Künstlerische Forschung im Tanz. Kollektiv.

Juli 31st, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wie kann man künstlerische Forschung präsentieren? from Fundus Theater Hamburg on Vimeo.

Sebastian Matthias, Postproduktionsworkshop, Kampnagel, Mai 2013

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die „kostbare kleine Institution“

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vortrag zum agilen Theater hatte ich als vorläufige Arbeitsdefinition von Theater angegeben, es sei „ein Ort der Gesellschaft in der Gesellschaft, an dem sich in Gesellschaft über Gesellschaft ästhetisch reflektieren lässt.“ Zudem gab es den Verweis auf Dirk Baeckers sehr schöne Formulierung vom Theater als „Labor der praktischen Vernunft“ (in: Wozu Theater?). Bei der Lektüre von Bruno Latours Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft ist mir nun eine Passage untergekommen, die sich zur Präzisierung dieser Formulierungen eignet, wiewohl das Originalzitat dafür eine kleinen Verdrehung hin zu Theater bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbestimmtheit des ANT-Soziologen die Praxis des Verfertigens soziologischer Berichte und argumentiert – verkürzt gesagt – für eine geduldige, kleinteilige, entfakttende, nicht vorschnell ins Erklären abdriftende Form der nahen, fast  schriftstellerischen Verfertigung von „guten“ Texten. Und was er gelegentlich von solchen ANT-soziologischen Texten schreibt, lässt sich nahezu 1:1 auch auf Theater (oder vielleicht zunächst Theatertexte) übertragen. Er schreibt über den textlich Berichtenden:

Er bietet eine künstliche Stätte an (den textlichen Bericht) {oder die Bühne; U.S.}, der für ein bestimmtes Publikum etwa die Frage lösen könnte, zu welcher gemeinsamen Welt man gehört. Versammelt um das ‚Laboratorium‘ des Textes {Bühne; U.S.} fangen Autoren wie auch Leser vielleicht damit an, die beiden Mechanismen sichtbar zu machen, die zum einen für die Pluralität der zu berücksichtigenden Assoziationen verantworlich sind, zum anderen für die Stabilisierung oder Vereinheitlichung der Welt, in der sie leben möchten. Einerseits ist es nur ein Text aus Papierbögen, von einem Tinten- oder Laserstrahl geschwärzt. Andererseits eine kostbare kleine Institution, um das Soziale für alle seine Beteiligten zu repräsentieren, oder genauer, zu re-präsentieren, das heißt, um es ihnen von neuem zu präsentieren, ihm eine Performanz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu verlangen heißt of, weniger zu bekommen. Viele ‚machtvolle Erklärungen‘ mögen sich als weniger überzeugend herausstellen als schwächere. {S. 241f.; Anmerkungen in geschweiften Klammern von mir; U.S.}

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Die diagnostische Paranoia des Psychiaters – Überwachen und diagnostizieren

Juli 22nd, 2014 § Kommentare deaktiviert für Die diagnostische Paranoia des Psychiaters – Überwachen und diagnostizieren § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Eine für die gegenwärtige Überwachungs-Debatte nicht ganz uninteressante Beschreibung zweier para-noider Beobachtungsweisen findet sich bei Anselm Strauss, (Spiegel und Masken, 55f.). Es ist zu tun um die ‚tiefe Interpretation‘, die hinter dem Offensichtlichen einen verborgenen, aber eigentlichen Bedeutungsgehalt vermutet und diesen aufzuklären unternimmt, indem die offensichtlichen Artefakte als Symptome oder Wegweiser zur „tieferen“ Bedeutung genutzt werden. Interessant daran vor allem, dass Strauss (im Anschluss an Schwartz und Stanton) diese als „wissenschaftliche“ durchaus bekannte und akzeptierte Vorgehensweise im psychiatrischen Umfeld betrachtet, genauer in einem Umfeld, das es mit Schizophrenie bzw. schizophrener Para-Noia zu tun hat, damit einem Krankheitsbild, das der ärztlichen Diagnostik nicht unverwandt ist, da es ebenso offensichtliche „Daten“ zu einem ‚tiefer‘ verborgenen Gesamtzusammenhang kombiniert. Der Psychiater beschreibt dieses Krankheitsbild, das er aus den offensichtlichen „Daten“ ableitet, als Wahnvorstellung, ohne dabei vermutlich auf die Idee zu kommen, dass er dieselbe Strategie wie der soeben als wahnhaft diagnostizierte Patient anwendet. Was allerdings gerade dann noch besonders interessant wird, wenn zwei Psychiater aufeinander treffen. Strauss schreibt:

