Die Baumol’sche „Kostenkrankheit“ der Theater und der Ökonomismus

Juni 17th, 2013 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

In Istanbul und Stuttgart werden Park-Naturoasen tapfer verteidigt – während die Abholzung von theatralen Kulturoasen in Trier, Dessau und anderswo vergleichsweise still über die Bühne gehen. Während wir vor dem Fernseher hockend täglich Bilder sehen, wie in Istanbul Parkanlagen gegen den Zugriff des Staates verteidigt werden und die Zentralmacht in die Krise gerät, scheint in Deutschland die Fällung der deutschen Theaterlandschaft weitgehend unspektakulär abzulaufen. Wird eine, auch nur als innerstädtische Parkinszenierung vorhandene, Um- oder Lebenswelt angegriffen, sind Bevölkerungen – wie schon in Stuttgart vor einigen Jahren – bereit auf die Barrikaden zu gehen und die Macht dazu zu zwingen, sich zur Sichtbarkeit zu entstellen, Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer einzusetzen. Hingegen sind Angriffe auf die gesellschaftliche Mitwelt und ihre Institutionen weitgehend widerstands- und protestfrei. Das Leben oder die Lebensgrundlage von Menschen einzuschränken mag hingehen – aber wehe, es geht Parks und Bäumen an die Borke. Wäre geleakt worden, dass die USA ein weltweites Entlaubungsprojekt unter dem Namen Prism gestartet hätte: Millionen wären auf den Straßen. Die Ausspähung der weltweiten Kommunikation – zieht nur eine ironisch-larmoyante Melancholie nach sich. Oder findet gar Befürworter in bedeutendem Umfang (die sicherlich anders reagierten, wäre bekannt geworden, dass deutsche Finanzämter sämtliche Geldströme und Konten ausspionierten … aber das ist ein anderes Thema.

In Trier, Sachsen-Anhalt und anderswo sind die Theaterinstitutionen in ihrer Existenz bedroht. Dagegen steht man ein bisschen auf: Zeichnet Online-Petitionen (immerhin ein erklecklicher Teil der Trierer Bevölkerung „unterschreibt“ gegen die diskutierte Verstümmelung oder Hinrichtung des dortigen Dreispartenhauses) oder veranstaltet Protestaktionen (etwa in Dessau und Eisleben). Von bedeutenden Protesten, wie weiland noch zur Schließung des Schillertheaters, ist kaum zu reden. Umweltverteidigung ruft die Menschen auf die Straße – Mitweltverteidigung kaum.

Um es vorweg zu sagen: ich bin mit den konkreten Verhältnissen in Trier und Dessau ebenso wenig vertraut, wie mit denen in Istanbul. Es sind für mich lediglich medial vermittelte Vorgänge. Aber das, was in den Medien zu finden ist und wie sich Medien dazu positionieren, kann als Anhaltspunkt dienen, um die folgende, ins Allgemeine gehende Stellungnahme zu ermöglichen.

An der Situation, dem eher mauen Widerstand gegen Theaterschließungen im Vergleich zu Parkabholzungen, sind die Theaterleute selbst nicht unschuldig. Dass an Theatern Protestformen genau in dem Augenblick gefunden werden, da es ans eigene Leder geht, während alle anderen zerstörerischen Akte die schönen Spielpläne nicht wirklich aus der Bahn werfen, lässt den Verdacht eines jämmerlichen Egoismus aufkeimen. Warum sollten Hartz 4-Empfänger sich dafür einsetzen, dass Theater am Leben gehalten werden – wo waren die Theater, als den Hartz 4 Empfängern das Leben beschnitten wurde? Wo waren damals die kreativen Widerstandsformen, mit denen jetzt der eigene Fortbestand gesichert werden soll? Wo ist der kreative Widerstand gegen Prism?

Dass die Bäume dagegen sind, abgeholzt zu werden, ist keine Überraschung. Die Kunst besteht darin, die Menschen gegen die Abholzung der Bäume und der Theater auf den Plan zu rufen. Und zwar indem Theater seine eigene Funktion in der Gesellschaft wiederentdeckt – bevor es ihm selbst an die Budgets geht. Ein Theater, das die „Ästhetik des Aufstands“ (Lehmann) erst entdeckt, wenn es darum geht, die Macher zu verteidigen, wird keine Allianzen und Verteidiger von außerhalb finden, die mehr als ein müdes „Och, nö. Wär schade.“ als Protest artikulieren.

