Von der dokumentarischen Erzählung zur Spekulation: Börsencrashs, Medienhypes, Ende des Dramas

August 14th, 2011 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

Von dem weissgarnix-Mitblogger Frank Lübberding ist in der FAZ hier  ein Artikel zu lesen, in dem er mit gewisser Wut Medien Mitschuld gibt an den Verwerfungen an der Börse. Dabei scheint er diese Behauptung ansatzweise für ungeheuerlich oder skandalogen zu halten. Mit einer Formulierung, die hier aus dem Blog stammen könnte, schreibt er:

Die Finanzmärkte werden aber als ein […] Drama inszeniert. […]Die Medien lauschen jedem Statement und posaunen es in die Welt. Um die inhaltliche Relevanz solcher Stellungnahmen geht es nicht. Die größte Posaune in diesem Orchester ist der Online-Ticker. […]  Jedes Katastrophen-Szenario bekommt seine Plausibilität, weil es mit den Erwartungen des Publikums übereinstimmt. Es ist süchtig geworden nach Neuigkeiten. So machen die Medien aus der Volatilität eines Handelstages ein Drama, das sich bestens vermarkten lässt

Und als eine Art Quintessenz lässt sich lesen:

Medien und Märkte leben in einer symbiotischen Beziehung.

Das klingt nach einer klugen Einsicht – aber das Rabbit Hole geht tiefer, als Lübberding zumindest an dieser Stelle andeutet. Es ist kein Zufall, dass der Begriff der Spekulation sowohl in der  Finanzwelt wie in der Medienwelt gerade als Gesamtzustandsbeschreibung dienen kann. Sowohl die mediale als auch die finanzmarktliche Spekulation lässt sich von unsortierten Neuigkeiten (Lübberdings Live-Ticker) und Gerüchten zum Handeln verleiten. Der Börsianer kauft oder verkauft, der Journalist haut eine verkaufbare oder nicht-verkaufbare Meldung raus.

Märkte und Medien – und Politik

Das seltsame singulare tantum „die Märkte“ lebt mit dem anderen singulare tantum „die Medien“ nicht nur in einer symbiotischen Beziehung. Vielmehr sind mediale und märktliche Spekulation letzten Endes dasselbe. „Die Märkte“ reagieren auf Meldungen der Medien. Es gibt keinen Tradersaal ohne Ticker und Laufbänder, die aus Medieninhalten gespeist werden. Ähnlich den eingeblendeten Aktienkursen fungieren die durchlaufenden Meldungen aus den unterschiedlichen Quellen und Ecken der Welt als Handlungsgrundlage für Trader. „Die Märkte“ hängen ab von „den Medien“. Zugleich liefern sie wiederum Meldungen für „die Medien“. Gerade in scheinbar krisenhaften  Situationen wie in den letzten Wochen konzentrieren sich „die Medien“ auf die Handelsverläufe an der Börse. „Der DAX“ wird mit seinen Bewegungen zum Hauptgegenstand der Live-Tickerei. Dabei ist der DAX selber nichts als ein kommunikationsermöglichendes Konstrukt. Wie andere Indices auch, bildet er eine mehr oder minder zufällige Auswahl von Unternehmens-Aktienwerten ab und generiert damit einen zeitlich darstellbaren Verlauf. Er hat keine Aussage – es sei denn, er wird in eine Erzählung integriert. Die Erzählung der gesamtwirtschaftlichen Situation und Entwicklung etwa. Diese Erzählung erzählen „die Medien“. Und sie erzählen sie im politischen Umfeld und leiten daraus Handlungsaufforderungen an „die Politik“ ab. Etwa diejenige, die Staatsverschuldung zu korrigieren.

Die „Entkopplung von der Realwirtschaft“

Gelegentlich lässt sich in Kommentaren die Diagnose oder die Kritik lesen und hören, dass „die Märkte“ sich von der Realwirtschaft abgekoppelt hätten. Darin schwingt die Erwartung mit, dass der Aktienwert eines Unternehmens gefälligst seine wirtschaftliche Situation wieder zu spiegeln habe. Als wäre der Aktienwert eine Art Wirtschaftsthermometer, das in einer quantifizierten Angabe unumstößlich zeigt, welchen Wert ein Unternehmen hat. So naiv das schon immer gewesen sein mag – diese Koppelung ist nur eine der möglichen Koppelungen. Notwendig war und ist sie nicht. Denn der Wert einer Aktie wird nicht von einer Ratingkommision bestimmt, sondern von Handelnden Akteuren, die den Preis der Aktie unter sich ausmachen. Die gelegentliche aufgeregte Verblüffung, dass Kurse „fundamental gesunder“ oder „grundsolider Unternehmen“, die vielleicht sogar konstanten Gewinn abwerfen, sinkt, während Phantasieunternehmen wie diejenigen der Hightech-Bubble vor der Jahrtausendwende, ins Unermessliche steigen, zeigt die noch vorhandene Naivität bei einigen Beobachtern. Sie sind den alten Erzählformen noch verhaftet. Sie glauben noch an das Drama.