Ist die Bedeutung eines bestimmten Aktes oder einer Reihe von Akten dunkel oder ungewiss – wenn etwa ein Jugendlicher gegenüber einer Mutter ständig sarkastisch ist -, so beginnt der Wissenschaftler, Daten zu sammeln. Diese werden je nach Interesse, Ausbildung und Scharfsicht des einzelnen Forschers » Weiterlesen «

Das Turiner Grab-Toast (Ergänzung zu „Why make toast when you can make art?“)

Juli 19th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Das Turiner Grab-Toast (Ergänzung zu „Why make toast when you can make art?“) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Faszinierend an dieser Maschine, ihrem Artefakte und den Praktiken, die sich darum legen ist eine quasi-religiöse Dimension, die das Toast-Artefakt in die Nähe des Turiner Grabtuchs bringt.

 

Die Praktik verlangt, zunächst sich selbst auf einem photomechanischen Tafelbild abzulichten: Du sollst dir ein Bildnis machen. Nicht von (einem) Gott, sondern von dir. Du sollst dich selbst also mechanisch „verewigen“, allerdings da in einem noch immer physischen, wenn auch der Zeit etwas entrückteren Artefakt, nicht in einer garantiert ewigen Ewigkeit, sondern in einer, die durch Verrottung oder Idolatrie bedroht ist. Nicht ganz Ewiger, nicht mehr ganz Zeitlicher.

Da es sich um ein Selfie handelt, also um ein Selbstporträt, ist dir zugleich die Last und die Freiheit der Selbstabbildung, der Selbstinszenierung und des Selbst-Images gegeben. Du kannst dich frei nach deinem eigenen Bilde schaffen – du musst es aber auch, wenn du den Weg weiter gehen willst. Sich nach seinem eigenen Bilde schaffen. Wiederum unübersehbare Verwandtschaft zur christlichen Schöpfungslehre, nur wo eben Gott einen earthie schuf, bleibt hier ein selfie.

Dieses Bildartefakt wird nun transsubstantiiert (oder trabskribiert?). Es wird in die Feuer- und Hitzemaschine eingeschrieben, um fortan einem jedem ekmageion, jeder hylé, jeder Masse eingeprägt oder eingeschrieben zu werden, die dazu geeignet ist und in die dafür vorgesehene Spalte eingeführt wird. Der Mensch schafft sich den Toast nach seinem Bilde. Das der Zeitlichkeit entrissene Selfie wird einem Gegenstand eingeprägt, der nicht nur wieder der Zeitlichkeit in höherem Maße als ein Tafelbild unterworfen ist, einem Toast, sondern der zugleich noch ein Gegenstand ist, dessen Daseinszweck die Vernichtung, die Verzehrung, das Auffressen ist.

Der Schöpfer stellt ein zeitentrücktes Selfie her, das er einem der Vernichtung in der Zeit gewidmeten Artefakt aufprägt, um es hinterher – nicht immer, aber vermutlich gelegentlich bis oft – selbst aufzuessen. Oder um es Familie, Verwandten, Freunden zu servieren. Die individualisierte Oblate wird beim Morgenmahl, allein oder gemeinsam, auto-eucharistisch verspeist und transsubstantiiert sich dabei in Nährstoffe, das Bild verwandelt sich also wieder in den Ausgangskörper, dessen Abbild es war. Oder es wird zum Bestandteil eines symbolischen Kannibalismus, bei dem der Bildner in der Parousia, also von Anwesenden ins einer Anwesenheit beim Morgenmahl, das damit kein letztes gemeinsames Mahl des Toastbildners und seiner Jünger im Garten Gethsemane ist, sondern nur eines von tendenziell vielen wiederholbaren Morgenmahlen, verzehrt. Der Bildermacher verspeist sein eigenes Bild und gibt sich selbst symbolisch den Anwesenden zum Verzehr hin. Wie bei allen Kannibalismen nicht einfach mehr nur als geformtes Nahrungsmittel, sondern magisch mit einer zusätzlichen Kraft aufgeladen. Er lässt sich bildlich vernichten und zugleich verehren. Selbst wenn er dabei unter Butter und Marmelade verschwindet, was diesen Akt zu einer ironischen Variation des christlichen Abendmahles macht, wo es unüblich ist, die Oblate mit Aufschnitt zu belegen.

Die Kunst: Why make toast when you can make art?

