Abbau der Sozialbürokratie – der blinde Fleck der Diskussion ums bedingungslose Grundeinkommen?

Januar 28th, 2016 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Das Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens scheint an der Zeit zu sein und verspricht, in näherer Zukunft nicht nur zunehmend öffentlich diskutiert zu werden, sondern auch steigende Wahrscheinlichkeit auf Realisierung zu bekommen: es heißt gelegentlich, die kürzlich bekannt gewordene geplante Initiative der Finnischen Regierung sei ein Schritt zum Grundeinkommen. In der Schweiz wird demnächst ein Volksentscheid mit dem (angeblichen) Ziel eines Grundeinkommens abgehalten werden. In Deutschland gibt es nicht nur wachsende Initiativen und Bewegungen, die auch in den vorhandenen politischen Institutionen Gehör und Befürworter finden. Sondern es melden sich auch einflussreiche Wirtschaftsvertreter zu Wort, (Telekom, Davos), die dem Konzept etwas abgewinnen können. Es soll hier außer acht bleiben, dass „Bedingungsloses Grundeinkommen“ ein ganzen Bündel von Konzepten (hier ein recht fundierter Überblick über einige Konzepte von Ronald Blaschke aus dem Jahr 2008) umfasst, die in ihrem Umfang, ihren Auswirkungen und Zielen extrem unterschiedlich sind: zwischen neoliberalem Sozialkahlschlag und emanzipatorischer Sozialutopie. Insgesamt und aufgrund der konzeptionellen Vielfalt bleibt das BGE deswegen umstritten. Ein Element, das aber geradezu bedingungslos von allen Modellen positiv angeführt würde, ist der damit (angeblich) mögliche (weitgehende) Abbau der sogenannten Sozialbürokratie. Also jener Verwaltung, die heute für die Bewilligung und Bescheidung der Anträge zuständig ist. Dieser Bestandteil der Utopie soll hier in den Blick genommen werden – weil die ausbleibende Diskussion, ob das wünschenswert ist, ein blinder Fleck ist, der weit weniger selbstverständlich auf Zustimmung hoffen kann, befasst man sich damit.

(Captatio Benevolentiae: Nicht alle Begriffe im folgenden Text sind scharf definiert, noch werden sie in einem strengen Sinne oder in Anlehnung an bestimmten wissenschaftlichen Sprachgebrauch verwendet. Das ist ein Manko. Aber ein hoffentlich akzeptables.)

Diese Sozialbürokratie ist zweifellos nicht nur ein Ärgernis für die Hilfebedürftigen. Sie ist durch die Maßnahmen der letzten Jahre zunehmend zu einer Kontroll- und Überwachungsinstitution umgebaut worden, die die Antragsteller und Leistungsberechtigten nicht unterstützt, sondern eher kujoniert bis an der Rand der Entwürdigung durch absurde „Mitwirkungspflichten“. Das mag nicht jeder glauben, insbesondere » Weiterlesen «

Die Deutsche Bank und wie sie die Zukunft der Arbeit sieht (spoiler: dystopisch)

Juli 9th, 2015 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Prognosen bleiben schwierig – insbesondere wenn die die Zukunft betreffen. Und sie erzählen zumeist mehr über die Zeit, in der sie entstehen, als über die nähere oder fernere Zukunft, über die sie zu erzählen sich vornehmen oder vorgeben. So vehement die eigene seherische Fähigkeit auch betont werden mag – die Wahrscheinlichkeit, auf empirischen Indizien begründet, ist doch vergleichsweise gering, dass diese Fähigkeit tatsächlich grundsätzlich und nachweislich diesem oder jenem Autoren zukommt, der darauf Anspruch erhebt. Das gilt natürlich in besonderem Maße für Autoren von Banken, die sich anschicken die gesellschaftliche Zukunft der nächsten Jahre vorherzusagen, dabei aber nicht einmal in der Lage sind, die Börsenkurse der nächsten Minuten (von bevorstehenden Finanzkrisen, Börsencrashs ganz zu schweigen) vorherzusagen.

