“Das Prinzip Jago” und Fakenews in Essen

März 12th, 2017 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Bericht­erstat­tung der letz­ten Stun­den ist weni­ger, was in Essen bei der Schlie­ßung des Ein­kaufs­zen­trums “Lim­be­cker Platz” wirk­lich statt­ge­fun­den hat. Inter­es­sant ist die Bericht­erstat­tung selbst — und die Fra­ge, was denn eigent­lich berich­tet und her­aus­ge­fun­den wer­den kann, solan­ge der Poli­zei ent­we­der noch nicht bekannt oder zumin­dest von der Poli­zei noch nicht zwei­fels­frei ver­laut­bart ist, was die Situa­ti­on ist. Was also die “Sache” ist, was die Fak­ten sind, die berich­tet und inter­pre­tiert wer­den kön­nen.

Es gab eine konkrete Anschlagsplanung?

Spie­gelOn­line ist im Ren­nen um die schnells­te Exklu­siv­mel­dung immer mit am Start — und weiß des­we­gen mit­zu­tei­len:

Über­schrift: Deut­scher Dschi­ha­dist soll Ter­ror­grup­pe mit Anschlag beauf­tragt haben

Heißt: SpON setzt in der Über­schrift als gesi­cher­te Tat­sa­che vor­aus,

  • dass ein kon­kre­ter Anschlag bevor­stand,
  • dass die­ser ter­ro­ris­ti­sche Moti­va­ti­on hat­te
  • und von einer Grup­pe von Tätern aus­ge­führt wer­den soll­te.

Als nicht gesi­cher­te, aber doch so wahr­schein­lich zutref­fen­de Tat­sa­che, dass sich dar­über berich­ten lässt, wird ver­mel­det,

  • dass es einen Auf­trag für den Anschlag gege­ben hat,
  • der von einem Islamisten/Dschihadisten gege­ben wur­de,
  • der zudem deut­scher Staats­bür­ger ist.

Eine ein­zi­ge Head­line — vie­le Fak­ten­be­haup­tun­gen. Oder soll­te das “soll” ein Hin­weis dar­auf sein, dass sämt­li­che auf­ge­lis­te­ten Fak­ten­be­haup­tun­gen unge­si­chert sind? Eine Kurz­form der For­mu­lie­rung: Falls es in Essen einen Anschlag­plan gege­ben hat, der von einer Ter­ror­grup­pe aus­ge­führt wer­den soll­te, dann wur­de die­ser von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? For­mal­lo­gisch wäre die­se Aus­sa­ge schwer zu fal­si­fi­zie­ren. Aller­dings wäre sie blöd­sin­nig. Eine Mel­dung, in der sowohl die Exis­tenz des Anschlags­plans wie auch die Beauf­tra­gung oder gar die Exis­tenz eines bestimm­ten auf­trags­be­fä­hig­ten Dschi­ha­dis­ten spe­ku­la­tiv und nicht gesi­chert ist, wäre kei­ne Mel­dung son­dern Hum­bug. Ent­we­der steht als gesi­cher­tes Fak­tum ein Dschi­ha­dist, für den die Beauf­tra­gung eines Anschlags Spe­ku­la­ti­on ist (Hat er…?) oder der Auf­trags­plan ist das Fak­tum und der Dschi­ha­dist spe­ku­la­tiv (Wer hat…?) Aber einen spe­ku­la­ti­ven Dschi­ha­dis­ten einen spe­ku­la­ti­ven Anschlag pla­nen zu las­sen ist … in die­ser Form so lan­ge Fake-News wie nicht zumin­dest eine der bei­den Fak­ten­be­haup­tun­gen tat­säch­lich zuver­läs­sig beleg­bar ist.

Das hin­dert SpOn nicht an der Ver­tie­fung und Kolo­rie­rung der “Mel­dung”:

  •  “Kam der Auf­trag zu einem Anschlag auf das Esse­ner Ein­kaufs­zen­trum aus Syri­en?”
  • “Die Ermitt­ler könn­ten einen ver­hee­ren­den Anschlag im Ein­kaufs­zen­trum “Lim­be­cker Platz” ver­hin­dert haben”
  • “Laut dpa soll­te ein Teil der Grup­pe aus dem Aus­land anrei­sen.”
  • “Den Berich­ten zufol­ge stammt der mög­li­che Auf­trag­ge­ber aus Ober­hau­sen und ist Mit­glied der sala­fis­ti­schen Sze­ne.”
  • “Laut “Bild” habe er das Kom­man­do zum Anschlag offen­bar im Auf­trag der IS-Füh­rung gege­ben.”

