Interesse am Rechten und Radikalen bemerkbar zu sein. So quengelte kürz Norbert Blotz (hier) im Tagesspiegel. „Norbert Bolz sieht im politischen Spektrum ein Vakuum auf der Rechten.“ Anders als vermutet verortet er das Vakuum aber nicht in den rechten Köpfen, sondern sieht auf der Rechten ein Vakuum. Nunja.

Der Meister Sarrazin nun wirbelt braunen Staub mit seinem Buch und einem Interview auf, das ebenfalls im Tagesspiegel (hier)  mit der hübsch vieldeutigen Überschrift „Es gibt Grenzen des Intellekts“ zu finden ist. In der Einleitung pointiert der Tagesspiegel: Deutschland verdumme, weil die Unterschicht und muslimische Migranten zu viele Kinder kriegen, meint Berlins früherer Senator Thilo Sarrazin.

Hm. Muslimische Migranten. Kinder. Nachfahren. Kusanowsky hat in einem schönen Artikel über Skandalisierungsrituale (hier) der Diskussion in seiner Überschrift eine Dimension abgewonnen, die ich gerne einen Schritt weiter treiben möchte. Kusanowskys Zeile: „Muezzin und Sarrazin – Die Reimform moderner Verständigungsprozesse.“ Muezzin Sarrazin. Hassprediger allerorten. Man kann einfach eine Google-Suche nach der Herkunft des Namens „Sarrazin“ anstellen. Klingt doch schon nach Sarazener

Sarazenen ist ein Begriff, der ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm bezeichnete. Im Gefolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die muslimischen Völker, » Weiterlesen «

Das Dokument, die Werktreue, die klassische Dramaturgie

August 27th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In dem Posting „Gogle Streetview – Zur Unterscheidung von Dokumentation und Simulation des Raumes 8“ (hier) listet Klaus Kusanowsy vier Kriterien der Dokumentform auf. Diese sind:

  • Linearität
  • Kausalität
  • Sequenzialität
  • Identität

Spnannen daran ist für mich zweierlei. Zum Einen sind diese Kriterien – vermutlich in anderem Verständnis als bei Kusanowsky – sehr passend auf die klassische Dramaturgie anwendbar, die sich durch Linearität, Kausalität und Sequenzialität sehr gut charakterisieren lässt. Die „Identität“ ist ein eher schillerndes Element. Denn die klassische Dramaturgie legt die figurale oder personale Identität zugrunde. Schon durch die Auflistung eines dramatis persona, das durch Namenszuschreibung personale Artefakte erschafft, die durch die Namen wiedererkennbar sind und sich durch die Handlungen und Äußerungen charakterisieren – wobei die Aufführung den Leseprozess umkehrt, die zunehmende Charakterisierung durch das Lesen (das den Charakter erst am Ende kennen kann) durch den Darsteller schon von der ersten Minute vorwegnehmen lässt und durch Ausstattung, Maske, Kostüm bereits von Anfang an charakterisiert.

Schillernder aber ist die „Identität“ zudem im Zusammenhang mit der häufig von Beobachtern geforderten „Werktreue“ der Aufführung, die das Ansinnen hat, das dokumentierte Werk bzw. das im Werk Dokumentierte treu auf der Bühne wiederzugeben. Eine Identität der Schrift und der Aufführungen, wobei unterstellt » Weiterlesen «

Die Verwirrung um „das Private“ geht weiter

August 26th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wie grundlegend und tiefgreifend die gesellschaftlichen Veränderungen durch das Internet sind, wird zunehmend auch in der Mediendebatte sichtbar. Immer wieder geht es um „das Private“. Und immer wieder geht es um staatliche Eingriffe. Heute erschienen in ZEITonline ein Artikel von Karsten Polke-Majewski (hier) und auf Indiskretion Ehrensache von Thomas Knüwer (hier), die zunächst nicht viel miteinander zu tun haben, tatsächlich aber um das Rätsel des Privaten und die übersehene Verbindung mit den hier im Blog als Socialitäten beschriebenen Phänomene kreisen.

