Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream

Dezember 11th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern Abend wur­de in der Boell-Stif­tung über die Fra­ge: “Schau­spiel im Live­stream — Fluch oder Segen” dis­ku­tiert. Dafür hat­te ich mir im Vor­feld ein paar Gedan­ken gemacht, mit denen ich mein Podi­ums-State­ment bestrei­ten woll­te. Nach dem gran­dio­sen Stream aus dem Schau­spiel Dort­mund mit Kay Voges’ Insze­nie­rung von Sarah Kanes “4.4. Psy­cho­se” hab ich dann ent­schie­den, nur rela­tiv knapp eini­ge weni­ge Über­le­gun­gen dar­aus anzu­brin­gen. Die gan­ze Sache des­we­gen jetzt hier:

Reak­tio­nen auf die Fra­ge: “Thea­ter-Strea­ming- Ja oder Nein?” oder: “I can haz live­stream?”

Die ers­te Reak­ti­on: Ja klar, sofort. Die Tech­nik ist da, es ist eine groß­ar­ti­ge Chan­ce zur Öff­nung von Thea­tern in den digi­ta­len Raum, die Mög­lich­keit die Teil­ha­be zu erwei­tern, Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht im Thea­ter­raum anwe­send sein kön­nen oder wol­len Zugang zu ver­schaf­fen – immer­hin ist die Access-The­ma­tik einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le der uto­pi­schen Erzäh­lung vom Inter­net. Abwe­sen­de Zuschau­er bekom­men Zugang, kön­nen in unter­schied­li­chen Orten halb-anwe­send sein, Thea­ter­ma­cher kön­nen sich von ande­ren Thea­ter­ma­chern inspi­rie­ren las­sen. Klingt toll.

Die zwei­te Reak­ti­on: Wenn ihr es macht, macht es ver­nünf­tig. Die ner­vi­gen “Kame­rahei­nis” drei Tage vor der Pre­mie­re ein paar Minu­ten rein- und ihr Equip­ment auf­bau­en las­sen, dann die Sache irgend­wie ins Netz brin­gen, ist ein » Wei­ter­le­sen «

“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014

November 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für “Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich habe ver­ges­sen, den Text online zu stel­len. Das gilt es, jetzt nach­zu­ho­len für alle, die nach­le­sen möch­ten. Der ers­te Teil des Tex­tes ist eine kür­ze­re, leicht über­ar­bei­te­te Ver­si­on des Mann­hei­mer und Dort­mun­der Vor­tra­ges. Im letz­ten Teil dann mehr zum Frei­en und Stadt­thea­ter.
Hier ist der Vor­trag als PDF.

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die “kostbare kleine Institution”

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vor­trag zum agi­len Thea­ter hat­te ich als vor­läu­fi­ge Arbeits­de­fi­ni­ti­on von Thea­ter ange­ge­ben, es sei “ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt.” Zudem gab es den Ver­weis auf Dirk Baeckers sehr schö­ne For­mu­lie­rung vom Thea­ter als “Labor der prak­ti­schen Ver­nunft” (in: Wozu Thea­ter?). Bei der Lek­tü­re von Bru­no Latours Eine neue Sozio­lo­gie für eine neue Gesell­schaft ist mir nun eine Pas­sa­ge unter­ge­kom­men, die sich zur Prä­zi­sie­rung die­ser For­mu­lie­run­gen eig­net, wie­wohl das Ori­gi­nal­zi­tat dafür eine klei­nen Ver­dre­hung hin zu Thea­ter bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbe­stimmt­heit des ANT-Sozio­lo­gen die Pra­xis des Ver­fer­ti­gens sozio­lo­gi­scher Berich­te und argu­men­tiert — ver­kürzt gesagt — für eine gedul­di­ge, klein­tei­li­ge, ent­fakt­ten­de, nicht vor­schnell ins Erklä­ren abdrif­ten­de Form der nahen, fast  schrift­stel­le­ri­schen Ver­fer­ti­gung von “guten” Tex­ten. Und was er gele­gent­lich von sol­chen ANT-sozio­lo­gi­schen Tex­ten schreibt, lässt sich nahe­zu 1:1 auch auf Thea­ter (oder viel­leicht zunächst Thea­ter­tex­te) über­tra­gen. Er schreibt über den text­lich Berich­ten­den:

