“Das Prinzip Jago” und Fakenews in Essen

März 12th, 2017 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Bericht­erstat­tung der letz­ten Stun­den ist weni­ger, was in Essen bei der Schlie­ßung des Ein­kaufs­zen­trums “Lim­be­cker Platz” wirk­lich statt­ge­fun­den hat. Inter­es­sant ist die Bericht­erstat­tung selbst — und die Fra­ge, was denn eigent­lich berich­tet und her­aus­ge­fun­den wer­den kann, solan­ge der Poli­zei ent­we­der noch nicht bekannt oder zumin­dest von der Poli­zei noch nicht zwei­fels­frei ver­laut­bart ist, was die Situa­ti­on ist. Was also die “Sache” ist, was die Fak­ten sind, die berich­tet und inter­pre­tiert wer­den kön­nen.

Es gab eine konkrete Anschlagsplanung?

Spie­gelOn­line ist im Ren­nen um die schnells­te Exklu­siv­mel­dung immer mit am Start — und weiß des­we­gen mit­zu­tei­len:

Über­schrift: Deut­scher Dschi­ha­dist soll Ter­ror­grup­pe mit Anschlag beauf­tragt haben

Heißt: SpON setzt in der Über­schrift als gesi­cher­te Tat­sa­che vor­aus,

  • dass ein kon­kre­ter Anschlag bevor­stand,
  • dass die­ser ter­ro­ris­ti­sche Moti­va­ti­on hat­te
  • und von einer Grup­pe von Tätern aus­ge­führt wer­den soll­te.

Als nicht gesi­cher­te, aber doch so wahr­schein­lich zutref­fen­de Tat­sa­che, dass sich dar­über berich­ten lässt, wird ver­mel­det,

  • dass es einen Auf­trag für den Anschlag gege­ben hat,
  • der von einem Islamisten/Dschihadisten gege­ben wur­de,
  • der zudem deut­scher Staats­bür­ger ist.

Eine ein­zi­ge Head­line — vie­le Fak­ten­be­haup­tun­gen. Oder soll­te das “soll” ein Hin­weis dar­auf sein, dass sämt­li­che auf­ge­lis­te­ten Fak­ten­be­haup­tun­gen unge­si­chert sind? Eine Kurz­form der For­mu­lie­rung: Falls es in Essen einen Anschlag­plan gege­ben hat, der von einer Ter­ror­grup­pe aus­ge­führt wer­den soll­te, dann wur­de die­ser von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? For­mal­lo­gisch wäre die­se Aus­sa­ge schwer zu fal­si­fi­zie­ren. Aller­dings wäre sie blöd­sin­nig. Eine Mel­dung, in der sowohl die Exis­tenz des Anschlags­plans wie auch die Beauf­tra­gung oder gar die Exis­tenz eines bestimm­ten auf­trags­be­fä­hig­ten Dschi­ha­dis­ten spe­ku­la­tiv und nicht gesi­chert ist, wäre kei­ne Mel­dung son­dern Hum­bug. Ent­we­der steht als gesi­cher­tes Fak­tum ein Dschi­ha­dist, für den die Beauf­tra­gung eines Anschlags Spe­ku­la­ti­on ist (Hat er…?) oder der Auf­trags­plan ist das Fak­tum und der Dschi­ha­dist spe­ku­la­tiv (Wer hat…?) Aber einen spe­ku­la­ti­ven Dschi­ha­dis­ten einen spe­ku­la­ti­ven Anschlag pla­nen zu las­sen ist … in die­ser Form so lan­ge Fake-News wie nicht zumin­dest eine der bei­den Fak­ten­be­haup­tun­gen tat­säch­lich zuver­läs­sig beleg­bar ist.

Das hin­dert SpOn nicht an der Ver­tie­fung und Kolo­rie­rung der “Mel­dung”:

  •  “Kam der Auf­trag zu einem Anschlag auf das Esse­ner Ein­kaufs­zen­trum aus Syri­en?”
  • “Die Ermitt­ler könn­ten einen ver­hee­ren­den Anschlag im Ein­kaufs­zen­trum “Lim­be­cker Platz” ver­hin­dert haben”
  • “Laut dpa soll­te ein Teil der Grup­pe aus dem Aus­land anrei­sen.”
  • “Den Berich­ten zufol­ge stammt der mög­li­che Auf­trag­ge­ber aus Ober­hau­sen und ist Mit­glied der sala­fis­ti­schen Sze­ne.”
  • “Laut “Bild” habe er das Kom­man­do zum Anschlag offen­bar im Auf­trag der IS-Füh­rung gege­ben.”

Und so wei­ter. Aber was wenn es die­sen Anschlags­plan gar nicht gab? Nicht von einem Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? Nicht aus Syri­en? Nicht von einer Grup­pe? Nicht ver­hee­rend? Nicht von der IS-Füh­rung?

Es gab keine konkrete Anschlagsplanung?

Bildschirmfoto 2017-03-12 um 17.29.31

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Inter­es­sant nun an die­ser gegen 16 Uhr  erschie­nen Mel­dung (hier der ver­link­te Arti­kel) ist, dass es — laut Bon­ner Gene­ral­an­zei­ger — “kei­ne kon­kre­ten Vor­be­rei­tun­gen auf einen Anschlag” gab. Was wie­der­um vom zustän­di­gen NRW-Innen­mi­nis­ter ver­laut­bart wur­de. Das kann nun zu Fra­gen an die Poli­zei füh­ren, die hier aber weni­ger inter­es­sant sind — weil die­je­ni­gen, die die­se Fra­gen zu stel­len hät­ten, Jour­na­lis­ten wären. Und die­se Jour­na­lis­ten mit der Auf­klä­rung eines Sach­ver­halts zu beauf­tra­gen. an deren Ver­dun­ke­lung sie erheb­lich betei­ligt waren, ist rela­tiv kuri­os. Wes­we­gen hier also die Fra­ge an die die Pres­se­mit­ar­bei­ter selbst zu gehen haben. Die da lau­tet:

Wie kann es sein, dass über einen kon­kre­ten Anschlags­plan inklu­si­ve Hin­ter­grund-Details als gesi­cher­te Tat­sa­che berich­tet wird, den es offen­bar nicht gab? Der Vor­wurf lau­tet dabei nicht, dass über die Esse­ner Situa­ti­on (Sper­rungs Ein­kaufs­zen­trum) berich­tet wur­de. Der Vor­wurf lau­tet dahin­ge­hend, dass als Fak­tum berich­tet wur­de, was offen­bar (noch) nicht fak­tisch war: dass es einen Anschlags­plan gab. Bericht­ba­re Fak­ten waren offen­bar: Das Ein­kaufs­zen­trum wur­de von der Poli­zei gesperrt. Die Poli­zei gibt als Grund Hin­wei­se auf einen bestehen­den Anschlag an.

