Drama und Ideologie 2

August 17th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 2 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In sei­nem viel­ge­nut­zen Buch „Das Dra­ma“ scheint Man­fred Pfis­ter dazu aus­zu­ge­hen, dass es etwas gibt, dass es Arte­fak­te gibt, die als Dra­ma bezeich­net wer­den kön­nen. Und die unter­scheid­bar sind von ande­ren Arte­fak­ten (sei es sprach­lich-schrift­li­cher Natur oder wel­cher sonst auch immer), die kein Dra­ma sind. Ohne die­se bei­den Kri­te­ri­en wäre die Rede von und das Buch über Dra­ma sinn­los bzw. über­flüs­sig. Es gibt also zumin­dest ein Dra­ma, ein Arte­fakt, das als Dra­ma bezeich­net und abge­grenzt wer­den kann. Wenn ich Pfis­ter rich­tig ver­ste­he, geht er sogar davon aus, dass es meh­re­re Arte­fak­te gibt, die Dra­ma sind, die sich zwar stark von­ein­an­der unter­schei­den, dabei aber doch etwas Gemein­sa­mes haben, das sie als Dra­ma qua­li­fi­ziert im Unter­schied zu vie­len ande­ren Din­gen, die nicht als Dra­ma qua­li­fi­zier­bar sind. Und er scheint zudem vor­aus­zu­set­zen, dass die Beschrei­bung bestimm­ter Arte­fak­te als Dra­ma von einem Leser geteilt und als geteil­te von ihm vor­aus­ge­setzt wer­den kön­nen. Es ist kein Vor­schlag, Arte­fak­te als Dra­ma zu betrach­ten oder zu beschrei­ben, son­dern es ist der Ver­such, einer ‚all­ge­mei­nen und sys­te­ma­ti­schen » Wei­ter­le­sen «

Drama und Ideologie 1

August 17th, 2014 § Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 1 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Was ein Dra­ma ist, was ein Dra­ma­ti­ker macht, scheint mir noch nicht so recht ver­stan­den zu sein. Es gibt seit eini­ger Zeit die Debat­te über dra­ma­ti­sches und post­dra­ma­ti­sches Thea­ter, gele­gent­lich wird dabei ent­we­der das Ende des Dra­mas, der Tod des Dra­ma­ti­kers als Autor kon­sta­tiert gefei­ert, gefor­dert, alter­na­tiv dazu das Über­le­ben oder Nicht-tot-zu-krie­gen des Dra­mas oder Dra­ma­ti­kers – oder des­sen Rück­kunft gefor­dert. Das alles funk­tio­niert ganz gut, um irgend­wie noch über irgend­was etwas zu sagen und zu reden zu haben. So könn­te man es wei­ter lau­fen las­sen und sich sicher sein, dass auch in nähe­rer Zukunft noch Druck­sei­ten gefüllt, Stamm­ti­sche und Kon­fe­ren­zen damit belebt wer­den kön­nen.

Dabei kommt die Fra­ge zu kurz, wovon eigent­lich die Rede ist, wenn vom Dra­ma die Rede ist. Sicher­lich gibt es eine gro­ße Zahl der Ver­su­che » Wei­ter­le­sen «

Künstlerische Forschung im Tanz. Kollektiv.

Juli 31st, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wie kann man künst­le­ri­sche For­schung prä­sen­tie­ren? from Fun­dus Thea­ter Ham­burg on Vimeo.

