Wahrheit, Wirklichkeit, Gerechtigkeit und Entscheidung im Fußball — ein Versuch @kusanowsky

Juni 23rd, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Macht man sich den Spaß, den von Kusanow­sky (hier) auf­ge­nom­me­nen Ball hin­sicht­lich der Refle­xi­on der Ereig­nis­se um das viel­dis­ku­tier­te (Nicht-)Tor im Spiel Ukrai­ne-Eng­land wie­der­um anzu­neh­men und steil auf die abschlie­ßen­den Tor­hei­ten zuzu­spie­len, käme man wohl mit dem fol­gen­den Gedan­ken in Straf­raumn­nä­he:

Fast schon letzt­end­lich lässt sich der Dis­kurs um das Gesche­hen redu­zie­ren auf eine dahin­ter lie­gen­de Grund­an­nah­me, näm­lich die­je­ni­ge, ein (Schieds)Richter habe die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den, um ein gerech­tes Spiel­ergeb­nis zu ermög­li­chen. Die Alter­na­tiv­for­mu­lie­rung, der die­ser Grund­an­nah­me wie­der­spricht und die an die Wur­zeln der Moder­ne rührt, wäre: Der (Schieds)Richter hat nach bes­tem Wis­sen und Gewis­sen spiel­re­gel­kon­for­me Ent­schei­dun­gen zu fäl­len. Letz­te­res müss­te den Ver­zicht auf Wahr­heits­an­spruch ein­schlie­ßen. Heißt: Das Urteil ist nicht die Wie­der­ga­be einer Wahr­heit, son­dern eine abschlie­ßen­de Ent­schei­dung unter den Bedin­gun­gen „nach mensch­li­chem Ermes­sen“. Ers­te­res dage­gen bean­sprucht ein End­ur­teil, das das mensch­li­che Ermes­sen ledig­lich als Feh­ler­quel­le und damit Quel­le der Unsi­cher­heit betrach­tet. Dar­in schließt die schein­bar nur um Fuß­ball krei­sen­de Debat­te durch­aus naht­los an die recht­li­che Debat­te um das Gerichts­ur­teil an. Hat der Rich­ter die Auf­ga­be, im Pro­zess die Wahr­heit zu fin­den? Oder hat er ein Urteil „bey­ond rea­son­ab­le doubt“ zu fäl­len? Ist das Urteil der Abschluss eines Pro­zes­ses? Oder ist das Ende des Pro­zes­ses die Offen­ba­rung bzw. Offen­bar­wer­dung und Unver­bor­gen­heit der Wahr­heit? Folgt das Urteil den Regeln der Straf­pro­zess­ord­nung? Oder unter­liegt das Urteil dem Wahr­heits­an­spruch? Im ers­te­ren Fal­le schlös­se das Urteil die Mög­lich­keit des Feh­lers im Pro­zess ein (wor­auf Kusanow­sky im Namen der sport­li­chen Fair­ness abhebt). Das Ergeb­nis könn­te nie­mals Wahr­heit, son­dern nur höchs­te Wahr­schein­lich­keit oder Men­schen­mög­li­ches sein. Letz­te­res wäre ein Urteil, des­sen mensch­li­cher Anteil so weit zu redu­zie­ren wäre, dass eigent­lich nur das Got­tes­ur­teil ein sinn­vol­les Ver­fah­ren wäre.

Wahr­heit und Wirk­lich­keit

Obwohl weder Fuß­ball, noch bür­ger­li­che Gerich­te es (vor­der­grün­dig!) mit meta­phy­si­schen Wahr­hei­ten zu tun haben, fin­det doch gele­gent­lich ein dis­kur­si­ve Ver­wechs­lung von Wahr­heit und Wirk­lich­keit statt. Die Wahr­heit her­aus­zu­fin­den heißt, wie es „wirk­lich“ gewe­sen ist. Und die Wahr­heit zu sagen for­dert die adae­qua­tio ver­bi et rei, also eine Form sprach­li­cher Aus­sa­gen­wahr­heit, in der das, was gesagt wird,  wie­der­ge­ben soll, was wirk­lich oder wahr­haf­tig gewe­sen ist. Die Unsi­cher­heit, Wider­sprüch­lich­keit und Stör­an­fäl­lig­keit mensch­li­cher » Wei­ter­le­sen «

