Dercon, Renner, Peymann, Castorf – Der Sturm im Berliner Wasserglas

April 9th, 2015 § 2 comments Autor: Ulf Schmidt

DAMIT ETWAS KOMMT MUSS ETWAS GEHEN
DIE ERSTE GESTALT DER HOFFNUNG IST DIE FURCHT
DIE ERSTE ERSCHEINUNG DES NEUEN DER SCHRECKEN
(Heiner Müller, ehemaliger Leiter des BE)

 

Viel ist es nicht, was zur Zeit bekannt ist über die Zukunftsplanung der Berliner Volksbühne – deswegen lässt sich trefflich spekulieren, diskutieren, polemisieren, agitieren.

Berichtet wird am 26.03. im Tagesspiegel, es gäbe das Gerücht, die Berliner Kulturverwaltung, personifiziert durch den Kulturstaatssekretär Tim Renner, plane die Leitung der Volksbühne ab 2017 an Chris Dercon zu geben. Dercon solle als Kurator fungieren, Erfahrung sei ihm nicht abzusprechen, allerdings eher im Rahmen der bildenden Kunst in einem sehr weiten Sinne. Unter Beweis gestellt hat er sie als Leiter des Hauses der Kunst in München und als Leiter der Tate Modern in London. Ob das tatsächlich eine konkrete Planung ist, ob es sich um Ideen und Gespräche handelt oder um überwiegend substanzlose Spekulation ist gegenwärtig nicht wirklich klar. Hindert aber auch nicht an tosenden Stellungnahmen. Im Gegenteil.

Die Spekulationsblase

In der Welt schreit es direkt nach „Rettung“ vor dem Kurator Dercon. Auf nachtkritik wird die erste Meldung wenig kommentiert, erst nachdem Claus Peymann am 1. April einen offenen Brief (PDF) an den Kultursenator und Regierenden Bürgermeister Michael Müller verschickt, kommt die Debatte in Gang (hier): Untergang der Volksbühne im Besonderen, der (Berliner) Kultur im Allgemeinen hie – Aufbruch und Interesse da. Und die neueste Meldung über ein Peymann-Interview auf nachtkritik setzt gerade an, das argumentative Florett durch die Keule zu ersetzen.

Peymann beschwert sich, keinen Termin bei Renner bekommen zu haben, schmäht Renner als ‚unerfahrenen und überschätzen Mann’ und als „größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts“ – unter anderem mit Hinweis auf seine Initiative zum Live-Streaming von Theateraufführungen. Renner schlägt zurück und weist darauf hin, dass Peymann nicht mehr der Jüngste sei (hier Bericht der Berliner Zeitung) – ein alter Mann, dessen Theater ihn nicht besonders interessiere. Was wiederum Peymann provoziert, über Renner herzuziehen. Auf nachtkritik wird wiedergegeben:

„Jung, frisch, ein bisserl dumm, immer nett lächelnd und auf Rhythmus aus“. Er habe sich ein paarmal mit ihm getroffen, „der weiß vom Theater nix“. (…) Peymanns Fazit: „Der Renner muss weg. Und der Bürgermeister muss die Kulturagenda abgeben, er kann es nicht!“ Auch sein eigener Nachfolger, Oliver Reese, „unterscheide sich äußerlich nur unwesentlich von Renner“, beide verkörpern denselben Phänotyp.

Harte Nummer. Peymann mit Castorf (der in der ZEIT vor einigen Wochen „Visionslosigkeit“ der Berliner Kulturpolitik diagnostizierte) versus Renner und Müller. Dazwischen Dercon und letztlich auf Reese. Eine Macho-Schlammschlacht im Kultur-Vatikan. Kurienkardinal Peymann als Traditionalist gegen den Reformator Renner?

Personen, Formen, Inhalte

In der Berliner Zeitung stellt Dirk Pilz eine andere, wie ich meine: interessantere Frage – allerdings ohne Antwortversuch:

Aber wie wäre es, über die Zukunft des Theaters, über den Spagat von Weiterentwicklung und Bewahrung, ausnahmsweise nicht anhand von Personalfragen zu diskutieren, nicht in bloßen Karriere- und Machtkategorien?

Und das wäre die Frage. Nicht ob Chris Dercon Leiter der Bühne wird oder Luc Bondy oder Peter Zadek oder Herzog Georg von Meiningen. Was wäre eine Vision für die Volksbühne? Was wäre die Funktion der Volksbühne in der Stadt Berlin. In der Berliner Theaterlandschaft und darüber hinaus?

Dercon wäre – was?