Sebas­ti­an Mat­thi­as, Post­pro­duk­ti­ons­work­shop, Kamp­na­gel, Mai 2013

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die “kostbare kleine Institution”

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vor­trag zum agi­len Thea­ter hat­te ich als vor­läu­fi­ge Arbeits­de­fi­ni­ti­on von Thea­ter ange­ge­ben, es sei “ein Ort der Gesell­schaft in der Gesell­schaft, an dem sich in Gesell­schaft über Gesell­schaft ästhe­tisch reflek­tie­ren lässt.” Zudem gab es den Ver­weis auf Dirk Baeckers sehr schö­ne For­mu­lie­rung vom Thea­ter als “Labor der prak­ti­schen Ver­nunft” (in: Wozu Thea­ter?). Bei der Lek­tü­re von Bru­no Latours Eine neue Sozio­lo­gie für eine neue Gesell­schaft ist mir nun eine Pas­sa­ge unter­ge­kom­men, die sich zur Prä­zi­sie­rung die­ser For­mu­lie­run­gen eig­net, wie­wohl das Ori­gi­nal­zi­tat dafür eine klei­nen Ver­dre­hung hin zu Thea­ter bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbe­stimmt­heit des ANT-Sozio­lo­gen die Pra­xis des Ver­fer­ti­gens sozio­lo­gi­scher Berich­te und argu­men­tiert — ver­kürzt gesagt — für eine gedul­di­ge, klein­tei­li­ge, ent­fakt­ten­de, nicht vor­schnell ins Erklä­ren abdrif­ten­de Form der nahen, fast  schrift­stel­le­ri­schen Ver­fer­ti­gung von “guten” Tex­ten. Und was er gele­gent­lich von sol­chen ANT-sozio­lo­gi­schen Tex­ten schreibt, lässt sich nahe­zu 1:1 auch auf Thea­ter (oder viel­leicht zunächst Thea­ter­tex­te) über­tra­gen. Er schreibt über den text­lich Berich­ten­den:

Er bie­tet eine künst­li­che Stät­te an (den text­li­chen Bericht) {oder die Büh­ne; U.S.}, der für ein bestimm­tes Publi­kum etwa die Fra­ge lösen könn­te, zu wel­cher gemein­sa­men Welt man gehört. Ver­sam­melt um das ‘Labo­ra­to­ri­um’ des Tex­tes {Büh­ne; U.S.} fan­gen Auto­ren wie auch Leser viel­leicht damit an, die bei­den Mecha­nis­men sicht­bar zu machen, die zum einen für die Plu­ra­li­tät der zu berück­sich­ti­gen­den Asso­zia­tio­nen ver­ant­wor­lich sind, zum ande­ren für die Sta­bi­li­sie­rung oder Ver­ein­heit­li­chung der Welt, in der sie leben möch­ten. Einer­seits ist es nur ein Text aus Papier­bö­gen, von einem Tin­ten- oder Laser­strahl geschwärzt. Ande­rer­seits eine kost­ba­re klei­ne Insti­tu­ti­on, um das Sozia­le für alle sei­ne Betei­lig­ten zu reprä­sen­tie­ren, oder genau­er, zu re-prä­sen­tie­ren, das heißt, um es ihnen von neu­em zu prä­sen­tie­ren, ihm eine Per­form­anz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu ver­lan­gen heißt of, weni­ger zu bekom­men. Vie­le ‘macht­vol­le Erklä­run­gen’ mögen sich als weni­ger über­zeu­gend her­aus­stel­len als schwä­che­re. {S. 241f.; Anmer­kun­gen in geschweif­ten Klam­mern von mir; U.S.}

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Ein Theater, das sich selbst umbaut: Joshua Prince-Ramus über das Wyly-Theater in Dallas

Juli 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Thea­ter­bau­ten sind und waren immer Bau­wer­ke mit einem hohen Tech­ni­sie­rungs­grad: von Anbe­ginn an, als das thea­tron nicht nur ein tech­ni­sches Meis­ter­werk der Akus­tik war, son­dern zudem mit mecha­né und ekky­kle­ma aus­ge­stat­tet wur­de, über die Tech­nik der Renais­sance­ma­le­rei, die baro­cke Licht­tech­nik, Dreh­büh­ne, ver­schieb­ba­re Sei­ten- und Hin­ter­büh­nen, Schnür­bö­den mit kom­ple­xen Zug-Steue­run­gen, bis hin zur moder­nen Licht-, Ton und Film­tech­nik. Thea­ter waren Kunst­räu­me der Hand­werks­kunst und Tech­no­lo­gie eben­so­sehr wie Räu­me mensch­li­cher Dar­stel­lungs­kunst, die selbst immer wie­der zur Schau­spiel-Tech­nik zu ver­wan­deln ver­sucht wur­de.

