Das Postdrama

Januar 22nd, 2016 § Kommentare deaktiviert für Das Postdrama § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Immer wie­der ver­wun­dern sich Gesprächs­part­ner über den Namen die­ser Sei­te. Fra­gen, ob das denn auf das „post­dra­ma­ti­sche Thea­ter“ anspie­le und das doch selt­sam sei, weil post­dra­ma­ti­sches Thea­ter doch epo­chal nach (also zeit­lich dahin­ter) iso­liert geschrie­be­nen und kom­plett und geschlos­sen auf­ge­führ­ten Dra­men situ­iert sei. Es also doch selt­sam sei, dass jemand, der sol­che iso­liert geschrie­be­nen zusam­men­hän­gen­den Tex­te (man­chen nen­nen die­se Tex­te gar „Dra­men“) pro­du­zie­re, sich an die­se gegen­wär­ti­ge Thea­ter­kon­zep­ti­on anschlie­ße. Da das ja doch gera­de das Gegen­teil sei und sich im Übri­gen post­dra­ma­ti­sche Thea­ter­ma­cher für alles mög­lich inter­es­sie­ren – aber sicher nicht für iso­liert geschrie­be­ne zusam­men­hän­gen­de „geschlos­se­ne“ Tex­te, die ja doch „Wer­ke“ von „Auto­ren“ und damit eben das Gegen­teil von usw. Und ob ich denn wohl „Wer­ke“ … und „Autor“ … wo ich doch geschrie­ben habe, dass …

Das ist ver­ständ­lich. Der Name die­ser Web­sei­te aber nimmt nicht Bezug auf post­dra­ma­ti­sches Thea­ter son­dern auf das Post­dra­ma. Anfangs war die Über­le­gung, den Begriff „post­thea­tra­les Dra­ma“ ein­zu­set­zen. Das war zu lang. Und blöd. Und so wur­de es das Post­dra­ma. Das ist kür­zer. An die­ser Stel­le mögen wort­witz­ge­neig­te Leser sämt­li­che Spä­ße mit dem „Post“-Begriff durch­ki­chern. Das Post­dra­ma ist der Text, der nach dem Dra­ma kommt, das es zugleich noch ist und nicht mehr ist. „Die alte Form des Dra­mas ermög­licht es nicht, die Welt so dar­zu­stel­len, wie wir sie heu­te sehen.“ (Brecht) Das ist ein Schritt.

Man könn­te ver­lan­gen, das für das Post­dra­ma ein Mani­fest geschrie­ben wer­de. Ich mag kei­ne Mani­fes­te. Des­we­gen hier also » Wei­ter­le­sen «

Dercon, Renner, Peymann, Castorf – Der Sturm im Berliner Wasserglas

April 9th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN
DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT
DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN
(Hei­ner Mül­ler, ehe­ma­li­ger Lei­ter des BE)

 

Viel ist es nicht, was zur Zeit bekannt ist über die Zukunfts­pla­nung der Ber­li­ner Volks­büh­ne – des­we­gen lässt sich treff­lich spe­ku­lie­ren, dis­ku­tie­ren, pole­mi­sie­ren, agi­tie­ren.

Berich­tet wird am 26.03. im Tages­spie­gel, es gäbe das Gerücht, die Ber­li­ner Kul­tur­ver­wal­tung, per­so­ni­fi­ziert durch den Kul­tur­staats­se­kre­tär Tim Ren­ner, pla­ne die Lei­tung der Volks­büh­ne ab 2017 an Chris Der­con zu geben. Der­con sol­le als Kura­tor fun­gie­ren, Erfah­rung sei ihm nicht abzu­spre­chen, aller­dings eher im Rah­men der bil­den­den Kunst in einem sehr wei­ten Sin­ne. Unter Beweis gestellt hat er sie als Lei­ter des Hau­ses der Kunst in Mün­chen und als Lei­ter der Tate Modern in Lon­don. Ob das tat­säch­lich eine kon­kre­te Pla­nung ist, ob es sich um Ide­en und Gesprä­che han­delt oder um über­wie­gend sub­stanz­lo­se Spe­ku­la­ti­on ist gegen­wär­tig nicht wirk­lich klar. Hin­dert aber auch nicht an tosen­den Stel­lung­nah­men. Im Gegen­teil.