SpOn ist es offen­bar zu lang­wei­lig, die “Entwarnungs”-Meldung auch nur ansatz­wei­se in ver­gleich­ba­rer Pro­mi­nenz zu brin­gen. Für den eili­gen SpOn-Leser bleibt im Rau­me und Gedächt­nis ste­hen: Es gab den Plan für einen ver­hee­ren­den Anschlag in Essen, der von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt und von der muti­gen und gut infor­mier­ten Poli­zei ver­hin­dert wur­de. Womit sich anschlie­ßend Sicher­heits­po­li­tik machen lässt.

Es gab keine und eine konkrete Anschlagsplanung?

Der Gene­ral-Anzei­ger wie­der­um ent­schei­det sich in die­ser Situa­ti­on für Schi­zo­phre­nie: Nach­dem ver­kün­det wird, dass es kei­nen Anschlags­plan gab, fährt der­sel­be Arti­kel fort, als habe es die­sen Anschlag­plan doch gege­ben:

Laut NRW-Innen­mi­nis­ter Ralf Jäger stand in Essen kein unmit­tel­ba­rer Anschlag bevor.… Mut­maß­li­cher Draht­zie­her soll nach dpa-Infor­ma­tio­nen aus Sicher­heits­krei­sen ein deut­scher Kämp­fer der Ter­ror­mi­liz Isla­mi­scher Staat (IS) sein. Er soll von Syri­en aus per Inter­net-Mes­sen­ger meh­re­re Per­so­nen direkt kon­tak­tiert und ver­sucht haben, sie für einen Angriff auf das Ein­kaufs­zen­trum zu moti­vie­ren. Ein Teil der mut­maß­li­chen Täter­grup­pe soll sich in Deutsch­land befun­den haben, ein ande­rer Teil soll­te aus dem Aus­land anrei­sen.

Der Ein­satz wur­de inzwi­schen been­det, doch die Ermitt­lun­gen zu den auf­ge­flo­ge­nen Anschlags­plä­nen gehen wei­ter. Die Poli­zei blei­be wach­sam, beton­te ein Spre­cher.(Quel­le; Fet­tun­gen von mir)

Der nicht exis­ten­te Plan hat­te also einen Draht­zie­her, der zum IS gehört und in Syri­en sitzt, für den eben als nicht exis­tent gemel­de­ten Plan steht eine Täter­grup­pe. Und die­se nicht-exis­ten­ten Anschlags­plä­ne sind auf­ge­flo­gen. Ver­ehr­te GA-Jour­na­lis­ten: Gibt es jetzt einen Plan, der auf­ge­flo­gen ist (und der Beginn des Arti­kels ist falsch) oder gibt es kei­nen Plan und die Aus­füh­run­gen über den Plan sind falsch? Und was genau ist der Unter­schied zwi­schen Falsch­mel­dung aus jour­na­lis­ti­scher Schlam­pig­keit und Fake-News?

Fazit

Hat es einen Plan gege­ben? Wer weiß es? Wer weiß, was die Poli­zei weiß? Wer weiß, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was sie Poli­zei weiß? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei über einen ver­mut­li­chen Anschlag ver­mu­tet? Wer weiß schon, was Fak­ten sind? Wozu auf Fak­ten warten,w wenn es zu berich­ten gilt? Oder wie es im “Prin­zip Jago” heißt:

Sei schnell. War­te nicht. Zöge­re nicht. Denk nicht. Berich­te! Was rein­kommt geht raus — bevor ande­re es sen­den. Lie­ber ein­mal mehr Kon­junk­tiv , als zwei­mal zu spät. Soll Alla­hu Akbar gesagt haben, könn­te bedeu­ten, dass der IS dahin­ter steckt laut unbe­stä­tig­ten Anga­ben ein ille­ga­ler Migrant, aus gut infor­mier­ten Krei­sen ist zu hören, dass die Poli­zei ihn im Visier hat­te, Exper­ten sagen, dass das Mus­ter zum IS passt — das reicht völ­lig, um uns gegen den Vor­wurf der Falsch­mel­dung zu ver­tei­di­gen, machen alle so, müs­sen wir also auch. Kapiert? (Hier der Voll­text als PDF)

 

Fernsehen der Gotik: Transzendenz und Transparenz #MediaDivina

Mai 19th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die Kathe­dra­le von Saint Dénis bei Paris (Wiki­pe­dia). Zahl­lo­se Pro­gram­me gleich­zei­tig, Stand­bil­der zwar, dafür um so über­wäl­ti­gen­der. 360 Grad Fern-Sehen, Tele-Visi­on in die Tran­szen­denz. » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen

September 9th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf dem Jour­na­lis­ten-Bran­chen­por­tal Mee­dia fin­det sich heu­te ein inter­es­san­ter Text von Ste­fan Win­ter­bau­er (Hier). Dar­in wird die Kri­se des Jour­na­lis­mus aus­nahms­wei­se nicht als Auf­la­gen­kri­se, son­dern als Kri­se der Erzäh­lung beschrie­ben: Anläss­lich der gest­ri­gen Sen­dung von Frank Plas­bergs „Hart aber Fair“ wird geschil­dert, wie die Ver­su­che, dort zu einer gemein­sa­men Erzäh­lung des Ukrai­ne-Kon­flikts zu kom­men, gleich­zei­tig in einer „Gegen­öf­fent­lich­keit“ in den digi­ta­len, sozia­len Medi­en kon­fron­tiert ist, die par­al­lel ihre eige­nen Erzäh­lun­gen ent­war­fen. Er schreibt:

Die Gegen­öf­fent­lich­keit arti­ku­liert sich im Zuge der Ukrai­ne-Kri­se erst­mals in gro­ßem Stil. Dass das Phä­no­men wie­der ver­schwin­det, ist unwahr­schein­lich. Für die klas­si­schen Medi­en ist dies eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Wie kön­nen Medi­en ihre Glaub­wür­dig­keit ret­ten oder zurück­ge­win­nen? Wie kön­nen sie dem Publi­kum deut­lich machen, dass es sich lohnt ihnen zu ver­trau­en?