In die­sem Zusam­men­hang ist das fol­gen­de Video durch­aus span­nend, in dem der Archi­tekt Joshua Prince-Ramus sein Kon­zept und die Rea­li­sie­rung » Wei­ter­le­sen «

“Theater der digitalen Gesellschaft” — Vortrag beim NRW Theatertreffen 2014

Juni 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Fol­gen­den ist der Vor­trag als PDF zu fin­den und her­un­ter­zu­la­den, den ich bei der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des NRW Thea­ter­tref­fens 2014 in Dort­mund die Ehre und das Ver­gnü­gen hat­te zu hal­ten. Zusätz­lich stel­le ich hier noch ein­mal den län­ge­ren Vor­trag “Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter” (gehal­ten auf der Jah­res­ta­gung der Dra­ma­tur­gi­schen Gesell­schaft 2014 in Mann­heim) zur Ver­fü­gung. Außer­dem die von mir aus den Sta­tis­ti­ken des Deut­schen Büh­nen­ver­eins für die Thea­ter in Nord­rhein-West­fa­len zusam­men­ge­stell­ten Zah­len in einer Excel-Datei zum Down­load.

»Der Dort­mun­der Vor­trag kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den.Die Prä­sen­ta­ti­ons-Bil­der sind eben­falls in die­sem PDF zu fin­den.

»Die Excel-Datei mit den Büh­nen­ver­eins-Zah­len für Nord­rhein-West­fa­len kann hier her­un­ter­ge­la­den wer­den. Ich hof­fe, die Beschrif­tun­gen sind eini­ger­ma­ßen ver­ständ­lich. Soll­ten in die­ser Datei trotz aller Sorg­falt Über­tra­gungs­feh­ler vor­kom­men, bit­te ich dafür um Ent­schud­li­gung und um Hin­weis, damit ich kor­ri­gie­ren kann.

»Wer den län­ge­ren Vor­trag aus Mann­heim mit den Aus­füh­run­gen über die agi­le Orga­ni­sa­ti­on her­un­ter­la­den möch­te, wird hier fün­dig.

»Und dies sind die Mann­hei­mer Prä­sen­ta­ti­ons-Sli­des:

 

»Außer­dem ist der Mann­hei­mer Vor­trag auch in einer leicht geän­der­ten Form auf nachtkritik.de zu fin­den: Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter.

Schreiben im Writers Room (ein paar Videos zum Beitrag auf nachtkritik.de)

November 13th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Schreiben im Writers Room (ein paar Videos zum Beitrag auf nachtkritik.de) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Heu­te erscheint von mir ein Text auf nachtkritik.de, der sich anläss­lich der ange­kün­dig­ten Ein­stel­lung des Stü­cke­mark­tes in bis­he­ri­ger Gestalt mit der Fra­ge und dem Kon­zept von Thea­ter­au­tor­schaft aus­ein­an­der­setzt. Und zu dem Vor­schlag kommt, anstatt mit frei­en “Auto­ren” mit Schrei­bern in Wri­ters Rooms zu arbei­ten. Da die­ses Kon­zept ver­mut­lich weit­ge­hend unbe­kannt ist, habe ich hier ein paar Vide­os zusam­men­ge­stellt, aus denen die Arbei in Wri­ters Rooms deut­li­cher wird.

