Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind

August 19th, 2010 Kommentare deaktiviert für Abschaffung der Privatsphäre: Das staatsunmittelbare Kind Autor: Ulf Schmidt

Wäh­rend die Öffent­lich­keit um das Goog­le Stre­et­view Som­mer­loch kreist, als wäre es eine Welt­sen­sa­ti­on, tes­tet die Bun­des­po­li­tik in Gestalt der Zens­ur­su­la von der Ley­en aus, wie weit ein Staat sich heu­te schon ins Pri­va­te vor­wa­gen darf. Die Sache selbst ist ein typi­scher Som­mer­loch-Fla­tus Vocis: Kin­der von Hartz IV-Emp­fän­gern erhal­ten mehr oder weni­ger Leis­tun­gen über eine Chip­kar­te. Mal inklu­si­ve Kin­der­geld, mal nur der Kla­vier­un­ter­richt, mal das Schwimm­bad, mal die Lehr­bü­cher. Was auch immer. Uner­heb­lich. Die gan­ze Geschich­te ist kom­plett absurd und unum­setz­bar. Sie zeugt einen so immensen Ent­schei­dungs- und Ver­wal­tungs- sowie Abrech­nungs­auf­wand, das der Ein­fall spä­tes­tens nach Ende der Som­mer­pau­se ver­ges­sen ist.

Es geht aller­dings auch hier im Hin­ter­grund um ande­res: Der Staat macht sich anhei­schig, in die Fami­li­en hin­ein zu schnei­den und zu regie­ren. Nach­dem in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren das Image der Hartz IV-Emp­fän­ger durch kon­ser­va­ti­ves Dau­er­feu­er in Trüm­mer gelegt wur­de, ist die Zeit nun reif für die ulti­ma­ti­ve Atta­cke: Wer kei­ne Arbeit hat, ist eo ipso nicht fähig, sich um das eige­ne Kind zu küm­mern. Der zukünf­ti­ge Deal wür­de nach die­ser Rege­lung hei­ßen: Ich gebe dei­nem Kind Geld und Gutes – wenn du mir das Kind gibst. Ein Han­del, der nur aus Mär­chen bekannt ist. Und der dem Staat den direk­ten Ein­griff in die Fami­lie hin­ein erlaubt. Nicht zu ver­ges­sen: Bereits die Schul­pflicht unter­stellt die kind­li­che Erzie­hung der staat­li­chen Auf­sicht und Hoheit. Mit der Chip­kar­te regiert der Staat auch den Rest der Tages­zeit der Kin­der.

Man kann sich fra­gen, ob der Staat eine geeig­ne­te Auf­sicht ist, ob jedes Kind unbe­dingt ans Kla­vier geprü­gelt wer­den muss oder nicht, ob der Staat ent­schei­den darf, wer als Unter­rich­ten­der in den Genuss der Chip­zah­lung kommt oder nicht, ob der Staat über­haupt fest­le­gen kann oder darf was Kin­der zu tun haben. Schließ­lich ist es im gegen­wär­ti­gen Gesche­hen rela­tiv wahr­schein­lich, dass das staat­li­che Augen­merk auf die Zurich­tung des Kin­des für die Wett­be­werbs­ge­sell­schaft gerich­tet ist. Leis­tungs­för­de­rung ab dem ers­ten Monat.

Das sind aller­dings schon Umset­zungs­fra­gen. Die Grund­fra­ge stellt sich viel mehr: Was hat der Staat in der Eltern-Kind-Bezie­hung zu suchen? Wie­weit will der Staat die Frei­heits­rech­te ein­schrän­ken? Jaja, aber die Kin­der. Die Kin­der­lein. Man muss doch an die armen miss­han­del­ten Kin­der­lein den­ken. Recht­fer­tigt das die Miss­hand­lung durch den Staat? Wie wärs mit FDJ und Jun­gen Pio­nie­ren? Jung­volk, HJ und BDM? Viel­leicht eine VDLJ (von der Ley­en Jugend)? Bund deut­scher Kla­vier­spie­le­rin­nen?

Jen­seits der Pole­mik: Der Staat fräst sich zuneh­mend tie­fer in die Pri­vat­sphä­re hin­ein. Dage­gen ist übri­gens Goog­le Stre­et­view ein Dreck.

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