Digitaljournalismus statt #lsr – Aufruf zur Rettung von nachtkritik.de

Juni 20th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Digitaljournalismus statt #lsr – Aufruf zur Rettung von nachtkritik.de § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Zuge­ge­ben, die Head­line die­ses Pos­tings ist so rei­ße­risch, wie eine schlech­te BILD (darf ich den Namen noch erwäh­nen, ohne ver­klagt zu wer­den?) Schlag­zei­le. Aller­dings ist hier wie dort auch das Ziel ähn­lich: es soll nicht nur infor­miert, son­dern agi­tiert wer­den.

Zur Sache: nachtkritik.de ist DAS deutsch­spra­chi­ge Thea­ter- und Thea­ter­kri­tik­por­tal im Netz. Es wur­de vor über fünf Jah­ren von erfah­re­nen und print­re­nom­mier­ten Thea­ter­kri­ti­kern gegrün­det und bringt jeden Mor­gen Kri­ti­ken zu den wich­tigs­ten Thea­ter­pre­mie­ren des ver­gan­ge­nen Abends. Zudem wer­den dort die hei­ßes­ten Kom­men­tar­de­bat­ten über ästhe­ti­sche, thea­ter- und kul­tur­po­li­ti­schen The­men geführt. Zusam­men mit der Redak­ti­on sor­gen meh­re­re Dut­zend freie Kri­ti­ker, ver­teilt über das gan­ze Land, dafür, dass nicht nur die „Zen­tren“ des Thea­ter­ge­sche­hens, son­dern auch die Pro­vinz Beach­tung und Auf­merk­sam­keit fin­det. Nacht­kri­tik lebt im Wesent­li­chen von dem (posi­tiv for­mu­liert) Idea­lis­mus und der (kri­tisch gesagt) Selbst­aus­beu­tung aller Macher, um ein kos­ten­lo­ses, hoch pro­fes­sio­nel­les und jour­na­lis­ti­sches Ange­bot zu schaf­fen.

Um die Mit­tel selbst für die­sen recht spär­li­chen Hono­ra­re zu gene­rie­ren, nutzt nacht­kri­tik Wer­be­ban­ner, bekommt Unter­stüt­zung etwa von der Buce­ri­us-Stif­tung – und ist auf Spen­den ange­wie­sen. Aktu­ell wer­den 25.000 Euro benö­tigt, um den Betrieb von nacht­kri­tik auch in der nächs­ten Spiel­zeit zu ermög­li­chen. Davon sind nach vier Wochen nicht ein­mal 4.000 Euro zusam­men­ge­kom­men.

Für mich ist nacht­kri­tik nicht nur als Kul­tur­platt­form span­nend und fas­zi­nie­rend. Für mich steht viel­mehr gera­de in den aktu­el­len Umstän­den, der Debat­ten um Urhe­ber- und Leis­tungs­schutz­rech­te mehr auf dem Spiel bei der Far­ge, ob nacht­kri­tik das Über­le­ben gelingt.

Nacht­kri­tik ist – neben eini­gen ande­ren Ange­bo­ten wie car­ta oder netz­po­li­tik – ein Visi­on vom unab­hän­gi­gen Digi­tal­jour­na­lis­mus der Zukunft Heißt: Wenn es nicht gelingt, eine sol­che Platt­form jen­seits tra­di­tio­nel­ler Erlös­mo­del­le dau­er­haft am Leben zu erhal­ten, schwin­det mein grund­sätz­li­cher Opti­mis­mus was die Zukunft von Qua­li­täts­jour­na­lis­mus im Netz jen­seits indus­trie­ge­sell­schaft­li­cher Pro­duk­ti­ons- und Dis­tri­bu­ti­ons­me­cha­nis­men angeht. Nicht weil vom Thea­ter­jour­na­lis­mus etwa die Zukunft von irgend­et­was abhin­ge (abge­se­hen von den Stadt­thea­tern, die man fin­den mag, wie man will). Son­dern weil nacht­kri­tik sym­bo­lisch ste­hen kann für die ent­schei­den­de Fra­ge:

Kann Jour­na­lis­mus mit hohem Anspruch, mit inten­si­ver Debat­ten­kul­tur, ohne Ver­la­ge und ihre lob­by­be­ar­bei­te­ten Geset­zes­wer­ke zukünf­tig öko­no­misch leben oder nicht? Kön­nen Jour­na­lis­ten ohne Ver­lags- und Ver­triebs­hin­ter­grün­de zukünf­tig selbst­or­ga­ni­sier­te Ange­bo­te in einer Form betrei­ben, dass auch eine zumin­dest exis­tenz­si­chern­de Finan­zie­rung dabei her­aus­kommt – oder ist die­ses gan­ze Netz letzt­lich nur ein Hob­by­raum?

Um dafür einen zukunfts­wei­sen­den Bei­trag zu leis­ten, braucht es mehr als Lip­pen- oder Twit­ter­be­kennt­nis­se. Es braucht in paar Euro (die sogar steu­er­lich abzugs­fä­hig sind, da nacht­kri­tik gemein­nüt­zig ist). Man muss sich nicht für Thea­ter inter­es­sie­ren, um ein State­ment zur Zukunft des anspruchs­vol­len (Kultur-)Journalismus im Netz per Spen­de abzu­ge­ben. Man muss nacht­kri­tik nicht jeder­zeit zustim­men, muss nicht ein­mal mit der Grund­li­nie oder der Inhalts­aus­wahl ein­ver­stan­den sein, um zu ver­ste­hen und per Spen­de zu gou­tie­ren, dass eine Inhalts­de­bat­te nur dann sinn­voll geführt wer­den kann, wenn die Erstel­lung der Inhal­te gesi­chert ist. Man muss nacht­kri­tik nicht ein­mal lesen, um ein State­ment für einen zukunfts­wei­sen­den Digi­tal­jour­na­lis­mus abzu­ge­ben, indem man ein paar Euro sprin­gern lässt.

Wer als Schau­spie­ler dar­auf ange­wie­sen ist, dass Men­schen ein paar Euro Ein­tritt zah­len, soll­te eine Spen­de in Höhe eines Ein­tritts­gel­des bei­steu­ern, um zukünf­tig netz­öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit für die eige­ne Arbeit zu bekom­men. Wer als Inten­dant vom Fort­be­stehen der Stadt­thea­ter­kul­tur abhän­gig ist, soll­te einen Wochen­lohn (Brut­to – Steu­ern gibt’s ja zurück; bei einem Frank­fur­ter Inten­dan­ten­ge­halt von 240.000+X — wie nacht­kri­tik gera­de berich­tet — wären  also ca. 5.000+X fäl­lig!) dafür sprin­gen las­sen. Wer als Jour­na­list um die Zukunft des Jour­na­lis­mus besorgt ist, soll­te sich eine Packung Ziga­ret­ten ver­knei­fen und dafür einen fün­fer sprin­gen las­sen. Wer die Debat­te um das Leis­tungs­schutz­recht besorgt ver­folgt, soll­te sei­nen Bei­trag für eine Platt­form leis­ten, die sich über Erwäh­nun­gen, Ver­lin­kun­gen, Zitie­run­gen freut, statt sie juris­tisch zu ver­fol­gen.

Und wer gar kein Geld, aber eine Twit­ter-Fol­lo­wer­schaft hat, soll­te wenigs­tens mit einem Ret­weet dafür sor­gen, dass sol­ven­te­re Fol­lo­wer auf­merk­sam wer­den – und Geld raus­las­sen. Es geht um lächer­li­che 25.000 Euro. Das sind 5.000 Spen­den zu 5 Euro.