Er bie­tet eine künst­li­che Stät­te an (den text­li­chen Bericht) {oder die Büh­ne; U.S.}, der für ein bestimm­tes Publi­kum etwa die Fra­ge lösen könn­te, zu wel­cher gemein­sa­men Welt man gehört. Ver­sam­melt um das ‘Labo­ra­to­ri­um’ des Tex­tes {Büh­ne; U.S.} fan­gen Auto­ren wie auch Leser viel­leicht damit an, die bei­den Mecha­nis­men sicht­bar zu machen, die zum einen für die Plu­ra­li­tät der zu berück­sich­ti­gen­den Asso­zia­tio­nen ver­ant­wor­lich sind, zum ande­ren für die Sta­bi­li­sie­rung oder Ver­ein­heit­li­chung der Welt, in der sie leben möch­ten. Einer­seits ist es nur ein Text aus Papier­bö­gen, von einem Tin­ten- oder Laser­strahl geschwärzt. Ande­rer­seits eine kost­ba­re klei­ne Insti­tu­ti­on, um das Sozia­le für alle sei­ne Betei­lig­ten zu reprä­sen­tie­ren, oder genau­er, zu re-prä­sen­tie­ren, das heißt, um es ihnen von neu­em zu prä­sen­tie­ren, ihm eine Per­form­anz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu ver­lan­gen heißt of, weni­ger zu bekom­men. Vie­le ‘macht­vol­le Erklä­run­gen’ mögen sich als weni­ger über­zeu­gend her­aus­stel­len als schwä­che­re. {S. 241f.; Anmer­kun­gen in geschweif­ten Klam­mern von mir; U.S.}

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“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag beim NRW Theatertreffen 2014

Juni 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Fol­gen­den ist der Vor­trag als PDF zu fin­den und her­un­ter­zu­la­den, den ich bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des NRW Thea­ter­tref­fens 2014 in Dort­mund die Ehre und das Ver­gnü­gen hat­te zu hal­ten. Zusätz­lich stel­le ich hier noch ein­mal den län­ge­ren Vor­trag “Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter” (gehal­ten auf der Jah­res­ta­gung der Dra­ma­tur­gi­schen Gesell­schaft 2014 in Mann­heim) zur Ver­fü­gung. Außer­dem die von mir aus den Sta­tis­ti­ken des Deut­schen Büh­nen­ver­eins für die Thea­ter in Nord­rhein-West­fa­len zusam­men­ge­stell­ten Zah­len in einer Excel-Datei zum Down­load.

»Der Dort­mun­der Vor­trag kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den.Die Prä­sen­ta­ti­ons-Bil­der sind eben­falls in die­sem PDF zu fin­den.

»Die Excel-Datei mit den Büh­nen­ver­eins-Zah­len für Nord­rhein-West­fa­len kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den. Ich hof­fe, die Beschrif­tun­gen sind eini­ger­ma­ßen ver­ständ­lich. Soll­ten in die­ser Datei trotz aller Sorg­falt Über­tra­gungs­feh­ler vor­kom­men, bit­te ich dafür um Ent­schud­li­gung und um Hin­weis, damit ich kor­ri­gie­ren kann.

»Wer den län­ge­ren Vor­trag aus Mann­heim mit den Aus­füh­run­gen über die agi­le Orga­ni­sa­ti­on her­un­ter­la­den möch­te, wird hier fün­dig.

»Und dies sind die Mann­hei­mer Prä­sen­ta­ti­ons-Sli­des:

 

»Außer­dem ist der Mann­hei­mer Vor­trag auch in einer leicht geän­der­ten Form auf nachtkritik.de zu fin­den: Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter.

Konferenz “Theater und Netz” startet jetzt — mit Livestream #theaterundnetz

Mai 8th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Konferenz “Theater und Netz” startet jetzt — mit Livestream #theaterundnetz § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach fast einem Drei­vier­tel­jahr der Vor­ar­beit mit  Esther Sle­vogt und Chris­ti­an Rakow von nachtkritik.de, Chris­ti­an Roemer und sei­nem Team von der Boell-Stif­tung und Mile­na Mus­hak von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung ist es jetzt so weit: Die Kon­fe­renz Thea­ter und Netz star­tet. Und ist im Live-Stream auf nacht­kri­tik.de zu sehen.

