Die Tagesschau vom 8.10.2016 und Das Prinzip Jago [Updated]

Oktober 9th, 2016 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In der Mitte des vierten Aktes trägt in „Das Prinzip Jago“ der neu ernannte Nachrichten-Redakteur Ben „Bleiben Sie auf dem rechten Weg“ Sützl seine Leitlinien für die Nachrichten der Zukunft vor. Und eine Woche nach der Essener Uraufführung geriert sich die Tagesschau anlässlich eines Vorfalles in Chemnitz, als wolle sie direkt mit der Umsetzung beginnen.

Hier ein Auszug aus » Weiterlesen «

Das Prinzip Jago – Text-Download, Trailer, Kritiken

Oktober 9th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wer sich für das Arbeitsergebnis des Essener Writers Rooms, den Stücktext von „Das Prinzip Jago“ interessiert, kann ihn hier direkt und in voller Länge als PDF herunterladen: Download-Link via Webseite des Schauspiel Essen.

Einen kleinen Eindruck von der Inszenierung vermittelt der Trailer des Schauspiel Essen:

Einige Kritiken:

In Theater Heute 10/2016 ist zudem ein Interview mit den Beteiligten des Essener Writers Room Volker Lösch, Vera Ring, Oliver Schmaering und mir zu lesen. Der Artikel ist hier (kostenpflichtig) online zu finden. Oder in der Oktober-Printausgabe.

Writers Room Projekt am Schauspiel Essen: „Das Prinzip Jago“

Mai 12th, 2016 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bereits seit Ende Februar 2016, also seit drei Monaten, ist am Schauspiel Essen ein Writers Room Projekt am Start, an dem ich beteiligt bin: zusammen mit dem Regisseur Volker Lösch, der Essener Chefdramaturgin Vera Ring und dem Theater- und Drehbuchautoren Oliver Schmaering entsteht eine Arbeit mit dem Titel „Das Prinzip Jago“ nach Motiven aus „Othello“ von Shakespeare. Keine Stückbearbeitung, keine Übersetzung, keine Modernisierung, sondern ein von vorne bis hinten neu geschriebener Text mit eigener Handlungs- und Szenenstruktur. In einem Writers Room, der Schreiber, Regie, Dramaturgie, zeitweise auch Bühnenbild (Carola Reuther) und demnächst eventuell noch weitere Kompetenzen versammelt, um gemeinsam an einem Gemeinsamen zu arbeiten. Die Uraufführung wird am 1.10.2016 am Schauspiel Essen sein.

Worum es bei „Das Prinzip Jago“ gehen soll und wird, ist auf der Webseite des Theaters seit heute zu lesen. Unter diesem Link.

Mein Plädoyer für Writers Rooms an Theatern ist auf nachtkritik zu finden, hier.

Wer sich für diese Arbeitsweise interessiert und sie ausprobieren möchte, kann sich für einen soeben ausgeschriebenen Writers Room an den Wiener Wortstätten bewerben. Die Ausschreibung ist hier zu finden.

Und wer 8 Minuten Zeit hat, sich anzusehen, wie in einem Zeitraum von gut zwei Wochen (!) eine (!) Episode von Breaking Bad entstand, der kann hier schauen:

Maischberger gestern – oder mit der AfD in die Argument Clinic

Januar 28th, 2016 § Kommentare deaktiviert für Maischberger gestern – oder mit der AfD in die Argument Clinic § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Der Ablauf der gestrigen Maischberger-Sendung „Tabupartei AfD – Deutschland auf dem Weg nach rechts?“ wurde von den Mony Pythons vor über 40 Jahren hellsichtig vorgespielt. Alle Beteiligten hielten sich an das Vorbild.