Nun ist es sicher­lich etwas zu kurz gegrif­fen zu behaup­ten, hier arti­ku­lie­re sich eine Gegen­öf­fent­lich­keit zum ers­ten Mal. Die Geschich­te der Gegen­öf­fent­lich­kei­ten ist bereits im ana­lo­gen Zeit­al­ter rela­tiv lang (Bei­spiel: „Kein Blut für Öl“ im ers­ten Golf­krieg), wird noch erheb­lich umfang­rei­cher im Digi­tal­zeit­al­ter – von Online-Peti­tio­nen, über Pla­gi­ats-Jäger bis hin zu den Phä­no­me­nen des Ara­bi­schen Früh­lings. Trotz­dem bleibt die Beschrei­bung des Zusam­men­hangs von Ukrai­ne-Kri­se und erzäh­len­den Gegen­öf­fent­lich­kei­ten inter­es­sant zu beob­ach­ten, die Win­ter­bau­er hier anreißt.

Die Plas­berg-Sen­dung

Ich habe die Sen­dung mit dem Titel „Wla­di­mir Putin – der gefähr­lichs­te Mann Euro­pas? ges­tern gese­hen – und war von Beginn an über­rascht. Es saßen in der dort vor­wie­gend jour­na­lis­ti­sche „Erzäh­ler“: die rus­si­sche Jour­na­lis­tin Anna Rose, der ehe­ma­li­ge WDR-Inten­dant Fritz Pleit­gen, der Mos­kau­er Focus-Kor­re­spon­dent Boris Reit­schus­ter, der Jour­na­list und Fil­me­ma­cher Hubert Sei­pel. Zwi­schen ihnen der Kanz­ler­amts­chef Peter Alt­mei­er, der nicht zuletzt Auf­se­her der poli­ti­schen Erzäh­ler ist: des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes.

Zwi­schen die­sen Erzäh­lern ent­spann sich nun: der Kampf der Erzäh­lun­gen, der auf eigen­ar­ti­ge Wei­se an Aki­ra Kuro­sa­was Ras­ho­mon erin­ner­te, eines Fil­mes, der „den sel­ben“ Vor­fall vier­mal erzäh­len lässt, von vier unter­schied­li­chen Stand­punk­ten aus und dar­aus vier unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen von etwas gewinnt, von dem es ein „das­sel­be“ nicht mehr gibt.

Bei Plas­berg tra­ten sehr gezielt ein­ge­la­de­ne jour­na­lis­ti­sche Erzäh­ler an, erzähl­ten – und kamen zu sehr unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen des­sen, wovon es sicher am Ende, ver­mut­lich aber von Anfang an kein „dasselbe“gibt. Waren hier und da Ele­men­te auch strit­tig, so waren sich doch die Erzäh­lun­gen im Wesent­li­chen dar­in ähn­lich, dass sie vie­le gemein­sa­me Ele­men­te ver­wen­de­ten, sie aber unter­schied­lich zusam­men­füg­ten, zu unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen mit unter­schied­li­chen dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen. Das im Ein­zel­nen zu rekon­stru­ie­ren, wür­de hier zu weit füh­ren, zumal die ein­zel­nen unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen weit­ge­hend schon vor­her eini­ger­ma­ßen bekannt waren.

Inter­es­san­ter ist die Beob­ach­tung, dass eben Erzäh­ler hier gegen­ein­an­der antre­ten, Jour­na­lis­ten, die in ihren unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen (mehr oder weni­ger prä­gnant) deut­lich wer­den las­sen, dass ihre Erzäh­lun­gen bestimm­te Gefü­ge von Zusam­men­hän­gen sind, die mit­ein­an­der inkom­pa­ti­bel sind. Es ist nicht nur ein Streit dar­über, was jetzt pas­sie­ren soll­te. Es ist vor allem der Streit, was „Sache“ ist – und was dar­aus zu fol­gern ist. Die Kon­se­quenz: Die Ukrai­ne-Kri­se lässt in gro­ßer Deut­lich­keit die Kri­se der Erzäh­lun­gen sicht­bar wer­den, die sich ver­stärkt durch die Par­al­le­li­tät alter und neu­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ergibt. Es wird sicht­bar, dass das alte Leit-Erzähl­me­di­um, die Media Divina Fern­se­hen ihre Erzähl­kraft ver­lo­ren hat.

Denn es strei­ten nicht nur in der Media Divina die Erzäh­ler, son­dern – wie Ste­fan Win­ter­bau­er berich­tet – in zahl­rei­chen klei­nen Debat­ten ver­hed­dern sich auch in der digi­ta­len und sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt die Erzäh­lun­gen inein­an­der, fal­len in Glau­bens­grüpp­chen aus­ein­an­der und bau­en sich ihre eige­nen Erzäh­lun­gen. Win­ter­bau­er attes­tiert eine „Glaub­wür­dig­keits­kri­se“ der Mas­sen­me­di­en, die er für rele­van­ter hält als den Medi­en­wan­del und die Auf­la­gen­kri­se der Zei­tun­gen. Der zen­tra­le Bestand­teil die­ser Dia­gno­se aller­dings ist „Glau­ben“ und „Glaub­wür­dig­keit“, weil er an etwas rührt, was Mas­sen­me­di­en als Erzäh­ler immer vor­aus­set­zen, wor­auf sie auf­bau­en müs­sen, ohne es doch selbst her­stel­len zu kön­nen. Das macht die­sen Sach­ver­halt in der hie­si­gen Blog­pos­ting-Rei­he „Dra­ma und Ideo­lo­gie“ inter­es­sant, weil sich Anschluss­fä­hig­keit an die Tri­via­li­tä­ten des Aris­to­te­les, von denen in den letz­ten Pos­tings die­ser Rei­he (hier, hier, hier und hier) die Rede, her­stel­len lässt.