Die Macht der Erzählung

In der Hochzeiten der Dokumentgesellschaft war es Aufgabe der Massenmedien, nicht nur die als Nachrichten zu präsentierenden Geschehnisse auszuwählen, sondern insbesondere auch, eine Geschichte daraus zu generieren, die sich von „Ausgabe zu Ausgabe“ (der Zeitung, der Radio- oder Fernsehnachrichtensendung) weiter erzählen ließ. Diese Geschichte setzte aus Geschehnissen an und leitete daraus Vorblicke auf möglicherweise Geschehendes bzw. Forderungen an die Akteure ab, wie denn zu handeln sei. Im Chaos des Alltags sorgt das Medium für Orientierung. Aus den Handlungsforderungen wird Druck auf verantwortliche politische Akteure generiert, indem man sich der willfährigen Opposition bedient. Irgendeiner von denen wird schon etwas fordern, das in die mediale Story passt.

Diese Erzählkunst war auch im Bereich der Börse gefragt. Die Kursbewegungen sollten von Zeichendeutern – den Auguren der römischen Antike durchaus vergleichbar – aufgenommen und in eine Erzählung eingefügt werden. Es sind die Erzählungen, die jeden Abend in den Börsenberichterstattungen der Fernsehkanäle stattfinden, ebenso die Erzählungen in den Wirtschaftsteilen von Zeitungen. Erzählungen aus diesen Bewegungen machen zu können, ist eines der wesentlichen Seinskriterien von Massenmedien. Sie sind dem Wetterbericht durchaus vergleichbar. Warum geben Fernsehsender viel Geld aus, um etwas so banales präsentieren zu können, wie das Wetter der nächsten Tage? Für wen ist das relevant? Für Bauern und Winzer vielleicht. Für Griller und Bootsausflügler. Das aber erklärt noch nicht den Status der Unverzichtbarkeit, den der Wetterbericht für alle audiovisuellen Medien hat.

Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: Aus der prophetischen Fähigkeit leitet sich die mediale Macht ab. Irgendetwas über Geschehnisse erzählen könnte jeder. Aber vorhersagen, was geschehen wird – das können nur Propheten und ähnlich außergewöhnliche „Medien“ (der Anklang des spiritistischen Medienbegriffs ist durchaus nicht zufällig).  Hier findet sich die alte Legende der von Thales vorhergesagten Sonnenfinsternis wieder, di als Geburtsstunde der Credibilität der mathematischen Naturwissenschaft gelten kann. Eine Theorie oder eine individuelle Fähigkeit, die in der Lage ist, etwas vorherzusagen, weil sie es aus ihren eigenen Annahmen abgeleitet hat, hat damit die Validität der Theorie oder der behaupteten Fähigkeit bewiesen. Thor, Zeus und Jupiter waren (Un-)Wettergötter – ihr Agieren vorherzusagen überträgt die frei schaltende und waltende Macht der Götter auf die prophetischen Erzähler.

Dass Printmedien dem Wetter einen erheblich geringeren Stellenwert eingeräumt haben, liegt in der Zeit begründet, die für ihre Produktion notwendig ist: Es lässt sich morgens am Frühstückstisch allzu einfach überprüfen, ob die Vorhersage von gestern (die heute eben keine Vorhersage mehr ist), eingetroffen ist oder nicht. Wo audiovisuelle Live-Medien den Vorteil haben, in die Zukunft blicken zu können und darauf zu spekulieren, dass zum Zeitpunkt des Eintritts des vorhergesagten Ereignisses (bzw. besonders zum zeitpunkt des Nichteintritts) der genaue Inhalt der Vorhersage schon wieder vergessen ist, müssen Printmedien eingestehen, dass die Vorhersage zum Herstellungsbeginn im Zeitpunkt der Auslieferung eine Gegenwartsbeschreibung ist, die sich durch den Blick aus dem Fenster sehr einfach validieren oder falsifizieren lässt.