Pla­se Dona­te here and ret­weet.

Dis­clo­sure: Ich gehö­re der Redak­ti­on nicht an, bin aber mit Redak­teu­ren per­sön­lich bekannt und habe Bei­trä­ge für nacht­kri­tik geschrie­ben. Das dafür bezo­ge­ne Hono­rar geht selbst­ver­ständ­lich als Spen­de zurück an nacht­kri­tik.

Fußball als Tragödie der menschlichen Begrenztheit #euro12 (ergänzt)

Juni 19th, 2012 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Heu­te Abend spiel­ten bei der Fuß­ball-Euro­pa­meis­ter­schaft Eng­land und die Ukrai­ne gegen­ein­an­der in einem Ent­schei­dungs­spiel, einem Spiel also, dass dar­über abschlie­ßend Aus­kunft geben soll­te, wel­che der vier Mann­schaf­ten in der Grup­pe in die nächs­te Run­de ein­zie­hen wür­de, wel­che bei­den aus­schei­den. Am Ende schei­det nun die Ukrai­ne aus. Und dar­an hat­te eine Ein­zel­ent­schei­dung einen gewis­sen Anteil: In der 61. Minu­te schoss der ukrai­ni­sche Spie­ler Devic aufs eng­li­sche Tor, der eng­li­sche Spie­ler Ter­ry … und da fängt die Tra­gö­die an. Ter­ry kommt artis­tisch an den Ball und schlägt ihn vom Tor weg. Die Fra­ge: War der Ball im Tor und wird ent­spre­chend für die Ukrai­ne gewer­tet oder war er nicht im Tor? Die­se Ent­schei­dung in die­sem Ent­schei­dungs­spiel zu fäl­len war die Auf­ga­be des Tor­rich­ters, eines neu­er­dings an der Tor­li­nie pos­tier­ten Unpar­tei­ischen, der nichts ande­res zu tun hat als zu beob­ach­ten und zu ent­schei­den, ob ein Ball die Tor­li­nie über­quer­te oder nicht. Und die­ser Tor­rich­ter ent­schied: Der Ball war nicht hin­ter der Linie, es ist kein Tor für die Ukrai­ne zu zäh­len.

Die Ent­schei­dung schafft Tat­sa­chen

Es han­delt sich also um ein Ent­schei­dungs­spiel bei dem in einer ent­schei­den­den Sze­ne eine hoch spiel­re­le­van­te Ent­schei­dung zu tref­fen war, die auf dem Urteil einer ein­zel­nen Per­son beruh­te. Und die­se Ent­schei­dung ist wie­der­um über­prüf­bar durch die Fern­seh­tech­nik. Denn nicht nur ein Tor­rich­ter wur­de so posi­tio­niert, dass kein wei­te­res Wem­bley-Tor gesche­hen könn­te. Son­dern auch eine Fern­seh­ka­me­ra wur­de so posi­tio­niert, dass eine genaue Beob­ach­tung der Situa­ti­on des Balls im Ver­hält­nis zur Tor­li­nie mög­lich wird. Und die Bil­der die­ser Kame­ra zeig­ten in Zeit­lu­pe bzw. Stand­bild, dass der Ball hin­ter der Linie war. Man könn­te nun sagen: Die Spiel­be­tei­lig­ten leben in der Gna­de der Igno­ranz, die Fern­seh­zu­schau­er ver­fü­gen über die tech­ni­sche All- oder zumin­dest Mehr­wis­sen­heit. Nun ist es aber so, dass die­se Bil­der offen­bar auch wie­der ins Sta­di­on selbst über­tra­gen und dem Publi­kum, den Spie­lern und den Unpar­tei­ischen gezeigt wer­den. Es ent­steht eine hoch­gra­dig selt­sa­me Situa­ti­on: » Wei­ter­le­sen «

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