Aris­to­te­les und der poli­ti­sche Gro­schen­ro­man

Die Erzäh­lung ist, im Anschluss an die letz­ten Bei­trä­ge zu Aris­to­te­les hier im Blog, eine Zusam­men­fü­gung von Prak­ti­ken (σύνθεσιν τῶν πραγμάτων), die Aris­to­te­les mit dem miss­ver­ständ­li­chen Wort μῦθος bezeich­net, die von einem Gefü­ge­ma­cher (μυθοποιός) erstellt wird, indem Prak­ti­ken zu einem Zusam­men­hang gefügt wer­den. Die­ses Gefü­ge hat sich dem Kri­te­ri­um des Mög­li­chen und Not­wen­di­gen (τὸ εἰκὸς τὸ ἀναγκαῖον) zu fügen. Ele­men­te wer­den zu einem Zusam­men­hang zusam­men­ge­setzt, neue Ele­men­te müs­sen, damit eine Erzäh­lung wei­ter erzählt wer­den kann, sich in die­ses Gefü­ge ein­fü­gen las­sen.

2010 hat­te Frank Schirr­ma­cher in der FAZ (hier) einen schö­nen Arti­kel, der beschrieb „wie man ein ver­dammt guter Poli­ti­ker wird“ – und dabei behaup­te­te: „Poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit im neu­en Medi­en­zeit­al­ter ist kei­ne mora­li­sche, son­dern eine lite­ra­ri­sche Kate­go­rie.

In kri­ti­scher Absicht, anläss­lich » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Man könn­te nach dem Bis­he­ri­gen zu dem Schluss kom­men, dass Gefü­ge erst dann wahr­nehm­bar wer­den, wenn sie unter­bro­chen wer­den. Wenn also Thea­ter „Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft ist, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt“, dann wäre also Thea­ter jene Unter­bre­chung des Gefü­ges „Gesell­schaft“, das die­ses Gefü­ge über­haupt erst – mög­lich? – macht? Indem es ein Gefü­ge vor­führt, das als Gesell­schaft vor­ge­führt ist und bereits dadurch dass es vor­ge­führt wird, ein Gefü­ge im Gefü­ge ist, das eben durch die­se Ein­fü­gung das umge­ben­de Gefü­ge ver­füg­bar mach­te.

Viel­leicht nur eine Vari­an­te von Fou­caults » Wei­ter­le­sen «

Das Turiner Grab-Toast (Ergänzung zu “Why make toast when you can make art?”)

Juli 19th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Das Turiner Grab-Toast (Ergänzung zu “Why make toast when you can make art?”) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Fas­zi­nie­rend an die­ser Maschi­ne, ihrem Arte­fak­te und den Prak­ti­ken, die sich dar­um legen ist eine qua­si-reli­giö­se Dimen­si­on, die das Toast-Arte­fakt in die Nähe des Turi­ner Grab­tuchs bringt.

 

Die Prak­tik ver­langt, zunächst sich selbst auf einem pho­to­me­cha­ni­schen Tafel­bild abzu­lich­ten: Du sollst dir ein Bild­nis machen. Nicht von (einem) Gott, son­dern von dir. Du sollst dich selbst also mecha­nisch “ver­ewi­gen”, aller­dings da in einem noch immer phy­si­schen, wenn auch der Zeit etwas ent­rück­te­ren Arte­fakt, nicht in einer garan­tiert ewi­gen Ewig­keit, son­dern in einer, die durch Ver­rot­tung oder Ido­la­trie bedroht ist. Nicht ganz Ewi­ger, nicht mehr ganz Zeit­li­cher.

Da es sich um ein Sel­fie han­delt, also um ein Selbst­por­trät, ist dir zugleich die Last und die Frei­heit der Selbst­ab­bil­dung, der Selbst­in­sze­nie­rung und des Selbst-Images gege­ben. Du kannst dich frei nach dei­nem eige­nen Bil­de schaf­fen — du musst es aber auch, wenn du den Weg wei­ter gehen willst. Sich nach sei­nem eige­nen Bil­de schaf­fen. Wie­der­um unüber­seh­ba­re Ver­wandt­schaft zur christ­li­chen Schöp­fungs­leh­re, nur wo eben Gott einen eart­hie schuf, bleibt hier ein sel­fie.

Die­ses Bild­ar­te­fakt wird nun trans­sub­stan­ti­iert (oder trabskri­biert?). Es wird in die Feu­er- und Hit­ze­ma­schi­ne ein­ge­schrie­ben, um fort­an einem jedem ekma­gei­on, jeder hylé, jeder Mas­se ein­ge­prägt oder ein­ge­schrie­ben zu wer­den, die dazu geeig­net ist und in die dafür vor­ge­se­he­ne Spal­te ein­ge­führt wird. Der Mensch schafft sich den Toast nach sei­nem Bil­de. Das der Zeit­lich­keit ent­ris­se­ne Sel­fie wird einem Gegen­stand ein­ge­prägt, der nicht nur wie­der der Zeit­lich­keit in höhe­rem Maße als ein Tafel­bild unter­wor­fen ist, einem Toast, son­dern der zugleich noch ein Gegen­stand ist, des­sen Daseins­zweck die Ver­nich­tung, die Ver­zeh­rung, das Auf­fres­sen ist.