Und so wei­ter. Aber was wenn es die­sen Anschlags­plan gar nicht gab? Nicht von einem Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt? Nicht aus Syri­en? Nicht von einer Grup­pe? Nicht ver­hee­rend? Nicht von der IS-Füh­rung?

Es gab keine konkrete Anschlagsplanung?

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Inter­es­sant nun an die­ser gegen 16 Uhr  erschie­nen Mel­dung (hier der ver­link­te Arti­kel) ist, dass es — laut Bon­ner Gene­ral­an­zei­ger — “kei­ne kon­kre­ten Vor­be­rei­tun­gen auf einen Anschlag” gab. Was wie­der­um vom zustän­di­gen NRW-Innen­mi­nis­ter ver­laut­bart wur­de. Das kann nun zu Fra­gen an die Poli­zei füh­ren, die hier aber weni­ger inter­es­sant sind — weil die­je­ni­gen, die die­se Fra­gen zu stel­len hät­ten, Jour­na­lis­ten wären. Und die­se Jour­na­lis­ten mit der Auf­klä­rung eines Sach­ver­halts zu beauf­tra­gen. an deren Ver­dun­ke­lung sie erheb­lich betei­ligt waren, ist rela­tiv kuri­os. Wes­we­gen hier also die Fra­ge an die die Pres­se­mit­ar­bei­ter selbst zu gehen haben. Die da lau­tet:

Wie kann es sein, dass über einen kon­kre­ten Anschlags­plan inklu­si­ve Hin­ter­grund-Details als gesi­cher­te Tat­sa­che berich­tet wird, den es offen­bar nicht gab? Der Vor­wurf lau­tet dabei nicht, dass über die Esse­ner Situa­ti­on (Sper­rungs Ein­kaufs­zen­trum) berich­tet wur­de. Der Vor­wurf lau­tet dahin­ge­hend, dass als Fak­tum berich­tet wur­de, was offen­bar (noch) nicht fak­tisch war: dass es einen Anschlags­plan gab. Bericht­ba­re Fak­ten waren offen­bar: Das Ein­kaufs­zen­trum wur­de von der Poli­zei gesperrt. Die Poli­zei gibt als Grund Hin­wei­se auf einen bestehen­den Anschlag an.

SpOn ist es offen­bar zu lang­wei­lig, die “Entwarnungs”-Meldung auch nur ansatz­wei­se in ver­gleich­ba­rer Pro­mi­nenz zu brin­gen. Für den eili­gen SpOn-Leser bleibt im Rau­me und Gedächt­nis ste­hen: Es gab den Plan für einen ver­hee­ren­den Anschlag in Essen, der von einem deut­schen Dschi­ha­dis­ten beauf­tragt und von der muti­gen und gut infor­mier­ten Poli­zei ver­hin­dert wur­de. Womit sich anschlie­ßend Sicher­heits­po­li­tik machen lässt.

Es gab keine und eine konkrete Anschlagsplanung?

Der Gene­ral-Anzei­ger wie­der­um ent­schei­det sich in die­ser Situa­ti­on für Schi­zo­phre­nie: Nach­dem ver­kün­det wird, dass es kei­nen Anschlags­plan gab, fährt der­sel­be Arti­kel fort, als habe es die­sen Anschlag­plan doch gege­ben:

Laut NRW-Innen­mi­nis­ter Ralf Jäger stand in Essen kein unmit­tel­ba­rer Anschlag bevor.… Mut­maß­li­cher Draht­zie­her soll nach dpa-Infor­ma­tio­nen aus Sicher­heits­krei­sen ein deut­scher Kämp­fer der Ter­ror­mi­liz Isla­mi­scher Staat (IS) sein. Er soll von Syri­en aus per Inter­net-Mes­sen­ger meh­re­re Per­so­nen direkt kon­tak­tiert und ver­sucht haben, sie für einen Angriff auf das Ein­kaufs­zen­trum zu moti­vie­ren. Ein Teil der mut­maß­li­chen Täter­grup­pe soll sich in Deutsch­land befun­den haben, ein ande­rer Teil soll­te aus dem Aus­land anrei­sen.

