Die Finanzmärkte sind die eigentliche Piratenpartei #MediaDivina

April 9th, 2013 Kommentare deaktiviert für Die Finanzmärkte sind die eigentliche Piratenpartei #MediaDivina Autor: Ulf Schmidt

Im Posting zur Funktion des Wetterberichts für das Fernsehen hatte ich damit geschlossen, dass das Börsengeschehen inzwischen funktional die Position des Wetterberichts übernimmt. Denkt man das konsequent weiter, zeigt sich noch etwas anderes Interessantes.

Währen die Piraten noch darüber diskutieren, wie Partizipation am besten organisiert werden, wie Menschen eingebunden werden können und wie aus den heterogenen Meinungen der Vielen einfache Resultate, die als Handlungsgrundlage dienen, destilliert werden können, während also die Piraten noch reden und dabei darüber reden, wie man am besten miteinander redet – handeln die Finanzmärkte. Partizipativ. Mit unglaublich (zerstörerischer) politischer Macht, die sich aktuell gar konkretisiert in der Ablehnung der Demokratie auf einem Wirtschaftskongress in Hongkong.

Der Finanzmarkt als chaotisches Geschehen

Grundsätzlich fungieren Finanzmärkte, das heißt Plätze, in denen Menschen und Institutionen Aktien, Derivate, Anteilsscheine, Terminkontrakte, Während und so weiter handeln, chaotisch. Eine unüberschaubare Masse an Akteuren ist täglich, stündlich, minütlich, sekündlich in Transaktionen eingebunden. Eine Liquid Finanzokratie. Die Folgen dieses Markthandelns haben im Wesentlichen und in erster Linie Auswirkungen auf die Preise. In einigermaßen stabilen Zeiten gleichen sich die meisten Transaktionen aus. Halten Verkaufswünsche den Kaufwünschen ungefähr die Waage, schlagen Preise also nur wenig nach oben oder unten aus, schwanken und bewegen sich relativ mählich auf- oder abwärts, zumeist beeinflusst von der Menge verfügbaren Geldes, das in diese Handelsplätze fließt – und damit letztlich nicht weit entfernt von der Entwicklung der Inflation. Das Geschehen ist insofern determiniertes Chaos, als die Einflüsse auf die Marktbewegungen relativ einfach zu benennen sind (die handelnden Akteure bzw. die aktiven Händler), die Folgen davon aber nicht rein linear sind, da das Verhalten der Akteure veränderlich ist. Schmetterlingsflügelschläge haben keinen Einfluss, wohl aber bestimmte Nachrichtenmeldungen, die dafür sorgen, dass das Verhältnis Verkäufer-Käufer nicht mehr ausgeglichen ist, sondern sich auf eine Seite neigt. Bei der Neigung auf die Verkäuferseite sinken Preise, bei der Neigung auf die Käuferseite steigen ie. Und wie stark diese Ausschläge sein werden, lässt sich schlichtweg nicht vorausberechnen. Wäre es berechenbar, würde es den Finanzmarkt (zumindest für Spekulanten) vermutlich schon gar nicht mehr geben.

Die Finanzmärkte als Wetter, dass auf den Wetterbericht reagiert

Die Nichtlinearität haben die sogenannten Finanzmärkte gemein mit dem Wetter. Genau lässt sich auch dieses nicht voraussagen – mit einem gewaltigen Unterschied. Unserer herrschenden Glaubenslehre nach gibt es kein (göttliches) Bewusstsein, dass das Wetter macht (ich blende bewusst das menschliche Bewusstsein für den Klimawandel an dieser Stelle aus, das diese Position einzunehmen versucht, wie im Posting hier bereits angedeutet). Es gibt also keinen fernsehenden Wettergott, der auf den Wetterbericht reagiert und ihn in seine Entscheidung über das Wetter des nächsten Tages einbezieht. An den Finanzmärkten ist dies der Fall. Die Berichte ber die Entwicklung von Kursen und Preisen treten wieder in das Handelsgeschehen ein. Die Akteure treffen ihre Entscheidungen auf Grundlage dieses Berichtes – zahlloser Berichte allerdings, was wiederum die Chaotizität des Geschehens fördert. Gäbe es nur eine  einzige Nachrichtenquelle für das Geschehen an den Finanzmärkten, mit einer einzigen Meinung und einem einzigen News-Bündel, das zudem noch allen Akteuren zugleich zur Verfügung steht, wäre zumindest hier eine geringere Chaotik am Werke. Das ist sie aber nicht. Die Finanzmärkte haben es mit handelnden Bewusstseinen zu tun. Und diese Bewusstseine ziehen für die Kalkulation ihrer nächsten Handlungen nicht nur die Beobachtungsebene erster Ordnung (die Preise von Aktien usw.) ins Kalkül, sondern auch die zweite Beobachtungsebene des Berichtes über das Finanzgeschehen und reagieren darauf. Sodass also zu sagen wäre, wenn der Börsenbericht eine klare Aussage machen würde über das zukünftige Geschehen, könnte davon ausgegangen werden (da Handeln gegen den Mainstream immer renditeträchtiger ist, als mit der Herde zu laufen), dass das genaue Gegenteil (oder ein ganz anderes Ergebnis) der Prognose eintreten wird. Die Börsenvorhersage wäre eine self-falsifiying prophecy.