Dennoch die Lektüre wert ist der Text über die Zukunftsassichten des sogenannten Arbeitsmarktes von der Deutschen Bank, genauer: Deutsche Bank Research, über den vor einigen Wochen bereits in der FAZ (hier) berichtet wurde und der nun online zu lesen ist. Der Verfasser » Weiterlesen «

Die Baumol’sche „Kostenkrankheit“ der Theater und der Ökonomismus

Juni 17th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In Istanbul und Stuttgart werden Park-Naturoasen tapfer verteidigt – während die Abholzung von theatralen Kulturoasen in Trier, Dessau und anderswo vergleichsweise still über die Bühne gehen. Während wir vor dem Fernseher hockend täglich Bilder sehen, wie in Istanbul Parkanlagen gegen den Zugriff des Staates verteidigt werden und die Zentralmacht in die Krise gerät, scheint in Deutschland die Fällung der deutschen Theaterlandschaft weitgehend unspektakulär abzulaufen. Wird eine, auch nur als innerstädtische Parkinszenierung vorhandene, Um- oder Lebenswelt angegriffen, sind Bevölkerungen – wie schon in Stuttgart vor einigen Jahren – bereit auf die Barrikaden zu gehen und die Macht dazu zu zwingen, sich zur Sichtbarkeit zu entstellen, Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer einzusetzen. Hingegen sind Angriffe auf die gesellschaftliche Mitwelt und ihre Institutionen weitgehend widerstands- und protestfrei. Das Leben oder die Lebensgrundlage von Menschen einzuschränken mag hingehen – aber wehe, es geht Parks und Bäumen an die Borke. Wäre geleakt worden, dass die USA ein weltweites Entlaubungsprojekt unter dem Namen Prism gestartet hätte: Millionen wären auf den Straßen. Die Ausspähung der weltweiten Kommunikation – zieht nur eine ironisch-larmoyante Melancholie nach sich. Oder findet gar Befürworter in bedeutendem Umfang (die sicherlich anders reagierten, wäre bekannt geworden, dass deutsche Finanzämter sämtliche Geldströme und Konten ausspionierten … aber das ist ein anderes Thema.

In Trier, Sachsen-Anhalt und anderswo sind die Theaterinstitutionen in ihrer Existenz bedroht. Dagegen steht man ein bisschen auf: Zeichnet Online-Petitionen (immerhin ein erklecklicher Teil der Trierer Bevölkerung „unterschreibt“ gegen die diskutierte Verstümmelung oder Hinrichtung des dortigen Dreispartenhauses) oder veranstaltet Protestaktionen (etwa in Dessau und Eisleben). Von bedeutenden Protesten, wie weiland noch zur Schließung des Schillertheaters, ist kaum zu reden. Umweltverteidigung ruft die Menschen auf die Straße – Mitweltverteidigung kaum.

Um es vorweg zu sagen: ich bin mit den konkreten Verhältnissen in Trier und Dessau ebenso wenig vertraut, wie mit denen in Istanbul. Es sind für mich lediglich medial vermittelte Vorgänge. Aber das, was in den Medien zu finden ist und wie sich Medien dazu positionieren, kann als Anhaltspunkt dienen, um die folgende, ins Allgemeine gehende Stellungnahme zu ermöglichen.

An der Situation, dem eher mauen Widerstand gegen Theaterschließungen im Vergleich zu Parkabholzungen, sind die Theaterleute selbst nicht unschuldig. Dass an Theatern Protestformen genau in dem Augenblick gefunden werden, da es ans eigene Leder geht, während alle anderen zerstörerischen Akte die schönen Spielpläne nicht wirklich aus der Bahn werfen, lässt den Verdacht eines jämmerlichen Egoismus aufkeimen. Warum sollten Hartz 4-Empfänger sich dafür einsetzen, dass Theater am Leben gehalten werden – wo waren die Theater, als den Hartz 4 Empfängern das Leben beschnitten wurde? Wo waren damals die kreativen Widerstandsformen, mit denen jetzt der eigene Fortbestand gesichert werden soll? Wo ist der kreative Widerstand gegen Prism?

Dass die Bäume dagegen sind, abgeholzt zu werden, ist keine Überraschung. Die Kunst besteht darin, die Menschen gegen die Abholzung der Bäume und der Theater auf den Plan zu rufen. Und zwar indem Theater seine eigene Funktion in der Gesellschaft wiederentdeckt – bevor es ihm selbst an die Budgets geht. Ein Theater, das die „Ästhetik des Aufstands“ (Lehmann) erst entdeckt, wenn es darum geht, die Macher zu verteidigen, wird keine Allianzen und Verteidiger von außerhalb finden, die mehr als ein müdes „Och, nö. Wär schade.“ als Protest artikulieren.