Aber das ist eigentlich nicht das Thema dieses Postings – und dann am Ende wieder doch. Von den Bäumen zu Baumol. Damit zu dem Thema, warum die Auseinandersetzung mit Ökonomie und Ökonomismus nicht halt machen kann beim Kampf um die eigenen Theateretats. Und warum ein aktiver und kreativer Widerstand gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse zu spät kommt, wenn es erst um die Verteidigung der eigenen Budgets geht.

Das Kostendilemma der „performing arts“.

Als ich am Wochenende die leicht irrsinnige Präsentation der Unternehmensberatung ICG zur Zukunft des Trierer Theaters auf Twitter geshared habe (hier die Präse), bekam ich von @Fritz dankenswerterweise den Hinweis auf eine Publikation aus dem Jahr 1966: William J. Baumol & William G. Bowen: Performing Arts-The Economic Dilemma: A Study of Problems Common to Theater, Opera, Music and Dance. Das Buch kostet antiquarisch leider über 8000 Euro – deswegen bin ich auf andere Quellen angewiesen. Etwa den von @Fritz geschickten Link zu James Heilsbruns Artikel Baumol’s Cost Disease (hier als PDF) und den knappen Wikipedia-Eintrag zur „Baumol’schen Kostenkrankheit“ hier.

Baumols und Bowens Ausführungen sind von enormer Brisanz, da sie zeigen, dass kontinuierliche Kostensteigerungen an Theatern kein Problem ist, dem man wirklich begegnen könnte, sondern (und ich benutze diesen Begriff für ökonomische Zusammenhänge nur sehr ungern, halte ihn hier aber für gerechtfertigt) ein unumgängliches Naturgesetz, dessen Folgen zu tragen hat, wer ein Theater eröffnet. Die Zusammenhänge, wie ich sie verstanden habe, hier kurz zusammengefasst:

Industrielle Produktivitätssteigerung

Der Fortschritt in der produzierenden Wettbewerbswirtschaft – sagen wir: in der Industrie – besteht in fortgesetzter Effizienz- und Produktivitätssteigerung. Das heißt: Es geht darum, mit gleichbleibender Mitarbeiterzahl (weil die Lohnkosten der entscheidende Faktor sind) in gleicher Zeit mehr Stück zu produzieren und damit den Lohnanteil am Produkt (Lohnstückkosten) kontinuierlich zu senken. In einer Wettbewerbsgesellschaft wird das Unternehmen gewinnen, das es schafft, sein Produkt günstiger als vergleichbare Produkte der Wettbewerber anzubieten, dadurch Marktanteil, Umsatz und letztlich den Gewinn zu steigern. Das lässt sich überall in der Produktion beobachten.

Einen Teil des Produktivitätsgewinnes muss der Unternehmer an die Kunden weiter geben (Preissenkung), einen weiteren Teil streicht er als zusätzlichen  Gewinn (oder vermiedenen Verlust) ein. Einen dritten Teil gibt er an seine Mitarbeiter in Form von Lohnerhöhungen oberhalb der Inflationsrate weiter (Reallohnerhöhung – in einer idealen Welt). Letzteres sorgt nun dafür, dass die Einkommen oberhalb der Inflationsrate steigen, was neben einem steigenden Wohlstand der Beschäftigten zugleich den positiven Nebeneffekt einer Kaufkrafterhöhung (Binnennachfrage) zur Folge hat. Das ist der industrielle Mechanismus.