Um es vorab noch einmal zu sagen: „das Private“ gibt es nicht. Die Schwierigkeit, es auf der Achse privat/öffentlich zu verorten wurde m.E. in großartiger und unbedingt lesens- und bedenkenswerter Weise von Alex Demirovic in seinem Aufsatz „Hegemonie und das Paradox von privat und öffentlich“ beschrieben. Will man die Reflexion aber bis zur Handhabbarkeit des Begriffs für die gegenwärtige Herausforderungen bringen, muss man die Socialitäten-Gebundenheit von „Privatem“ einbeziehen, wie hier in den letzten Postings immer wieder vorgeschlagen wurde. Das heißt: Was privat ist bemisst sich an der jeweiligen Relation, in der es als privat festgelegt wurde. Die „Privatsphäre“, die üblicherweise gemeint wird, ist jene Sphäre, die der Staat als privat zu respektieren hat,  über deren Grenze er sich also nur in seltenen und jeweils zu begründenden (und durch richterliche Beschlüsse anzuordnenden) Einzelfällen hinwegsetzen darf. Das Briefgeheimnis, die Unverletzlichkeit der Wohnung sind solche „Privatheiten“, die ich vor dem Staat verschließe.

In anderen Beziehungen higegen gibt es andere „Privatheiten“ – dem Arbeitgeber gegenüber etwa, den Kollegen, ehemaligen Schulfreunden, dem Ehepartner, den Eltern oder Kinder. In all diesen Beziehungen gibt es „ausgeschlossene“ Bereiche, die das Private meinen. Und es gibt Privatheiten gegenüber gänzlich Fremden (der Streit, ob die mir zuordenbare Hausfassade dazugehört ist momentan ein Inhalt der Streetview-Debatte) oder gegenüber anonymen Firmen (meine Hausfassade als Datum, das Google über mich sammelt; meine Kreditkartendaten; meine Vorlieben und Lebensumstände).

Einige dieser „Privatheiten“ werden durch gesetzlichen Schutz geregelt. So wird mir gesetzlich das Recht am eigenen Bild zugestanden. Gegenüber dem Arbeitgeber wird mir durch Anti-Diskriminierungsgesetze und aktuell die Einschränkung der Mitarbeiterüberwachung und der Bewerbungsregularien eine Privatsphäre garantiert. Diese Privatheit betrifft aber – wie gesagt – immer Relationen. Die Privatsphäre ist dabei die Sphäre über deren Geheimhaltung ich gegenüber dem anderen Partner der Relation frei verfügen kann. Ich muss es nicht. Aber ich kann. Und es kann nicht zu meinem Nachteil verwendet werden, wenn ich auf Privatheit Anspruch erhebe. So dürfte selbst in den meisten Ehen das Öffnen der an den Partner addressierten Post oder Emails als Verletzung der  Privatsphäre gelten und keine Unterstellungen nach sich ziehen.

Zu den beiden Artikeln:

Thmas Knüwer zitiert eine mutmaßlich aus einem Referentenentwurf des Innenministeriums stammende Passage, in der der Gesetzgeber zu definieren » Weiterlesen «

Spannender Ansatz für ein Netztheater

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Spannender Ansatz für ein Netztheater § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Freitag bringt heute hier einen Bericht von Andrew Dickson (Übersetzung Holger Hutt) über eine Veranstaltung des Edinburgher Traverse Theatre mit dem Titel Impossible Things before Breakfast. Interessant daran ist, dass die dort vorgestellten Stücke live in Kinos übertragen wurden:

Nun versucht das Traverse etwas, das man früher, wenn zwar nicht für unmöglich, so doch für hoch ambitioniert gehalten hätte: An einem Abend wurden diese zwei kurzen Stücke zusammen mit drei weiteren mithilfe eines Videobeamers in 30 Kinos in ganz Großbritannien und Irland übertragen. Das Theater ist freilich nicht das erste, das etwas derartiges macht. Bereits im Jahr 2006 begann die Metropolitan Opera in New York mit der Übertragung ihrer Aufführungen in Kinos auf der ganzen Welt und im vergangenen Jahr folgte Londons National Theatre unter anderem mit Hellen Mirren in Racines Phèdre, was weltweit 200.000 Menschen mitverfolgten. Vor ein paar Wochen gab das Londoner Donmar, bei dem es aufgrund der geringen Platzkapazitäten und des großen Andrangs schwierig sein kann, eine Karte zu bekommen, bekannt, man werde den King Lear des Herbstspielplanes ebenfalls live auf Videobeamer senden. (Quelle)