Aber das ist eigentlich nicht das Thema dieses Postings – und dann am Ende wieder doch. Von den Bäumen zu Baumol. Damit zu dem Thema, warum die Auseinandersetzung mit Ökonomie und Ökonomismus nicht halt machen kann beim Kampf um die eigenen Theateretats. Und warum ein aktiver und kreativer Widerstand gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse zu spät kommt, wenn es erst um die Verteidigung der eigenen Budgets geht.

Das Kostendilemma der „performing arts“.

Als ich am Wochenende die leicht irrsinnige Präsentation der Unternehmensberatung ICG zur Zukunft des Trierer Theaters auf Twitter geshared habe (hier die Präse), bekam ich von @Fritz dankenswerterweise den Hinweis auf eine Publikation aus dem Jahr 1966: William J. Baumol & William G. Bowen: Performing Arts-The Economic Dilemma: A Study of Problems Common to Theater, Opera, Music and Dance. Das Buch kostet antiquarisch leider über 8000 Euro – deswegen bin ich auf andere Quellen angewiesen. Etwa den von @Fritz geschickten Link zu James Heilsbruns Artikel Baumol’s Cost Disease (hier als PDF) und den knappen Wikipedia-Eintrag zur „Baumol’schen Kostenkrankheit“ hier.

Baumols und Bowens Ausführungen sind von enormer Brisanz, da sie zeigen, dass kontinuierliche Kostensteigerungen an Theatern kein Problem ist, dem man wirklich begegnen könnte, sondern (und ich benutze diesen Begriff für ökonomische Zusammenhänge nur sehr ungern, halte ihn hier aber » Weiterlesen «

Die Darstellung der Welt als eine Veränderbare – Brecht revisted

April 22nd, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn also Massenmedien die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben, so konstruieren und darstellen, dass unser Wissen über diese Geselslchaft mehr oder minder aus den Massenmedien stammt (Luhmann) – was bleibt dann einer darstellenden Kunst noch zu konstruieren? Sich ein Bild von der Welt zu machen, kann es kaum sein. Denn gegen das massenmediale Bild von Fernsehen und Zeitungen kann es nicht ankommen, dafür ist Theater zu langsam, ihm fehlen die personellen und finanziellen Mittel. Und das Publikum ist viel zu klein. In diesem Zusammenhang bin ich über einen kleinen Brecht-Text von 1955 gestolpert, der sich dem Problem der Darstellbarkeit der Welt widmet und dazu Stellung bezieht. Was Brecht im Angesicht der atomaren Bedrohung schreibt, lässt sich eventuell auch über die Welt im Angesicht der monetären Bedrohung noch einmal sagen. Ich zitiere ihn in ganzer Länge unkommentiert. Die Fettungen sind allerdings von mir.

Brecht – Über die Darstellbarkeit der Welt auf dem Theater

Mit Interesse höre ich, daß Friedrich Dürrenmatt in einem Gespräch über das Theater die Frage gestellt hat, ob die heutige Welt durch Theater überhaupt noch wiedergegeben werden kann.

Diese Frage, scheint mir, muß zugelassen werden, sobald sie einmal gestellt ist. Die Zeit ist vorüber, wo die Wiedergabe der Welt durch das Theater lediglich erlebbar sein mußte. Um ein Erlebnis zu werden, muß sie stimmen.

Es gibt viele Leute, die konstatieren, daß das Erlebnis im Theater schwächer wird, aber es gibt nicht so viele, die eine Wiedergabe der heutigen Welt als zunehmend schwierig erkennen. Es war diese Erkenntnis, die einige von uns Stückeschreibern und Spielleitern veranlaßt hat, auf die Suche nach neuen Kunstmitteln zu gehen.

Ich selbst habe, wie Ihnen als Leuten vom Bau bekannt ist, nicht wenige Versuche unternommen, die heutige Welt, das heutige Zusammenleben der Menschen, in das Blickfeld des Theaters zu bekommen.