Ein Auszug aus dem Dialog, der die Situation hübsch zusammenfasst:

M: I came here for a good argument!
O: AH, no you didn’t, you came here for an argument!
M: An argument isn’t just contradiction.
O: Well! it CAN be!
M: No it can’t!
M: An argument is a connected series of statements intended to establish a proposition.
O: No it isn’t!
M: Yes it is! ‚tisn’t just contradiction.
O: Look, if I *argue* with you, I must take up a contrary position!
M: Yes but it isn’t just saying ’no it isn’t‘.
O: Yes it is!
M: No it isn’t!
O: Yes it is!
M: No it isn’t!
O: Yes it is!
M: No it ISN’T! Argument is an intellectual process. Contradiction is just the automatic gainsaying of anything the other person says.
O: It is NOT!
M: It is!
O: Not at all!
M: It is!
(The Arguer hits a bell on his desk and stops.)
O: Thank you, that’s it.
M: (stunned) What?
O: That’s it. Good morning.
M: But I was just getting interested!
O: I’m sorry, the five minutes is up. Quelle

Ich bin mir nicht sicher, ob der AfD und den Rechten auf diese Weise beizukommen ist. Anders: Ich bin eher sicher, dass diese Sketche der falsche Weg sind.

In jedem Falle: Ein echtes Postdrama, wenn die „Wirklichkeit“ die „Kunst“ derart präzise nachahmt.

Das Postdrama

Januar 22nd, 2016 § 0 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Immer wieder verwundern sich Gesprächspartner über den Namen dieser Seite. Fragen, ob das denn auf das „postdramatische Theater“ anspiele und das doch seltsam sei, weil postdramatisches Theater doch epochal nach (also zeitlich dahinter) isoliert geschriebenen und komplett und geschlossen aufgeführten Dramen situiert sei. Es also doch seltsam sei, dass jemand, der solche isoliert geschriebenen zusammenhängenden Texte (manchen nennen diese Texte gar „Dramen“) produziere, sich an diese gegenwärtige Theaterkonzeption anschließe. Da das ja doch gerade das Gegenteil sei und sich im Übrigen postdramatische Theatermacher für alles möglich interessieren – aber sicher nicht für isoliert geschriebene zusammenhängende „geschlossene“ Texte, die ja doch „Werke“ von „Autoren“ und damit eben das Gegenteil von usw. Und ob ich denn wohl „Werke“ … und „Autor“ … wo ich doch geschrieben habe, dass …

Das ist verständlich. Der Name dieser Webseite aber nimmt nicht Bezug auf postdramatisches Theater sondern auf das Postdrama. Anfangs war die Überlegung, den Begriff „posttheatrales Drama“ einzusetzen. Das war zu lang. Und blöd. Und so wurde es das Postdrama. Das ist kürzer. An dieser Stelle mögen wortwitzgeneigte Leser sämtliche Späße mit dem „Post“-Begriff durchkichern. Das Postdrama ist der Text, der nach dem Drama kommt, das es zugleich noch ist und nicht mehr ist. „Die alte Form des Dramas ermöglicht es nicht, die Welt so darzustellen, wie wir sie heute sehen.“ (Brecht) Das ist ein Schritt.

Man könnte verlangen, das für das Postdrama ein Manifest geschrieben werde. Ich mag keine Manifeste. Deswegen hier also » Weiterlesen «

Dercon, Renner, Peymann, Castorf – Der Sturm im Berliner Wasserglas

April 9th, 2015 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN
DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT
DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN
(Heiner Müller, ehemaliger Leiter des BE)

 

Viel ist es nicht, was zur Zeit bekannt ist über die Zukunftsplanung der Berliner Volksbühne – deswegen lässt sich trefflich spekulieren, diskutieren, polemisieren, agitieren.

Berichtet wird am 26.03. im Tagesspiegel, es gäbe das Gerücht, die Berliner Kulturverwaltung, personifiziert durch den Kulturstaatssekretär Tim Renner, plane die Leitung der Volksbühne ab 2017 an Chris Dercon zu geben. Dercon solle als Kurator fungieren, Erfahrung sei ihm nicht abzusprechen, allerdings eher im Rahmen der bildenden Kunst in einem sehr weiten Sinne. Unter Beweis gestellt hat er sie als Leiter des Hauses der Kunst in München und als Leiter der Tate Modern in London. Ob das tatsächlich eine konkrete Planung ist, ob es sich um Ideen und Gespräche handelt oder um überwiegend substanzlose Spekulation ist gegenwärtig nicht wirklich klar. Hindert aber auch nicht an tosenden Stellungnahmen. Im Gegenteil.