Eini­ge­Zu sehen sind eschö­ne Inter­views von Showrun­nern, die erzäh­len, wie TV-Erzäh­lun­gen wie Brea­king Bad, Sopra­nos, Mad Men oder Game of Thro­nes ent­ste­hen. In kol­la­bo­ra­ti­ven Schreib­pro­zes­sen. Gemein­sa­mer Ent­wick­lung. Und dadurch eine Kom­ple­xi­tät errei­chen, die ein Ein­zel­schrei­ber nie­mals — oder jeden­falls nicht in über­schau­ba­rer Zeit — rea­li­sie­ren könn­te. Für mich DIE Per­spek­ti­ve für die Arbeit an kom­ple­xen Pro­jek­ten. Nicht nur im Fern­se­hen, son­dern vor allem auch am Stadt­thea­ter. Tear down the wall bet­ween wri­ters and direc­tors — open wri­ters rooms!

Vin­ce Gil­ligan über die Arbeit an X-Files und Brea­king Bad:

Inter­view zur 3. Staf­fel Brea­king Bad mit schö­nen Details aus dem Wri­ters Room:

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Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik

Juni 22nd, 2013 § Kommentare deaktiviert für Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Dass es einen FC Bay­ern Mün­chen gibt, ist kein Ein­wand gegen Fei­er­abend- und Ama­teur­fuß­ball in zahl­lo­sen ört­li­chen Ver­ei­nen. Und dass letz­te­re nicht auf dem Niveau des Ers­te­ren spie­len, eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Denn die zahl­lo­sen loka­len Ver­ei­ne haben eine ande­re lokal-gesell­schaft­li­che Funk­ti­on, als die Cham­pi­ons League Sport­ler.

Mit Lai­en­thea­ter ist es eine ähn­li­che Sache. Gewöhnt an die Hoch­äm­ter der Büh­nen­kunst in pro­fes­sio­nel­len Häu­sern, kann man recht schnell zu einer ent­täusch­ten Ein­schät­zung sol­cher Thea­ter­ak­ti­vi­tä­ten kom­men und sich gelang­weilt oder frus­triert abwen­den. Man kann sich aber auch den Eigen­ge­set­zen die­ser viel­leicht nicht ein­mal im empha­ti­schen Sin­ne „künst­le­ri­schen“, son­dern lokal gemein­schaft­li­chen Form wid­men.

Die Trie­rer Pro­duk­ti­on „Stadt in Auf­ruhr“, pro­du­ziert für und gezeigt im Rah­men des Fes­ti­vals „Maxi­mie­rung Mensch 4:Mensch Marx“ der Uni­ver­si­tät und des Thea­ters Trier, ist ein sol­cher Anlass, die Bewer­tungs­kri­te­ri­en pro­fes­sio­nel­len Büh­nen­thea­ters zurück­zu­stel­len, um sich dem wid­men zu kön­nen, was da tat­säch­lich an Span­nen­dem geschah. Das soll hier ver­sucht wer­den, wes­halb es sich hier eigent­lich nicht um eine Kri­tik han­delt, son­dern um eine Lai­en­kri­tik.

Es fan­den sich mehr als 60 Trie­rer (mei­ne Zäh­lung – Ver­an­stal­ter­an­ga­ben über 100) unter Anlei­tung der GRUPPE INTERNATIONAL zusam­men, um „Stadt in Auf­ruhr“ zu geben. Nicht auf einer Büh­ne, son­dern indem die Stadt selbst zur Büh­ne ver­wan­delt, das Publi­kum zum Spa­zier­gän­ger in einer Stadt­füh­rung wur­de. Erschien der Beginn noch auf übli­chem Lai­en-Niveau, wan­del­te sich die Akti­on spä­ter plötz­lich in Ande­res.

Die ers­ten Akte: Von damals

Ers­te Spiel­stät­te war die Kunst­bau­stel­le „Tuf­ta­po­lis“, ein etwas her­un­ter­ge­kom­me­ner Aben­teu­er­spiel­platz, auf dem Kin­der in Kos­tü­men des Micha­el aus Lön­ne­ber­ga, Bat­man, Robin und Pip­pi Lang­strumpf Klein­grup­pen eine Füh­rung gaben und den Besu­chern gesprä­chig erzähl­ten, was das damals alles war. „Damals“ (so ver­stand ich) ist das Trier der Gegen­wart, denn die Insze­nie­rung sie­del­te sich in der Zukunft des Jah­res 2025 (in Anknüp­fung an ein gera­de ver­öf­fent­lich­tes Stra­te­gie­pa­pier „Trier Zukunft 2025“ der Stadt) an  – einer durch­aus dys­to­pi­schen, durch­öko­no­mi­sier­ten und in einer ver­elen­de­ten und zutiefst in Reich und Arm gespal­te­nen Stadt.