Produktivitätssteigerung in der Dienstleistung

Es ist relativ einfach zu sehen, dass diese Form der Produktivitäts- und Effizienzsteigerung in der Dienstleistungsökonomie nicht so einfach zu reproduzieren ist: Menschliche Dienstleistung ist in ihrer Effizienz und Produktivität nicht so einfach zu erhöhen. Man kann den Besen durch den Staubsauger ersetzen. Man kann manche Dienstleistung automatisieren, digitalisieren, rationalisieren, standardisieren. Man kann den Druck auf die Mitarbeiter erhöhen, schneller zu arbeiten. Und man kann – bei hinreichendem Arbeitskräfteangebot – die Löhne senken. All das geschieht mit bekannten Folgen, wie etwa der Notwendigkeit, staatlicherseits Löhne zu subventionieren, die den Arbeitnehmern nicht mehr zur Deckung des Lebensbedarfs ausreichen. Die Produktivität von Friseuren etwa lässt sich kaum steigern, ein Haarschnitt dauert im Wesentlichen einfach so lange, wie er dauert – also müssen die Löhne sinken, um der Logik des „Mehr output für weniger Lohn“ zu gehorchen. Während eine Industriegesellschaft eine Gesellschaft mit tendenziell wachsendem Wohlstand ist, ist eine Dienstleistungsgesellschaft (etwa 70% der deutschen Arbeitnehmer arbeiten in der Dienstleistung) eine Gesellschaft fallender Löhne – wobei ich nicht sicher bin, ob Baumol das so pointiert formuliert. (Vielleicht hat ihn jemand gelesen und kann dazu Auskunft geben.)

Produktivitätssteigerung in den Performing Arts

Baumol hat sich nun mit Theater und Orchestern beschäftigt und ein grundlegendes Dilemma formuliert: die Kostenkrankheit, die vor allem Dienstleister im öffentlichen Sektor betrifft und ganz vorneweg Theater. Und zwar so:

Theater können mit der fortschreitenden Rationalisierung, der Effizienz- und Produktivitätssteigerung nicht Schritt halten. Es ist zwar möglich, Beleuchtungsanlagen elektronisch zu steuern, die eine oder andere Tätigkeit durch Technologie oder Umorganisation effizienter zu machen. Aber die Möglichkeiten, im Kernbereich „mehr mit weniger“ zu produzieren besteht kaum. Man kann an der Ausstattung sparen, die Probenzeiten verkürzen bis zu einem gewissen Punkt. Man wird aber für einen Hamlet nicht weniger Darsteller, für eine Beethoven-Sinfonie nicht weniger Musiker brauchen. Die Produktivitätssteigerung ist begrenzt. Aber sie findet statt. Darauf wies der Theater Heute Artikel von Franz Wille vor kurzem hin (Hier).

Wille sah sich die Bühnenvereins-Statistiken an und kam zu einem für Kämmerer sehr zufriedenstellenden Ergebnis hinsichtlich der Effizienzsteigerung:

  • 1991/92 gab es in Deutschland 154 öffentliche Theaterbetriebe mit 462 Spielstätten mit 204.328 Plätzen.
  • 2000/01 gab es 150 Betriebe mit 728 Bühnen und Bühnchen mit 260.001 Plätzen.
  • 2010/11 gab es 140 Theater mit 890 Spielstätten bei 278.297 Plätzen.

Effizienzsteigerung heißt hier: Höherer Output durch annähernde Verdoppelung der Spielstätten. Das war aber nur die eine Hälfte der Effizienzsteigerung. Die andere bestand im Personalabbau:

  • 1991/92 gab es noch 45.076 ständig beschäftigte Theaterangestellte,
  • 2000/01 waren es nur noch 39.494.
  • 2010/11  nur noch  38.980.

Besonders stark war dabei die Reduktion bei den Darstellern:

  • 3.097 ständig beschäftige Schauspieler 1991/92
  • 2.413  ständig beschäftige Schauspieler 2000/01
  • 2.004 ständig beschäftige Schauspieler 2010/11.

Das macht ein Minus von 35 Prozent in 20 Jahren. In der Zusammenfassung: 35% weniger Darsteller müssen doppelt so viele Spielstätten bespielen.

Und auf den Spielstätten werden zudem noch mehr Inszenierungen und Aufführungen gezeigt:

  • 1991/92  wurden 2.841 Inszenierungen in 53.343 Aufführungen gezeigt.
  • 2000/01 waren es 2.922 Inszenierungen in 50.024 Aufführungen.
  • 2010/11 waren es 4.176  Inszenierungen in 49.134 Aufführungen.

Das heißt: In den letzten 20 Jahren hat sich die Zahl der Inszenierungen um ein Drittel erhöht, die Spielstätten wurden verdoppelt, die Zahl der Darsteller um 35% reduziert.