Dies schreibend, sitze ich nur wenige hundert Meter von einem großen, mit guten Schauspielern und aller nötigen Maschinerie ausgestatteten Theater, an dem ich mit zahlreichen, meist jungen Mitarbeitern manches ausprobieren kann, auf den Tischen, um mich Modellbücher mit Tausenden von Fotos unserer Aufführungen und vielen mehr, oder minder genauen Beschreibungen der verschiedenartigsten Probleme und ihrer vorläufigen Lösungen. Ich habe also alle Möglichkeiten, aber ich kann nicht sagen. daß die Dramaturgien, die ich aus bestimmten Gründen nichtaristotelische nenne, und die dazugehörende epische Spielweise die Lösung darstellen. Jedoch ist eines klargeworden: Die heutige Welt ist den heutigen Menschen nur beschreibbar, wenn sie als eine » Weiterlesen «

Der Gedanke einer aufziehenden Digitalökonomie erreicht Banken – in Form von Angst

Februar 17th, 2013 § Kommentare deaktiviert für Der Gedanke einer aufziehenden Digitalökonomie erreicht Banken – in Form von Angst § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es gab ja hier im Blog in den letzten Jahren durchaus einige Beiträge zum Thema Digitalökonomie (hier der Kategorie-Link) und den damit anstehenden revolutionären Veränderungen. Nicht zuletzt deswegen wurde hier ja auch das virtuelle „Institut für Digitalökonomie“ gegründet. Die Möglichkeiten, die etwa Facebooks Credits (auch wenn inziwschen wietgehend eingestellt) hat, habe ich hier beschrieben. Die Ähnlichkeit zwischen Finanzwesen und Musikindustrie etwa hier. Über die fantastischen Möglichkeiten von mobile Payment, wie sie in Afrika zu sehen sind, hier.

Inzwischen scheint der Gedanke an die fundamentalen Veränderungen (übrigens auch in Schuld und Schein zu finden), die gerade dabei sind, ihre Kraft zu entwickeln, offenbar auch in den Köpfen oder zumindest den limbischen Systemen der Bankentscheider angelangt. Als Ergebnis einer neuen Studie von Steria Mummert und F.A.Z.-Institut ist zu lesen:

Die klassischen Banken sehen sich immer stärker von branchenfremden Wettbewerbern bedroht. Insbesondere Bezahlsysteme im Internet gefährden ihr Geschäft. Dieser Ansicht sind 57 Prozent der Entscheider » Weiterlesen «

Sparnien, Siechenland, Irrland, Kapitalien – die Verschuldeten und die Schuldigen

Oktober 9th, 2012 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Jawoll, recht so. Die Faulpelze aus den Südländern, die eigentlich nichts anderes tun, als am Strand rumzulungern, Wein zu verkonsumieren und den Staat auszuplündern haben es nicht anders verdient, als im Namen einer kosmisch-monetären Gerechtigkeit jetzt die Rechnung zu begleichen. Während die deutschen Ameisen Sommers wie Winters geschuftet haben, um ihren Bau gegen jedes Wetter abzusichern, haben diese Südländer da wie die fabelhafte Grille nur gezirpt und gesungen. Jetzt im Winter – sollen sie hungern.

Das ist der Duktus, der der Öffentlichkeit als herrschende Erzählung weißmachen soll, warums denen da jetzt so dreckig gehen muss, wie es ihnen geht. Und genau mit dieser Legende, die in ihrer historischen Wirkmacht der Dolchstoßlegende gleichkommen dürfte, wird verschleiert, was sich da tatsächlich abspielt. Nicht dass ich ich etwa als gelehrter ökonomischer Scholastiker in der Lage wäre, all das more oeconomico auseinanderzunehmen und anders zu erklären. Das tun zu wollen, hieße ja, sich diesem Diskurs so weit anzuverwandeln, dass der Blick sich notgedrungen verschleiern muss. Ignoranz ist vielmehr das Gebot der Stunde – und die Reduktion der Betrachtung des Ökonomischen auf ein – so weit möglich – Außerhalb des ökonomischen Diskurses. Und der geht so:

Die unverantwortlichen Schuldenmacher?