Durch Sei­ten­gas­sen, an denen sich Bau­an­kün­di­gun­gen für Enter­tain­ment Cen­ter fan­den, ging es zum zwei­ten Akt, einen Gara­gen­hof. Dort wur­de das Publi­kum (geschätzt über 100 Zuschau­er) auf­ge­teilt auf ver­schie­de­ne Gara­gen, in denen ver­klei­de­te Ein­zel­dar­stel­ler ver­arm­te Trie­rer gaben, die von einer gemein­schaft­li­chen Aldi-Plün­de­rung erzähl­ten. Wei­ter dann auf einen Park­platz, auf dem vier Dar­stel­ler sich als Opfer staat­li­cher Gewalt der jün­ge­ren Gegen­wart (Athen, Tune­si­en) und der ent­fern­te­ren Trie­rer Ver­gan­gen­heit (ein 1848 von der Poli­zei in Trier getö­te­te Revo­lu­tio­när) gaben und ihre Geschich­te erzähl­ten.

Der drit­te Akt: Der Auf­stand beginnt

Span­nend wur­de es direkt im Anschluss. Die Dar­stel­ler misch­ten sich unter die Zuschau­er-Spa­zier­gän­ger, drück­ten Dut­zen­den von ihnen Demo-Pla­ka­te mit der » Wei­ter­le­sen «

Die Baumol’sche “Kostenkrankheit” der Theater und der Ökonomismus

Juni 17th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In Istan­bul und Stutt­gart wer­den Park-Natur­oa­sen tap­fer ver­tei­digt – wäh­rend die Abhol­zung von thea­tra­len Kul­tur­oa­sen in Trier, Des­sau und anders­wo ver­gleichs­wei­se still über die Büh­ne gehen. Wäh­rend wir vor dem Fern­se­her hockend täg­lich Bil­der sehen, wie in Istan­bul Park­an­la­gen gegen den Zugriff des Staa­tes ver­tei­digt wer­den und die Zen­tral­macht in die Kri­se gerät, scheint in Deutsch­land die Fäl­lung der deut­schen Thea­ter­land­schaft weit­ge­hend unspek­ta­ku­lär abzu­lau­fen. Wird eine, auch nur als inner­städ­ti­sche Par­kin­sze­nie­rung vor­han­de­ne, Um- oder Lebens­welt ange­grif­fen, sind Bevöl­ke­run­gen – wie schon in Stutt­gart vor eini­gen Jah­ren – bereit auf die Bar­ri­ka­den zu gehen und die Macht dazu zu zwin­gen, sich zur Sicht­bar­keit zu ent­stel­len, Schlag­stö­cke, Trä­nen­gas, Was­ser­wer­fer ein­zu­set­zen. Hin­ge­gen sind Angrif­fe auf die gesell­schaft­li­che Mit­welt und ihre Insti­tu­tio­nen weit­ge­hend wider­stands- und pro­test­frei. Das Leben oder die Lebens­grund­la­ge von Men­schen ein­zu­schrän­ken mag hin­ge­hen – aber wehe, es geht Parks und Bäu­men an die Bor­ke. Wäre gele­akt wor­den, dass die USA ein welt­wei­tes Ent­lau­bungs­pro­jekt unter dem Namen Prism gestar­tet hät­te: Mil­lio­nen wären auf den Stra­ßen. Die Aus­spä­hung der welt­wei­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on – zieht nur eine iro­nisch-lar­mo­yan­te Melan­cho­lie nach sich. Oder fin­det gar Befür­wor­ter in bedeu­ten­dem Umfang (die sicher­lich anders reagier­ten, wäre bekannt gewor­den, dass deut­sche Finanz­äm­ter sämt­li­che Geld­strö­me und Kon­ten aus­spio­nier­ten … aber das ist ein ande­res The­ma.