Die Spe­ku­la­ti­ons­bla­se

In der Welt schreit es direkt nach „Ret­tung“ vor dem Kura­tor Der­con. Auf nacht­kri­tik wird die ers­te Mel­dung wenig kom­men­tiert, erst nach­dem Claus Pey­mann am 1. April einen offe­nen Brief (PDF) an den Kul­tur­se­na­tor und Regie­ren­den Bür­ger­meis­ter Micha­el Mül­ler ver­schickt, kommt die Debat­te in Gang (hier): Unter­gang der Volks­büh­ne im Beson­de­ren, der (Ber­li­ner) Kul­tur im All­ge­mei­nen hie – Auf­bruch und Inter­es­se da. Und die neu­es­te Mel­dung über ein Pey­mann-Inter­view auf nacht­kri­tik setzt gera­de an, das argu­men­ta­ti­ve Flo­rett durch die Keu­le zu erset­zen.

Pey­mann beschwert sich, kei­nen Ter­min bei Ren­ner bekom­men zu haben, schmäht Ren­ner als ‚uner­fah­re­nen und über­schät­zen Mann’ und als „größ­te Fehl­be­set­zung des Jahr­zehnts“ – unter ande­rem mit Hin­weis auf sei­ne Initia­ti­ve zum Live-Strea­ming von Thea­ter­auf­füh­run­gen. Ren­ner schlägt zurück und weist dar­auf hin, dass Pey­mann nicht mehr der Jüngs­te sei (hier Bericht der Ber­li­ner Zei­tung) – ein alter Mann, des­sen Thea­ter ihn nicht beson­ders inter­es­sie­re. Was wie­der­um Pey­mann pro­vo­ziert, über Ren­ner her­zu­zie­hen. Auf nacht­kri­tik wird wie­der­ge­ge­ben:

“Jung, frisch, ein bis­serl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhyth­mus aus”. Er habe sich ein paar­mal mit ihm getrof­fen, “der weiß vom Thea­ter nix”. (…) Pey­manns Fazit: “Der Ren­ner muss weg. Und der Bür­ger­meis­ter muss die Kul­tur­agen­da abge­ben, er kann es nicht!” Auch sein eige­ner Nach­fol­ger, Oli­ver Ree­se, “unter­schei­de sich äußer­lich nur unwe­sent­lich von Ren­ner”, bei­de ver­kör­pern den­sel­ben Phä­no­typ.

Har­te Num­mer. Pey­mann mit Cas­torf (der in der ZEIT vor eini­gen Wochen „Visi­ons­lo­sig­keit“ der Ber­li­ner Kul­tur­po­li­tik dia­gnos­ti­zier­te) ver­sus Ren­ner und Mül­ler. Dazwi­schen Der­con und letzt­lich auf Ree­se. Eine Macho-Schlamm­schlacht im Kul­tur-Vati­kan. Kuri­en­kar­di­nal Pey­mann als » Wei­ter­le­sen «

Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream

Dezember 11th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern Abend wur­de in der Boell-Stif­tung über die Fra­ge: “Schau­spiel im Live­stream — Fluch oder Segen” dis­ku­tiert. Dafür hat­te ich mir im Vor­feld ein paar Gedan­ken gemacht, mit denen ich mein Podi­ums-State­ment bestrei­ten woll­te. Nach dem gran­dio­sen Stream aus dem Schau­spiel Dort­mund mit Kay Voges’ Insze­nie­rung von Sarah Kanes “4.4. Psy­cho­se” hab ich dann ent­schie­den, nur rela­tiv knapp eini­ge weni­ge Über­le­gun­gen dar­aus anzu­brin­gen. Die gan­ze Sache des­we­gen jetzt hier:

Reak­tio­nen auf die Fra­ge: “Thea­ter-Strea­ming- Ja oder Nein?” oder: “I can haz live­stream?”