Heu­te Abend suchen Claus Pey­mann und Mari­na Weis­band nach Gemein­sam­kei­ten und Berüh­rungs­punk­ten zwi­schen Thea­ter- und Netz­kul­tur. Und mor­gen wer­den in sechs Panels Gesprä­che über Netz­ge­sell­schaft, par­ti­zi­pa­ti­ve und inter­ak­ti­ve Thea­ter­for­men, über Thea­ter im Netz, Kri­tik im Netz und die Kri­ti­ker in der Crowd geführt. Ich freue mich dar­auf, die bei­den letzt­ge­nann­ten Panels zu mode­rie­ren. Zusätz­lich wer­den in Pra­xis-Work­shops (kom­plett aus­ge­bucht) Grund­la­gen-Tech­ni­ken und -Wis­sen über Soci­al Media Plat­for­men und das Com­mu­ni­ty-Manage­ment ver­mit­telt. Das gesam­te Pro­gramm, eine Über­sicht über die Panel­teil­neh­mer und Mode­ra­to­ren gibts auf der Kon­fe­renz-Web­sei­te.

Und man soll­te es kaum glau­ben: Auch bei Kon­fe­ren­zen kann man Lam­pen­fie­ber haben.

Nachtrag zur Thalia-Spielplanwahl: Interview Joachim Lux

April 13th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Nachtrag zur Thalia-Spielplanwahl: Interview Joachim Lux § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In einem ges­tern vom Deutsch­land­ra­dio Kul­tur gesen­de­ten Inter­view nimmt der Tha­lia-Inten­dant Joa­chim Lux noch ein­mal Stel­lung zu der Spiel­plan­wahl, mit der vor andert­halb Jah­ren die Spiel­zeit 12/13 teil­wei­se durch das Publi­kum gestal­tet wer­den soll­te. Die Beru­hi­gung aller Gemü­ter durch die ver­stri­che­ne Zeit tut der Sache offen­bar gut. In dem Inter­view sind durch­aus eini­ge anre­gen­de Gedan­ken zu fin­den. (Inter­view hier als Text hier als Audio)

“Kunst und Demo­kra­tie pas­sen ein­fach nicht zusam­men.”

Das ist eine enorm stei­le The­se, die Lux mit der Auto­no­mie des Künst­ler­sub­jekts begrün­det, das tue, was es selbst wol­le, wäh­rend Demo­kra­tie dar­in bestün­de, das man tue, was ande­re woll­ten. Das klingt ein­leuch­tend — und fin­det sich ja auch bestä­tigt in der For­schungs­ar­beit von Dani­el Ris, der her­aus­fand, dass sich die Thea­ter­in­sti­tu­tio­nen zwar in der Demo­kra­tie befin­den und zur Demo­kra­tie ver­hal­ten, in ihrer inter­nen Orga­ni­sa­ti­on aber dazu ten­die­ren, nicht nur weit­ge­hend auf demo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung zu ver­zich­ten, son­dern auch öko­no­mi­sche Hand­lungs­mus­ter an den Tag legen, die in glei­cher Wei­se in der frei­en Wirt­schaft rea­li­siert auf brei­te Ableh­nung sto­ßen wür­den. Dar­über hat­te ich » Wei­ter­le­sen «

Die Finanzmärkte sind die eigentliche Piratenpartei #MediaDivina

April 9th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Die Finanzmärkte sind die eigentliche Piratenpartei #MediaDivina § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Pos­ting zur Funk­ti­on des Wet­ter­be­richts für das Fern­se­hen hat­te ich damit geschlos­sen, dass das Bör­sen­ge­sche­hen inzwi­schen funk­tio­nal die Posi­ti­on des Wet­ter­be­richts über­nimmt. Denkt man das kon­se­quent wei­ter, zeigt sich noch etwas ande­res Inter­es­san­tes.

Wäh­ren die Pira­ten noch dar­über dis­ku­tie­ren, wie Par­ti­zi­pa­ti­on am bes­ten orga­ni­siert wer­den, wie Men­schen ein­ge­bun­den wer­den kön­nen und wie aus den hete­ro­ge­nen Mei­nun­gen der Vie­len ein­fa­che Resul­ta­te, die als Hand­lungs­grund­la­ge die­nen, destil­liert wer­den kön­nen, wäh­rend also die Pira­ten noch reden und dabei dar­über reden, wie man am bes­ten mit­ein­an­der redet – han­deln die Finanz­märk­te. Par­ti­zi­pa­tiv. Mit unglaub­lich (zer­stö­re­ri­scher) poli­ti­scher Macht, die sich aktu­ell gar kon­kre­ti­siert in der Ableh­nung der Demo­kra­tie auf einem » Wei­ter­le­sen «

Das Urheberrecht in der Werbeindustrie — Einspruch Euer Ehren #adc12

Mai 13th, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Jetzt hat auch der Art Direc­tors Club (ADC), der Krea­tiv­ver­band der Wer­be­in­dus­trie (des­sen Mit­glied ich bin)  zur Urhe­ber­rechts­de­bat­te Stel­lung bezo­gen. Und sich ziem­lich bla­miert.