Der Ein­satz wur­de inzwi­schen been­det, doch die Ermitt­lun­gen zu den auf­ge­flo­ge­nen Anschlags­plä­nen gehen wei­ter. Die Poli­zei blei­be wach­sam, beton­te ein Spre­cher.(Quel­le; Fet­tun­gen von mir)

Der nicht exis­ten­te Plan hat­te also einen Draht­zie­her, der zum IS gehört und in Syri­en sitzt, für den eben als nicht exis­tent gemel­de­ten Plan steht eine Täter­grup­pe. Und die­se nicht-exis­ten­ten Anschlags­plä­ne sind auf­ge­flo­gen. Ver­ehr­te GA-Jour­na­lis­ten: Gibt es jetzt einen Plan, der auf­ge­flo­gen ist (und der Beginn des Arti­kels ist falsch) oder gibt es kei­nen Plan und die Aus­füh­run­gen über den Plan sind falsch? Und was genau ist der Unter­schied zwi­schen Falsch­mel­dung aus jour­na­lis­ti­scher Schlam­pig­keit und Fake-News?

Fazit

Hat es einen Plan gege­ben? Wer weiß es? Wer weiß, was die Poli­zei weiß? Wer weiß, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was sie Poli­zei weiß? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei ver­mu­tet? Wer ver­mu­tet, was die Poli­zei über einen ver­mut­li­chen Anschlag ver­mu­tet? Wer weiß schon, was Fak­ten sind? Wozu auf Fak­ten warten,w wenn es zu berich­ten gilt? Oder wie es im “Prin­zip Jago” heißt:

Sei schnell. War­te nicht. Zöge­re nicht. Denk nicht. Berich­te! Was rein­kommt geht raus — bevor ande­re es sen­den. Lie­ber ein­mal mehr Kon­junk­tiv , als zwei­mal zu spät. Soll Alla­hu Akbar gesagt haben, könn­te bedeu­ten, dass der IS dahin­ter steckt laut unbe­stä­tig­ten Anga­ben ein ille­ga­ler Migrant, aus gut infor­mier­ten Krei­sen ist zu hören, dass die Poli­zei ihn im Visier hat­te, Exper­ten sagen, dass das Mus­ter zum IS passt — das reicht völ­lig, um uns gegen den Vor­wurf der Falsch­mel­dung zu ver­tei­di­gen, machen alle so, müs­sen wir also auch. Kapiert? (Hier der Voll­text als PDF)

 

Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated]

Oktober 9th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated] § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der Mit­te des vier­ten Aktes trägt in “Das Prin­zip Jago” der neu ernann­te Nach­rich­ten-Redak­teur Ben “Blei­ben Sie auf dem rech­ten Weg” Sützl sei­ne Leit­li­ni­en für die Nach­rich­ten der Zukunft vor. Und eine Woche nach der Esse­ner Urauf­füh­rung geriert sich die Tages­schau anläss­lich eines Vor­fal­les in Chem­nitz, als wol­le sie direkt mit der Umset­zung begin­nen.

Hier ein Aus­zug aus » Wei­ter­le­sen «

Das Prinzip Jago — Text-Download, Trailer, Kritiken

Oktober 9th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wer sich für das Arbeits­er­geb­nis des Esse­ner Wri­ters Rooms, den Stück­text von “Das Prin­zip Jago” inter­es­siert, kann ihn hier direkt und in vol­ler Län­ge als PDF her­un­ter­la­den: Down­load-Link via Web­sei­te des Schau­spiel Essen.

Einen klei­nen Ein­druck von der Insze­nie­rung ver­mit­telt der Trai­ler des Schau­spiel Essen:

Eini­ge Kri­ti­ken:

In Thea­ter Heu­te 10/2016 ist zudem ein Inter­view mit den Betei­lig­ten des Esse­ner Wri­ters Room Vol­ker Lösch, Vera Ring, Oli­ver Schmaering und mir zu lesen. Der Arti­kel ist hier (kos­ten­pflich­tig) online zu fin­den. Oder in der Okto­ber-Print­aus­ga­be.