Die ers­te Reak­ti­on: Ja klar, sofort. Die Tech­nik ist da, es ist eine groß­ar­ti­ge Chan­ce zur Öff­nung von Thea­tern in den digi­ta­len Raum, die Mög­lich­keit die Teil­ha­be zu erwei­tern, Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht im Thea­ter­raum anwe­send sein kön­nen oder wol­len Zugang zu ver­schaf­fen – immer­hin ist die Access-The­ma­tik einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le der uto­pi­schen Erzäh­lung vom Inter­net. Abwe­sen­de Zuschau­er bekom­men Zugang, kön­nen in unter­schied­li­chen Orten halb-anwe­send sein, Thea­ter­ma­cher kön­nen sich von ande­ren Thea­ter­ma­chern inspi­rie­ren las­sen. Klingt toll.

Die zwei­te Reak­ti­on: Wenn ihr es macht, macht es ver­nünf­tig. Die ner­vi­gen “Kame­rahei­nis” drei Tage vor der Pre­mie­re ein paar Minu­ten rein- und ihr Equip­ment auf­bau­en las­sen, dann die Sache irgend­wie ins Netz brin­gen, ist ein » Wei­ter­le­sen «

“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014

November 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für “Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag auf dem Branchentreff der freien darstellenden Künste am 24.10.2014 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich habe ver­ges­sen, den Text online zu stel­len. Das gilt es, jetzt nach­zu­ho­len für alle, die nach­le­sen möch­ten. Der ers­te Teil des Tex­tes ist eine kür­ze­re, leicht über­ar­bei­te­te Ver­si­on des Mann­hei­mer und Dort­mun­der Vor­tra­ges. Im letz­ten Teil dann mehr zum Frei­en und Stadt­thea­ter.
Hier ist der Vor­trag als PDF.

Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen

September 9th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 8: Die Krise der politischen Erzählungen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Auf dem Jour­na­lis­ten-Bran­chen­por­tal Mee­dia fin­det sich heu­te ein inter­es­san­ter Text von Ste­fan Win­ter­bau­er (Hier). Dar­in wird die Kri­se des Jour­na­lis­mus aus­nahms­wei­se nicht als Auf­la­gen­kri­se, son­dern als Kri­se der Erzäh­lung beschrie­ben: Anläss­lich der gest­ri­gen Sen­dung von Frank Plas­bergs „Hart aber Fair“ wird geschil­dert, wie die Ver­su­che, dort zu einer gemein­sa­men Erzäh­lung des Ukrai­ne-Kon­flikts zu kom­men, gleich­zei­tig in einer „Gegen­öf­fent­lich­keit“ in den digi­ta­len, sozia­len Medi­en kon­fron­tiert ist, die par­al­lel ihre eige­nen Erzäh­lun­gen ent­war­fen. Er schreibt:

Die Gegen­öf­fent­lich­keit arti­ku­liert sich im Zuge der Ukrai­ne-Kri­se erst­mals in gro­ßem Stil. Dass das Phä­no­men wie­der ver­schwin­det, ist unwahr­schein­lich. Für die klas­si­schen Medi­en ist dies eine der größ­ten Her­aus­for­de­run­gen der Digi­ta­li­sie­rung. Wie kön­nen Medi­en ihre Glaub­wür­dig­keit ret­ten oder zurück­ge­win­nen? Wie kön­nen sie dem Publi­kum deut­lich machen, dass es sich lohnt ihnen zu ver­trau­en?

Nun ist es sicher­lich etwas zu kurz gegrif­fen zu behaup­ten, hier arti­ku­lie­re sich eine Gegen­öf­fent­lich­keit zum ers­ten Mal. Die Geschich­te der Gegen­öf­fent­lich­kei­ten ist bereits im ana­lo­gen Zeit­al­ter rela­tiv lang (Bei­spiel: „Kein Blut für Öl“ im ers­ten Golf­krieg), wird noch erheb­lich umfang­rei­cher im Digi­tal­zeit­al­ter – von Online-Peti­tio­nen, über Pla­gi­ats-Jäger bis hin zu den Phä­no­me­nen des Ara­bi­schen Früh­lings. Trotz­dem bleibt die Beschrei­bung des Zusam­men­hangs von Ukrai­ne-Kri­se und erzäh­len­den Gegen­öf­fent­lich­kei­ten inter­es­sant zu beob­ach­ten, die Win­ter­bau­er hier anreißt.

