Das Postdrama

Januar 22nd, 2016 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Immer wieder verwundern sich Gesprächspartner über den Namen dieser Seite. Fragen, ob das denn auf das „postdramatische Theater“ anspiele und das doch seltsam sei, weil postdramatisches Theater doch epochal nach (also zeitlich dahinter) isoliert geschriebenen und komplett und geschlossen aufgeführten Dramen situiert sei. Es also doch seltsam sei, dass jemand, der solche isoliert geschriebenen zusammenhängenden Texte (manchen nennen diese Texte gar „Dramen“) produziere, sich an diese gegenwärtige Theaterkonzeption anschließe. Da das ja doch gerade das Gegenteil sei und sich im Übrigen postdramatische Theatermacher für alles möglich interessieren – aber sicher nicht für isoliert geschriebene zusammenhängende „geschlossene“ Texte, die ja doch „Werke“ von „Autoren“ und damit eben das Gegenteil von usw. Und ob ich denn wohl „Werke“ … und „Autor“ … wo ich doch geschrieben habe, dass …

Das ist verständlich. Der Name dieser Webseite aber nimmt nicht Bezug auf postdramatisches Theater sondern auf das Postdrama. Anfangs war die Überlegung, den Begriff „posttheatrales Drama“ einzusetzen. Das war zu lang. Und blöd. Und so wurde es das Postdrama. Das ist kürzer. An dieser Stelle mögen wortwitzgeneigte Leser sämtliche Späße mit dem „Post“-Begriff durchkichern. Das Postdrama ist der Text, der nach dem Drama kommt, das es zugleich noch ist und nicht mehr ist. „Die alte Form des Dramas ermöglicht es nicht, die Welt so darzustellen, wie wir sie heute sehen.“ (Brecht) Das ist ein Schritt.

Man könnte verlangen, das für das Postdrama ein Manifest geschrieben werde. Ich mag keine Manifeste. Deswegen hier also » Weiterlesen «

„Theater der digitalen Gesellschaft“ – Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014

November 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für „Theater der digitalen Gesellschaft“ – Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich habe vergessen, den Text online zu stellen. Das gilt es, jetzt nachzuholen für alle, die nachlesen möchten. Der erste Teil des Textes ist eine kürzere, leicht überarbeitete Version des Mannheimer und Dortmunder Vortrages. Im letzten Teil dann mehr zum Freien und Stadttheater.
Hier ist der Vortrag als PDF.

Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Man könnte nach dem Bisherigen zu dem Schluss kommen, dass Gefüge erst dann wahrnehmbar werden, wenn sie unterbrochen werden. Wenn also Theater „Ort der Gesellschaft in der Gesellschaft ist, an dem sich in Gesellschaft über Gesellschaft ästhetisch reflektieren lässt“, dann wäre also Theater jene Unterbrechung des Gefüges „Gesellschaft“, das dieses Gefüge überhaupt erst – möglich? – macht? Indem es ein Gefüge vorführt, das als Gesellschaft vorgeführt ist und bereits dadurch dass es vorgeführt wird, ein Gefüge im Gefüge ist, das eben durch diese Einfügung das umgebende Gefüge verfügbar machte.

Vielleicht nur eine Variante von Foucaults » Weiterlesen «

Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Interessant an der Gefügemacherei, der μυθοποίησις des Dramas, ist die Verschachtelung unterschiedlicher Gefüge in Gefügen. Insbesondere das Fernsehen hat hier gewaltige Neuerungen herbeigeführt, indem nicht nur ein unsichtbarer Gefügemacher im Hintergrund das Gefüge gefügt haben kann, wie etwa im traditionellen Begriff des Dramas der vierten Wand, das als ein Gefüge abläuft, sondern indem etwa ein Gefügemacher als Voice-Over-Erzähler sich unsichtbar, aber hörbar über das Gefüge legt, diese Voice-Over-Stimme aber selbst wieder ein in das Gesamtgefüge (die filmische Montage) Gefügtes, Hinzugefügtes vielleicht, das nunmehr aus scheinbar zwei » Weiterlesen «

Drama und Ideologie 5

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 5 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn „Drama“ ein Formbegriff ist, oder Drama Form ist – was ist dann ein Dramatiker? Jemand, der sich mit Gegenständen befasst, die zum Sachgebiet „Drama“ gehören oder (was auch immer das wäre, ist zu klären) als „dramatisch“ qualifiziert werden können? So wie ein Vogelkundler sich vor Allem mit Vögeln befasst? Also mit Gegenständen, die der Qualifikation „Drama“ gehorchen, wie dieser mit Gegenständen, die unter den Begriff „Vogel“ fallen? Was wäre dann dieser Gegenstand, der Drama » Weiterlesen «