Zusätzlich kamen noch vielerlei effizienz- und produktivitätssteigernde interne Maßnahmen hinzu, zudem wurden die Budgets für die einzelnen Inszenierungen heruntergefahren, bis sie nunmehr an eine – nennen wir es einmal – physikalische Grenze geraten sind. Nicht zuletzt werden die finanziellen Arbeitsbedingungen der Künstler immer weiter verschlechtert. Das ist bekannt. Hinzu kommt der wachsende Erfolgsdruck durch höhere Eigenfinanzierungsauflagen im Kartenverkauf, die sicherlich die künstlerische Risikofreude auch nicht steigern.

Das alles sind Maßnahmen zur industrielogischen Produktivitätssteigerung – und sie bringen, folgt man Baumol, letztlich nichts. Warum?

Die Reallöhne der Beschäftigten werden und müssen weiter steigen. Das ist unumgänglich in einem Umfeld, in dem der gesellschaftliche Wohlstand weiter steigt. Das heißt: Auch wenn die Produktivität der Künstler sich nicht weiter steigern lässt, werden die Kosten für die Kunstproduktion steigen. Während zugleich die Qualität des Angebotenen sinkt, da die produktivitätssteigernden Maßnahmen (siehe oben) eine direkte Auswirkung auf das „Produkt“ haben. Kürzere Probenzeiten, weniger Personal, höhere Arbeitsbelastung, höhere Sozialangst bei den Mitarbeitern verbessern das „Produkt“ nicht. Man kann die Produktionen selber noch beschneiden: Mehr 1,2,3-Personenstücke, weniger 5,6,7-Personenstücke. Und greift damit in die Kunst ein. Das alles führt aber nicht an der Tatsache vorbei, dass die Löhne der beschäftigten weiter steigen und steigen müssen. Denn ein wachsender Wohlstand der durchschnittlichen Arbeitnehmerschaft, ein real steigendes Durchschnittseinkommen in der Gesellschaft muss sich auch in der Bezahlung der Theatermitarbeiter niederschlagen (und die GDBA tut gut daran, dafür zu kämpfen). Ganz einfach deswegen, weil kein Schwein mehr am Theater arbeiten wird, wenn dort Löhne aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gezahlt würden. Kunst hauptberuflich machen zu dürfen ist eine feine Sache – man muss sie sich aber leisten können. Und das heißt: Lohnerhöhungen müssen stattfinden. Und das wiederum heißt: Die Kosten werden steigen. Das ist ein „Naturgesetz“, das unumgänglich ist und das jedem Kämmerer bekannt und verständlich sein muss.

 

Eine Zwischenbemerkung

zu der theatralen Lebenslüge, es gäbe keinen Publikumsschwund:

  • 1990/1 gab es 6.114.293 Besuche  (nicht: BesucheRRRR – es handelt sich nicht Um BesucheRRR, sondern um Besuche; jeder BesucheR kann mehrere Besuche machen, da ist wichtig, weile s nicht klar ist, ob sich hinter einigermaßen konstanten Besuchszahlen nicht sinkende BesucheRRR-Zahlen verbergen)
  • 2000/01 gab es 5.438.455 Besuche
  • 2010/11 gab es 5.291.128 Besuche .

Und jetzt die kleine Rechenaufgabe:

1990/1: 6.114.293 Besuche  in 53.343 Aufführungen von 2.841 Inszenierungen heißt:

  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich 19 mal gespielt.
  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich bei 2152 Besuchen gesehen
  • Jede Aufführung hatte durchschnittlich 115 Besucher

2000/01: 5.438.455 Besuche  in 50.024 Aufführungen von 2.922 Inszenierungen heißt:

  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich 17 mal gespielt.
  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich bei 1861 Besuchen gesehen
  • Jede Aufführung hatte durchschnittlich 108 Besucher

2010/11: 5.291.128 Besuche  in 49.134 Aufführungen von 4.176 Inszenierungen heißt:

  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich 12 mal gespielt.
  • Jede Inszenierung wurde durchschnittlich bei 1267 Besuchen gesehen
  • Jede Aufführung hatte durchschnittlich 108 Besucher

Interessant sind jeweils die erste und zweite Zahlenreihe: Die Inszenierungen werden statt 19mal nur noch 12mal gespielt. Durchschnittlich hat statt 2152 Besuchen jede Inszenierung nur noch 1267 Besuche.