Writers Room Projekt am Schauspiel Essen: “Das Prinzip Jago”

Mai 12th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bereits seit Ende Febru­ar 2016, also seit drei Mona­ten, ist am Schau­spiel Essen ein Wri­ters Room Pro­jekt am Start, an dem ich betei­ligt bin: zusam­men mit dem Regis­seur Vol­ker Lösch, der Esse­ner Chef­dra­ma­tur­gin Vera Ring und dem Thea­ter- und Dreh­buch­au­to­ren Oli­ver Schmaering ent­steht eine Arbeit mit dem Titel „Das Prin­zip Jago“ nach Moti­ven aus „Othel­lo“ von Shake­speare. Kei­ne Stück­be­ar­bei­tung, kei­ne Über­set­zung, kei­ne Moder­ni­sie­rung, son­dern ein von vor­ne bis hin­ten neu geschrie­be­ner Text mit eige­ner Hand­lungs- und Sze­nen­struk­tur. In einem Wri­ters Room, der Schrei­ber, Regie, Dra­ma­tur­gie, zeit­wei­se auch Büh­nen­bild (Caro­la Reu­ther) und dem­nächst even­tu­ell noch wei­te­re Kom­pe­ten­zen ver­sam­melt, um gemein­sam an einem Gemein­sa­men zu arbei­ten. Die Urauf­füh­rung wird am 1.10.2016 am Schau­spiel Essen sein.

Wor­um es bei “Das Prin­zip Jago” gehen soll und wird, ist auf der Web­sei­te des Thea­ters seit heu­te zu lesen. Unter die­sem Link.

Mein Plä­doy­er für Wri­ters Rooms an Thea­tern ist auf nacht­kri­tik zu fin­den, hier.

Wer sich für die­se Arbeits­wei­se inter­es­siert und sie aus­pro­bie­ren möch­te, kann sich für einen soeben aus­ge­schrie­be­nen Wri­ters Room an den Wie­ner Wort­stät­ten bewer­ben. Die Aus­schrei­bung ist hier zu fin­den.

Und wer 8 Minu­ten Zeit hat, sich anzu­se­hen, wie in einem Zeit­raum von gut zwei Wochen (!) eine (!) Epi­so­de von Brea­king Bad ent­stand, der kann hier schau­en:

Fernsehen der Gotik: Transzendenz und Transparenz #MediaDivina

Mai 19th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die Kathe­dra­le von Saint Dénis bei Paris (Wiki­pe­dia). Zahl­lo­se Pro­gram­me gleich­zei­tig, Stand­bil­der zwar, dafür um so über­wäl­ti­gen­der. 360 Grad Fern-Sehen, Tele-Visi­on in die Tran­szen­denz. » Wei­ter­le­sen «

Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream

Dezember 11th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern Abend wur­de in der Boell-Stif­tung über die Fra­ge: “Schau­spiel im Live­stream — Fluch oder Segen” dis­ku­tiert. Dafür hat­te ich mir im Vor­feld ein paar Gedan­ken gemacht, mit denen ich mein Podi­ums-State­ment bestrei­ten woll­te. Nach dem gran­dio­sen Stream aus dem Schau­spiel Dort­mund mit Kay Voges’ Insze­nie­rung von Sarah Kanes “4.4. Psy­cho­se” hab ich dann ent­schie­den, nur rela­tiv knapp eini­ge weni­ge Über­le­gun­gen dar­aus anzu­brin­gen. Die gan­ze Sache des­we­gen jetzt hier:

Reak­tio­nen auf die Fra­ge: “Thea­ter-Strea­ming- Ja oder Nein?” oder: “I can haz live­stream?”