Ich weiß wenig über Chris Dercon – wie die meisten anderen Schreiber und Kommentatoren. Es kursiert ein Videoclip aus der ARTE-Reihe „Durch die Nacht mit…“, die Dercon mit Mathias Lilienthal zeigt. Nicht wirklich informativ. Viel Respektvolles über seine kuratorische Arbeit ist zu lesen. Gelegentlich Hinweise auf sein Studium der Theaterwissenschaft, seine Arbeit mit Christoph Schlingensief. Alles spekuliert über ihn – interessanter wäre die Frage, was denn für eine Vision mit einer solchen Personalie verbunden wäre. Was nicht heißt, dass Chris Dercon mit dieser Vision gleichzusetzen ist – dafür müsste Konkreteres von Renner oder Dercon selbst kommen. Aber man kann natürlich schon die Frage stellen: Was wäre interessant daran, die Leitungsposition der Volksbühne mit einem Kurator zu besetzen. Und ihm eine Mannschaft zu ermöglichen, die auch Theatererfahrung mitbringt. Ein Hinweis, dass Dercon kein Alleinregent wäre, findet sich in der Morgenpost:

„Auch eine Intendanz, deren Verantwortlichkeiten auf mehrere Menschen verteilt wird, ist für ihn vorstellbar.“ (Berliner Morgenpost)

Heißt: Dercon wäre also vielleicht nicht klassischer alleinregierender Intendant, sondern Kopf einer Gruppe, zu der auch ein verantwortlicher Theaterkünstler gehört. Und noch mehr? Nur dann wäre eine solche Kuratorenfunktion spannend. Wenn also neben dem Theaterleiter noch andere künstlerische Leiter die Leitung ergänzen, wenn also Dercon der Kopf einer Gruppe von Künstlern unterschiedlicher Herkunft würde, die er selbst zusammen stellt und denen er künstlerische Freiheit an seinem Haus verschafft. Und denen er vielleicht auch die intensivere Zusammenarbeit ermöglicht: Theatermacher, bildende Künstler, Musiker, Konferenzmacher, Filmer, Schreiber, vielleicht sogar Digitalkünstler …? Unwahrscheinlich wäre jedenfalls, dass Chris Dercon oder ein vergleichbarer Kurator die Leitungsfunktion wie ein traditioneller Intendant ausfüllen würde.

Intendanten-Qualifikanten

Im Fokus der Kritiker steht der Intendant als Künstler und Regisseur. Davon hat es viele gegeben, einige erfolgreich. Aber es ist kein ausschließliches Modell. Regisseure sind so wenig automatisch qualifiziert für Intendanzen, wie Maler zur Leitung eines Museums, Schriftsteller zur Leitung eines Verlages, Redakteure zur Leitung einer Zeitung. Kann passen, muss nicht. Eine Organisation zu leiten erfordert andere Fähigkeiten als die künstlerische Tätigkeit als Regisseur – was keine Wertung der einen oder anderen Fähigkeit impliziert, sondern lediglich eine banale Feststellung ist. Es gibt bedeutende Intendanten mit dramaturgischem Hintergrund. Frank Baumbauer war mit Verwaltungserfahrung keine schlechte Besetzung an großen Häusern. Eine naturwüchsige Prädestination von Regisseuren für das Amt des Intendanten gibt es nicht. Rüdiger Schapers Hinweis, der „Intendantenmarkt“ sei leer ist natürlich mehr als gewagt. Es gibt eine ganze Reihe von Männern und mehr noch: Frauen, die eine spannende Volksbühne zu führen versprechen. Dass ich Kay Voges und seine Dortmunder Truppe spannend fände an der Volksbühne sei angemerkt, auf weitere interessante Namen kann hier verzichtet werden.

Nun also wäre die Möglichkeit erweitert auf den Kuratoren als Intendanten. Der nicht aus dem Betrieb kommt – was zunächst interessant ist. Der einen Hintergrund in der bildenden Kunst hat. Und der aus dem Ausland kommt. Der also in vielerlei Hinsicht nicht nur über den Tellerrand, sondern auch noch über die Tischplatte hinweg schauen könnte und an seinem Haus Künstlern unterschiedlicher „Disziplinen“ (wenn es so etwas überhaupt noch gibt) Arbeit und Zusammenarbeit ermöglichen könnte – international. Wo hier der Untergang des Berliner Abendlandes droht, ist für mich zunächst nicht zu erkennen.

Berlin

Nun hat Berlin bereits ein quasi-kuratiertes Haus: Die Berliner Festspiele – und da dieses aus Bundesmitteln finanziert wird und mit Argusaugen darüber gewacht wird, damit es eine „besondere“ Institution sei, ließ der Hinweis der Kulturstaatsministerin Monika Grütters nicht lange auf sich warten, es dürfe keine Doppelstruktur von Festspielhaus und Volksbühne geben (Quelle: Monopol Magazin). Daneben stellt sich dann natürlich auch noch die Frage von HAU und Volksbühne und letztlich der Unterschied zwischen Gorki-Theater und Volksbühne. Ein Kreis von Institutionen, in dem eine kuratierte Volksbühne keine Doppelungen schaffen, sondern Eigenständigkeit beweisen müsste. Warum soll das nicht möglich sein?