Die Plas­berg-Sen­dung

Ich habe die Sen­dung mit dem Titel „Wla­di­mir Putin – der gefähr­lichs­te Mann Euro­pas? ges­tern gese­hen – und war von Beginn an über­rascht. Es saßen in der dort vor­wie­gend jour­na­lis­ti­sche „Erzäh­ler“: die rus­si­sche Jour­na­lis­tin Anna Rose, der ehe­ma­li­ge WDR-Inten­dant Fritz Pleit­gen, der Mos­kau­er Focus-Kor­re­spon­dent Boris Reit­schus­ter, der Jour­na­list und Fil­me­ma­cher Hubert Sei­pel. Zwi­schen ihnen der Kanz­ler­amts­chef Peter Alt­mei­er, der nicht zuletzt Auf­se­her der poli­ti­schen Erzäh­ler ist: des Bun­des­nach­rich­ten­diens­tes.

Zwi­schen die­sen Erzäh­lern ent­spann sich nun: der Kampf der Erzäh­lun­gen, der auf eigen­ar­ti­ge Wei­se an Aki­ra Kuro­sa­was Ras­ho­mon erin­ner­te, eines Fil­mes, der „den sel­ben“ Vor­fall vier­mal erzäh­len lässt, von vier unter­schied­li­chen Stand­punk­ten aus und dar­aus vier unter­schied­li­che Erzäh­lun­gen von etwas gewinnt, von dem es ein „das­sel­be“ nicht mehr gibt.

Bei Plas­berg tra­ten sehr gezielt ein­ge­la­de­ne jour­na­lis­ti­sche Erzäh­ler an, erzähl­ten – und kamen zu sehr unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen des­sen, wovon es sicher am Ende, ver­mut­lich aber von Anfang an kein „dasselbe“gibt. Waren hier und da Ele­men­te auch strit­tig, so waren sich doch die Erzäh­lun­gen im Wesent­li­chen dar­in ähn­lich, dass sie vie­le gemein­sa­me Ele­men­te ver­wen­de­ten, sie aber unter­schied­lich zusam­men­füg­ten, zu unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen mit unter­schied­li­chen dar­aus fol­gen­den Kon­se­quen­zen. Das im Ein­zel­nen zu rekon­stru­ie­ren, wür­de hier zu weit füh­ren, zumal die ein­zel­nen unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen weit­ge­hend schon vor­her eini­ger­ma­ßen bekannt waren.

Inter­es­san­ter ist die Beob­ach­tung, dass eben Erzäh­ler hier gegen­ein­an­der antre­ten, Jour­na­lis­ten, die in ihren unter­schied­li­chen Erzäh­lun­gen (mehr oder weni­ger prä­gnant) deut­lich wer­den las­sen, dass ihre Erzäh­lun­gen bestimm­te Gefü­ge von Zusam­men­hän­gen sind, die mit­ein­an­der inkom­pa­ti­bel sind. Es ist nicht nur ein Streit dar­über, was jetzt pas­sie­ren soll­te. Es ist vor allem der Streit, was „Sache“ ist – und was dar­aus zu fol­gern ist. Die Kon­se­quenz: Die Ukrai­ne-Kri­se lässt in gro­ßer Deut­lich­keit die Kri­se der Erzäh­lun­gen sicht­bar wer­den, die sich ver­stärkt durch die Par­al­le­li­tät alter und neu­er Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel ergibt. Es wird sicht­bar, dass das alte Leit-Erzähl­me­di­um, die Media Divina Fern­se­hen ihre Erzähl­kraft ver­lo­ren hat.