Massenblättchen erzählen gerne Geschichten darüber, wie pomfortionös die Misswirtschaft in dem Land ist, das vor noch nicht allzu langer Zeit als Wiege der europäischen Hochkultur gefeiert wurde (N.B. wärs andersrum, die griechischen Zeitungen könnten sicherlich genüsslich aus den Jahresberichten des Deutschen Bundesrechnungshofes zitieren,von Berliner Flughäfen und Ähnlichem wollen wir nicht weiter reden…). Schauen wir uns die Zahlen an:


Zweierlei fällt daran auf:

  1. So wahnsinnig groß ist der Ausschlag der PIIGS-Staaten nicht. Im Vergleich zu Japan sind diese vielmehr ausgesprochene Sparbrötchen.
  2. Die Knicks in den Kurven liegen in genau den Jahren nachdem festgestellt wurde, dass diese Länder gar so überschuldet sind und deswegen sparen müssen. Also: Die Verschuldungquote explodiert, seit festgestellt wurde, dass die Länder zu verschuldet sind und von den nicht demokratisch gewählten Institutionen wie der Troika dazu angehalten werden, weniger Schulden zu machen und die Staatshaushalte zu reduzieren. Das scheint ja ganz großartig zu funktionieren.

Um Schulden abzutragen – arbeitet man am besten weniger?

Ein anderes Diagramm, das ebenfalls auf Daten der Weltbank beruh, zeigt, dass die Folgen sich als Arbeitslosigkeit ausdrücken. Insbesondere Spanier zahlen den Preis für die angebliche Schluderei mit Arbeitslosigkeit. Arbeitslosigkeit? Wie soll durch steigende Arbeitslosigkeit eigentlich der ach so skandalöse Schuldenberg abgetragen werden?


Sind die Faulpelze so faulpelzig, dass sie sich jetzt gar nicht mehr von der Playa fortbewegen wollen? Und sorgt das dann dafür, dass die Wirtschaft besser läuft? Schauen wir mal:


Ach so, bis 2007 war in all den faulpelzigen Ländern noch ein ganz ordentliches BIP-Wachstum zu finden. Dann erst brach es ein. Und seit Griechenland unter dem Diktat der Troika steht, geht’s mal richtig abwärts. Da regiert mit Antonis Samaras immerhin ein Ökonom, ein Experte. Wie auch in Italien, wo der Goldman-Sachs-Berater Mario Monti dafür sorgt, dass die Wirtschaft … brummelt. SpOn schriebs  vor drei Wochen: Im Jahr 2012 schrumpft die italienische Wirtschaft um 2,6%. Im Jahr 2013 (Prognose, Prognose) soll sie um 1,8% schrumpfen. Dabei hat doch die italienische Regierung alles getan:

Die Technokratenregierung von Ministerpräsident Mario Monti hatte gleich zu Beginn ihrer Amtszeit ein umfassendes Reformprogramm angekündigt und zum großen Teil auch durchgesetzt. Die Frühverrentung wurde eingeschränkt und die Rente mit 67 eingeführt. Gebühren und Steuern wurden erhöht, Ausgaben gekürzt. Doch die Reformen haben bisher vor allem die Wirtschaft abgewürgt. (SpOn)

Dass die griechische Technokratenregierung mit ähnlichen Reformen unter dem Diktat der Troika ähnliche Erfolge hat, können wir jeden Tag der Presse entnehmen. Zum Beispiel vorgestern im Manager Magazin: Die Wirtschaft schrumpfte 2010 um 4,9%, 2011 um 7,1%, 2012 um 6,5%. Dafür steigt die Schuldenquote auf 140% (Quelle). Hä? War nicht der Schuldenabbau das eigentliche Ziel für die „Reformen“?

Und Sparnien? Wird dieses und nächstes Jahr mehr Schulden machen. Sieben Prozent Defizit dieses Jahr, sagt der IWF. 5,7% nächstes Jahr. (SpOn) Und die Wirtschaft? Schrumpft. Dieses Jahr um 1,8%, nächstes Jahr um 1,5% (SpOn).

2007 – was war da gleich noch?

Seit 2007 geht’s abwärts. 2007? Was war da gleich noch? Ach ja, die Bankenkrise. Die mussten gerettet werden. Und dafür wurden 1,6 Billionen Euro von den europäischen Staaten aufgewendet (Quelle). 1,6 Billionen oder 13% des BIP. Was das mit dem Schuldenstand zu tun hat, erklärt die Deutsche Bundesbank:

Die deutschen Staatsschulden (Gebietskörperschaften und Sozialversicherungen einschließlich der zuzurechnenden Extrahaushalte) betrugen nach vorläufigen Berechnungen zum Jahresende 2010 in der Abgrenzung des Maastricht-Vertrages rund 2,080 Billionen € beziehungsweise 83,2 % des BIP. Damit erhöhte sich der Schuldenstand gegenüber dem Vorjahr um 319 Mrd €, und die Schuldenquote nahm um fast 10 Prozentpunkte zu.