Die ers­te Reak­ti­on: Ja klar, sofort. Die Tech­nik ist da, es ist eine groß­ar­ti­ge Chan­ce zur Öff­nung von Thea­tern in den digi­ta­len Raum, die Mög­lich­keit die Teil­ha­be zu erwei­tern, Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht im Thea­ter­raum anwe­send sein kön­nen oder wol­len Zugang zu ver­schaf­fen – immer­hin ist die Access-The­ma­tik einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le der uto­pi­schen Erzäh­lung vom Inter­net. Abwe­sen­de Zuschau­er bekom­men Zugang, kön­nen in unter­schied­li­chen Orten halb-anwe­send sein, Thea­ter­ma­cher kön­nen sich von ande­ren Thea­ter­ma­chern inspi­rie­ren las­sen. Klingt toll.

Die zwei­te Reak­ti­on: Wenn ihr es macht, macht es ver­nünf­tig. Die ner­vi­gen “Kame­rahei­nis” drei Tage vor der Pre­mie­re ein paar Minu­ten rein- und ihr Equip­ment auf­bau­en las­sen, dann die Sache irgend­wie ins Netz brin­gen, ist ein » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen

September 9th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf dem Jour­na­lis­ten-Bran­chen­por­tal Mee­dia fin­det sich heu­te ein inter­es­san­ter Text von Ste­fan Win­ter­bau­er (Hier). Dar­in wird die Kri­se des Jour­na­lis­mus aus­nahms­wei­se nicht als Auf­la­gen­kri­se, son­dern als Kri­se der Erzäh­lung beschrie­ben: Anläss­lich der gest­ri­gen Sen­dung von Frank Plas­bergs „Hart aber Fair“ wird geschil­dert, wie die Ver­su­che, dort zu einer gemein­sa­men Erzäh­lung des Ukrai­ne-Kon­flikts zu kom­men, gleich­zei­tig in einer „Gegen­öf­fent­lich­keit“ in den digi­ta­len, sozia­len Medi­en kon­fron­tiert ist, die par­al­lel ihre eige­nen Erzäh­lun­gen ent­war­fen. Er schreibt:

Die Gegen­öf­fent­lich­keit arti­ku­liert sich im Zuge der Ukrai­ne-Kri­se erst­mals in gro­ßem Stil. Dass das Phä­no­men wie­der ver­schwin­det, ist unwahr­schein­lich. Für die klas­si­schen Medi­en ist dies eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Wie kön­nen Medi­en ihre Glaub­wür­dig­keit ret­ten oder zurück­ge­win­nen? Wie kön­nen sie dem Publi­kum deut­lich machen, dass es sich lohnt ihnen zu ver­trau­en?

Nun ist es sicher­lich etwas zu kurz gegrif­fen zu behaup­ten, hier arti­ku­lie­re sich eine Gegen­öf­fent­lich­keit zum ers­ten Mal. Die Geschich­te der Gegen­öf­fent­lich­kei­ten ist bereits im ana­lo­gen Zeit­al­ter rela­tiv lang (Bei­spiel: „Kein Blut für Öl“ im ers­ten Golf­krieg), wird noch erheb­lich umfang­rei­cher im Digi­tal­zeit­al­ter – von Online-Peti­tio­nen, über Pla­gi­ats-Jäger bis hin zu den Phä­no­me­nen des Ara­bi­schen Früh­lings. Trotz­dem bleibt die Beschrei­bung des Zusam­men­hangs von Ukrai­ne-Kri­se und erzäh­len­den Gegen­öf­fent­lich­kei­ten inter­es­sant zu beob­ach­ten, die Win­ter­bau­er hier anreißt.

Die Plas­berg-Sen­dung

Ich habe die Sen­dung mit dem Titel „Wla­di­mir Putin – der gefähr­lichs­te Mann Euro­pas? ges­tern gese­hen – und war von Beginn an über­rascht. Es saßen in der dort vor­wie­gend jour­na­lis­ti­sche „Erzäh­ler“: die rus­si­sche Jour­na­lis­tin Anna Rose, der ehe­ma­li­ge WDR-Inten­dant Fritz Pleit­gen, der Mos­kau­er Focus-Kor­re­spon­dent Boris Reit­schus­ter, der Jour­na­list und Fil­me­ma­cher Hubert Sei­pel. Zwi­schen ihnen der Kanz­ler­amts­chef Peter Alt­mei­er, der nicht zuletzt Auf­se­her der poli­ti­schen Erzäh­ler ist: des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes.