Die Krise der Erzählung

Anders als beim Wetter hat die Börsenerzählung immer auch die Aufgabe der „selfullfilling prophecy“ übernommen. Situationsbeschreibungen und Analysen hatten die Aufgabe, das weitere Handeln zu präfigurieren. Aus der in eine Erzählung überführten Beschreibung der Ereignisse sollte ein Kaufen/Verkaufen Empfehlungsraster entstehen. Akteure an der Börse sollten die Erzählung übernehmen und danach handeln. Und so lange sie es taten, so lange trafen die Prophezeiungen auch ein. Allerdings führte das immer nur zu mäßigen Gewinnaussichten. „Profis“ suchten deswegen immer schon nach Informationsquellen jenseits des Mainstreams – und Börsenaufsichten verboten „Insider“-Geschäfte. Nur die allen Marktteilnehmern öffentlich zugänglichen (und damit massenmedial verfügbaren) Informationen waren für das Börsenhandeln zulässig. Der Informationsvorsprung war also begrenzt. Erste Reaktion: Gegen den Trend handeln. Zweite Reaktion: Trends antezipieren bevor sie als Trends ausgerufen werden. Dritte Reaktion: Bereits im Entstehen eines Trends aufspringen – schneller sein. Das alles weist darauf hin, dass nicht die fundamentalen Werte von Unternehmen das Börsengeschehen mehr leiten, sondern der gezielte und schnelle Umgang mit massenmedialer Information.

Die Erzählung selbst wird nicht mehr zur Präfiguration von Handelsgeschehen, sondern zum Gegenstand der Spekulation. Nicht „die Wirtschaft“ bestimmt die Aktienwerte und den Verlauf des DAX, sondern „die Medien“. Und zugleich versuchen „die Medien“ aus diesem Geschehen wiederum Erzählungen zu generieren, die allerdings ungleich komplexer sind. Dass der Börsenwert von Unternehmen, die sehr positive Quartalszahlen veröffentlichen, fällt, wird nun zum Teil der Erzählung von „eigepreisten Erwartungen“. Medienerzählungen gelingt es, das genaue Gegenteil des aus ihren eigenen Erzählungen Erwartbaren noch zum Teil einer neuen Erzählung zu machen. „Die Medien“ werden mit sich selbst konfrontiert: Verkünden sie, dass es einem Unternehmen prächtig geht und dass deswegen die Kurse vermutlich steigen, erleben sie, dass die Kurse fallen.

Die Teilnehmer an Börsenspekulationen spekulieren zwar weiterhin mit gewissen Erzählungen, allerdings überlagern sich Erzählungen zu einem Gewebe, das die scheinbare Rationalität der Folgen wieder durcheinander bringt. Denn bedeutenden Börsengewinn kann nur realisieren, wer anders handelt, als alle anderen. Das heißt: Die Kenntnis um die verbreitetsten Erzählungen wird sich erst dann in exzeptionellen Gewinnen realisieren, wenn der einzelne Handelnde anders handelt als die anderen. Der Run auf Insidernachrichten, auf Exklusivinsights, darum, der erste zu sein, der eine Ad Hoc Meldung hat und daraus Schlüsse auf die Zukunft ableiten kann, ist derjenige, der potenziell den größten Gewinn macht. Hier mischen sich traditionelle, hochrationale Erzählungen mit bewussten Durchbrechungen der rationalen Erzählung, fast schon magischen Erzählungen gleich. Börsenberichterstattung wird dadurch komplexer, Börsenerzählung vielschichtiger – Erwartungen werden eingepreist und führen bei ihrem Eintreten zu scheinbar paradoxen Resultaten. Die Erzählkunst ist herausgefordert. Sie macht ihre Arbeit – bis zu ihrem Zusammenbruch.

Der DAX als Erzählgegenstand

Der DAX war lange Zeit kein wirklich wichtiger oder prominenter Gegenstand medialer Berichterstattung für das Massenpublikum. Erst mit Entstehen der Internetblase (!) Ende der 90er fräste er sich vor und in die Hauptnachrichtensendungen. Und die massenmediale Wette lautete: Wir Massenmedien schaffen es in der Politik vergleichbarer Form eine Ordnungserzählung über die Schwankungen des DAX zu legen. Was sich dem ungeübten Betrachter als einigermaßen sinn- und planlose Kursschwankungen darstellt, herben wir in eine Metaerzählung auf – die aber zugleich mit der politischen Erzählung verwoben ist. Die Reaktion des DAX auf politisches Handeln gehört zu den Kernbeständen der Börsenberichterstattungserzählungen.