Denn es strei­ten nicht nur in der Media Divina die Erzäh­ler, son­dern – wie Ste­fan Win­ter­bau­er berich­tet – in zahl­rei­chen klei­nen Debat­ten ver­hed­dern sich auch in der digi­ta­len und sozia­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­welt die Erzäh­lun­gen inein­an­der, fal­len in Glau­bens­grüpp­chen aus­ein­an­der und bau­en sich ihre eige­nen Erzäh­lun­gen. Win­ter­bau­er attes­tiert eine „Glaub­wür­dig­keits­kri­se“ der Mas­sen­me­di­en, die er für rele­van­ter hält als den Medi­en­wan­del und die Auf­la­gen­kri­se der Zei­tun­gen. Der zen­tra­le Bestand­teil die­ser Dia­gno­se aller­dings ist „Glau­ben“ und „Glaub­wür­dig­keit“, weil er an etwas rührt, was Mas­sen­me­di­en als Erzäh­ler immer vor­aus­set­zen, wor­auf sie auf­bau­en müs­sen, ohne es doch selbst her­stel­len zu kön­nen. Das macht die­sen Sach­ver­halt in der hie­si­gen Blog­pos­ting-Rei­he „Dra­ma und Ideo­lo­gie“ inter­es­sant, weil sich Anschluss­fä­hig­keit an die Tri­via­li­tä­ten des Aris­to­te­les, von denen in den letz­ten Pos­tings die­ser Rei­he (hier, hier, hier und hier) die Rede, her­stel­len lässt.

Aris­to­te­les und der poli­ti­sche Gro­schen­ro­man

Die Erzäh­lung ist, im Anschluss an die letz­ten Bei­trä­ge zu Aris­to­te­les hier im Blog, eine Zusam­men­fü­gung von Prak­ti­ken (σύνθεσιν τῶν πραγμάτων), die Aris­to­te­les mit dem miss­ver­ständ­li­chen Wort μῦθος bezeich­net, die von einem Gefü­ge­ma­cher (μυθοποιός) erstellt wird, indem Prak­ti­ken zu einem Zusam­men­hang gefügt wer­den. Die­ses Gefü­ge hat sich dem Kri­te­ri­um des Mög­li­chen und Not­wen­di­gen (τὸ εἰκὸς τὸ ἀναγκαῖον) zu fügen. Ele­men­te wer­den zu einem Zusam­men­hang zusam­men­ge­setzt, neue Ele­men­te müs­sen, damit eine Erzäh­lung wei­ter erzählt wer­den kann, sich in die­ses Gefü­ge ein­fü­gen las­sen.

2010 hat­te Frank Schirr­ma­cher in der FAZ (hier) einen schö­nen Arti­kel, der beschrieb „wie man ein ver­dammt guter Poli­ti­ker wird“ – und dabei behaup­te­te: „Poli­ti­sche Glaub­wür­dig­keit im neu­en Medi­en­zeit­al­ter ist kei­ne mora­li­sche, son­dern eine lite­ra­ri­sche Kate­go­rie.

In kri­ti­scher Absicht, anläss­lich » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 7: Die Unterbrechung des Gefüges § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Man könn­te nach dem Bis­he­ri­gen zu dem Schluss kom­men, dass Gefü­ge erst dann wahr­nehm­bar wer­den, wenn sie unter­bro­chen wer­den. Wenn also Thea­ter „Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft ist, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt“, dann wäre also Thea­ter jene Unter­bre­chung des Gefü­ges „Gesell­schaft“, das die­ses Gefü­ge über­haupt erst – mög­lich? – macht? Indem es ein Gefü­ge vor­führt, das als Gesell­schaft vor­ge­führt ist und bereits dadurch dass es vor­ge­führt wird, ein Gefü­ge im Gefü­ge ist, das eben durch die­se Ein­fü­gung das umge­ben­de Gefü­ge ver­füg­bar mach­te.

