Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges

August 30th, 2014 Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges Autor: Ulf Schmidt

Man könn­te nach dem Bis­he­ri­gen zu dem Schluss kom­men, dass Gefü­ge erst dann wahr­nehm­bar wer­den, wenn sie unter­bro­chen wer­den. Wenn also Thea­ter „Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft ist, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt“, dann wäre also Thea­ter jene Unter­bre­chung des Gefü­ges „Gesell­schaft“, das die­ses Gefü­ge über­haupt erst – mög­lich? – macht? Indem es ein Gefü­ge vor­führt, das als Gesell­schaft vor­ge­führt ist und bereits dadurch dass es vor­ge­führt wird, ein Gefü­ge im Gefü­ge ist, das eben durch die­se Ein­fü­gung das umge­ben­de Gefü­ge ver­füg­bar mach­te.

Viel­leicht nur eine Vari­an­te von Fou­caults Hetero­to­pie. Oder ein Bil­der­rah­men, der das Bild nicht außen rahmt, son­dern in der Mit­te des Bil­des. Kon­se­quen­ter­wei­se müss­te man dann wohl aber auch das Fern­se­hen als eine sol­che Hetero­to­pie beschrei­ben, die erst durch Über­mitt­lung eines Gefü­ges im tele­vi­sio­nä­ren Hetero­top dazu führt, auch nach dem Abschal­ten die­ses elek­tri­schen Hete­ro­skops nach Welt und Gesell­schaft zu suchen bzw. den Ver­such zu unter­neh­men, Welt oder Gesell­schaft zu fügen.

Mit die­ser Hypo­the­se aus­ge­rüstst, könn­te man des Aris­to­te­les selt­sa­me For­de­rung, der Ver­fer­ti­ger möge das Ent­ste­hen-Kön­nen­de unter der Ideo­lo­gie des All­ge­mei­nen vor­füh­ren,  das Hete­ron iden­ti­fi­zie­ren, — wobei er über­sieht, das die angeb­lich mime­ti­sche Dop­pe­lung des His­to­ri­kers eben in die­ser Dop­pe­lung genau das­sel­be, das Hete­ron vor­stellt — eine Dop­pe­lung, die bekannt­lich Pla­ton den mime­ti­schen Küns­ten vor­warf. Noch ein­mal Aris­to­te­les:

Klar ist aus dem Gesag­ten, dass die Arbeit des Ver­fer­ti­gers nicht ist, das Ent­stan­de­ne zu sagen, son­dern Ent­ste­hen-Kön­nen­des nach dem Mög­li­chen oder Not­wen­di­gen. Der His­to­ri­en­schrei­ber und der Ver­fer­ti­ger unter­schei­den sich nicht dar­in, dass der eine metrisch, der ande­re nicht­me­trisch schreibt. (Man könn­te Hero­dots ins Metrum set­zen und sie wären um nichts weni­ger His­to­rie mit oder ohne Metrum). Viel­mehr unter­schei­det sie, dass der eine das Ent­stan­de­ne sagt, der ande­re das Ent­ste­hen-Kön­nen­de. Des­we­gen ist die Ver­fer­ti­gung phi­lo­so­phi­scher und edler als die His­to­ri­en­schrei­be­rei. Die Ver­fer­ti­gung sagt eher das All-Gemei­ne, der His­to­ri­en­schrei­ber das Ein­zel­ne. (φανερὸν δὲ ἐκ τῶν εἰρημένων καὶ ὅτι οὐ τὸ τὰ γενόμενα λέγειν, τοῦτο ποιητοῦ ἔργον ἐστίν, ἀλλ᾽ οἷα ἂν γένοιτο καὶ τὰ δυνατὰ κατὰ τὸ εἰκὸς τὸ ἀναγκαῖον. γὰρ ἱστορικὸς καὶ ποιητὴς οὐ τῷ ἔμμετρα λέγειν ἄμετρα διαφέρουσιν [1451β]εἴη γὰρ ἂν τὰ Ἡροδότου εἰς μέτρα τεθῆναι καὶ οὐδὲν ἧττον ἂν εἴη ἱστορία τις μετὰ μέτρου ἄνευ μέτρων): ἀλλὰ τούτῳ διαφέρει, τῷ τὸν μὲν τὰ γενόμενα [5] λέγειν, τὸν δὲ οἷα ἂν γένοιτο. διὸ καὶ φιλοσοφώτερον καὶ σπουδαιότερον ποίησις ἱστορίας ἐστίν: μὲν γὰρ ποίησις μᾶλλον τὰ καθόλου, δ᾽ ἱστορία τὰ καθ᾽ ἕκαστον λέγει.)

To be con­ti­nued. May­be.

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