Ich hat­te den letz­ten Tagen das Ver­gnü­gen, als Juror für den ADC Dia­log­wer­be­ar­bei­ten des letz­ten Jah­res unter Krea­tiv­ge­sichts­punk­ten mit zu jurie­ren. Net­te Sache. Bei der gest­ri­gen Preis­ver­lei­hung hat­te ich dann das noch grös­se­re Ver­gnü­gen, wenn nicht die Ehre, die groß­ar­ti­ge Anzei­ge des ADC zum Tod Vic­co von Bülows zu lau­da­tie­ren.
Weit weni­ger ver­gnüg­lich, um nicht zu sagen ärger­lich unre­flek­tiert fand ich dage­gen die Stel­lung­nah­me des ADC Vor­stands­spre­chers Jochen Räde­ker zum Urhe­ber­recht. Mit pathe­ti­schem Unter­ton for­der­te er ein star­kes Urhe­ber­recht zum Schutz der Krea­ti­ven. Es kön­ne ja wohl nicht sein, dass sich jeder ein­fach ohne Bezah­lung krea­ti­ve Leis­tung down­loa­de.
Das ist enorm dumm. Aus zwei Grün­den:

  1. Dürf­te der Wer­be­in­dus­trie nicht dar­an gele­gen sein, die Leis­tun­gen ihrer Krea­ti­ven, von Tex­tern, Desi­gnern, Dreh­buch­au­to­ren, Musi­kern, Pro­gram­mie­ren nach Prin­zi­pi­en des geis­ti­gen Eigen­tums der Schöp­fer behan­deln zu las­sen. Wäre ja nett, wenn ein Tex­ter gegen ein Unter­neh­men zu Fel­de zöge weil sei­ne Head­line oder sein Claim nicht in der von ihm/ihr geschaf­fe­nen Form erscheint, wenn Dreh­bü­cher vom Kun­den oder Vor­ge­setz­ten umge­schrie­ben, Musik ver­hunzt wird. Von finan­zi­el­len Ansprü­chen an die Ver­wer­ter wol­len wir mal schwei­gen.
    Rich­tig ärger­lich dar­an ist, dass eigent­lich die Wer­be­in­dus­trie schon lan­ge mit nach-urhe­ber­recht­li­chen Prin­zi­pi­en arbei­tet. Wer­be­maß­nah­men enste­hen seit » Wei­ter­le­sen «

Der Bühnenverein auf der re:publica — ein Kasperltheater #rp12

Mai 3rd, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wie letz­tens gepos­tet, haben die Inten­dan­ten im Deut­schen Büh­nen­ver­ein ein Expe­ri­ment unter­nom­men, um einen Fuß ins kal­te Netz zu stre­cken. Zusam­men mit Jovo­to wur­de ein “Crea­ti­ve Crowd­sour­cing” Pro­jekt gestar­tet, bei dem die Platt­form-Mit­glie­der kei­ne gerin­ge­re Fra­ge beant­wor­ten soll­ten, als  “Was ist das Thea­ter der Zukunft?”. Das hat natür­lich eini­ger Vor­dis­kus­sio­nen bedurft im Kreis der Inten­dan­ten. Eine Klau­sur­ta­gung mit ein­ge­la­de­nen Exper­ten. Und Abstim­mungs­run­den, was man denn sinn­voll fin­det und was nicht. Sol­che Din­ge wol­len reif­lich über­legt sein.

Zum Ergeb­nis lässt sich so wahn­sin­nig viel nicht sagen. Eini­ge der auf der Ver­an­stal­tung vor­ge­stell­ten Ide­en waren eini­ger­ma­ßen ori­gi­nell oder schräg. Rich­tig ange­kom­men sind sie bei den Thea­ter­leu­ten, die die Ide­en vor­stell­ten, nicht. Letzt­lich, so hieß es, sei das Publi­kum so digi­tal ja noch nicht, son­dern infor­mie­re sich über Thea­ter eher aus der gedruck­ten Zei­tung. Wes­we­gen man die “neu­en Medi­en” mit Fin­ger­spit­zen­ge­fühl anpa­cken müs­se. Selbst wenn man aus Fair­ness­grün­den kei­ne wei­te­ren ver­ba­len Auf­fäl­lig­kei­ten wie­der­gibt, lässt sich schon hier ein ganz fun­da­men­ta­les Pro­blem fest­stel­len. Die Thea­ter­leu­te auf dem Podi­um haben die Rele­vanz der — mit ca. 20 Jah­ren sicher nicht mehr “neu­en” Medi­en — nicht erkannt. Sie geben sich mit dem Print­pu­bli­kum zufrie­den, ohne dar­über nach­zu­den­ken, das die­ses mit den Zei­tun­gen selbst ver­schwin­den könn­te.