In dem starken Schuldenzuwachs spiegeln sich umfangreiche Maßnahmen zur Finanzmarktstabilisierung in Höhe von 241 Mrd € wider, die vor allem im Zusammenhang mit den Abwicklungsanstalten FMS Wertmanagement (HRE) und Erste Abwicklungsanstalt (WestLB) standen. Die seit 2008 kumulierten Effekte von Finanzmarktstützungsmaßnahmen auf den Schuldenstand beliefen sich gemäß den derzeit berücksichtigten vorläufigen Werten auf 335Mrd € bzw. 13,4 % des BIP. Dem Zuwachs an Schulden steht dabei die Übernahme von umfangreichen Risikoaktiva gegenüber. Soweit sich die Aktiva im weiteren Verlauf verwerten lassen, wird sich dies zukünftig in einem sinkenden Schuldenstand niederschlagen. (Quelle; Hervorh. Von mir)

Toll. Die Staaten retten die Banken, nehmen dafür mehr Schulden auf, bekommen dann schlechtere Bewertungen hinsichtlich ihrer Kreditwürdigkeit – und gehen den Bach hinunter. Die Banken hingegen haben sich prächtig erholt, wie es das Quartals-Chart der Federal Deposit Insurance Corporation, der amerikanischen Einlagensicherung » Weiterlesen «

Auf der documenta ist’s wie daheim im Arbeitszimmer #d13

Juli 29th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Auf der documenta ist’s wie daheim im Arbeitszimmer #d13 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Susan Hiller: Die Gedanken sind frei. Neue Galerie. (Hier noch ein tolles Bild von der Arbeit).

Und so sähs bei mir aus:

 

Commerzbankchef findet: Anleger haben zu viel Geld {Updated)

Oktober 30th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Commerzbankchef findet: Anleger haben zu viel Geld {Updated) § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In einer Zeit, da Medien und veröffentlichte Politiker sich die Schlagzeilen und Nächte um die Ohren hauen, um verschuldeten Ländern Geld zur Verfügung zu stellen, ist das folgende, gerade hier auf SpOn gefundene Zitat des Commerzbankchefs Blessing von skurriler Interessanz:

Es gebe außerdem im Moment zu viel Liquidität im Markt, sagte Blessing, „und deshalb sehr viele Anlagegelder. Wir müssen zusehen, wie wir langsam wieder Liquidität aus dem Markt nehmen können“.

Das Problem der Märkte scheint nach Blessing also zu sein, dass Commerzbank-Kunden – denn das sind die Anleger – über zu viel Geld verfügen. Das Problem ist also nicht etwa Knappheit von Geld (wie manche zu glauben scheinen, die sich » Weiterlesen «

Von der dokumentarischen Erzählung zur Spekulation: Börsencrashs, Medienhypes, Ende des Dramas

August 14th, 2011 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Von dem weissgarnix-Mitblogger Frank Lübberding ist in der FAZ hier  ein Artikel zu lesen, in dem er mit gewisser Wut Medien Mitschuld gibt an den Verwerfungen an der Börse. Dabei scheint er diese Behauptung ansatzweise für ungeheuerlich oder skandalogen zu halten. Mit einer Formulierung, die hier aus dem Blog stammen könnte, schreibt er:

Die Finanzmärkte werden aber als ein […] Drama inszeniert. […]Die Medien lauschen jedem Statement und posaunen es in die Welt. Um die inhaltliche Relevanz solcher Stellungnahmen geht es nicht. Die größte Posaune in diesem Orchester ist der Online-Ticker. […]  Jedes Katastrophen-Szenario bekommt seine Plausibilität, weil es mit den Erwartungen des Publikums übereinstimmt. Es ist süchtig geworden nach Neuigkeiten. So machen die Medien aus der Volatilität eines Handelstages ein Drama, das sich bestens vermarkten lässt

Und als eine Art Quintessenz lässt sich lesen:

Medien und Märkte leben in einer symbiotischen Beziehung.