Die Spekulationsblase

In der Welt schreit es direkt nach „Rettung“ vor dem Kurator Dercon. Auf nachtkritik wird die erste Meldung wenig kommentiert, erst nachdem Claus Peymann am 1. April einen offenen Brief (PDF) an den Kultursenator und Regierenden Bürgermeister Michael Müller verschickt, kommt die Debatte in Gang (hier): Untergang der Volksbühne im Besonderen, der (Berliner) Kultur im Allgemeinen hie – Aufbruch und Interesse da. Und die neueste Meldung über ein Peymann-Interview auf nachtkritik setzt gerade an, das argumentative Florett durch die Keule zu ersetzen.

Peymann beschwert sich, keinen Termin bei Renner bekommen zu haben, schmäht Renner als ‚unerfahrenen und überschätzen Mann’ und als „größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ – unter anderem mit Hinweis auf seine Initiative zum Live-Streaming von Theateraufführungen. Renner schlägt zurück und weist darauf hin, dass Peymann nicht mehr der Jüngste sei (hier Bericht der Berliner Zeitung) – ein alter Mann, dessen Theater ihn nicht besonders interessiere. Was wiederum Peymann provoziert, über Renner herzuziehen. Auf nachtkritik wird wiedergegeben:

„Jung, frisch, ein bisserl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhythmus aus“. Er habe sich ein paarmal mit ihm getroffen, „der weiß vom Theater nix“. (…) Peymanns Fazit: „Der Renner muss weg. Und der Bürgermeister muss die Kulturagenda abgeben, er kann es nicht!“ Auch sein eigener Nachfolger, Oliver Reese, „unterscheide sich äußerlich nur unwesentlich von Renner“, beide verkörpern denselben Phänotyp.

Harte Nummer. Peymann mit Castorf (der in der ZEIT vor einigen Wochen „Visionslosigkeit“ der Berliner Kulturpolitik diagnostizierte) versus Renner und Müller. Dazwischen Dercon und letztlich auf Reese. Eine Macho-Schlammschlacht im Kultur-Vatikan. Kurienkardinal Peymann als » Weiterlesen «

Theater als Gesellschaftslabor (mit Bruno Latour): die „kostbare kleine Institution“

Juli 29th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Vortrag zum agilen Theater hatte ich als vorläufige Arbeitsdefinition von Theater angegeben, es sei „ein Ort der Gesellschaft in der Gesellschaft, an dem sich in Gesellschaft über Gesellschaft ästhetisch reflektieren lässt.“ Zudem gab es den Verweis auf Dirk Baeckers sehr schöne Formulierung vom Theater als „Labor der praktischen Vernunft“ (in: Wozu Theater?). Bei der Lektüre von Bruno Latours Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft ist mir nun eine Passage untergekommen, die sich zur Präzisierung dieser Formulierungen eignet, wiewohl das Originalzitat dafür eine kleinen Verdrehung hin zu Theater bedarf.

Latour beschreibt hier als 5. Unbestimmtheit des ANT-Soziologen die Praxis des Verfertigens soziologischer Berichte und argumentiert – verkürzt gesagt – für eine geduldige, kleinteilige, entfakttende, nicht vorschnell ins Erklären abdriftende Form der nahen, fast  schriftstellerischen Verfertigung von „guten“ Texten. Und was er gelegentlich von solchen ANT-soziologischen Texten schreibt, lässt sich nahezu 1:1 auch auf Theater (oder vielleicht zunächst Theatertexte) übertragen. Er schreibt über den textlich Berichtenden:

Er bietet eine künstliche Stätte an (den textlichen Bericht) {oder die Bühne; U.S.}, der für ein bestimmtes Publikum etwa die Frage lösen könnte, zu welcher gemeinsamen Welt man gehört. Versammelt um das ‚Laboratorium‘ des Textes {Bühne; U.S.} fangen Autoren wie auch Leser vielleicht damit an, die beiden Mechanismen sichtbar zu machen, die zum einen für die Pluralität der zu berücksichtigenden Assoziationen verantworlich sind, zum anderen für die Stabilisierung oder Vereinheitlichung der Welt, in der sie leben möchten. Einerseits ist es nur ein Text aus Papierbögen, von einem Tinten- oder Laserstrahl geschwärzt. Andererseits eine kostbare kleine Institution, um das Soziale für alle seine Beteiligten zu repräsentieren, oder genauer, zu re-präsentieren, das heißt, um es ihnen von neuem zu präsentieren, ihm eine Performanz, eine Form zu geben. Das ist nicht viel, aber mehr zu verlangen heißt of, weniger zu bekommen. Viele ‚machtvolle Erklärungen‘ mögen sich als weniger überzeugend herausstellen als schwächere. {S. 241f.; Anmerkungen in geschweiften Klammern von mir; U.S.}

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„Theater der digitalen Gesellschaft“ – Vortrag beim NRW Theatertreffen 2014

Juni 13th, 2014 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Folgenden ist der Vortrag als PDF zu finden und herunterzuladen, den ich bei der Eröffnungsveranstaltung des NRW Theatertreffens 2014 in Dortmund die Ehre und das Vergnügen hatte zu halten. Zusätzlich stelle ich hier noch einmal den längeren Vortrag „Auf dem Weg zum agilen Theater“ (gehalten auf der Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft 2014 in Mannheim) zur Verfügung. Außerdem die von mir aus den Statistiken des Deutschen Bühnenvereins für die Theater in Nordrhein-Westfalen zusammengestellten Zahlen in einer Excel-Datei zum Download.

>>Der Dortmunder Vortrag kann hier heruntergeladen werden.Die Präsentations-Bilder sind ebenfalls in diesem PDF zu finden.

>>Die Excel-Datei mit den Bühnenvereins-Zahlen für Nordrhein-Westfalen kann hier heruntergeladen werden. Ich hoffe, die Beschriftungen sind einigermaßen verständlich. Sollten in dieser Datei trotz aller Sorgfalt Übertragungsfehler vorkommen, bitte ich dafür um Entschudligung und um Hinweis, damit ich korrigieren kann.

>>Wer den längeren Vortrag aus Mannheim mit den Ausführungen über die agile Organisation herunterladen möchte, wird hier fündig.

>>Und dies sind die Mannheimer Präsentations-Slides:

 

>>Außerdem ist der Mannheimer Vortrag auch in einer leicht geänderten Form auf nachtkritik.de zu finden: Auf dem Weg zum agi­len Thea­ter.

Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik

Juni 22nd, 2013 § Kommentare deaktiviert für Die Trierer proben den Aufstand – eine Laien(theater)kritik § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Dass es einen FC Bayern München gibt, ist kein Einwand gegen Feierabend- und Amateurfußball in zahllosen örtlichen Vereinen. Und dass letztere nicht auf dem Niveau des Ersteren spielen, eine Selbstverständlichkeit. Denn die zahllosen lokalen Vereine haben eine andere lokal-gesellschaftliche Funktion, als die Champions League Sportler.

Mit Laientheater ist es eine ähnliche Sache. Gewöhnt an die Hochämter der Bühnenkunst in professionellen Häusern, kann man recht schnell zu einer enttäuschten Einschätzung solcher Theateraktivitäten kommen und sich gelangweilt oder frustriert abwenden. Man kann sich aber auch den Eigengesetzen dieser vielleicht nicht einmal im emphatischen Sinne „künstlerischen“, sondern lokal gemeinschaftlichen Form widmen.

Die Trierer Produktion „Stadt in Aufruhr“, produziert für und gezeigt im Rahmen des Festivals „Maximierung Mensch 4:Mensch Marx“ der Universität und des Theaters Trier, ist ein solcher Anlass, die Bewertungskriterien professionellen Bühnentheaters zurückzustellen, um sich dem widmen zu können, was da tatsächlich an Spannendem geschah. Das soll hier versucht werden, weshalb es sich hier eigentlich nicht um eine Kritik handelt, sondern um eine Laienkritik.