In Trier, Sach­sen-Anhalt und anders­wo sind die Thea­ter­in­sti­tu­tio­nen in ihrer Exis­tenz bedroht. Dage­gen steht man ein biss­chen auf: Zeich­net Online-Peti­tio­nen (immer­hin ein erkleck­li­cher Teil der Trie­rer Bevöl­ke­rung „unter­schreibt“ gegen die dis­ku­tier­te Ver­stüm­me­lung oder Hin­rich­tung des dor­ti­gen Drei­spar­ten­hau­ses) oder ver­an­stal­tet Pro­test­ak­tio­nen (etwa in Des­sau und Eis­le­ben). Von bedeu­ten­den Pro­tes­ten, wie wei­land noch zur Schlie­ßung des Schil­ler­thea­ters, ist kaum zu reden. Umwelt­ver­tei­di­gung ruft die Men­schen auf die Stra­ße – Mit­welt­ver­tei­di­gung kaum.

Um es vor­weg zu sagen: ich bin mit den kon­kre­ten Ver­hält­nis­sen in Trier und Des­sau eben­so wenig ver­traut, wie mit denen in Istan­bul. Es sind für mich ledig­lich medi­al ver­mit­tel­te Vor­gän­ge. Aber das, was in den Medi­en zu fin­den ist und wie sich Medi­en dazu posi­tio­nie­ren, kann als Anhalts­punkt die­nen, um die fol­gen­de, ins All­ge­mei­ne gehen­de Stel­lung­nah­me zu ermög­li­chen.

An der Situa­ti­on, dem eher mau­en Wider­stand gegen Thea­ter­schlie­ßun­gen im Ver­gleich zu Park­ab­hol­zun­gen, sind die Thea­ter­leu­te selbst nicht unschul­dig. Dass an Thea­tern Pro­test­for­men genau in dem Augen­blick gefun­den wer­den, da es ans eige­ne Leder geht, wäh­rend alle ande­ren zer­stö­re­ri­schen Akte die schö­nen Spiel­plä­ne nicht wirk­lich aus der Bahn wer­fen, lässt den Ver­dacht eines jäm­mer­li­chen Ego­is­mus auf­kei­men. War­um soll­ten Hartz 4-Emp­fän­ger sich dafür ein­set­zen, dass Thea­ter am Leben gehal­ten wer­den – wo waren die Thea­ter, als den Hartz 4 Emp­fän­gern das Leben beschnit­ten wur­de? Wo waren damals die krea­ti­ven Wider­stands­for­men, mit denen jetzt der eige­ne Fort­be­stand gesi­chert wer­den soll? Wo ist der krea­ti­ve Wider­stand gegen Prism?

Dass die Bäu­me dage­gen sind, abge­holzt zu wer­den, ist kei­ne Über­ra­schung. Die Kunst besteht dar­in, die Men­schen gegen die Abhol­zung der Bäu­me und der Thea­ter auf den Plan zu rufen. Und zwar indem Thea­ter sei­ne eige­ne Funk­ti­on in der Gesell­schaft wie­der­ent­deckt – bevor es ihm selbst an die Bud­gets geht. Ein Thea­ter, das die „Ästhe­tik des Auf­stands“ (Leh­mann) erst ent­deckt, wenn es dar­um geht, die Macher zu ver­tei­di­gen, wird kei­ne Alli­an­zen und Ver­tei­di­ger von außer­halb fin­den, die mehr als ein müdes „Och, nö. Wär scha­de.“ als Pro­test arti­ku­lie­ren.