Der Schöp­fer stellt ein zei­tent­rück­tes Sel­fie her, das er einem der Ver­nich­tung in der Zeit gewid­me­ten Arte­fakt auf­prägt, um es hin­ter­her — nicht immer, aber ver­mut­lich gele­gent­lich bis oft — selbst auf­zu­es­sen. Oder um es Fami­lie, Ver­wand­ten, Freun­den zu ser­vie­ren. Die indi­vi­dua­li­sier­te Obla­te wird beim Mor­gen­mahl, allein oder gemein­sam, auto-eucha­ris­tisch ver­speist und trans­sub­stan­ti­iert sich dabei in Nähr­stof­fe, das Bild ver­wan­delt sich also wie­der in den Aus­gangs­kör­per, des­sen Abbild es war. Oder es wird zum Bestand­teil eines sym­bo­li­schen Kan­ni­ba­lis­mus, bei dem der Bild­ner in der Parou­sia, also von Anwe­sen­den ins einer Anwe­sen­heit beim Mor­gen­mahl, das damit kein letz­tes gemein­sa­mes Mahl des Toast­bild­ners und sei­ner Jün­ger im Gar­ten Geth­se­ma­ne ist, son­dern nur eines von ten­den­zi­ell vie­len wie­der­hol­ba­ren Mor­gen­mah­len, ver­zehrt. Der Bil­der­ma­cher ver­speist sein eige­nes Bild und gibt sich selbst sym­bo­lisch den Anwe­sen­den zum Ver­zehr hin. Wie bei allen Kan­ni­ba­lis­men nicht ein­fach mehr nur als geform­tes Nah­rungs­mit­tel, son­dern magisch mit einer zusätz­li­chen Kraft auf­ge­la­den. Er lässt sich bild­lich ver­nich­ten und zugleich ver­eh­ren. Selbst wenn er dabei unter But­ter und Mar­me­la­de ver­schwin­det, was die­sen Akt zu einer iro­ni­schen Varia­ti­on des christ­li­chen Abend­mah­les macht, wo es unüb­lich ist, die Obla­te mit Auf­schnitt zu bele­gen.

Die Kunst: Why make toast when you can make art?

Der im Face­book-Kom­men­tar hin­zu­ge­setz­te Satz gibt der Viel­schich­tig­keit der Maschin­be­rie und der zuge­hö­ri­gen Prak­ti­ken eine wei­te­re Ebe­ne. Toast und “art” wer­den gegen­über­ge­stellt, nicht aber in einer har­ten Gegen­über­set­zung, einem “anstatt”, wie etwa in der berühm­ten For­mu­lie­rung “Make love not war”.- Dass es sich aber nicht um eine Gegen­über­set­zung die­ser Art han­delt, erschließt sich erst im Kon­text mit der Maschi­ne und ihrer Abbil­dung. Für sich allei­ne, ohne das Bild ste­hend, könn­te der Satz auch die Fra­ge stel­len: War­um Toast und nicht anstatt des­sen lie­ber Kunst machen? Als han­de­le es sich um eine mög­li­che Gegen­über­set­zung von Toast und Kunst, die als eine Alter­na­ti­ve ermög­lich­te, sich ent­we­der für Toast ODER für Kunst zu ent­schei­den. Dar­in wür­de sie sich meta­pho­risch einer lan­gen Tra­di­ti­on ein­fü­gen, die die nie­de­ren, welt­li­chen Not- und Hab­se­lig­kei­ten, die phy­si­schen Rea­li­en und Lebens­mit­tel, der Kunst, dem Ide­al, der Ewig­keit kon­tras­tiert und sich dabei ihrer Ver­wandt­schaft zum reli­giö­sen Idea­lis­mus und zu Aske­tis­mus nicht ent­zie­hen kann. Leben oder Kunst wäre die­se Alter­na­ti­ve.

In der Text-Bild-Kom­bi­na­ti­on aber wird die­se Gegen­über­stel­lung auf­ge­ho­ben, die Gegen­über­stel­lung von Leben und Kunst wird zur Lebens­kunst, zur eat art, nicht zur dau­ern­den Bewun­de­rung oder zum Han­del auf dem Kunst­markt gemacht, son­dern zu ver­mut­lich sehr schnel­len Ver­spei­sen. Ist das Kunst oder ist das nur eine Art Kunst? Das lässt sich nicht ent­schei­den, wie auch der bei­ge­füg­te Satz klar macht. Er ver­spricht kein Kunst­werk an Stel­le eines Toas­tes. Er ver­spricht auch kein Kunst-Toast, kein Tafel­bild im phy­si­schen Medi­um eines Toasts. Er fragt ledig­lich nach einer Prä­fe­renz fürs Machen? War­um Toast zube­rei­ten, wenn man auch (nicht als Gegen­satz, son­dern zugleich) Kunst machen kann? Das Ergeb­nis von Kunst­ma­chen muss nicht immer Kunst oder Kunst­werk sein. Wür­de aus jedem Kunst­ma­chen ein gelin­gen­des Kunst­werk ent­ste­hen, gäbe es Kunst ver­mut­lich nicht. Ähn­lich wie die Zube­rei­tung eines Toasts nicht unbe­dingt zu einem (per­fek­ten? genieß­ba­ren? bemer­kens­wer­ten? ser­vier­ba­ren?) Toast führt, führt auch das Kunst­ma­chen nicht not­wen­di­ger­wei­se zu Kunst. In die­sem spe­zi­el­len Fal­le aller­dings bleibt beim miss­ra­te­nen Kunst­werk doch noch immer ein (mög­li­cher­wei­se) ver­zehr­ba­res Toast dabei übrig.

Noch inter­es­san­ter aller­dings ist die Sinn­fra­ge, die mit dem initia­len “why” anklingt. War­um. War­um. War­um Toast machen, wenn man auch Kunst machen kann? War­um also in den Nie­de­run­gen der Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on gefan­gen blei­ben, wenn man doch auch sich zur Frei­heit der Kunst auf­schwin­gen kann (und dabei poten­ti­ell auch noch den gewünsch­ten Toast bekommt)? War­um nur Toast machen, wenn man doch auch Kunst (und Toast) machen kann. Nicht “man”. YOU. Du.