Drama und Ideologie 4

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 4 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn es so wäre, dass die unter dem Namen von Aristotles in „περὶ ποιητικῆς“ zusammenschriebenen, synthetisierten Trivialitäten zutreffend sind – was wäre dann der Dramatiker anderes als ein Synthesizer? Ein solcher, der allerdings nicht etwa Vorhandens synthetisiert, sondern das Synthetisierte in der Synthese erzeugt. Das unterscheidet den Verfertiger » Weiterlesen «

Drama und Ideologie 3

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 3 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist höchst bedauerlich: aber es scheint tatsächlich, als wäre seit Aristoteles nichts Bemerkenswertes mehr über Drama geschrieben worden. Dass es scheint, als ließe sich nichts Bemerkenswertes hinzufügen, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass in diesem Büchlein unter dem Namen des Aristoteles ein Haufen von Platituden und Trivialitäten versammelt und formuliert, aufgezeichnet wurde. Trotzdem macht es noch immer Sinn, sich mit diesen Trivialitäten zu beschäftigen

Das kleine Büchlein, in dem sich das Bemerkenswerte findet, trägt den Titel „περὶ ποιητικῆς“. Man übersetzt gerne „Von der Dichtkunst“. Oder ähnlich. Vielleicht ist es hilfreicher, etwas näher an der Titelvokabel zu bleiben, beim „ποιεῖν“ und zu übersetzen „Von der Verfertigung“ oder „Vom Machen“. Es geht in diesem Fragment ums Machen. Aristoteles setzt sich mit Gemachtem, Verfertigtem auseinander. Mit einem speziellen Verfertigten, unter anderem der τραγῳδία, die er dezidiert in ihrer Verfertigtheit in den Blick nimmt. In die θεωρία, die Betrachtung, Beobachtung. Er konzentriert sich » Weiterlesen «

Drama und Ideologie 2

August 17th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 2 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In seinem vielgenutzen Buch „Das Drama“ scheint Manfred Pfister dazu auszugehen, dass es etwas gibt, dass es Artefakte gibt, die als Drama bezeichnet werden können. Und die unterscheidbar sind von anderen Artefakten (sei es sprachlich-schriftlicher Natur oder welcher sonst auch immer), die kein Drama sind. Ohne diese beiden Kriterien wäre die Rede von und das Buch über Drama sinnlos bzw. überflüssig. Es gibt also zumindest ein Drama, ein Artefakt, das als Drama bezeichnet und abgegrenzt werden kann. Wenn ich Pfister richtig verstehe, geht er sogar davon aus, dass es mehrere Artefakte gibt, die Drama sind, die sich zwar stark voneinander unterscheiden, dabei aber doch etwas Gemeinsames haben, das sie als Drama qualifiziert im Unterschied zu vielen anderen Dingen, die nicht als Drama qualifizierbar sind. Und er scheint zudem vorauszusetzen, dass die Beschreibung bestimmter Artefakte als Drama von einem Leser geteilt und als geteilte von ihm vorausgesetzt werden können. Es ist kein Vorschlag, Artefakte als Drama zu betrachten oder zu beschreiben, sondern es ist der Versuch, einer ‚allgemeinen und systematischen » Weiterlesen «

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die „kostbare kleine Institution“

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vortrag zum agilen Theater hatte ich als vorläufige Arbeitsdefinition von Theater angegeben, es sei „ein Ort der Gesellschaft in der Gesellschaft, an dem sich in Gesellschaft über Gesellschaft ästhetisch reflektieren lässt.“ Zudem gab es den Verweis auf Dirk Baeckers sehr schöne Formulierung vom Theater als „Labor der praktischen Vernunft“ (in: Wozu Theater?). Bei der Lektüre von Bruno Latours Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft ist mir nun eine Passage untergekommen, die sich zur Präzisierung dieser Formulierungen eignet, wiewohl das Originalzitat dafür eine kleinen Verdrehung hin zu Theater bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbestimmtheit des ANT-Soziologen die Praxis des Verfertigens soziologischer Berichte und argumentiert – verkürzt gesagt – für eine geduldige, kleinteilige, entfakttende, nicht vorschnell ins Erklären abdriftende Form der nahen, fast  schriftstellerischen Verfertigung von „guten“ Texten. Und was er gelegentlich von solchen ANT-soziologischen Texten schreibt, lässt sich nahezu 1:1 auch auf Theater (oder vielleicht zunächst Theatertexte) übertragen. Er schreibt über den textlich Berichtenden:

Er bietet eine künstliche Stätte an (den textlichen Bericht) {oder die Bühne; U.S.}, der für ein bestimmtes Publikum etwa die Frage lösen könnte, zu welcher gemeinsamen Welt man gehört. Versammelt um das ‚Laboratorium‘ des Textes {Bühne; U.S.} fangen Autoren wie auch Leser vielleicht damit an, die beiden Mechanismen sichtbar zu machen, die zum einen für die Pluralität der zu berücksichtigenden Assoziationen verantworlich sind, zum anderen für die Stabilisierung oder Vereinheitlichung der Welt, in der sie leben möchten. Einerseits ist es nur ein Text aus Papierbögen, von einem Tinten- oder Laserstrahl geschwärzt. Andererseits eine kostbare kleine Institution, um das Soziale für alle seine Beteiligten zu repräsentieren, oder genauer, zu re-präsentieren, das heißt, um es ihnen von neuem zu präsentieren, ihm eine Performanz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu verlangen heißt of, weniger zu bekommen. Viele ‚machtvolle Erklärungen‘ mögen sich als weniger überzeugend herausstellen als schwächere. {S. 241f.; Anmerkungen in geschweiften Klammern von mir; U.S.}

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Die Darstellung der Welt als eine Veränderbare – Brecht revisted

April 22nd, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn also Massenmedien die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, so konstruieren und darstellen, dass unser Wissen über diese Geselslchaft mehr oder minder aus den Massenmedien stammt (Luhmann) – was bleibt dann einer darstellenden Kunst noch zu konstruieren? Sich ein Bild von der Welt zu machen, kann es kaum sein. Denn gegen das massenmediale Bild von Fernsehen und Zeitungen kann es nicht ankommen, dafür ist Theater zu langsam, ihm fehlen die personellen und finanziellen Mittel. Und das Publikum ist viel zu klein. In diesem Zusammenhang bin ich über einen kleinen Brecht-Text von 1955 gestolpert, der sich dem Problem der Darstellbarkeit der Welt widmet und dazu Stellung bezieht. Was Brecht im Angesicht der atomaren Bedrohung schreibt, lässt sich eventuell auch über die Welt im Angesicht der monetären Bedrohung noch einmal sagen. Ich zitiere ihn in ganzer Länge unkommentiert. Die Fettungen sind allerdings von mir.

Brecht – Über die Darstellbarkeit der Welt auf dem Theater

Mit Interesse höre ich, daß Friedrich Dürrenmatt in einem Gespräch über das Theater die Frage gestellt hat, ob die heutige Welt durch Theater überhaupt noch wiedergegeben werden kann.

Diese Frage, scheint mir, muß zugelassen werden, sobald sie einmal gestellt ist. Die Zeit ist vorüber, wo die Wiedergabe der Welt durch das Theater lediglich erlebbar sein mußte. Um ein Erlebnis zu werden, muß sie stimmen.

Es gibt viele Leute, die konstatieren, daß das Erlebnis im Theater schwächer wird, aber es gibt nicht so viele, die eine Wiedergabe der heutigen Welt als zunehmend schwierig erkennen. Es war diese Erkenntnis, die einige von uns Stückeschreibern und Spielleitern veranlaßt hat, auf die Suche nach neuen Kunstmitteln zu gehen.

Ich selbst habe, wie Ihnen als Leuten vom Bau bekannt ist, nicht wenige Versuche unternommen, die heutige Welt, das heutige Zusammenleben der Menschen, in das Blickfeld des Theaters zu bekommen.

Dies schreibend, sitze ich nur wenige hundert Meter von einem großen, mit guten Schauspielern und aller nötigen Maschinerie ausgestatteten Theater, an dem ich mit zahlreichen, meist jungen Mitarbeitern manches ausprobieren kann, auf den Tischen, um mich Modellbücher mit Tausenden von Fotos unserer Aufführungen und vielen mehr, oder minder genauen Beschreibungen der verschiedenartigsten Probleme und ihrer vorläufigen Lösungen. Ich habe also alle Möglichkeiten, aber ich kann nicht sagen. daß die Dramaturgien, die ich aus bestimmten Gründen nichtaristotelische nenne, und die dazugehörende epische Spielweise die Lösung darstellen. Jedoch ist eines klargeworden: Die heutige Welt ist den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine » Weiterlesen «

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