Digitalökonomie: Die gemeinsame Quelle der Krisen von Finanzindustrie und Urheberrecht (Teil 1)

Februar 10th, 2012 Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie: Die gemeinsame Quelle der Krisen von Finanzindustrie und Urheberrecht (Teil 1) Autor: Ulf Schmidt

In Sich Gesellschaft leisten hatte ich ein Gedankenexperiment zum Ausgangspunkt genommen, um eine relativ komplexe Versuchsanordnung durchzuspielen: Eine warenlose Dienstleistungsgesellschaft verhandelt darüber, wie alle möglichen und weniger möglichen Dienstleistungen miteinander verrechenbar gemacht werden: Vom Essenkochen über die Konversation bis hin zum Sex. Das führte letztlich relativ schnell dazu, dass ein komplexes Gewebe aus Schuldverschreibungen entstand, in dem jeder einzelne Akteur bei jedem anderen verschuldet ist, diese komplizierten Verschuldungsmechanismen den letztlichen Zusammenhalt stiften. Da bei einem völligen Verzicht auf Warenökonomie auch die Ernährung keine treibende Grundkraft für das Wirtschaften und den handelnden Austausch sein kann, blieb letztlich nichts anderes als das körperliche Begehren und die physische Reproduktion als unhintergehbares Movens für den hochgradig irrationalen und unwahrscheinlichen Beginn des Handelns und Handels selbst übrig.

Interessanterweise lässt sich diese Versuchsanordnung anschließen an die Debatte, die seit einiger Zeit mit Begriffen wie Debitismus, Fractional-reserve Banking, Schuldgeld, Fiatmoney geführt und zum Teil von etwas zwielichtig erscheinenden Figuren wir Gunnar Heinsohn und dem gerade wegen seiner – gelinde gesagt – uneindeutigen Äußerungen zum Holocaust von seiner Wirtschaftsprofessur suspendierten Franz Hörmann prominent voran getrieben wird. Dabei würde es m.E. dieser Ansatz, der im gelben Forum ausgiebig und intensiv diskutiert und von dem schmerzlich vermissten weissgarnix-Blogger Thomas Strobl in Ohne Schulden läuft nichts lesbar dargestellt ist, verdienen, breiter diskutiert und verstanden zu werden. Denn dieser Ansatz birgt nicht nur die Möglichkeit, viele Phänomene der gegenwärtigen „Krisen“ in eine orientierende Erzählung einzuordnen, sondern er hat zudem den Vorteil einer so einfachen Eleganz (im mathematischen Sinne), die auch bei einer nicht allzugroßen Eindringtiefe in wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge damit umgehen lässt.

Eine debitistische Grundannahme

Anders als traditionelle Geldtheorien geht der Debitismus nicht davon aus, dass Geld Güter und Waren repräsentiert, sondern verlagert das Geld in einen kommunikativen Zusammenhang, der es als Schuldübertragungsmedium versteht. Die Volkswirtschaft wird dadurch nicht zur Summe aller Tauschverhältnisse, sondern zur Summe aller Schuldverhältnisse. Heißt: Es gibt kein Guthaben ohne Schuld.

Das ist unmittelbar einsichtig bei Kreditgeschäften: Der Geldbesitz des Schuldners ist seine Schuld bei der Bank. Es funktioniert auch anders herum: Die Spareinlag bei der Bank ist eine Schuld der Bank gegenüber dem Sparer. In größeren Zusammenhängen: Der Exportüberschuss eines Landes ist eine durch Importüberschuss aufgelaufene Schuld des anderen Landes. Deutschland kann nur Exportweltmeister sein, wenn sich im Gegenzug Länder wie Griechenland verschulden. Der Wohlstand in Deutschland ist der direkte Zusammenhang mit der Staatsschuld in Griechenland. Baute Griechenland seine Schuld ab – wäre der Wohlstand dahin. Würde Deutschland seine Staatsschulden abbauen, wären Anlageformen für die Bürger wie Obligationen und Staatsanleihen dahin. Der Bürger könnte seinen Reichtum nirgendwo anlegen, sondern nur unter dem Kopfkissen aufbewahren – was ebenfalls nicht geht, weil er diesen Reichtum in Geldscheinen etwa horten müsste, die ebenfalls Schuldverschreibungen der ausgebenden Bank sind.