Viel­leicht nur eine Vari­an­te von Fou­caults » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 6: Die Verschachtelung der Gefügemacher § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Inter­es­sant an der Gefü­ge­ma­che­rei, der μυθοποίησις des Dra­mas, ist die Ver­schach­te­lung unter­schied­li­cher Gefü­ge in Gefü­gen. Ins­be­son­de­re das Fern­se­hen hat hier gewal­ti­ge Neue­run­gen her­bei­ge­führt, indem nicht nur ein unsicht­ba­rer Gefü­ge­ma­cher im Hin­ter­grund das Gefü­ge gefügt haben kann, wie etwa im tra­di­tio­nel­len Begriff des Dra­mas der vier­ten Wand, das als ein Gefü­ge abläuft, son­dern indem etwa ein Gefü­ge­ma­cher als Voice-Over-Erzäh­ler sich unsicht­bar, aber hör­bar über das Gefü­ge legt, die­se Voice-Over-Stim­me aber selbst wie­der ein in das Gesamt­ge­fü­ge (die fil­mi­sche Mon­ta­ge) Gefüg­tes, Hin­zu­ge­füg­tes viel­leicht, das nun­mehr aus schein­bar zwei » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 5

August 30th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 5 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn „Dra­ma“ ein Form­be­griff ist, oder Dra­ma Form ist – was ist dann ein Dra­ma­ti­ker? Jemand, der sich mit Gegen­stän­den befasst, die zum Sach­ge­biet „Dra­ma“ gehö­ren oder (was auch immer das wäre, ist zu klä­ren) als „dra­ma­tisch“ qua­li­fi­ziert wer­den kön­nen? So wie ein Vogel­kund­ler sich vor Allem mit Vögeln befasst? Also mit Gegen­stän­den, die der Qua­li­fi­ka­ti­on „Dra­ma“ gehor­chen, wie die­ser mit Gegen­stän­den, die unter den Begriff „Vogel“ fal­len? Was wäre dann die­ser Gegen­stand, der Dra­ma » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 4

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 4 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn es so wäre, dass die unter dem Namen von Aris­tot­les in „περὶ ποιητικῆς“ zusam­men­schrie­be­nen, syn­the­ti­sier­ten Tri­via­li­tä­ten zutref­fend sind – was wäre dann der Dra­ma­ti­ker ande­res als ein Syn­the­si­zer? Ein sol­cher, der aller­dings nicht etwa Vor­han­dens syn­the­ti­siert, son­dern das Syn­the­ti­sier­te in der Syn­the­se erzeugt. Das unter­schei­det den Ver­fer­ti­ger » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 3

August 18th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 3 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es ist höchst bedau­er­lich: aber es scheint tat­säch­lich, als wäre seit Aris­to­te­les nichts Bemer­kens­wer­tes mehr über Dra­ma geschrie­ben wor­den. Dass es scheint, als lie­ße sich nichts Bemer­kens­wer­tes hin­zu­fü­gen, hat nicht zuletzt damit zu tun, dass in die­sem Büch­lein unter dem Namen des Aris­to­te­les ein Hau­fen von Pla­ti­tu­den und Tri­via­li­tä­ten ver­sam­melt und for­mu­liert, auf­ge­zeich­net wur­de. Trotz­dem macht es noch immer Sinn, sich mit die­sen Tri­via­li­tä­ten zu beschäf­ti­gen

Das klei­ne Büch­lein, in dem sich das Bemer­kens­wer­te fin­det, trägt den Titel „περὶ ποιητικῆς“. Man über­setzt ger­ne „Von der Dicht­kunst“. Oder ähn­lich. Viel­leicht ist es hilf­rei­cher, etwas näher an der Titel­vo­ka­bel zu blei­ben, beim „ποιεῖν“ und zu über­set­zen „Von der Ver­fer­ti­gung“ oder „Vom Machen“. Es geht in die­sem Frag­ment ums Machen. Aris­to­te­les setzt sich mit Gemach­tem, Ver­fer­tig­tem aus­ein­an­der. Mit einem spe­zi­el­len Ver­fer­tig­ten, unter ande­rem der τραγῳδία, die er dezi­diert in ihrer Ver­fer­tigt­heit in den Blick nimmt. In die θεωρία, die Betrach­tung, Beob­ach­tung. Er kon­zen­triert sich » Wei­ter­le­sen «

Where Am I?

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