Das klingt nach einer klugen Einsicht – aber das Rabbit Hole geht tiefer, als Lübberding zumindest an dieser Stelle andeutet. Es ist kein Zufall, dass der Begriff der Spekulation sowohl in der  Finanzwelt wie in der Medienwelt gerade als Gesamtzustandsbeschreibung dienen kann. Sowohl die mediale als auch die finanzmarktliche Spekulation lässt sich von unsortierten Neuigkeiten (Lübberdings Live-Ticker) und Gerüchten zum Handeln verleiten. Der Börsianer kauft oder verkauft, der Journalist haut eine verkaufbare oder nicht-verkaufbare Meldung raus.

Märkte und Medien – und Politik

Das seltsame singulare tantum „die Märkte“ lebt mit dem anderen singulare tantum „die Medien“ nicht nur in einer symbiotischen Beziehung. Vielmehr sind mediale und märktliche Spekulation letzten Endes dasselbe. „Die Märkte“ reagieren auf Meldungen der Medien. Es gibt keinen Tradersaal ohne Ticker und Laufbänder, die aus Medieninhalten gespeist werden. Ähnlich den eingeblendeten Aktienkursen fungieren die durchlaufenden Meldungen aus den unterschiedlichen Quellen und Ecken der Welt als Handlungsgrundlage für Trader. „Die Märkte“ hängen ab von „den Medien“. Zugleich liefern sie wiederum Meldungen für „die Medien“. Gerade in scheinbar krisenhaften  Situationen wie in den letzten Wochen konzentrieren sich „die Medien“ auf die Handelsverläufe an der Börse. „Der DAX“ wird mit seinen Bewegungen zum Hauptgegenstand der Live-Tickerei. Dabei ist der DAX selber nichts als ein kommunikationsermöglichendes Konstrukt. Wie andere Indices auch, bildet er eine mehr oder minder zufällige Auswahl von Unternehmens-Aktienwerten ab und generiert damit einen zeitlich darstellbaren Verlauf. Er hat keine Aussage – es sei denn, er wird in eine Erzählung integriert. Die Erzählung der gesamtwirtschaftlichen Situation und Entwicklung etwa. Diese Erzählung erzählen „die Medien“. Und sie erzählen sie im politischen Umfeld und leiten daraus Handlungsaufforderungen an „die Politik“ ab. Etwa diejenige, die Staatsverschuldung zu korrigieren.

Die „Entkopplung von der Realwirtschaft“

Gelegentlich lässt sich in Kommentaren die Diagnose oder die Kritik lesen und hören, dass „die Märkte“ sich von der Realwirtschaft abgekoppelt hätten. Darin schwingt die Erwartung mit, dass der Aktienwert eines Unternehmens gefälligst seine wirtschaftliche Situation wieder zu spiegeln habe. Als wäre der Aktienwert eine Art Wirtschaftsthermometer, das in einer quantifizierten Angabe unumstößlich zeigt, welchen Wert ein Unternehmen hat. So naiv das schon immer gewesen sein mag – diese Koppelung ist nur eine der möglichen Koppelungen. Notwendig war und ist sie nicht. Denn der Wert einer Aktie wird nicht von einer Ratingkommision bestimmt, sondern von Handelnden Akteuren, die den Preis der Aktie unter sich ausmachen. Die gelegentliche aufgeregte Verblüffung, dass Kurse „fundamental gesunder“ oder „grundsolider Unternehmen“, die vielleicht sogar konstanten Gewinn abwerfen, sinkt, während Phantasieunternehmen wie diejenigen der Hightech-Bubble vor der Jahrtausendwende, ins Unermessliche steigen, zeigt die noch vorhandene Naivität bei einigen Beobachtern. Sie sind den alten Erzählformen noch verhaftet. Sie glauben noch an das Drama.

Die Macht der Erzählung

In der Hochzeiten der Dokumentgesellschaft war es Aufgabe der Massenmedien, nicht nur die als Nachrichten zu präsentierenden Geschehnisse auszuwählen, sondern insbesondere auch, eine Geschichte daraus zu generieren, die sich von „Ausgabe zu Ausgabe“ (der Zeitung, der Radio- oder Fernsehnachrichtensendung) weiter erzählen ließ. Diese Geschichte setzte aus Geschehnissen an und leitete daraus Vorblicke auf möglicherweise Geschehendes bzw. Forderungen an die Akteure ab, wie denn zu handeln sei. Im Chaos des Alltags sorgt das Medium für Orientierung. Aus den Handlungsforderungen wird Druck auf verantwortliche politische Akteure generiert, indem man sich der willfährigen Opposition bedient. Irgendeiner von denen wird schon etwas fordern, das in die mediale Story passt.