Eine kurze Geschichte des Geldes

Um nun – im Anschluss an die wütenden und dadurch halbseiden wirkenden Ausführungen von Hörmann/Pregetter in Das Ende des Geldes anzuschließen, könnte man folgende kurze Geschichte des „Schuldgeldes“ erzählen:

Schritt 1: Tauschgeld

Um Waren einfacher miteinander auszutauschen, also ggf. Äpfel nicht direkt mit Birnen vergleichen zu müssen und zeitlich versetzt miteinander handelbar zu machen, wird ein Gut von minimalem Gebrauchswert ausgewählt, das sich als Geld frei in alle anderen Waren konvertieren lässt, indem es diese zugleich „misst“. Ob es sich dabei um Muscheln, Perlen, Gold handelt, ist egal. Es muss lediglich sicher gestellt sein, dass es sowohl knapp oder auf eine Weise verknappbar ist, die es nicht jedermann einfach macht, sich irgendwo „Geld“ zu schöpfen. Zugleich sollte es schwer vergänglich und nicht für den praktischen Gebrauch unabdingbar sein.

Schritt 2: Schuldverschreibung

Um solche Geldwaren, die durchaus von gewissem unhandlichem Gewicht sein können und sich zudem nur schwerlich unterteilen lassen, nicht mit sich herumtragen zu müssen und sie zudem in Teile des Gesamtwerts aufspalten zu können, wird Papiergeld geschaffen. Wohl – so Hörmann – ist eine Quelle dafür im neuzeitlichen Italien zu sehen, wo Goldschiede anboten, das Goldgeld sicher zu verwahren und dafür Schuldscheine herauszugeben, die im nächsten Schritt als Geldscheine zirkulieren konnten. Ein weiterer Vorteil wird von Hörmann insofern berichtet, als die cleveren Goldschmiede feststellten, dass das eingelagerte Gold nur selten wieder abgeholt wird – was sie dazu veranlasste, die eingelagerten Metalle mehrmals als „Deckung“ solcher Schuldscheine auszugeben. Eine Goldmünze führte also zu mehreren Geldscheinen, die mit dem Wert nur dieser einzelnen Münze „gedeckt“ waren.

Schritt 3: Scheingeld

Da nicht nur das Scheingeld einfacher zu handhaben war, sondern auch Regierungen feststellten, dass dieser Vervielfachungsmechanismus durchaus praktisch ist, stellten sie (zunehmend) komplett auf Papiergeld um (eine hübsch kurze Erzählung dazu hier in Wikipedia, in der zu lesen ist, dass die „Notenbanken“ namentlich nichts anderes sind als „Zettelbanken“). Es musste lediglich zweierlei sichergestellt werden: Die Geldscheine mussten „gedeckt“ sein – das heißt, Banken mussten garantieren, dass sich das Scheingeld jederzeit wieder in Gold umwandeln ließ. Was zweitens dazu führte, dass das Scheingeld in seiner Menge begrenzt bleiben musste. Papier gehört eigentlich nicht zu den knappen Gütern – grundsätzlich hätte es also so viel Papiergeld geben können, wie es Papier gab. Da sich diese Papiermengen nicht in Gold zurück tauschen lassen würden, wäre das Papiergeld aber in dem Moment wertlos, wie herauskommt, dass es keine Deckung hat. Also musste dafür gesorgt werden, dass die Produktion dieses Geldes monopolistisch organisiert war. Nur die „Zentralbank“ konnte entscheiden, wie viel Geld hergestellt wird. Dabei ist das Papiergeld ein Schuldschein auf die Herausgabe von Gold. Er einen Schein hatte, konnte verlangen, von der (Zentral-)Bank die entsprechende Menge Goldes zurück zu erhalten.

Schritt 4: Man hebt die Golddeckung auf

Geldscheine sind jetzt keine Anrechtsscheine auf die Herausgabe von Gold mehr, sondern sie bewegen sich in einem Wechselkursmechanismus, der mit der Leitwährung US-Dollar bestimmte Umtauschsätze festlegt, wie Währungen ineinander zu konvertieren sind. Die Deckung in Gold wird aufgegeben zugunsten eines Verhältnisses zum Dollar (der selber wiederum durch ein übergangsweises Festverhältnis zu Gold definiert war). (vgl. Bretton Woods in Wikipedia)

Schritt 5: Die Digitalisierung

Mit der zunehmenden Elektronisierung des Bankenwesens wird der Geldschein selbst zu dem, was zuvor Gold war. Der Guthabenbetrag, den eine Bank führt, kann jederzeit abgerufen, die Konvertierung in Geldscheine gefordert werden. Das setzt voraus, dass es nur so viele Guthaben geben kann, wie es Geldscheine gibt. Zugleich würde man vermuten, dass auch nur so viele Kredite vergeben werden können, wie die Banken an (Spar-)Einlagen haben. Das heißt: Die Geldscheine, die die Sparer auf die Bank getragen und wofür sie eine elektronische Gutschrift erhalten haben, werden an Kreditnehmer weiter gegeben. Und zwar nur diese Geldscheine. So stellt sich klein Fritzchen und die schwäbische Hausfrau das Bankensystem vor.