Wäre (eine Milchmädchenrechnung, zugegeben, aber eine durchaus den Blick schärfende) die Zahl der Inszenierungen bei den 2,841 der Spielzeit 1990/1 geblieben, wäre die Gesamtbesucherzahl heute irgendwo in der Nähe von 3.599.547 (2.841 Inszenierungen x – 1267 Besuchern/Inszenierung) und hätte sich damit nahezu halbiert.

Man könnte als Hypothese formulieren: Durch das steigende Angebot an Inszenierungen lassen sich Menschen öfter ins Theater locken (wozu sonst mehr Inszenierungen mit weniger Besuchen?). Dann aber verbirgt sich hinter den scheinbar konstanten Besuchszahlen ein BesucheR-Rückgang. Und wenn das ein kontinuierlicher Trend ist und die Zahl der Inszenierungen nicht weiter gesteigert wird (was wohl kaum möglich ist), dürfte dieser Trend sich auch demnächst in rückläufigen Besuchszahlen zeigen. Was Angst macht.

In jedem Falle ist es ein ökonomischer Irrsinn, wenn ein Drittel mehr Inszenierungen gebraucht wird, um damit eine um 20% geringere „Kunden“schaft zu bekommen, zudem noch mit 35% weniger Personal, das außerdem zu schlechteren Bedingungen arbeitet. Das ist theatraler Burnout.

Ende der Zwischenbemerkung

 

Das Ende der theatralen Rationalisierungsgewinne – und die Rückkehr der Baumol’schen Krankheit

Trotz all dieser „Effizienzgewinne“, trotz der kontinuierlichen Erhöhung der Eigenfinanzierung durch Eintrittskarten, so rechnet Franz Wille aus, ist in den letzten 20 Jahren der Theaterzuschuss aus öffentlichen Händen nur leicht gesunken. Obwohl also das Gesamtpersonal um 20%, die Schauspieler um 35% reduziert wurden, haben sich keine nennenswerten Einspareffekte für die öffentliche Hand eingestellt. Die Rationalisierungsschraube lässt sich nicht beliebig weiter drehen. Das Ende ist absehbar. Und es heißt: Die Kosten werden für den Unterhalt der Theater wieder steigen. Und zwar ziemlich heftig. Denn in den letzten 10-15 Jahren sind bekanntlich die Reallöhne in der freien Wirtschaft kaum oder gar nicht gestiegen. Das hat auch dazu geführt, dass die Löhne in den öffentlichen Betrieben nicht wesentlich gestiegen sind. In den nächsten Jahren wird sich dieser Trend verschieben hin zu stärkeren Lohnerhöhungen mit realer Steigerung. Und diese werden die Theater mitmachen müssen. Und das heißt: 3,4 oder 5% Kostensteigerung pro Jahr (die Arbeitsverträge sind übrigens nicht „einfach so“ kündbar – auch wenn das Theater geschlossen wird …)

Das ist die „Kostenkrankheit“, die sich durch keine Rationalisierung oder Effizienzsteigerung der Welt vermeiden lässt. Und das wiederum heißt: Wenn eine Stadt ein Theater will, muss sie es bezahlen. Wenn sie es nicht bezahlen will, kann sie kein Theater haben. Man kann die Baumol’sche Krankheit beklagen. Aber man kann sie nicht ignorieren, indem man sich die Augen zuhält oder blöd in Finanzplänen herumstreicht. Wer sich kein Theater leisten kann, bekommt kein Theater. Die Frage ist, ob das für die Theatermacher schlimmer ist – oder für die Städte, die sich in der Weise selbst kastrieren.

Die Baumol’sche Krankheit und der Ökonomismus

Theater finanziert sich nicht selbst, kann sich nicht selbst finanzieren. Theater kostet öffentliche Haushalte Geld. Und es wird immer teurer werden. Was sich am Theater in rein ökomonistischer Betrachtung als „Krankheit“ zeigt, ist die gesamtgesellschaftliche Wohlstandssteigerung. Je höher der Wohlstand, ausgedrückt im durchschnittlichen Einkommen, steigt, desto teurer werden öffentliche Dienstleistungen, die sich nicht rationalisieren lassen (oder nur bedingt). Das betrifft Lehrer an Schulen und Hochschulen, Polizisten Feuerwehrleute, Krankenschwestern und Ärzte. Als sie werden von der Politik behandelt, als müssten sie von dieser Krankheit kuriert werden – oder als müsse sich die öffentliche Hand von der Krankheit befreien, die sie sind.