Es fanden sich mehr als 60 Trierer (meine Zählung – Veranstalterangaben über 100) unter Anleitung der GRUPPE INTERNATIONAL zusammen, um „Stadt in Aufruhr“ zu geben. Nicht auf einer Bühne, sondern indem die Stadt selbst zur Bühne verwandelt, das Publikum zum Spaziergänger in einer Stadtführung wurde. Erschien der Beginn noch auf üblichem Laien-Niveau, wandelte sich die Aktion später plötzlich in Anderes.

Die ersten Akte: Von damals

Erste Spielstätte war die Kunstbaustelle „Tuftapolis“, ein etwas heruntergekommener Abenteuerspielplatz, auf dem Kinder in Kostümen des Michael aus Lönneberga, Batman, Robin und Pippi Langstrumpf Kleingruppen eine Führung gaben und den Besuchern gesprächig erzählten, was das damals alles war. „Damals“ (so verstand ich) ist das Trier der Gegenwart, denn die Inszenierung siedelte sich in der Zukunft des Jahres 2025 (in Anknüpfung an ein gerade veröffentlichtes Strategiepapier „Trier Zukunft 2025“ der Stadt) an  – einer durchaus dystopischen, durchökonomisierten und in einer verelendeten und zutiefst in Reich und Arm gespaltenen Stadt.

Durch Seitengassen, an denen sich Bauankündigungen für Entertainment Center fanden, ging es zum zweiten Akt, einen Garagenhof. Dort wurde das Publikum (geschätzt über 100 Zuschauer) aufgeteilt auf verschiedene Garagen, in denen verkleidete Einzeldarsteller verarmte Trierer gaben, die von einer gemeinschaftlichen Aldi-Plünderung erzählten. Weiter dann auf einen Parkplatz, auf dem vier Darsteller sich als Opfer staatlicher Gewalt der jüngeren Gegenwart (Athen, Tunesien) und der entfernteren Trierer Vergangenheit (ein 1848 von der Polizei in Trier getötete Revolutionär) gaben und ihre Geschichte erzählten.

Der dritte Akt: Der Aufstand beginnt

Spannend wurde es direkt im Anschluss. Die Darsteller mischten sich unter die Zuschauer-Spaziergänger, drückten Dutzenden von ihnen Demo-Plakate mit der » Weiterlesen «

Die Baumol’sche „Kostenkrankheit“ der Theater und der Ökonomismus

Juni 17th, 2013 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In Istanbul und Stuttgart werden Park-Naturoasen tapfer verteidigt – während die Abholzung von theatralen Kulturoasen in Trier, Dessau und anderswo vergleichsweise still über die Bühne gehen. Während wir vor dem Fernseher hockend täglich Bilder sehen, wie in Istanbul Parkanlagen gegen den Zugriff des Staates verteidigt werden und die Zentralmacht in die Krise gerät, scheint in Deutschland die Fällung der deutschen Theaterlandschaft weitgehend unspektakulär abzulaufen. Wird eine, auch nur als innerstädtische Parkinszenierung vorhandene, Um- oder Lebenswelt angegriffen, sind Bevölkerungen – wie schon in Stuttgart vor einigen Jahren – bereit auf die Barrikaden zu gehen und die Macht dazu zu zwingen, sich zur Sichtbarkeit zu entstellen, Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer einzusetzen. Hingegen sind Angriffe auf die gesellschaftliche Mitwelt und ihre Institutionen weitgehend widerstands- und protestfrei. Das Leben oder die Lebensgrundlage von Menschen einzuschränken mag hingehen – aber wehe, es geht Parks und Bäumen an die Borke. Wäre geleakt worden, dass die USA ein weltweites Entlaubungsprojekt unter dem Namen Prism gestartet hätte: Millionen wären auf den Straßen. Die Ausspähung der weltweiten Kommunikation – zieht nur eine ironisch-larmoyante Melancholie nach sich. Oder findet gar Befürworter in bedeutendem Umfang (die sicherlich anders reagierten, wäre bekannt geworden, dass deutsche Finanzämter sämtliche Geldströme und Konten ausspionierten … aber das ist ein anderes Thema.