Aber das ist eigent­lich nicht das The­ma die­ses Pos­tings – und dann am Ende wie­der doch. Von den Bäu­men zu Bau­mol. Damit zu dem The­ma, war­um die Aus­ein­an­der­set­zung mit Öko­no­mie und Öko­no­mis­mus nicht halt machen kann beim Kampf um die eige­nen Thea­ter­etats. Und war­um ein akti­ver und krea­ti­ver Wider­stand gegen die Öko­no­mi­sie­rung der Lebens­ver­hält­nis­se zu spät kommt, wenn es erst um die Ver­tei­di­gung der eige­nen Bud­gets geht.

Das Kos­ten­di­lem­ma der „per­for­ming arts“.

Als ich am Wochen­en­de die leicht irr­sin­ni­ge Prä­sen­ta­ti­on der Unter­neh­mens­be­ra­tung ICG zur Zukunft des Trie­rer Thea­ters auf Twit­ter gesha­red habe (hier die Prä­se), bekam ich von @Fritz dan­kens­wer­ter­wei­se den Hin­weis auf eine Publi­ka­ti­on aus dem Jahr 1966: Wil­liam J. Bau­mol & Wil­liam G. Bowen: Per­for­ming Arts-The Eco­no­mic Dilem­ma: A Stu­dy of Pro­blems Com­mon to Thea­ter, Ope­ra, Music and Dance. Das Buch kos­tet anti­qua­risch lei­der über 8000 Euro – des­we­gen bin ich auf ande­re Quel­len ange­wie­sen. Etwa den von @Fritz geschick­ten Link zu James Heils­bruns Arti­kel Baumol’s Cost Disea­se (hier als PDF) und den knap­pen Wiki­pe­dia-Ein­trag zur „Baumol’schen Kos­ten­krank­heit“ hier.

Bau­mols und Bowens Aus­füh­run­gen sind von enor­mer Bri­sanz, da sie zei­gen, dass kon­ti­nu­ier­li­che Kos­ten­stei­ge­run­gen an Thea­tern kein Pro­blem ist, dem man wirk­lich begeg­nen könn­te, son­dern (und ich benut­ze die­sen Begriff für öko­no­mi­sche Zusam­men­hän­ge nur sehr ungern, hal­te ihn hier aber » Wei­ter­le­sen «

Die Metaphysik des komplexen Quality TV #MediaDivina

Juni 6th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Neben der Live-Ness des „elek­tri­schen Tele­skops“ und dem Pro­gramm-Flow gehört die Seria­li­tät der Inhal­te zu den wesent­li­chen Eigen­schaf­ten des Fern­se­hens. Über die abge­schlos­se­nen For­ma­te des Kri­mi­nal­films etwa hat­te ich hier vor eini­ger Zeit bereits geb­loggt. Das ist aber, mit Blick auf das, was sich gegen­wär­tig im Fern­se­hen tut, nur eine Vari­an­te der Seria­li­tät. Viel wirk­mäch­ti­ger und wuch­ti­ger, viel eigen­ar­ti­ger und erheb­lich erfolg­rei­cher (kom­mer­zi­ell und in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung) sind die For­ma­te, die neu­er­dings als „Qua­li­ty TV“ oder „kom­ple­xe Serie“ sub­sum­miert wer­den, also Seri­en wie Sopra­nos, 24, Lost, Mad Men, Brea­king Bad, Home­land, Game of Thro­nes usw. Seri­en, die – nicht nur – mich begeis­tern und elek­tri­sie­ren und Fern­seh­in­hal­ten eine magne­ti­sche Kraft, ja eine gera­de­zu eupho­ri­sie­ren­de Aura ver­lei­hen, wie sie im Fern­se­hen wenn über­haupt, dann sicher lan­ge nicht mehr vor­ge­kom­men sind.

Anders als die klas­si­scher­wei­se als Serie bezeich­ne­ten For­ma­te, die aus in sich abge­schlos­se­nen Epi­so­den bestehen, sind die­se Seri­en in Abstam­mung der fort­lau­fen­den Fort­set­zung unter dem Namen „Seri­als“ » Wei­ter­le­sen «

Where Am I?

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