Das selbst ist eigentlich noch nicht wirklich der Spannung letzter Schluss – hat doch schon das Fernsehen Theateraufführungen live übertragen (Ohnsorg, Millowitsch, Kurfürstendamm um nur einige zu nennen, an die ich mich noch aus eigener Anschauung erinnere). Es ist auch nicht die große Meldung, dass nun in den Kinos eine Art des Gemeinschaftsgefühls bei den Zuschauern erzeugt werden soll, die bei Fernsehübertragung nicht aufkommt. Public Viewing fürs Theater. Macht Bayreuth auch. Ins Netz wird auch schon live gestreamt.

Mich würde vielmehr interessieren, ein Konzept oder einen Mulltitext zu machen, der 30 (oder sagen wir: 3) Theater miteinander verbindet – und untereinander Live-Bilder in die jeweilige Live-Aufführung überträgt, sodass ein Hybrid entsteht, der an jedem Ort einen anderen „körperlichen“ Bestandteil hat (die leibhaftigen » Weiterlesen «

Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern.

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vorbemerkung: In der Kategorie „Thesen zum Theater“ sollen in diesem Blog Gedanken auf Tragfähigkeit getestet und zur Kritik und Überarbeitung gestellt werden. Jede These bleibt vorläufig. Wie auch diese Bemerkung.}

Dass das Theater der Raum des „Sozialen“sei, gelegen zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten, war letztens hier und hier im Blog als These aufgestellt worden. Das Soziale war dabei als der Bereich des sozialen Systems vorläufig bestimmt worden – was sich angesichts der Überlegungen zum Verhältnis von privat/öffentlich im Zusammenhang mit Google Streetview noch ein Stück weiter präzisieren lässt.

Das Soziale als Veröffentlichung des Privaten

Insbesondere in der Dramengeschichte der letzten Jahrhunderte spielte Theater häufig (aus dem Bauch heraus würde ich sagen: in bestimmten Epochen nahezu ausschließlich) in „Privaträumen“. Seien es die Herrscher- und Adligengemächer der Shakespeare’schen Könige, die Paläste Racines oder auch die Wohnräume bürgerlicher Trauerspiele. Theater ver-öffentlicht Räume, die weitestgehend „privat“ in dem Sinne waren, dass das Publikum dort nicht hinein konnte. Und innerhalb dieser veröffentlichten Privaträume entspann sich das dramaturgische System der Socialitäten, der Beziehungen untereinander, die Verschiebungen von Konstellationen, der Wissensüberschuss oder -mangel bei Beteiligten. Das durch die Rampe getrennte, ggf. sogar ins Dunkel des Zuschauerraums getauchte Publikum war in die Rolle des „privaten“ Voyeurs gewiesen und hatte das „Recht auf Einsicht“ in das (allerdings fiktive) Private. Eine Form von „Big Brother“ – nur eben unter den Regularien des Systems. Denn mit Kant wäre zu sagen, dass Theater dabei die transzendentale Ästhetik der praktischen Vernunft sowohl » Weiterlesen «

Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind

August 19th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Während die Öffentlichkeit um das Google Streetview Sommerloch kreist, als wäre es eine Weltsensation, testet die Bundespolitik in Gestalt der Zensursula von der Leyen aus, wie weit ein Staat sich heute schon ins Private vorwagen darf. Die Sache selbst ist ein typischer Sommerloch-Flatus Vocis: Kinder von Hartz IV-Empfängern erhalten mehr oder weniger Leistungen über eine Chipkarte. Mal inklusive Kindergeld, mal nur der Klavierunterricht, mal das Schwimmbad, mal die Lehrbücher. Was auch immer. Unerheblich. Die ganze Geschichte ist komplett absurd und unumsetzbar. Sie zeugt einen so immensen Entscheidungs- und Verwaltungs- sowie Abrechnungsaufwand, das der Einfall spätestens nach Ende der Sommerpause vergessen ist.