Sich als Theater zurückzuziehen und nur um das eigene Budget zu kämpfen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Es gilt vielmehr, sich mit dem Ökonomismus auseinander zu setzen. Was heißt Ökonomismus? Ökonomie beschäftigt sich mit demjenigen Ausschnitt menschlichen Daseins und Handelns, der es mit wirtschaftlichen Tauschprozessen zu tun hat. Das aus dem gesamt auszuschneiden mag so lange legitim sein, wie man es als Ausschnitt betrachtet. Ökonomismus wird es dann, wenn der Ausschnitt zum Gesamt erklärt, wenn das Gesamt des menschlich-gesellschaftlichen Miteinanders zu einem Ökonomischen, nur durch ökonomische Gesetze geregelt verstanden wird. Weit vor der Klimakatastrophe und dem Islamismus ist dieser Ökonomismus die größte Bedrohung für das Zusammenleben im 21. Jahrhundert. Theater, die sich mit dem Ökonomismus nicht offensiv auseinandersetzen, die keinen Widerstand entwickeln gegen den Ökonomismus, von dem die Baumol’sche Krankheit nur ein Teil ist, können nicht überleben, können keinen gesellschaftlichen Rückhalt finden und können nicht erwarten, dass die anderen „Kranken“ sich mit ihm solidarisch erklären. Seien es die Kranken in der eigenen Stadt, im eigenen Land – oder die „Kranken“ Griechenlands oder Zyperns. Das „Theater des Aufstands“ ist ein Theater des Aufstands gegen den Ökonomismus. Und das erfordert tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Ökonomismus. Darauf sind Theater nicht vorbereitet. Das Theater des 21. Jahrhunderts ist kein Theater der Psychologie. Vermutlich nicht einmal der Soziologie. Es ist ein Theater der (Anti-)Ökonomie.

Neben dem Hinweis auf Baumol bekam ich am Wochenende per Twitter einen weiteren Hinweis. Auf ein aktuelles FAZ-Interview von Giorgio Agamben, den ich zweit grundsätzlich für überschätzt halte, dessen Fundierung Europas in Tradition und Geschichte ich nicht teile, dessen Diagnose der Gründng Europas auf rein ökonomischer Basis und dessen Ausblick ich aber unterschreibe:

Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriert sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie. Vieles deutet darauf hin, dass für den homo sapiens vielleicht der Moment gekommen ist, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren. (Quelle)

Anschließen lässt sich auch die Forderung, die Daniel Ris (dessen hochinteressantes Buch zur Unternehmensethik ich in  zwei Postings zum „Theater als moralische Anstalt und unmoralisches Unternehmen“ hier und hier rezensiert und thematisch aufgenommen habe) heute auf nachtkritik an die Theater gestellt hat:

Der beste Schutz der Theater ist sicher die gesellschaftliche Relevanz ihrer Kunst. Dem wachsenden Kommerzialisierungsdruck muss eine kraftvolle Formulierung und Umsetzung des gesellschaftlichen Kulturauftrags entgegengesetzt werden.

Wenn Theater eine gesellschaftliche Funktion hat, dann diejenige, die Reflexion über die Mitweltzerstörung durch ökonomistisches Denken ins Zentrum zu rücken, eines Denkens, das nicht nur das gesellschaftliche Zusammenleben in Europa zu zerstören unternimmt – sondern das auch das Theater zerstört, weil es Theater für „krank“ hält. Die „Krankheit“ des Theaters bewusst aufzugreifen und künstlerisch (nicht nur kameralistisch) anzugehen, ist der erste Schritt zu einem Schulterschluss mit den „Kranken“ Europas. Wenn diese „Kranken“ bemerken, dass das Theater wieder ihr Haus ist, dann wird man sich Spekulationen um Besucherzahlen sparen können. Dann werden schließungsbedrohte Theater zu „Breaking News“ auf CNN.