Mit dem Platzen der Bubble erlebte nicht nur die erste Interneteuphorie einen Knacks – sondern paradoxerweise auch die Massenmedien, die feststellten, dass ihre Metaerzählungen massiv versagten. Die Propheten sahen ihre Prohezeiungen desavouiret und konnten nur noch verblüfft die Kursbewegungen nachplappern. Das führte dazu, dass die Massenmedien sich auf die Eilmeldungs-Systematik verlegten, statt die große Erzählung weiter zu erzählen, den Skandal, das Ereignis, die „breaking news“ in den Vordergrund zu rücken. Aus integrativen Nachrichtensendungen werden disruptive. Der dumm abgefilmte Einschlag von Flugzeugen in Hochhäuser wird zu einer Art Sternstunde dieses neuen Journalismus. Aufgabe der Massenmedien ist es, die Webcam als erster vor Ort zu haben. Nicht aber, das Geschehnis in eine Erzählung aufzuheben.

Mit diesen Skandalisierungen lässt sich übrigens natürlich auch mehr Auflage machen – zunächst. Denn die „Skandal“-Schlagzeile lockt mehr Leser an, als die erklärungsbedürftige Erzählung. Dass dabei die Massenmedien mittelfristig nur verlieren können gegen das Internet – man weiß es und ignoriert es. Zugleich versuchen – die Spon-Meldungen der letzten Tage belegen (hier die „Minutenprotokolle“) das sehr plastisch – versuchen die Massenmedien durch immer schnellere Erzählbruchstücke dem Geschehen nachzueilen. Bricht die Weltwirtschaft zusammen? Erholt sich der DAX? Weltuntergang und Profitträumereien wechseln sich im Stundentakt ab. Und das heißt: Fundamental untrschieliche Erzählungen wechseln sich ab, versuchen nur noch die eigene prophetische Macht krampfhaft zu retten. Und können es doch nicht mehr. Spon ging dazu über, per Live-Webcam den DAX-Verlauf abzubilden – den in den Twin-Towers einschlagenden Flugzeugen vergleichbar. Das katastrophisch-skandalistische Live-Ereignis setzt sich an die Stelle der Erzählung.

Der Zusammenbruch der Erzählung in der Netzgesellschaft

Die Erzählung gehörte zur Dokumentgesellschaft. Der Prophet ist der Autor, der die gültige Situationsbeschreibung gab und daraus die zu erwartenden Folgen oder die konsequenten Handlungsempfehlungen abgab. Wissen um die richtige, verbreitetste Erzählung, spekulativer Umgang mit den Erzählungen versprach Gewinn. Indem Augenblick aber, wo die Masse an verfügbarer (und tendenziell widersprüchlicher) Information und zugleich die Masse konkurrierender Erzählungen zunimmt, lässt sich keine Leiterzählung, kein Set von Leiterzählungen mehr ausmachen. Die ökonomisch-börsianische Markroöffentlichkeit zerfällt in zahhlose Mikroöffentlichkeiten, die sich ein begrenztes Set an Informationen beschaffen und ihren eigenen Erzählungen folgen. Sektiererischen Splittergruppen gleich, die in der Konsequenz nicht mehr zu erwartbaren Folgen und „rationalen“ oder spekulativen Handlungen befähigen. Schwärme setzen sich an die Stelle von Erzählungsgemeinschaften.  Mikro-Schwärme, die jeder in eigene Richtung unterwegs sind, sich aber zeitweise zu großen Schwärmen ergänzen, ohne dass sie dabei einer gemeinsamen Erzählung folgen würden. Im Gegenteil: Sie handeln unter bewusster Vernachlässigung von Erzählungen und haben damit die größten Erfolge.

Inzwischen haben Computersysteme und High Frequency Trading den Handel übernommen, führen zahllose Trades innerhalb einer Sekunde aus (und ich habe davon zugegenermaßen enorm wenig Ahnung – any comments welcome). Diese System ignorieren die Erzählungen, sind lediglich auf bestimmte Algorithmen programmiert, die bestimmte Kursbewegungen als relevant erkennen, selbsttätig ins Geschehen eingreifen und Mikrogewinne verbuchen, die sich insgesamt wiederum zu größeren Gewinnen (oder Verlusten) aufsummieren. Der Computer simuliert selbst Schwarmteilnahme. Der Computer muss weder Unternehmen noch ihre wirtschaftliche Situation kennen (auch wenn man diese Informationen natürlich bereitstellen kann – wenn man noch an solche Erzählungen glauben will), er reagiert als simples „wenn-dann“ Gerät, in seiner Simplizität ungefähr auf dem Niveau eines Einzellers. Die Rechner folgen darin der Logik des „Mob“. Darin sind sie Twitter ähnlicher als den traditionellen Massenmedien. Einzelne Tweets gehen in einem konstanten Informations(über)fluss unter – bis sich Retweet-Mobs spontan und chaotisch bilden. Sie ähneln den London-Rios, in denen randalierende Mobs sich spontan bilden, die keinem erzählerischem „Inhalt“ oder Anliegen folgen – außer dem schnellen ökonomischen Vorteil durch kostenlosen Erwerb von Plasmabildschirmen vielleicht. Und sie ähneln der post-massenmedialen Live-Ticker-Logik, die die Informationsmengen möglichst ungefiltert in ihrer Masse hinausblökt, in der Hoffnung, die eine oder andere Meldung möge schon ihren Mob bilden.