Damit schließt der Zir­kel zurück zur ursprüng­lich reli­giö­sen Dimen­si­on des Bil­des. Wer fragt hier? Es steht auf mas­ha­ble. Aber ist mas­ha­ble der Fra­gen­de? Eine ver­zwei­fel­te See­le, die “WHY?” ruft bevor sie sich der Auf­ga­be einer Toast-Her­stel­lung zuwen­det? Oder eine gött­li­che Instanz, die den Homo crea­tus, den Toast-glei­chen, fragt, war­um er Toast blei­ben will, anstatt sich auf­zu­schwin­gen zum Homo crea­tor und Kunst zu machen. Sich die Erd­schei­be Toast unter­tan zu machen. Und zwar nicht als ein dem Homo Crea­tus ent­ge­gen gesetz­ter Homo Crea­tor, son­dern als Homo crea­tor crea­tus. Natu­ra natu­ra­ta naturans. Auto­po­iet. Pro­me­theus:

Hier sitz’ ich, for­me Men­schen
Nach mei­nem Bil­de,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu lei­den, wei­nen,
Genie­ßen und zu freu­en sich,
Und dein nicht zu ach­ten,
Wie ich.

An die­sem Toas­ter sitzt der sich vom Toast­brot zum Kunst­toast abwen­den­de Homo crea­tor crea­tus, der aber nicht gegen einen oder “den” ande­ren Schöp­fer antritt. Son­dern nur sich unge­fähr neben oder knapp unter ihn stellt. Der sich selbst nach dem eige­nen Bil­de schafft, sich selbst nicht ganz künst­le­risch ver­eweigt, der sich selbst sym­bo­lisch auf­isst oder zum Ver­spei­sen sym­bo­lisch anbie­tet. Der nicht allein Künst­ler ist, son­dern sich der Maschi­nen-Pro­the­se bedient, wie er zumin­dest bis­her noch Licht nicht durch “Es wer­de Licht” anzün­det, son­dern durch den Schal­ter der Licht­ma­schi­ne. Der Toas­ter-Künst­ler hat sich damit abge­fun­den, dass er der ande­re Gott nicht wird, dass es kei­ne Kir­che mit sei­nem Kru­zi­fix bzw. Sel­fix geben wird. Dass es für ihn kei­ne Ewig­keit, son­der nur unter­schied­lich schnel­le Wege der Ver­gäng­nis geben wird. Das aber schert den Toas­ter­künst­ler­gott nicht. Son­dern er bestreicht die selbst­pro­du­zier­te Hos­tie fröh­lich mit Mar­me­la­de, ver­spach­telt sie im Kreis der anwe­sen­den Lie­ben und beginnt dann den Tag, der bei die­sem ande­ren Gott mit dem Abend­mahl zur Nei­ge ging.

Eigent­lich ganz schön. Und für 75$ durch­aus ok. Bei der Abnah­me von meh­re­ren gibts sogar Rabatt. Ich bestell mal einen. Glau­be ich.

 

Aufspaltung und Stabilisierung der Demokratie durch Fernsehen #MediaDivina

Juni 28th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Aufspaltung und Stabilisierung der Demokratie durch Fernsehen #MediaDivina § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ein Sky­po­nat mit Klaus Kusanow­sky bringt mich dazu einen Gedan­ken her­un­ter­zu­schrei­ben, der mir schon län­ger durch den Kopf geht und der Teil eines grö­ße­ren Pro­jek­tes mit dem Arbeits­ti­tel „Moni­to­ri te salut­ant – Über­wa­chen und Fern­se­hen“ ist. Näm­lich den Fol­gen­den:

Nip­kows „elek­tri­sches Tele­skop“, als das das Fern­se­hen hier bereits mehr­fach beschrie­ben wur­de (hier und hier), leis­tet die Aus­stan­zung aus dem poten­zi­ell wahr­nehm­ba­ren Kon­ti­nu­um durch das Kame­ra­ob­jek­tiv, die Mar­kie­rung eines Aus­schnit­tes als her­aus­ra­gend und zugleich die Über­tra­gung die­ses Bil­des in einen unmar­kier­ten Raum, d.h. in Räu­me, in denen Zuschau­er vor ihren Hei­li­gen­schrei­nen die Nach­rich­ten ver­fol­gen.

Die­se Struk­tur ist für die demo­kra­ti­sche Ver­fas­sung von Staa­ten des spä­ten 20. Jahr­hun­derts von fun­da­men­ta­ler Bedeu­tung. Lässt man nicht allei­ne wört­lich Demo­kra­tie aus Demos, den Beherrsch­ten, und Kra­tos, den Herr­schen­den bestehen, so ist die Auf­tei­lung in die­se bei­den funk­tio­na­len Posi­tio­nen alles ande­re als selbst­ver­ständ­lich. Wie kommt es, dass eine Grup­pe zu Kra­tos wird und in die­ser Funk­ti­on sta­bi­li­siert wird, wie kann der Rest sich im unmar­kier­ten Raum der Bevöl­ke­rung, des Demos, wie­der­fin­den – wenn nicht (im spä­ten 20. Jahr­hun­dert jeden­falls) durch das Fern­se­hen?

Die Ega­li­tät der Bevöl­ke­rung für den Herr­scher

Im vor­de­mo­kra­ti­schen Zeit­al­ter waren die Din­ge klar: in die Herr­schaft wur­de der Herr­scher hin­ein­ge­bo­ren, umge­ben von einer Grup­pe von poten­zi­ell Herr­schafts­fä­hi­gen, mit eige­nen (mehr oder min­der begrenz­ten) Herr­scher­be­fug­nis­sen in begrenz­ten Ter­ri­to­ri­en aus­ge­stat­tet. Der Pöbel war durch dicke Mau­ern und bewaff­ne­te Wäch­ter aus­schließ­bar. Dass über­haupt Herr­schaft statt­fand, dass abso­lu­te Macht (wenn schon kein Abso­lu­tis­mus) herrsch­te, muss­te der Herr­scher von Zeit zu Zeit aktua­li­sie­ren: Mit­tels Steu­er­ein­trei­bung und Armee­aus­he­bun­gen etwa. Oder in Zwi­schen- und Frie­dens­zei­ten durch Erlas­se und Ver­ord­nun­gen, die ver­viel­fäl­tigt in die letz­ten Win­kel des Lan­des getra­gen und dort an Kir­chen- oder Rat­haus­tü­ren gena­gelt und von Kan­zeln ver­le­sen wur­den. Dass die­sen Ver­fü­gun­gen kaum prak­ti­sche Bedeu­tung zukam, wie neue­re Stu­di­en über den Mythos des Abso­lu­tis­mus zei­gen, lag dar­an, dass der Zen­tral­herr­scher kei­ne hin­rei­chen­de Orga­ni­sa­ti­on hat­te, um die Ver­brei­tung und ins­be­son­de­re Ein­hal­tung der Ver­fü­gun­gen über­prü­fen und sich mit­tei­len zu las­sen, kei­ne loka­len Mäch­te in hin­rei­chen­der Zahl, um über­all die Ein­hal­tung durch­zu­set­zen. Die Ver­ord­nun­gen an ihren Nägeln waren der Exis­tenz­be­weis der Herr­schaft. Die Nicht­ein­hal­tung, das Quit­tie­ren eines zen­tra­len Edikts durch Ach­sel­zu­cken durch die Bevöl­ke­rung war sei­ne Schwä­che. In einem inter­es­san­ten Auf­satz schreibt Achim Land­wehr:

Die media­len Mög­lich­kei­ten der Publi­ka­ti­on und Ver­brei­tung sol­cher Befeh­le waren ver­hält­nis­mä­ßig begrenzt und bestan­den vor­nehm­lich im Aus­hang und der öffent­li­chen Ver­le­sung. Ang­sichts einer all­ge­mein als gering zu ver­an­schla­gen­den Alpha­be­ti­sie­rung kam vor allem der Ver­le­sung, ob sie nun vom Rat­haus oder von der Kir­chenkan­zel von­stat­ten ging, ein recht hoher Stel­len­wert zu. Hier stell­te sich aber ein wei­te­res, kaum zu unter­schät­zen­des und auch zeit­ge­nös­sisch bereits the­ma­ti­sier­tes Pro­blem: Wie ließ sich garan­tie­ren, daß bei­spiels­wei­se nach » Wei­ter­le­sen «

Die Darstellung der Welt als eine Veränderbare — Brecht revisted

April 22nd, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn also Mas­sen­me­di­en die Welt und die Gesell­schaft, in der wir leben, so kon­stru­ie­ren und dar­stel­len, dass unser Wis­sen über die­se Geselslchaft mehr oder min­der aus den Mas­sen­me­di­en stammt (Luh­mann) — was bleibt dann einer dar­stel­len­den Kunst noch zu kon­stru­ie­ren? Sich ein Bild von der Welt zu machen, kann es kaum sein. Denn gegen das mas­sen­me­dia­le Bild von Fern­se­hen und Zei­tun­gen kann es nicht ankom­men, dafür ist Thea­ter zu lang­sam, ihm feh­len die per­so­nel­len und finan­zi­el­len Mit­tel. Und das Publi­kum ist viel zu klein. In die­sem Zusam­men­hang bin ich über einen klei­nen Brecht-Text von 1955 gestol­pert, der sich dem Pro­blem der Dar­stell­bar­keit der Welt wid­met und dazu Stel­lung bezieht. Was Brecht im Ange­sicht der ato­ma­ren Bedro­hung schreibt, lässt sich even­tu­ell auch über die Welt im Ange­sicht der mone­tä­ren Bedro­hung noch ein­mal sagen. Ich zitie­re ihn in gan­zer Län­ge unkom­men­tiert. Die Fet­tun­gen sind aller­dings von mir.

Brecht – Über die Darstellbarkeit der Welt auf dem Theater

Mit Inter­es­se höre ich, daß Fried­rich Dür­ren­matt in einem Gespräch über das Thea­ter die Fra­ge gestellt hat, ob die heu­ti­ge Welt durch Thea­ter über­haupt noch wie­der­ge­ge­ben wer­den kann.

Die­se Fra­ge, scheint mir, muß zuge­las­sen wer­den, sobald sie ein­mal gestellt ist. Die Zeit ist vor­über, wo die Wie­der­ga­be der Welt durch das Thea­ter ledig­lich erleb­bar sein muß­te. Um ein Erleb­nis zu wer­den, muß sie stim­men.

Es gibt vie­le Leu­te, die kon­sta­tie­ren, daß das Erleb­nis im Thea­ter schwä­cher wird, aber es gibt nicht so vie­le, die eine Wie­der­ga­be der heu­ti­gen Welt als zuneh­mend schwie­rig erken­nen. Es war die­se Erkennt­nis, die eini­ge von uns Stü­cke­schrei­bern und Spiel­lei­tern ver­an­laßt hat, auf die Suche nach neu­en Kunst­mit­teln zu gehen.

Ich selbst habe, wie Ihnen als Leu­ten vom Bau bekannt ist, nicht weni­ge Ver­su­che unter­nom­men, die heu­ti­ge Welt, das heu­ti­ge Zusam­men­le­ben der Men­schen, in das Blick­feld des Thea­ters zu bekom­men.

Dies schrei­bend, sit­ze ich nur weni­ge hun­dert Meter von einem gro­ßen, mit guten Schau­spie­lern und aller nöti­gen Maschi­ne­rie aus­ge­stat­te­ten Thea­ter, an dem ich mit zahl­rei­chen, meist jun­gen Mit­ar­bei­tern man­ches aus­pro­bie­ren kann, auf den Tischen, um mich Modell­bü­cher mit Tau­sen­den von Fotos unse­rer Auf­füh­run­gen und vie­len mehr, oder min­der genau­en Beschrei­bun­gen der ver­schie­den­ar­tigs­ten Pro­ble­me und ihrer vor­läu­fi­gen Lösun­gen. Ich habe also alle Mög­lich­kei­ten, aber ich kann nicht sagen. daß die Dra­ma­tur­gi­en, die ich aus bestimm­ten Grün­den nich­taris­to­te­li­sche nen­ne, und die dazu­ge­hö­ren­de epi­sche Spiel­wei­se die Lösung dar­stel­len. Jedoch ist eines klar­ge­wor­den: Die heu­ti­ge Welt ist den heu­ti­gen Men­schen nur beschreib­bar, wenn sie als eine » Wei­ter­le­sen «