Der Ide­en­wettb­werb hat­te für die panel­an­we­sen­den Thea­ter­leu­te in etwa die prak­ti­sche Rele­vanz wie der Mal­wett­be­werb eines Spar­kas­sen­ver­ban­des. Hüb­sche Din­ge — aber doch nichts fürs Tages­ge­schäft. Mar­ke­ting und Wer­bung kön­ne man sicher mit cle­ve­ren Ide­en anrei­chern, um “jun­ge Leu­te” (eine grau­en­vol­le For­mu­lie­rung von älte­ren Herr­schaf­ten, die die Welt nicht mehr ver­ste­hen) bes­ser zu errei­chen. Aber der Auf­trag des Thea­ters sei ja nun doch, tra­dier­te Inhal­te in neue Gewän­der zu klei­den. Das tue man ja schon. Etwa indem Figu­ren nur als Pro­jek­tio­nen auf der Büh­ne prä­sent sein las­se. Und twit­tern und pos­ten auf Face­book — tue man ja auch schon. Aber da kön­ne man sicher noch etwas mehr tun. In Sachen Wer­bung.

Das wirk­li­che Desas­ter aber …

Auf der re:publica ver­sam­meln sich etwa 4.000 krea­ti­ve, gesell­schafts­in­ter­es­sier­te, poli­tisch inter­es­sier­te, in vie­ler­lei Sin­ne krea­ti­ve, vor­wärts den­ken­de und avant­gar­dis­ti­sche Köp­fe. Und von die­sem 4.000 haben es gera­de ein­mal gut 30 (Panel­teil­neh­mer und Orga­team abge­zo­gen) in die Ver­an­stal­tung geschafft. In Zah­len: Drei­ßig. Eine zeit­lich rela­tiv gut gele­ge­ne (War­ten auf die Lobo-Sau­se) Ver­an­stal­tung über das Thea­ter lockt gera­de ein­mal 30 Zuhö­rer an. Viel­leicht sind die Thea­ter­leu­te schon zu sehr gewohnt vor lee­ren Sälen zu spie­len — der Saal 4 auf der re:publica bot geschät­ze 300 Sitz­plät­ze — als dass es ihnen noch auf­fie­le: Die kata­stro­pha­le und gäh­nen­de Lee­re aber war ein über­deut­li­ches State­ment der “jun­gen Leu­te” dazu, was sie vom Thea­ter hal­ten. Und wenn Thea­ter­leu­te nicht begin­nen zu ver­ste­hen, dass Thea­ter in der ent­ste­hen­den Netz­ge­sell­schaft (das Wort fiel immer­hin ein­mal) nicht heißt, ande­re Wer­bung zu machen, die PR twit­tern zu las­sen und noch ein paar Pro­jek­to­ren mehr auf­zu­stel­len, son­dern dass es viel­mehr dar­um geht, als gesell­schaft­li­che und sich als gesellschafts“kritisch” ver­ste­hen­de Insti­tu­ti­on die künst­le­ri­sche und intel­lek­tu­el­le Aus­ein­an­der­set­zung zu suchen, die eige­nen künst­le­ri­schen Mit­tel und orga­ni­sa­to­ri­schen Pro­zes­se zu über­prü­fen, grund­sätz­lich und umfas­sen infra­ge zu stel­len und gege­be­nen­falls neu zu erfin­den, kurz: Thea­ter in der Netz­ge­sell­schaft zu wer­den — dann wer­den die Thea­ter über kurz oder lang so leer sein, wie heu­te Saal 4 auf der re:publica. Und das haben sie auch so ver­dient.