Der gedächtnislose Computer ist die Reaktion auf das Ende der Erzählungen – zugleich simuliert er den Börsenlaien, der informationslos vor dem Rechner hockt und aus nicht rational nachvollziehbaren Entscheidungen heraus ein Kauf oder Verkauf tätigt. Und er ist die logische Folge einer Bewegung, in der die Masse unterschiedlicher Erzählungen dazu geführt hat, dass sich das Verhalten im Gesamtüberblick nur noch als chaotisch darstellen lässt. Ob viel Information vorliegt oder gar keine, ob dieser oder jener Erzählung gefolgt wird oder gar keiner –lässt sich in der Gesamtentwicklung nicht mehr ablesen. Die Komplexitätsreduktion, die einst durch Erzählungen und ihre „sinn“volle Einordnung de Geschehens in einer Erzählung geleistet werden sollte, fällt in neue Komplexität durch das Vorliegen von zu viel Information und zu vielen unvereinbaren Erzählungen.

Zugleich zeigt etwa der Flash Crash vom 6.5.2010, dass das Vorliegen einer allgemeinverbindlichen „Erzählung“, das heißt: nur eines einzigen Handelsalgorithmus, der dazu führt, dass bei identischen Ausgangsbedingungen alle Systeme gleich reagieren, zu einem gewaltigen Crash führen können. Ist nicht sichergestellt, dass die Schwärme der automatisierten Handelssysteme sich hinreichend untrscheiden, neigen die Lemminge dazu, sich gemeinsam die Klippe hinunter zu stürzen. Die Algo Trade Systeme reproduzieren damit die Grundbedingung des Handelns in der Netzgesellschaft.

In Summa

Lübberdings Diagnose, Medien und Märkt seien symbiotisch miteinander verbunden, erweist sich bei genauerem Hinschauen zwar als nicht weitreichend genug – aber als Wink in die richtige Richtung. Und verfolgt man diesen Wink, lässt sich auch am aktuellen Verhalten von Medien und Märkten die gewaltige Veränderung feststellen, die der Übergang von der erzählungsbasierten Dokumentgesellschaft hin zur schwarm- oder mobbasierten Netzwerkgesellschaft auszeichnet. Für Medien. Für Märkte. Für Politik. Auch hier zeichnen sich „Wählerwanderungen“ ab, die den chaotischen Verhältnissen bei der DAX-Entwicklung enorm ähnlich sind. Und eben nicht mehr dramatisch sondern post-dramatisch.

Das war jetzt übrigens eine Erzählung. Deswegen mag es am Ende so klingen, dass das Ende der Erzählungen einen Verfall, einen Schwund, eine Lerstelle, vielleicht gar einen Weltuntergang andeutet. Das tut sie natürlich nicht – es kann lediglich als Erzählung nicht mehr „verstanden“ werden, was sich eben dem Erzählen entzieht.

 

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§ 2 Responses to Von der dokumentarischen Erzählung zur Spekulation: Börsencrashs, Medienhypes, Ende des Dramas"

  • ernstl Sieben sagt:

    Erst mal Lob und Anerkennung für Stil & Inhalt der narativen Erzählkunst des Artikels – Wie synchron die Dinge manchmal laufen zeigt diese Sendung, welchen ich kurz vor dem Genuss dieses Textes zufällig gesehen hatte und sich, wie ich finde, in beeindruckender Weise in einigen Aspekten, mit Ihren Inhalten decken, aber sehen Sie vielleicht selbst: Das philosophische Quatett: Irrationale Finanzwelt – „Das Gespenst des Kapitals“ > http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1365504/Irrationale-Finanzwelt#/beitrag/video/1365504/Irrationale-Finanzwelt < Grüezi

  • BenZol sagt:

    „Das seltsame singulare tantum „die Märkte“ lebt mit dem anderen singulare tantum „die Medien“ nicht nur in einer symbiotischen Beziehung.“ Sollte es nicht „plurale tantum“ heißen? Besser noch mal nachschauen.

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