Zwi­schen die­sen Erzäh­lern ent­spann sich nun: der Kampf der Erzäh­lun­gen, der auf eigen­ar­ti­ge Wei­se an Aki­ra Kuro­sa­was Ras­ho­mon erin­ner­te, eines Fil­mes, der „den sel­ben“ Vor­fall vier­mal erzäh­len lässt, von vier unter­schied­li­chen Stand­punk­ten aus und dar­aus vier unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen von etwas gewinnt, von dem es ein „das­sel­be“ nicht mehr gibt.

Bei Plas­berg tra­ten sehr gezielt ein­ge­la­de­ne jour­na­lis­ti­sche Erzäh­ler an, erzähl­ten – und kamen zu sehr unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen des­sen, wovon es sicher am Ende, ver­mut­lich aber von Anfang an kein „dasselbe“gibt. Waren hier und da Ele­men­te auch strit­tig, so waren sich doch die Erzäh­lun­gen im Wesent­li­chen dar­in ähn­lich, dass sie vie­le gemein­sa­me Ele­men­te ver­wen­de­ten, sie aber unter­schied­lich zusam­men­füg­ten, zu unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen mit unter­schied­li­chen dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen. Das im Ein­zel­nen zu rekon­stru­ie­ren, wür­de hier zu weit füh­ren, zumal die ein­zel­nen unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen weit­ge­hend schon vor­her eini­ger­ma­ßen bekannt waren.

Inter­es­san­ter ist die Beob­ach­tung, dass eben Erzäh­ler hier gegen­ein­an­der antre­ten, Jour­na­lis­ten, die in ihren unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen (mehr oder weni­ger prä­gnant) deut­lich wer­den las­sen, dass ihre Erzäh­lun­gen bestimm­te Gefü­ge von Zusam­men­hän­gen sind, die mit­ein­an­der inkom­pa­ti­bel sind. Es ist nicht nur ein Streit dar­über, was jetzt pas­sie­ren soll­te. Es ist vor allem der Streit, was „Sache“ ist – und was dar­aus zu fol­gern ist. Die Kon­se­quenz: Die Ukrai­ne-Kri­se lässt in gro­ßer Deut­lich­keit die Kri­se der Erzäh­lun­gen sicht­bar wer­den, die sich ver­stärkt durch die Par­al­le­li­tät alter und neu­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ergibt. Es wird sicht­bar, dass das alte Leit-Erzähl­me­di­um, die Media Divina Fern­se­hen ihre Erzähl­kraft ver­lo­ren hat.

Denn es strei­ten nicht nur in der Media Divina die Erzäh­ler, son­dern – wie Ste­fan Win­ter­bau­er berich­tet – in zahl­rei­chen klei­nen Debat­ten ver­hed­dern sich auch in der digi­ta­len und sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt die Erzäh­lun­gen inein­an­der, fal­len in Glau­bens­grüpp­chen aus­ein­an­der und bau­en sich ihre eige­nen Erzäh­lun­gen. Win­ter­bau­er attes­tiert eine „Glaub­wür­dig­keits­kri­se“ der Mas­sen­me­di­en, die er für rele­van­ter hält als den Medi­en­wan­del und die Auf­la­gen­kri­se der Zei­tun­gen. Der zen­tra­le Bestand­teil die­ser Dia­gno­se aller­dings ist „Glau­ben“ und „Glaub­wür­dig­keit“, weil er an etwas rührt, was Mas­sen­me­di­en als Erzäh­ler immer vor­aus­set­zen, wor­auf sie auf­bau­en müs­sen, ohne es doch selbst her­stel­len zu kön­nen. Das macht die­sen Sach­ver­halt in der hie­si­gen Blog­pos­ting-Rei­he „Dra­ma und Ideo­lo­gie“ inter­es­sant, weil sich Anschluss­fä­hig­keit an die Tri­via­li­tä­ten des Aris­to­te­les, von denen in den letz­ten Pos­tings die­ser Rei­he (hier, hier, hier und hier) die Rede, her­stel­len lässt.