 

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§ 2 Responses to Die Baumol’sche „Kostenkrankheit“ der Theater und der Ökonomismus"

  • Fritz sagt:

    Sehr schön, insbesondere die Zahlen, die du ausgegraben hast. Sie zeigen, wie die Theater schon seit einigen Jahrzehnten von Saison zu Saison das Kostenthema auf dem Tisch haben. Übrigens wird steigende Produktivität zum Leidwesen der Theaterdirektoren nicht nur über Löhne an die MitarbeiterInnen weitergegeben, sondern auch über mehr Freizeit. Vor hundert Jahren hat ein Arbeiter 60 Stunden-Woche gehabt, das ging herunter auf 48 Stunden und schließlich auf 40 Stunden und 33 Tage Urlaub im Jahr etc. Die Bühnenarbeiter haben das natürlich auch bekommen, was den Personalbedarf der Theater erhöht hat.
    Ob man gegen Ökonomie protestieren kann, weiß ich nicht. Da steckt viel Mathematik drin und mit der kann man sich nur arrangieren, abschaffen geht nicht. Und auf der Gegenseite ist ja zu konstatieren, dass kein europäisches Land mehr pro Kopf seine Theater bezuschusst als Deutschland. Ökonomisch sind Theater schon lange nicht mehr zu rechtfertigen, werden aber noch weiterfinanziert. Das ist ja auch ein alter Streit: Sollten die paar Opernenthusiasten nicht vor allem mal für ihr Vergnügen selbst bezahlen?
    Am meisten sind Theater wie jede zuschussabhängige Kultur davon abhängig, dass die Bürger darin einen Sinn erkennen, den sie finanzieren möchten. Parks und Müllabfuhr und Sozialausgaben finden die Leute im Zweifelsfall wichtiger. Das war mal anders, aber wirklich zahlungswillige Leute und Firmen, die fürs Thetaer
    „was übrig“ hätten, die gibt es nicht mehr. Das Bürgertum ist ja kulturell weitgehend zusammengesackt (so das früher aus: http://booksnbuildings.tumblr.com/image/53107114299 ) und will nicht mehr so recht. Dann doch lieber großes Auto oder Yacht an der Ostsee. Ins Theater gehen jetzt eher kleinbürgerliche Habenichtse, d.h. die Eintrittspreise sind auch unter Druck. Das Theater kann sich nicht rauslösen aus der Mitte der Theatergänger, ohne dass hinter der Finanzierung die Fragezeichen größer werden. Dass Kunst und Theater Paradebeispiele für Verschwendung sein müssten wie früher, ist eigentlich klar und wäre eine Quelle des gesellschaftlichen Glücks (Bataille, erinnere ich mich dunkel, ist für eine Ökonomie der Verschwendung eingetreten bzw. für die Notwendigkeit, dass der Mensch hier und da es richtig krachen lassen muss, sonst versinkt er in Unglück – finde ich sehr nachvollziehbar, Feiern heißt den „Verschwendungstrieb“ zu befriedigen und das kann man auf Kultur übertragen – eine glückliche Gesellschaft möchte das Schöne gar nicht möglichst billig haben). Aber dazu müsste ein Theater Teil einer Stadt sein wie der Stadtpark. Und das ist schwierig, auch weil die Kulturformen heute ja mehr zu bieten haben als früher. Damals, als jede Stadt ihre stadtbekannten Theaterstars hatte … perdu.
    Ob ein „Thea­ter der (Anti-)Ökonomie“ ausreicht, das Theater zu retten? Ein Theater der ökonomischen Reflexion sicherlich nicht. Das kann ich auch im Internet haben. Anti-ökonomisch kann viel heißen, auch theatre pour le theatre. Oder ein Theater für das Glück der Menschen.
    (Darsteller gähnt, blickt verwirrt umher, schüttelt den Kopf über seinen Monolog und schwankt seitlich in die KUlyssen ab. Vorhang.)

  • […] keinesfalls besser und dürfte vor allem mit dem Überangebot an Arbeitskräften und der nicht stattfindenden Wertschöpfung in diesem Sektor zu tun haben. Auffällig ist aber, dass in der Kulturbranche mehr Frauen arbeiten. […]

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