Schritt 6: Fiat Money!

Tatsächlich dürften Fritzchen und die Hausfrau ebenso überrascht sein wie ich, wenn sie beginnen, sich damit zu beschäftigen, wie das Kreditgeschäft von Banken tatsächlich funktioniert.

Ein Kredit ist heute nicht mehr die Herausgabe von Geldscheinen (oder Geldersatz wie Schecks, Aktien etc.) durch den Gläubiger an den Schuldner mit der Forderung, diese Geldscheine, sondern – mit einer griffigen Formulierung von Hörmann – es ist die Erzeugung eines Datensatzes. Und zwar eines doppelten Datensatzes:

Der zukünftige Schuldner veranlasst die Bank, in ihrem digitalen System einen Geldbetrag als Datensatz zu produzieren und auf sein Konto zu buchen. Dabei kommt es durch die doppelte Buchführung (jedem Vermögen steht eine Schuld gegenüber) zu einer interessanten Folge: Die Bank schreibt sich den ausgegebenen Kredit als ausstehende Forderung an den Schuldner in die Bilanz: es ist für sie ein Vermögen, das sie durch Rückzahlung oder Kündigung des Kredits erhält und bereits vor Rückzahlung als Vermögen in ihre Bilanz einstellt. Zugleich schreibt sie dem Schuldner diesen Betrag auf seinem Konto gut – und nimmt dieses „Guthaben“ (also eigentlich: die Verpflichtung der Bank an den Schuldner, ihm diesen Betrag auszuzahlen) ebenfalls in die Bilanz auf. Ein als Kredit gewährter Euro wird zu zwei Euro in der Bilanz.

Das wäre eine hübsche Absurdität, käme nicht das eigentliche Fiat Money dazu, die Erzeugung von Geld aus dem Nichts. Denn durch die Digitalisierung der Zahlungen müssen Banken nicht mehr darauf achten, nur ungefähr die Summe der Spareinlagen als Kredit auszugeben (oder ein überschaubares Vielfaches wie es die italienischen Goldschmiede taten – in der Furcht, dass doch jemand kommt, der sein Gold bzw. Scheingeld abholen will). Vielmehr ist die Erzeugung des Datensatzes ein simpler e-buchhalterischer Vorgang, der keinerlei „realen“ Geldes bedarf. Es sind alleine gesetzlich-regulatorische Vorgaben, die dafür sorgen, dass nicht ganz ohne jedes eingelagerte Vermögen Banken unendlich viele Kredite ausgeben. Denkbar wäre das. Es reicht ein Rechner und jemand, der darum bittet, einen Kreditdatensatz zu erzeugen.

Es bedürfte jetzt eines Wirtschaftswissenschaftlers, um die Terminologie glatt zu ziehen – inhaltlich lässt sich aber sagen, dass nur regulatorische Vorgaben dafür sorgen, dass ein bestimmtes Eigen- oder Kernkapital oder Eigenmittel vorhanden sein müssen, um Kredite zu erzeugen. Und es sind ebensolche Regulatorien, die dafür sorgen, dass diese Eigenmittel nur begrenzt oft als Kredit ausgegeben werden können. Insbesondere die Basel I, II und III genannten internationalen Regularien sorgen dafür. So ist etwa festgeschrieben, dass grundsätzlich die insgesamt herausgegebenen Kredite zu 8% mit Eigenmitteln unterlegt sein müssen (Quelle). Das heißt: Jede Einlage darf nur 13mal als Kredit vergeben werden.