Liquid Financocracy als politische Macht

Interessanterweise wird seit einigen Jahren das Geschehen an den Märkten nicht einfach nur als Spiel mit Zahlen verstanden – sondern es wird als eine verborgene oder kryptische, der Auslegung durch Experten und Seher bedürftiges Geschehen behandelt. Es wird also den bloßen Zahlen eine Semantik unterstellt. Was will uns die Börse, was wollen uns die Märkte mit diesen Handelsergebnissen sagen?

Dass „die Märkte“ ein Kollektivsingular sind, dem „Volk“ (der Demokratie), der Arbeiterklasse (des Marxismus), der „Wirtschaft“ des Neoliberalismus gleich, ist offenbar. Es ist ein konstruiertes Subjekt, dessen Konstruktionsziel die Zuordnung und Benennung eines kollektiven Willens ist, des Willens eines Kollektivsingulars, volonté générale als nachrichtendienstliches Destillat aus einem berechneten „acte de tous“. Bei dem der Kollektivwille gar nicht bei den Einzelhandelnden vorliegen muss. Es findet lediglich die arithmetische Konstruktion eines Gesamttrends statt, der dann durch Interpreten zu einem semantischen Willen uminterpretiert wird. Was wiederum den handelnden Akteurendie Möglichkeit gibt, tatsächlich semantisch zu handeln. Das heißt: Griechenland bekommt dann kein Geld mehr geliehen (oder zu erheblich höheren Preisen), weil die interpretierende Marktbeobachtung festgestellt hat, dass die Preise für Anleihen für Griechenland angezogen haben und dies mit der Interpretation der zunehmenden Kreditunwürdigkeit versieht.

Diese ineinandergreifenden Prozesse haben, das lässt sich aus den letzten Jahren mitnehmen, erhebliche politische Folgen. Dem Kollektivsingular „Finanzmärkte“ gelingt es, ganze Regierungen zu stürzen und Länder zu destabilisieren. Aus einem mehrfach konstruierten Prozess. Dass gesamte Handeln der Einzelnen wird zu einer Gesamttendenz (zum Beispiel durch Indizes oder Ratings) verdichtet. Diese verdichtet (noch rein zahlenmäßig vorliegende) Gesamttendenz wird gemeldet. Worauf die einzelnen Akteure wieder reagieren (können, aber nicht müssen). Zweitens wird die konstruierte Gesamttendenz mit einer Sinn-Semantik hinterlegt, die wiederum von den handelnden Akteuren rezipiert und in ihr Handeln eingebaut wird. Dabei steigt die Wahrscheinlichkeit der Gleichschaltung in diesem Prozess. Die unisono medial verkündete Meldung: „Griechenland ist nicht kreditwürdig“ muss dazu führen, dass tatsächlich Griechenland keine Kredite mehr bekommt (außer von Spekulanten, die sich allerdings jetzt nicht nur die Nase goldenverdienen).

Finanz-Piraten

Während die Piratenpartei daran arbeitet, eine semantische Liquid Democracy aufzubauen, die zum Scheitern verurteilt ist, weil sich die unterschiedlichen Nuancen niemals zur Deckung, niemals zur semantischen Einstimmigkeit bringen lassen, ist auf den Finanzmärkten der Welt diese partizipative Funktion längst installiert. Vielleicht wäre es sinnvoll, für die Piraten, von der sprachlichen Semantik abzulassen – und Politik als Börsenspiel zu organisieren. Funktionieren würde das. Besser jedenfalls als die unendliche Diskussion. Und vermutlich würde es am Ende sogar demokratischer. Weil jeder sich als Akteur beteiligen kann, indem er simple binäre Entscheidungen (kaufen – verkaufen mit der Drittoption Halten) trifft, die sich schnell aufakkumulieren lassen.

Die Finanzmärkte jedenfalls haben es geschafft (im Zusammenspiel mit den traditionellen Massenmedien, Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Fernsehsendern), das nichtlinear chaotische Börsengeschehen zu einer permanenten Online-Petitionsflut gegen Regierungen zu machen. Wollte man sie besiegen und ihren antidemokratischen Umtrieben, die zur ernsthaften gesellschaftlichen Praterie wird, entgegen treten- vielleicht muss man sie dann einfach nur mit ihren eigenen Waffen schlagen.

 

 

 

 

 

 

 

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