Es geht allerdings auch hier im Hintergrund um anderes: Der Staat macht sich anheischig, in die Familien hinein zu schneiden und zu regieren. Nachdem in den letzten Monaten und Jahren das Image der Hartz IV-Empfänger durch konservatives Dauerfeuer in Trümmer gelegt wurde, ist die Zeit nun reif für die » Weiterlesen «

Das eigentliche Problem hinter „Streetview“ – zwischen privat und öffentlich: theatrale Socialität

August 19th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die gerade geführte Debatte rund um Google Streetview entbehrt nicht einer gewissen Komik – und zwar sowohl auf Seiten der Kritiker wie der Verteidiger. Sie entspannt sich scheinbar auf der Achse privat-öffentlich und kann doch auf dieser Achse weder verstanden, noch wirklich in ihrer tatsächlichen Tragweite entfaltet werden. Es fehlt der wesentliche Begriff zwischen privat und öffentlich.

Fassaden sind öffentlich

Auf Seiten der Befürworter herrscht scheinbar große Verblüffung darüber, dass die Fassade eines Hauses von irgendjemandem zur „Privatsphäre“ gerechnet werden könnte. Schließlich kann doch problemlos jeder Mensch an jedem Haus vorbeigehen, es betrachten, ohne dabei von den Bewohnern des Eingriffs in die Privatsphäre beschuldigt zu werden. Warum also sollte das digitale Abbild dieses Hauses nun plötzlich „privat“ sein – während doch vermutlich auch die Verteidiger der Privatsphäre sehr gerne die Möglichkeiten einer Realbild-Navigation, einer Besuchsplanung, einer Wohnungssuche usw. nutzen werden. Großes Unverständnis. Nicht unberechtigt.

Fassaden sind Teil eines Profils von mir

Auf der anderen Seite diejenigen, die ein Problem damit haben. Ich möchte sagen, dass ich dazu gehöre. Und zwar Angesichts solcher Dienste wie yasni oder 123people.de. Diese Dienste aggregieren personenbezogene Informationen, die im Netz zugänglich sind. Nach Eingabe des Namens erscheinen alle mit diesem Namen verbundene Profilbilder aus Social Networks, Twitter, MySpace, Facebook und Google Bildersuche. Zudem sind mit diesem Namen vorhandene Adress- und Telefonbucheinträge verknüpft, private Homepages, Veröffentlichungen, Suchtreffer aus News und Web, selbst Amazon-Wunschlisten, Videos, Instant Messaging und Skype sowie Blogs und die mit mir in Social Networks verbundenen Freunde.

Zukünftig wird hier auch noch die Fassade des Wohnhauses oder alle verfügbaren Wohnhäuser der Vergangenheit auftauchen. Und sie werden über die Jahre wachsen. Denn die Personensuchmaschinen werden natürlich über die Jahre hinweg zunehmend „klüger“ und vollständiger. Neben dem aktuellen Snaphshot wird eine Historie entstehen (diese Personensuchmaschinen sind erst einige Jahre am Start – noch ist da bei hinreichend häufigen Namen einiges an Falses enthalten). Man könnte auf die Idee kommen, diese Dienste zu verbieten – was überhaupt nichts bringt. Denn wenn die kostenlosen, allgemein verfügbaren Angebote aus dem Netz verschwinden, werden Software-Anbieter solche Technologien einfach als Desktop-Engines anbieten. Sei es jedermann, nur Unternehmen oder nur staatlichen Stellen. Die Büchse der Pandora lässt sich nicht verschließen.