In Trier, Sachsen-Anhalt und anderswo sind die Theaterinstitutionen in ihrer Existenz bedroht. Dagegen steht man ein bisschen auf: Zeichnet Online-Petitionen (immerhin ein erklecklicher Teil der Trierer Bevölkerung „unterschreibt“ gegen die diskutierte Verstümmelung oder Hinrichtung des dortigen Dreispartenhauses) oder veranstaltet Protestaktionen (etwa in Dessau und Eisleben). Von bedeutenden Protesten, wie weiland noch zur Schließung des Schillertheaters, ist kaum zu reden. Umweltverteidigung ruft die Menschen auf die Straße – Mitweltverteidigung kaum.

Um es vorweg zu sagen: ich bin mit den konkreten Verhältnissen in Trier und Dessau ebenso wenig vertraut, wie mit denen in Istanbul. Es sind für mich lediglich medial vermittelte Vorgänge. Aber das, was in den Medien zu finden ist und wie sich Medien dazu positionieren, kann als Anhaltspunkt dienen, um die folgende, ins Allgemeine gehende Stellungnahme zu ermöglichen.

An der Situation, dem eher mauen Widerstand gegen Theaterschließungen im Vergleich zu Parkabholzungen, sind die Theaterleute selbst nicht unschuldig. Dass an Theatern Protestformen genau in dem Augenblick gefunden werden, da es ans eigene Leder geht, während alle anderen zerstörerischen Akte die schönen Spielpläne nicht wirklich aus der Bahn werfen, lässt den Verdacht eines jämmerlichen Egoismus aufkeimen. Warum sollten Hartz 4-Empfänger sich dafür einsetzen, dass Theater am Leben gehalten werden – wo waren die Theater, als den Hartz 4 Empfängern das Leben beschnitten wurde? Wo waren damals die kreativen Widerstandsformen, mit denen jetzt der eigene Fortbestand gesichert werden soll? Wo ist der kreative Widerstand gegen Prism?

Dass die Bäume dagegen sind, abgeholzt zu werden, ist keine Überraschung. Die Kunst besteht darin, die Menschen gegen die Abholzung der Bäume und der Theater auf den Plan zu rufen. Und zwar indem Theater seine eigene Funktion in der Gesellschaft wiederentdeckt – bevor es ihm selbst an die Budgets geht. Ein Theater, das die „Ästhetik des Aufstands“ (Lehmann) erst entdeckt, wenn es darum geht, die Macher zu verteidigen, wird keine Allianzen und Verteidiger von außerhalb finden, die mehr als ein müdes „Och, nö. Wär schade.“ als Protest artikulieren.

Aber das ist eigentlich nicht das Thema dieses Postings – und dann am Ende wieder doch. Von den Bäumen zu Baumol. Damit zu dem Thema, warum die Auseinandersetzung mit Ökonomie und Ökonomismus nicht halt machen kann beim Kampf um die eigenen Theateretats. Und warum ein aktiver und kreativer Widerstand gegen die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse zu spät kommt, wenn es erst um die Verteidigung der eigenen Budgets geht.

Das Kostendilemma der „performing arts“.

Als ich am Wochenende die leicht irrsinnige Präsentation der Unternehmensberatung ICG zur Zukunft des Trierer Theaters auf Twitter geshared habe (hier die Präse), bekam ich von @Fritz dankenswerterweise den Hinweis auf eine Publikation aus dem Jahr 1966: William J. Baumol & William G. Bowen: Performing Arts-The Economic Dilemma: A Study of Problems Common to Theater, Opera, Music and Dance. Das Buch kostet antiquarisch leider über 8000 Euro – deswegen bin ich auf andere Quellen angewiesen. Etwa den von @Fritz geschickten Link zu James Heilsbruns Artikel Baumol’s Cost Disease (hier als PDF) und den knappen Wikipedia-Eintrag zur „Baumol’schen Kostenkrankheit“ hier.

Baumols und Bowens Ausführungen sind von enormer Brisanz, da sie zeigen, dass kontinuierliche Kostensteigerungen an Theatern kein Problem ist, dem man wirklich begegnen könnte, sondern (und ich benutze diesen Begriff für ökonomische Zusammenhänge nur sehr ungern, halte ihn hier aber » Weiterlesen «

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