Schillers weltbedeutende Bretter, Zeitung, Fernsehen (ein gedanklicher Mäander) #MediaDivina

April 21st, 2013 § Kommentare deaktiviert für Schillers weltbedeutende Bretter, Zeitung, Fernsehen (ein gedanklicher Mäander) #MediaDivina § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die For­mu­lie­rung Schil­lers über die „Bret­ter, die die Welt bedeu­ten“ ist eine ste­hen­de Rede­wen­dung gewor­den. Weni­ger bekannt, aber durch­aus auf­schluss­reich ist der Zusam­men­hang, in dem die­se For­mu­lie­rung stand. Inter­es­sant in sich selbst, inter­es­sant, da sie hilft, einen epo­cha­len Bruch in der Nach­fol­ge zu mar­kie­ren, inter­es­sant auch, weil sie eine durch­aus schil­lern­de Dimen­si­on des „Bedeu­tens“ eröff­net.

An die Freun­de

Lie­ben Freun­de! Es gab schön­re Zei­ten
Als die unsern — das ist nicht zu strei­ten!
Und ein edler Volk hat einst gelebt.
Könn­te die Geschich­te davon schwei­gen,
Tau­send Stei­ne wür­den redend zeu­gen,
Die man aus dem Schoß der Erde gräbt.
Doch es ist dahin, es ist ver­schwun­den, » Wei­ter­le­sen «

Flow und skandierte Zeit im Fernsehen #MediaDivina

April 18th, 2013 § 9 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Fern­se­hen unter­hält ein enges Ver­hält­nis zur Zeit, ver­mut­lich enger als die meis­ten ande­ren soge­nann­ten Medi­en oder Küns­te. Es hat gewis­se Ver­wandt­schaf­ten zur täg­lich oder wöchent­lich erschei­nen­den Zei­tung, viel mehr viel­leicht noch zum Tele­gra­phen, auch zum Thea­ter (und zum Film­thea­ter, nicht aber unbe­dingt zum Film).

Live-ness und Auf­zeich­nung

Wäh­rend die Geschich­te über Jahr­tau­sen­de ver­schie­de­ne Tech­ni­ken der Auf­zeich­nung und Auf­schrei­bung, viel­leicht sogar Ver­ewi­gung, von der Höh­len­ma­le­rei mit ihren male­ri­schen Filia­tio­nen und der Plas­tik, bis hin zur Schrift von der Keil- und Hie­ro­gly­phen­schrift über die Buch­sta­ben­schrift und Schreib­ma­schi­ne wei­ter zur Pho­to-Gra­phie und Film, Gram­mo-Phon, Pho­no­gra­phie bis hin zur Magnet­auf­zeich­nung und zur binä­ren Spei­che­rung, posi­tio­nier­te man das Fern­se­hen als „ele­tro­ni­sches Tele­skop“, das „live“ über­trägt. Paul Nip­kow stellt bei sei­nem Patent die­se Funk­ti­on der Erwei­te­rung der Sin­nes­or­ga­ne in den Raum hin­ein ganz in den Vor­der­grund:

Seit­dem die Auf­ga­be, Töne und selbst arti­ku­lier­te Lau­te auf wei­te Ent­fer­nun­gen zu über­tra­gen, durch Reis, Bell und ande­re aus­ge­zeich­ne­te Erfin­der mit Hül­fe der Elek­tri­zi­tät in so erstaun­lich ein­fa­cher Wei­se gelöst wor­den, haben sich ein­zel­ne erfin­de­risch begab­te Män­ner eine wei­te­re Auf­ga­be gestellt, die das­sel­be Inter­es­se, wie das Tele­phon, her­vor­zu­ru­fen wohl geeig­net scheint. Es ist dies die Auf­ga­be, einen Appa­rat zu schaf­fen, der in ähn­li­cher Wei­se, wie das Tele­phon dem Ohre, dem Auge die Mög­lich­keit gebe, Din­ge wahr­zu­neh­men, die weit auf­ser­halb sei­nes natür­li­chen Wir­kungs­krei­ses sich befin­den. (Quel­le)

Von Beginn an war Fern­se­hen ein „Live-Medi­um“, des­sen Auf­ga­be nicht im Kon­ser­vie­ren oder Auf­zeich­nen bestand. Trotz­dem doku­men­tier­te es – in der Wei­se des Augen­zeu­gen, der Augen­zeu­gen­schaft ermög­lich­te. Zusam­men mit dem Mikro­phon auch Ohren­zeu­gen­schaft. Das Kame­ra­ob­jek­tiv und das Mikro­phon stan­zen aus einem loa­len Jetzt­punkt einen Aus­schnitt her­aus und » Wei­ter­le­sen «

Heilserzählung und Beweis der eigenen Wahrheit: Krimiserien #MediaDivina

April 14th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Heilserzählung und Beweis der eigenen Wahrheit: Krimiserien #MediaDivina § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf den ers­ten Blick, etwa in Pro­gramm­zeit­schrif­ten oder beim ver­husch­ten Zap­pen über die Kanä­le könn­te man auf die Idee kom­men, der Fern­se­her sei ein „wun­der­ba­rer Rari­tä­ten­kas­ten“ (Goe­the über Shake­speare), der immer wie­der und im Wesent­li­chen Neu­es zu bie­ten habe, das sich schwer kate­go­ri­sie­ren las­se, ent­fernt man sich von den kon­stan­ten Inseln wie der Nach­rich­ten und dem Wet­ter­be­richt, um die es zuletzt ging.

Beschäf­tigt man sich aller­dings mit For­ma­ten, ins­be­son­de­re sol­chen For­ma­ten, die klas­si­scher­wei­se als fik­tio­nal gel­ten, fällt eines sehr schnell auf: Das Fern­se­hen hat ers­tens ande­re Gern­res zu bie­ten als etwa die Film­gen­res (und auch als das Thea­ter). Zwei­tens bal­len sich die For­ma­te in auf­fäl­li­ger Wei­se an einem » Wei­ter­le­sen «

Where Am I?

You are currently browsing the Media Divina category at Postdramatiker.