Das veröffentlichte Private

Nun – wo ist das Problem? Das Problem lässt sich als privat/öffentlich nicht fassen. Denn schließlich bin ich es doch, der all diese Informationen „öffentlich“ gemacht hat. Allerdings habe ich sie nicht unbedingt „netzöffentlich“ gemacht. Gehen wir nun davon aus, dass ich in einer lauen Sommernacht – wie über 2 Millionen Deutsche – einen Account auf poppen.de eingerichtet habe. Oder vor einigen Jahren bei friendscout, edarling, adultfriendfinder, im Depressionsforum, im Aids-Selbsthilfeforum, in einem Produktkritik-Portal, bei Holidaycheck usw. Und gehen wir weiterhin davon aus, dass auch diese Daten mittelfristig zugänglich sein werden. Spätestens dann, wenn die Klarnamen-Pflicht eingeführt wird. Oder wenn die People-Suchmaschinen sich mit der Möglichkeit der Suche nach bestimmten „Pseudonymen“ nachrüsten, die es in anderen bereichen schon gibt. Ich kann jetzt schon eine ganze Reihe vorhandener Plattformen daraufhin durchsuchen lassen, ob dort ein bestimmtes Pseudonym angemeldet ist. Verknüpfe ich die Ergebnisse dieser Suche mit der Personensuche, ist Durchlässigkeit hergestellt. Und ich kann sie durch Bücher-, Video-, Musikpräferenzen nach Belieben anreichern. Damit ist das eigentliche Problem aber noch immer nicht zugänglich.

Das fehlende Element: Die Socialitäten

Wo ist also das Problem – ich habe mich doch öffentlich gemacht? Das Problem ist, dass „privat und „öffentlich“ nicht funktionieren. Zwischen Privat und Öffentlich gehört – abgeleitet aus dem Begriff des „Social Web“ das Soziale. Und zwischen scheinbar einheitlicher privater „Identität“ und öffentlicher „Person“ gehört ein Bündel an Socialities. Rifkin hat den nachmodernen Menschen als „proteische » Weiterlesen «

Digitalökonomie – Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg

August 11th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie – Google und Verizon starten den ersten Digitalkrieg § permalink; Autor: Ulf Schmidt

DieBedrohung des offenen Internet war hier im Blog bisher (etwa hier) vornehmlich an Facebook festgemacht worden (was auch immer noch imminent ist – ich glaube, dass Facebook tatsächlich durch die eigene Währung mit 500 Millionen Mitgliedern weltweit zu einer quasi-staatlichen überstattlichen Macht wird). Heute aber – wie hier von ZEIT Online gemeldet – macht Google den ersten offenen Zug in dem anstehenden großen Digitalkrieg. Jeff Jarvis nennt das, was zwischen Google und Verizon verabredet wurde, hier ein „Münchener Abkommen“ – sich dabei auf das Abkommen von 1938 beziehend, in dem Hitler von Frankreich und England die Besetzung des Sudetenlandes erlaubt wurde. ZEIT findet den Vergleich hart, ich dagegen denke, wir sind schon über München hinaus. Zitat ZEIT:

Der Suchmaschinenkonzern und die amerikanische Telefongesellschaft versuchen, im Internet so etwas wie Mautgrenzen und Zollschranken einzuführen. Gleichzeitig bauen sie an einer dauerhaften Überwachung der Inhalte.

Dabei ist Inhaltsüberwachung keine Übertreibung:

Der übelste ist die Idee des „lawful content“. Die Neutralität des Netzes und die Gleichbehandlung von Daten sollen nur noch für solchen „gesetzestreuen Inhalt“ gelten. Was illegal ist, darf diskriminiert werden. Prinzipiell nicht schlimm, das gesellschaftliche Leben funktioniert genauso. Mit einem entscheidenden Unterschied: In demokratischen Gesellschaften wird öffentlich, transparent und eben demokratisch verhandelt, was legal und was illegal ist.

Apple hat in Sachen Zensur schon mit den Apps einen kleinen Vorgeschmack gegeben, ein eher geringes Grenzscharmützel, das den Herstellern von blinkenden Kästchen und hübschen Touchscreens nicht wirklich übel genommen wurde in der breiten Öffentlichkeit. Google aber verkündet nunmehr, selbst zu entscheiden, was lawful ist und was unlawfuil. Gehen wir mal nicht davon aus, dass » Weiterlesen «

Where am I?

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