Aris­to­te­les und der poli­ti­sche Gro­schen­ro­man

Die Erzäh­lung ist, im Anschluss an die letz­ten Bei­trä­ge zu Aris­to­te­les hier im Blog, eine Zusam­men­fü­gung von Prak­ti­ken (σύνθεσιν τῶν πραγμάτων), die Aris­to­te­les mit dem miss­ver­ständ­li­chen Wort μῦθος bezeich­net, die von einem Gefü­ge­ma­cher (μυθοποιός) erstellt wird, indem Prak­ti­ken zu einem Zusam­men­hang gefügt wer­den. Die­ses Gefü­ge hat sich dem Kri­te­ri­um des Mög­li­chen und Not­wen­di­gen (τὸ εἰκὸς τὸ ἀναγκαῖον) zu fügen. Ele­men­te wer­den zu einem Zusam­men­hang zusam­men­ge­setzt, neue Ele­men­te müs­sen, damit eine Erzäh­lung wei­ter erzählt wer­den kann, sich in die­ses Gefü­ge ein­fü­gen las­sen.

2010 hat­te Frank Schirr­ma­cher in der FAZ (hier) einen schö­nen Arti­kel, der beschrieb „wie man ein ver­dammt guter Poli­ti­ker wird“ – und dabei behaup­te­te: „Poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit im neu­en Medi­en­zeit­al­ter ist kei­ne mora­li­sche, son­dern eine lite­ra­ri­sche Kate­go­rie.

In kri­ti­scher Absicht, anläss­lich » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Man könn­te nach dem Bis­he­ri­gen zu dem Schluss kom­men, dass Gefü­ge erst dann wahr­nehm­bar wer­den, wenn sie unter­bro­chen wer­den. Wenn also Thea­ter „Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft ist, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt“, dann wäre also Thea­ter jene Unter­bre­chung des Gefü­ges „Gesell­schaft“, das die­ses Gefü­ge über­haupt erst – mög­lich? – macht? Indem es ein Gefü­ge vor­führt, das als Gesell­schaft vor­ge­führt ist und bereits dadurch dass es vor­ge­führt wird, ein Gefü­ge im Gefü­ge ist, das eben durch die­se Ein­fü­gung das umge­ben­de Gefü­ge ver­füg­bar mach­te.

Viel­leicht nur eine Vari­an­te von Fou­caults » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Gefü­ge­ma­che­rei, der μυθοποίησις des Dra­mas, ist die Ver­schach­te­lung unter­schied­li­cher Gefü­ge in Gefü­gen. Ins­be­son­de­re das Fern­se­hen hat hier gewal­ti­ge Neue­run­gen her­bei­ge­führt, indem nicht nur ein unsicht­ba­rer Gefü­ge­ma­cher im Hin­ter­grund das Gefü­ge gefügt haben kann, wie etwa im tra­di­tio­nel­len Begriff des Dra­mas der vier­ten Wand, das als ein Gefü­ge abläuft, son­dern indem etwa ein Gefü­ge­ma­cher als Voice-Over-Erzäh­ler sich unsicht­bar, aber hör­bar über das Gefü­ge legt, die­se Voice-Over-Stim­me aber selbst wie­der ein in das Gesamt­ge­fü­ge (die fil­mi­sche Mon­ta­ge) Gefüg­tes, Hin­zu­ge­füg­tes viel­leicht, das nun­mehr aus schein­bar zwei » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 5

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 5 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn „Dra­ma“ ein Form­be­griff ist, oder Dra­ma Form ist – was ist dann ein Dra­ma­ti­ker? Jemand, der sich mit Gegen­stän­den befasst, die zum Sach­ge­biet „Dra­ma“ gehö­ren oder (was auch immer das wäre, ist zu klä­ren) als „dra­ma­tisch“ qua­li­fi­ziert wer­den kön­nen? So wie ein Vogel­kund­ler sich vor Allem mit Vögeln befasst? Also mit Gegen­stän­den, die der Qua­li­fi­ka­ti­on „Dra­ma“ gehor­chen, wie die­ser mit Gegen­stän­den, die unter den Begriff „Vogel“ fal­len? Was wäre dann die­ser Gegen­stand, der Dra­ma » Wei­ter­le­sen «

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