Gewon­nen hat am Ende übri­gens — Ham­let. Kein Witz. Vor­ge­stellt wur­de eine “argu­men­ted (sic!) rea­li­ty” app fürs iPad, mit der User inter­ak­tiv … äh … irgend­wie ent­schei­den kön­nen, wor­an Ham­let stirbt. Oder so. Egal. Der Gewin­ner darf sich freu­en, das Preis­geld sei ihm gegönnt. Rea­li­siert wird das ver­mut­lich nicht. Und wenn doch: Geld bekommt er ver­mut­lich nicht dafür.  Außer dem Preis­geld.

Erfreu­li­cher­wei­se ergab sich nach die­sem Kas­per­le­tha­ter eine span­nen­de Unter­hal­tung mit Chris­ti­an Römer von der Boell-Stif­tung, bei der ich am 25. Mai an einer Podi­ums­ver­an­stal­tung zum Urhe­ber­recht teil­neh­men wer­de, und @twena Tina Lorenz, auf deren Vor­trag “Thea­ter und digi­ta­le Medi­en – ein Trau­er­spiel” mor­gen um 11.15 ich mich sehr freue. Die­ses Pos­ting ist als Fol­ge die­ses Gesprächs zu ver­ste­hen.

Leseempfehlung für “Kulturinfarkt”-Geschädigte

März 17th, 2012 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Lei­der wird die Auf­merk­sam­keit in der Kul­tur­de­bat­te gera­de durch das von mir zuletzt hier und auf nacht­kri­tik veris­se­ne “Kul­tur­in­farkt”-Buch geprägt. Dage­gen möch­te ich eine Lesemp­feh­lung aus­spre­chen, die zeigt, dass der The­men­kom­plex nicht nur pole­misch zuge­spitzt ange­gan­gen wer­den, son­dern intel­li­gent und viel­schich­tig reflek­tiert wer­den kann — und tat­säch­lich in “der Kul­tur” reflek­tiert wird. Ich mei­ne das Jahr­buch 2011 des Insti­tuts für Kul­tur­po­li­tik der Kul­tur­po­li­ti­schen Gesell­schaft: Digi­ta­li­sie­rung und Inter­net, das den Kon­gress “netz. macht. kul­tur.” doku­men­tiert und sogar im Vor­trag von Bernd Neu­mann die Reich­wei­te der gedank­li­chen, prak­ti­schen und insti­tu­tio­nel­len Her­aus­for­de­rung auf­reißt:

Das Inter­net hat die Art und Wei­se revo­lu­tio­niert, wie wir an Infor­ma­tio­nen gelan­gen, Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­ten und mit­in­an­der kom­mu­ni­zie­ren. Es ermög­licht neue Geschäfts­mo­del­le, ist eine fas­zi­nie­ren­de Quel­le gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be an Kunst und Kul­tur und auch ein gro­ßer Arbeits­markt. Wir befin­den uns mit­ten in der größ­ten tech­ni­schen, wirt­schaft­li­chen und gesell­schaft­li­chen Umwäl­zung seit der Ent­wick­lung des Buch­drucks, deren Aus­wir­kun­gen sich heu­te noch gar nicht rich­tig über­bli­cken las­sen. (102)

Die zahl­rei­chen Bei­trä­ge die­ses Ban­des machen das aktu­el­le, zukunfts­wei­sen­de Span­nungs­feld von Kul­tur­po­li­tik in der Netz­ge­sell­schaft auf, erfor­schen und reflek­tie­ren es, ohne sich bloß pole­misch abzu­ar­bei­ten. Hier geht es um Par­ti­zi­pa­ti­on und Offen­heit, neue For­men von Kul­tur­ver­mitt­lung, Insti­tu­tio­nen, För­de­rung und Kunst­schaf­fen — auch wenn der per­ma­nen­te Dis­put ums Urhe­ber­recht etwas nerv­tö­tend ist, weil er nicht wirk­lich zu einer gang­ba­ren Visi­on gelangt. Die Bei­trä­ge stel­len sich der Gegen­wart und der Zukunft. Und sie befra­gen Bestehen­des und den­ken über Neue­run­gen im Bestehen­den nach. Wer also inter­es­siert dar­an ist, wie sich Kunst und Kul­tur in Bewe­gung brin­gen las­sen, wo die Pro­ble­me und Her­aus­for­de­run­gen, wo aber auch die span­nen­den Ten­den­zen zu fin­den sind, der soll­te lie­ber das lesen.

Zum Bei­spiel Tho­mas Krü­ger von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung, der sei­ne Behör­de revo­lu­tio­nie­ren will:

Es reicht nicht, die auf­ge­wor­fe­nen Fra­gen auf kul­tur- und » Wei­ter­le­sen «

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