Diese Erzählkunst war auch im Bereich der Börse gefragt. Die Kursbewegungen sollten von Zeichendeutern – den Auguren der römischen Antike durchaus vergleichbar – aufgenommen und in eine Erzählung eingefügt werden. Es sind die Erzählungen, die jeden Abend in den Börsenberichterstattungen der Fernsehkanäle stattfinden, ebenso die Erzählungen in den » Weiterlesen «

Zum Begriff der Inszenierung und ihrer Kritik

Juli 10th, 2011 § 4 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Warum das Festhalten am Begriff der Inszenierung das Denken über und das Arbeiten für Theater behindert und was eine Konsequenz für die Theaterkritik wäre, wie sie sich demnach neu erfinden müsste, versucht dieses Posting zu klären. Beim Schreiben der ersten Zeile, kenne ich das Ende noch nicht. Ich weiß nicht, worauf es hinausführt, ob es auf etwas hinausführt oder wohin es führt.

 Zum Begriff der Inszenierung

Der Begriff der Inszenierung gehört so sehr zum (unbefragten) Kernbestand des noch vorherrschenden Dispositivs von Theater – verkürzt als Stadttheater benennbar – dass das Denken eines anderen Theaters, insbesondere eines Netztheaters oder Theaters unter den Bedingungen der Netzgesellschaft – es nicht unterlassen darf zu befragen und letztlich zurückzuweisen, was in diesem Begriff als fraglos unterstellte Aufgabe oder Funktion von Theater mitgeschleift wird. Insbesondere die Verwobenheit der Theaterkritik in dieses Konzept ist dabei zu befragen.

Der Text als Stückwerk

Traditionell setzt der Begriff der Inszenierung voraus, dass es etwas gibt, das in Szene gesetzt (mise en scene) wird. Und zwar einen Text, ein Drama – mithin eine literarische Gattung, die in ihrer Machart erkennbar darauf angelegt ist, in Szene gesetzt zu werden. Als Markierung für eine solche Absicht findet sich eine besondere Schreibweise dieses Textes, ein besonderer formaler Aufbau dessen, was auf der Szene von wem zu sagen ist und zusätzlich pro-grammierende Nebentexte, die sowohl sagen, wie etwas zu sprechen ist und wie die optische Gestaltung der Szenerie aussehen soll, wie sie zugleich die Stückhaftigkeit durch den Versuch, das Stückwerk zu ergänzen, erst um so deutlicher markieren.  Der Text trägt die Markierung seiner Halbfertigkeit in einigen Sprachen bereits vor sich her, indem er als Stück benannt ist, also nur als ein Teil dessen, was bei seiner Inszenierung die Ganzheit der Szenerie ausmacht.

 Das Stück als Textwerk

Als Bestandteil der Schriftgesellschaft und als lesbarer Text, als Werk eines Schreibers aber gehorcht er zugleich Erwartungshaltungen, die an Schriftwerke gestellt werden: aus der schwarzweiß mäandernden bloß physischen Materialität ergibt sich in der Lektüre sowohl der Vorstellungsraum eines imaginären Theaters, der rhetorischen Tradition der ekphrasis nicht unähnlich, die durch lebhafte und. Genaue Beschreibung von Dingen oder Geschehnissen bewirken wollte, dass die beschriebenen Dinge oder Geschehnisse vor dem „inneren Auge“ des optischen oder besser noch akustischen Lesers sichtbar werden. Zugleich ergibt sich trotz der Stückhaftigkeit des Stücks, die bei der Lektüre insbesondere von als literarisch geltenden Werken immer unterstellte Eigensinn des Textes. Wie stückhaft ein Stück auch sein mag – der schulisch ausgebildete Leser wird nicht umhinkommen, nach der „Aussage“ des Textes zu fragen oder ihr nachzugehen. Markierung dieser Suche war seit jeher die Frage, was der Autor damit anderes sagen wolle, als das, was er wirklich geschrieben hat. Texte werden dann zu Transportmitteln für verborgene Aussagen über Liebe, Macht, Familie und so weiter. Und gerade findet sich – in eine rhetorische Frage verpackt – diese Forderung an Theater auch wieder in der Schrottpresse, hier im Hamburger Albernblatt:

Ist das Theater nicht gerade dazu da, Stücke, die man beim Lesen allein » Weiterlesen «

Where Am I?

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