Profile, Identitäten, Bühnen, Visonen. Und Peymann.

Anders als Festspiele und HAU zeichnet sich die Volksbühne durch bedeutende Möglichkeiten von Eigenproduktionen aus: Produktionsbudgets, Technik und Werkstätten und ein eigenes Ensemble machen einen deutlichen Unterschied gegenüber den eher auf extern produzierten Gastspielen beruhenden Programmen der anderen beiden. Das kuratierte Theater Volksbühne müsste noch immer ein Ort der bedeutenden Eigenproduktionen sein. Das würde eine Verwandtschaft zum Gorki nahelegen, wo nicht mehr nur traditionelle Inszenierungen stattfinden, sondern wo an eigenen Entwicklungen gearbeitet wird, wo Diskussionen und Konferenzen das Programm erweitern und es schaffen, Theater wieder mit einer gesellschaftlichen und politischen Haltung zu verbinden. Die Unterscheidung dazu würde in der disziplinären Offenheit liegen: wenn es eine Leitungsmannschaft gibt, in der Theatermacher zusammen mit Künstlern anderer „Disziplinen“ von vornherein zusammen arbeiten, könnte in einem solchen transdiszplinären und internationalen Künstlerlaboratorium vielleicht wirklich etwas Anderes entstehen. Vielleicht ein anderes Theater. Vielleicht – um es mit Brecht zu sagen – ein „Thaeter“. Niemand weiß, ob das mit Chris Dercon der Fall wäre – aber zumindest als Gedankenspiel ist es spannend. Und auch das noch zu sagen: Es würde von der Stadt verlangen, dass sie den Geldhahn aufdreht, um das Gesagte wirklich zu ermöglichen.

Das wäre eine konsequente Fortführung jener Volksbühne, die in den 90er Jahren Strahlkraft entwickelte, als nicht-traditionelle Leute wie Schlingensief, Marthaler, Pollesch und Castorf selbst das Herkömmliche aufgebrochen und das Haus zu einem vibrierenden, pulsierenden Ort in Berlin gemacht haben. Es wäre ganz und gar nicht der Bruch mit der Tradition des Hauses, der immer wieder herbeigeschrieben wird. Es wäre die Staffelübergabe an einen frischen Läufer, der letztlich in derselben Richtung aber vielleicht mit neuen Ideen unterwegs ist.

Dass Peymann im der ZEIT zu Protokoll gibt: „“Die Literatur ist im Theater in den letzten Jahren systematisch vernichtet worden, sie spielt ja keine Rolle mehr“ (nachtkritik) und im gleichen Interview über seinen eigenen Nachfolger Oliver Reese herfällt, der gerade das BE ab 2017 wieder zu einem Ort der Literatur machen will, ist schon eine außerordentliche Absurdität. Reese im Interview:

„Ich glaube, dass wir Autoren für das Theater begeistern müssen, die in letzter Zeit lieber für den Film, für das Fernsehen oder Prosa geschrieben haben. Wir müssen eine Art Aufbauarbeit machen, um das Stückeschreiben wieder zukunftsfähig zu machen. Im Moment ist das ein bisschen ein Nischenprodukt geworden.“ (Frankfurter Rundschau)

Fazit

Es lässt sich in der Gesamtschau durchaus eine Vision erkennen: Das BE als Ort der (neuen) Literatur. Das Gorki als Ort des entschlossenen gesellschaftlich-politischen Theaters und Theaterlabors jenseits traditioneller und nationaler Schranken. Das HAU als Ort der unabhängigen, vielfältigen, internationalen, freien Produktionen, oder mit den Worten Goethes über Shakespeare: „ein schöner Raritäten Kasten“. Und die Volksbühne als ein kuratierter Ort, der Theater jenseits von Sparten, Branchen, Disziplinen, verengten Traditionen, Nationengrenzen als Ort der Zusammenarbeit, der gesellschaftlichen Zusammenkunft und der gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Jetztzeit betrachtet.

Ob das so kommt, ob das so intendiert ist, ob das die Vision dahinter ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist Chris Dercon durch die öffentliche Meinungsschlacht als potenzielller Leiter sowieso schon wieder aus dem Spiel. Aber wenn schon überall spekuliert wird – dann ist auch eine solche Spekulation erlaubt.

 

 

 

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