Der im Facebook-Kommentar hinzugesetzte Satz gibt der Vielschichtigkeit der Maschinberie und der zugehörigen Praktiken eine weitere Ebene. Toast und „art“ werden gegenübergestellt, nicht aber in einer harten Gegenübersetzung, einem „anstatt“, wie etwa in der berühmten Formulierung „Make love not war“.- Dass es sich aber nicht um eine Gegenübersetzung dieser Art handelt, erschließt sich erst im Kontext mit der Maschine und ihrer Abbildung. Für sich alleine, ohne das Bild stehend, könnte der Satz auch die Frage stellen: Warum Toast und nicht anstatt dessen lieber Kunst machen? Als handele es sich um eine mögliche Gegenübersetzung von Toast und Kunst, die als eine Alternative ermöglichte, sich entweder für Toast ODER für Kunst zu entscheiden. Darin würde sie sich metaphorisch einer langen Tradition einfügen, die die niederen, weltlichen Not- und Habseligkeiten, die physischen Realien und Lebensmittel, der Kunst, dem Ideal, der Ewigkeit kontrastiert und sich dabei ihrer Verwandtschaft zum religiösen Idealismus und zu Asketismus nicht entziehen kann. Leben oder Kunst wäre diese Alternative.

In der Text-Bild-Kombination aber wird diese Gegenüberstellung aufgehoben, die Gegenüberstellung von Leben und Kunst wird zur Lebenskunst, zur eat art, nicht zur dauernden Bewunderung oder zum Handel auf dem Kunstmarkt gemacht, sondern zu vermutlich sehr schnellen Verspeisen. Ist das Kunst oder ist das nur eine Art Kunst? Das lässt sich nicht entscheiden, wie auch der beigefügte Satz klar macht. Er verspricht kein Kunstwerk an Stelle eines Toastes. Er verspricht auch kein Kunst-Toast, kein Tafelbild im physischen Medium eines Toasts. Er fragt lediglich nach einer Präferenz fürs Machen? Warum Toast zubereiten, wenn man auch (nicht als Gegensatz, sondern zugleich) Kunst machen kann? Das Ergebnis von Kunstmachen muss nicht immer Kunst oder Kunstwerk sein. Würde aus jedem Kunstmachen ein gelingendes Kunstwerk entstehen, gäbe es Kunst vermutlich nicht. Ähnlich wie die Zubereitung eines Toasts nicht unbedingt zu einem (perfekten? genießbaren? bemerkenswerten? servierbaren?) Toast führt, führt auch das Kunstmachen nicht notwendigerweise zu Kunst. In diesem speziellen Falle allerdings bleibt beim missratenen Kunstwerk doch noch immer ein (möglicherweise) verzehrbares Toast dabei übrig.

Noch interessanter allerdings ist die Sinnfrage, die mit dem initialen „why“ anklingt. Warum. Warum. Warum Toast machen, wenn man auch Kunst machen kann? Warum also in den Niederungen der Nahrungsmittelproduktion gefangen bleiben, wenn man doch auch sich zur Freiheit der Kunst aufschwingen kann (und dabei potentiell auch noch den gewünschten Toast bekommt)? Warum nur Toast machen, wenn man doch auch Kunst (und Toast) machen kann. Nicht „man“. YOU. Du.

Damit schließt der Zirkel zurück zur ursprünglich religiösen Dimension des Bildes. Wer fragt hier? Es steht auf mashable. Aber ist mashable der Fragende? Eine verzweifelte Seele, die „WHY?“ ruft bevor sie sich der Aufgabe einer Toast-Herstellung zuwendet? Oder eine göttliche Instanz, die den Homo creatus, den Toast-gleichen, fragt, warum er Toast bleiben will, anstatt sich aufzuschwingen zum Homo creator und Kunst zu machen. Sich die Erdscheibe Toast untertan zu machen. Und zwar nicht als ein dem Homo Creatus entgegen gesetzter Homo Creator, sondern als Homo creator creatus. Natura naturata naturans. Autopoiet. Prometheus:

Hier sitz‘ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

An diesem Toaster sitzt der sich vom Toastbrot zum Kunsttoast abwendende Homo creator creatus, der aber nicht gegen einen oder „den“ anderen Schöpfer antritt. Sondern nur sich ungefähr neben oder knapp unter ihn stellt. Der sich selbst nach dem eigenen Bilde schafft, sich selbst nicht ganz künstlerisch vereweigt, der sich selbst symbolisch aufisst oder zum Verspeisen symbolisch anbietet. Der nicht allein Künstler ist, sondern sich der Maschinen-Prothese bedient, wie er zumindest bisher noch Licht nicht durch „Es werde Licht“ anzündet, sondern durch den Schalter der Lichtmaschine. Der Toaster-Künstler hat sich damit abgefunden, dass er der andere Gott nicht wird, dass es keine Kirche mit seinem Kruzifix bzw. Selfix geben wird. Dass es für ihn keine Ewigkeit, sonder nur unterschiedlich schnelle Wege der Vergängnis geben wird. Das aber schert den Toasterkünstlergott nicht. Sondern er bestreicht die selbstproduzierte Hostie fröhlich mit Marmelade, verspachtelt sie im Kreis der anwesenden Lieben und beginnt dann den Tag, der bei diesem anderen Gott mit dem Abendmahl zur Neige ging.

Eigentlich ganz schön. Und für 75$ durchaus ok. Bei der Abnahme von mehreren gibts sogar Rabatt. Ich bestell mal einen. Glaube ich.

 

Why make toast when you can make art?

Juli 19th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Why make toast when you can make art? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Sage niemand, auf Facebook würden nicht die wirklich fundamentalen Fragen adressiert. Vor dem Reichtum an bedenkenswerten Assoziationen und reflexionswürdigen Spannungen in dieser Text-Bild-Kombination bleibt mir nur mediatative Stille. Es ist ein Meisterwerk.

Selfie_toast

Von Mashable.

Ein Theater, das sich selbst umbaut: Joshua Prince-Ramus über das Wyly-Theater in Dallas

Juli 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Theaterbauten sind und waren immer Bauwerke mit einem hohen Technisierungsgrad: von Anbeginn an, als das theatron nicht nur ein technisches Meisterwerk der Akustik war, sondern zudem mit mechané und ekkyklema ausgestattet wurde, über die Technik der Renaissancemalerei, die barocke Lichttechnik, Drehbühne, verschiebbare Seiten- und Hinterbühnen, Schnürböden mit komplexen Zug-Steuerungen, bis hin zur modernen Licht-, Ton und Filmtechnik. Theater waren Kunsträume der Handwerkskunst und Technologie ebensosehr wie Räume menschlicher Darstellungskunst, die selbst immer wieder zur Schauspiel-Technik zu verwandeln versucht wurde.

In diesem Zusammenhang ist das folgende Video durchaus spannend, in dem der Architekt Joshua Prince-Ramus sein Konzept und die Realisierung » Weiterlesen «

Video: Dustin Lance Black im Schreibprozess

Juli 9th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Video: Dustin Lance Black im Schreibprozess § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das folgende Video (via: nofilmschool) ist aus mehreren Gründen interessant anzusehen. Es zeigt den Oscar-prämierten Drehbuchautor Dustin Lance Black (u.a. „Milk“ und „J.Edgar“) bei der Arbeit und lässt ihn über diesen Schreib-Prozess berichten, der, was für einen fiktionalen Schreiber nicht unbedingt zu erwarten wäre, in einem ersten, monatelangen Zeitraum vor allem in Recherchen besteht, die zu großen Mengen von Karteikarten und Zettelkästen führen, die (mich jedenfalls) an Luhmanns Zettelkästen erinnern. Und zugleich an die Karteikarten in den Writers-Rooms (und in meinem eigenen Arbeitszimmer), über die ich letztens hier im Blog und auf nachtkritik.de schrieb, um sie als Inspiration auch für den (sei es kollaborativen oder einsamen) Schreibprozess fürs Theater zu empfehlen.

Abgesehen davon, dass dieses Video sehr schön gemacht ist und man (oder: ich) Dustin Lance Blacks spannenden, zugleich bescheidenen und enorm sympathischen Ausführungen gerne zuhört, scheint mir diese Arbeitsweise (mit einem schönen Wort von Ivan Nagel gesagt) extrem „heutig“: die Recherche bekommt auch (oder vielleicht: gerade) im Bereich der Fiktion einen extrem hohen Stellenwert und einen großen Zeitraum eingeräumt, der Drehbuchschreiber wird „Experte des Alltags“, bevor oder während er sich daran macht, eine eigene Geschichte zu bauen (wobei ich nicht glaube, dass diese Arbeitsweise nur bei Biopics Sinn macht). Und diese Geschichte wird eben tatsächlich sehr konkret gebaut, mit Karten, die wie Bausteine funktionieren, die sich umsortieren, elidieren, ergänzen lassen – bevor dann der „eigentliche“ Schreibprozess an einem Skript startet.

Mich begeistert dieses Video. So arbeiten! Allein oder kollaborativ.

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