Drama und Ideologie 5

August 30th, 2014 Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 5 Autor: Ulf Schmidt

Wenn „Drama“ ein Formbegriff ist, oder Drama Form ist – was ist dann ein Dramatiker? Jemand, der sich mit Gegenständen befasst, die zum Sachgebiet „Drama“ gehören oder (was auch immer das wäre, ist zu klären) als „dramatisch“ qualifiziert werden können? So wie ein Vogelkundler sich vor Allem mit Vögeln befasst? Also mit Gegenständen, die der Qualifikation „Drama“ gehorchen, wie dieser mit Gegenständen, die unter den Begriff „Vogel“ fallen? Was wäre dann dieser Gegenstand, der Drama ist?

Oder ist es jemand, der die Form „Drama“ verleiht, so wie ein Theoretiker die Form „Theorie“ verleiht, egal auf welche Gegenstände er sich gerade richtet? Ein Poietiker, der allem, mit dem er sich befasst, die Form „Drama“ gibt – ohne dass damit bereits anderes gesagt wäre, als dass er eben eine bestimmte Form gibt.

Aus den Trivialitäten des Aristoteles wäre mitnehmbar, dass der Poietes ein Macher ist und das das Spezielle, das er macht, ein μῦθος , also ein efüge ist. Der Dramatiker als μυθοποιός ist ein Gefügemacher, der zuvor offenbar Unverbundenes in ein Gefüge zusammenfügt: σύν-θεσις. Das kann man Drama nennen, insofern Praktiken zusammengefügt werden, dem Aristoteles folgend der drama von dran abzuleiten versucht, einem angeblichen Tun. Gefüge von zuvor also nicht gefügten Praktiken. Solche Zusammenhänge von Praktiken können auch anders benannt werden, zum Beispiel Gesellschaft oder Welt, wenn diese Praktiken insbesondere nicht „Handlungen“ in einem bereits abgeleiteten Sinne sind, die einen Handelnden, der bereits konzipiert ist, einbeziehen, sondern auf einer unbestimmteren Ebene bleiben, die jede Form von Praktiken einbeziehen, die beispielsweise, sofern sie sich in ihrer Praktik auf etwas beziehen, das diese Praktik entgegennimmt, also beispielsweise einen, dessen Praktik das Hören oder Wahrnehmen dessen ist, was ein anderer, der noch kein Handelnder sondern zunächst einfach Praktiker ist, praktizierend hervorbringt. Was Kommunikation genannt werden könnte, ohne aber einen Handelnden oder gar zwei Handelnde etwa im neuzeitlichen Sinne von Subjekten vorauszusetzen. Praktiken Austauschende.

Welt und Gesellschaft wären solche Gefüge aus Praktiken, die mehr als eine/n Praktiker involvieren. Greift man nun wahllos auf irgendein anderes Büchlein, könnte das beispielsweise Luhmanns Massenmedien-Buch sein, das mit dem Berühmten Satz beginnt:

„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“

Wenn nun „Welt“ und „Gesellschaft“ als Gefüge verstanden werden, die von einem Gefügemacher gefügt wurden, dann scheint hier entweder das Massenmedium oder ein Gefügemacher mittels Massenmedium mit dem Fügen beschäftigt zu sein. Die Welt und die Gesellschaft sind Gefüge, die nur dadurch als Gefügte begegnen können, weil sie in oder durch Massenmedien gefügt wurden für etwas, das dann als Masse des Mediums oder vor dem Medium beschrieben werden kann. Und es bleibt das Rätsel, warum eine bestimmte Fügungsweise als Gefüge akzeptabel ist, eine andere nicht.

Es kann, was gefügt wird, immer auch anders gefügt werden. Darauf wies Aristoteles hin, als er schrieb, dass es besser oder schlechter gemacht Gefüge gibt. Es mag also Gefüge geben, die als „Welt“ oder „Gesellschaft“ akzeptabel sind, andere nicht. Es mag vor allem aber auch verschiedene Gefüge geben, die jeweils als „Welt“ akzeptabel erscheinen, trotzdem aber unterschiedliche Gefüge sind. Das als Welt (oder Gesellschaft) vorgestellte Gefüge ist also – insofern es als wirkliches Gefüge ein mögliches Gefüge sein muss – immer ein mögliches Gefüge. Andererseits sind vermutlich noch nicht alle möglichen Gefüge von „Welt“ oder „Gesellschaft“ bereits wirkliche Gefüge geworden. Spätestens hier kommt die in der Überschrift dieser Posting-Serie abgegebene „Ideologie“ ins Spiel, da zumindest als Hypothese unter-stellt werden kann, dass zumindest einige dieser als „Welt“ oder „Gesellschaft“ zusammengefügten Gefüge mit einem Unter-Grund versehen sind, die als Idee oder Ideologie benannt werden könnte. Es geht dann bei der Gefügemacherei nicht darum, die „Welt“ oder „Gesellschaft“ darzustellen als die Beste aller möglichen Welten oder Gesellschaften (oder sie daraufhin zu kritisieren, dass sie es nicht sind im Namen eines anderen denkbaren Gefüges, das sich aber nach unter-stellbaren oder explizit geäußerten Überzeugung des Gefügemachers nicht aus dem Vorliegenden fügen lässt). Sondern es geht vielleicht eher darum, die Möglichste unter den wirklichen Welten als Welt (bzw. Gesellschaften als Gesellschaft) zusammenzufügen. Oder die Wirklichste unter den Möglichen? Die Gefügigste unter den möglichen Gefügen? Es bleibt jedenfalls ein Rätsel, wie „Welt“ und „Gesellschaft“ (erstere ja von Kant als transzendentale Fiktion bzw. Ideen bereits Problematisierte, letztere von Luhmann in einer ähnlichen Figur eingebracht) gefügt werden, warum bestimmte Gefüge akzeptabel erscheinen, warum solche Gefüge überhaupt von Interesse sind – und warum „Welt“ und „Gesellschaft“ nicht mit dem aristotelischen Begriff des μῦθος in ihrer σύν-θεσις gründlicher untersucht werden. Ob die Synthesis als eine Vorfindliche von einem – zum Beispiel: göttlichen – Syntheten als δημιουργός stammt, aus der Beobachtung eines θεωρός, von einem δραματουργός, ist eine dem nachgeordnete Frage, die irgendwo zwischen Realismus, Nominalismus, Konstruktivismus und Dramatologie landet.

To be continued. Maybe.

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