Da aber extrem schwierig zu definieren ist, was „Eigenmittel“ sind (nämlich mitnichten Gold oder Geldscheine, sondern auch bestimmte Wertpapiere mit schwankenden Werten oder zum Beispiel griechische Staatsanleihen), zudem das Ausfallrisiko eine Rolle spielt, sind diese Verhältniszahlen nah an der Augenwischerei. Verstehe ich Basel III zudem richtig, wird die maximale Hebelwirkung des tatsächlich vorhandenen Kernkapitals auf 33,3 begrenzt. (Quelle) Das heißt: Das Geld, das das Finanzinstitut sicher“ selbst besitzt, darf nur 33,3mal als Kredit vergeben werden. Da das zu den aus Presse, Funkt und Fernsehen gegenwärtig bestens bekannten Banknotlagen führt, die mit „zu wenig Kernkapital ausgestattet“ sind – wird klar, dass momentan noch höhere Hebelsätze wirksam sind. Für Fritzchen, Hausfrau und mich gesagt: Der italienische Goldschmied darf ein in seinem Eigenbesitz befindliches Goldstück nur 33mal gleichzeitig verleihen, darf auf elektronischem Wege 33mal Datensätze in Höhe seines eigenen Kernkapitals herstellen. Er hat – anders gesagt – das urheberrechtliche Verwertungsrecht für 33,3 Exemplare seines „Ur-„-Geldes.

Diese 33 ist dabei eine Phantasiezahl. Es könnten auch fünfmal oder 50.000mal sein. Die „Gelderzeugung“ per Kredit hat keine intrinsische Begrenzung. Irrerweise hat übrigens der Kreditausfall keine Folgen für die Bank – sie verliert nichts außer einem Datensatz. Gehen von den 33,3 Verleihungen 30 in die Binsen – bekommt sie ihr Kernkapital (das sie sowieso nicht verleihen kann) dreimal zurück. Plus Zinsen. Plus Tilgungen, die die ausgefallenen Kredite vor ihrem Ausfall erbracht haben. Hat jemand Einwände dagegen?

Das zeitigt zwei Folgen:

Erstens entsteht eine gigantische Geldmenge, die nicht mehr zentral kontrolliert wird. Zentralbanken haben sich deswegen von der traditionellen Geldmengenpolitik verabschiedet und auf Zinspolitik umgesattelt. Zugleich sucht dieses zauberhaft vermehrte Kapital sich händeringend Anlageformen, die einen höheren Gewinn versprechen als die Zinsen für den Kredit ausmachen. Sonst macht der ganze Aufwand wenig Sinn. Man kann sich zum Beispiel Häuser kaufen und sie vermieten oder teurer verkaufen (das führt zu einer Immobilienblase). Man kann in vielversprechende Aktien investieren (das führt zu einer Kursrallye wie der New Economy Blase). Man kann in Rohstoffe und Nahrungsmittel investieren (und damit die Preise für diejenigen, die die Rohstoffe und Nahrungsmittel brauchen etwa, um arbeiten zu können oder einfach zu überleben). Da die Anlagen allerdings irgendwann knapp werden, wenn sich die Liquidität so weit ausdehnt, können die überrannten Banken sich auch neue Anlageformen ausdenken, die einzig und allein den Sinn haben, Liquidität aufzusaugen (das führt dann zu Derivaten, die nicht nur kein Schwein mehr kapiert, sondern die zugleich lawinenhaft zunehmen: „Nach Angaben der BIZ (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) betrug der Nominalwert aller weltweit ausstehenden OTC-Derivatekontrakte im 2. Halbjahr 2010 601 Billionen US-Dollar. Im Jahr 2000 waren es 95 Billionen US-Dollar.“ (Quelle) Zum Vergleich: Das Welt-BIP betrug im Jahr 54.274 Billionen US-Dollar.

Das Problem sieht sogar der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank Martin Blessing: „Es gebe außerdem im Moment zu viel Liquidität im Markt, sagte Blessing, „und deshalb sehr viele Anlagegelder. Wir müssen zusehen, wie wir langsam wieder Liquidität aus dem Markt nehmen können“.“ (Spon)

Zweitens: Die Bank kommt in arge Bedrängnis im Falle eines Bankruns, das heißt wenn sowohl „Gläubiger“ der Bank massenhaft die Rückumwandlung ihres elektronischen Geldes in Papiergeld fordern. Und wenn dann noch die Kreditnehmer ebenfalls verlangen, dass der auf ihrem Konto gutgeschriebene Kreditbetrag ihnen ebenfalls ausgezahlt wird, wird’s richtig eng.

Schritt 7: Die Abschaffung der Geldscheine

Mir in dieser Konsequenz durchaus neu war bis vor Kurzem, dass Regierungen offenbar tatsächlich daran arbeiten, das physische Münz- und Scheingeld abzuschaffen und vollständig auf elektronischen Zahlungsverkehr umzustellen. So hat die schwedische Regierung eine Kampagne aufgelegt mit dem Titel „Bargeld ist das Blut in den Adern der Verbrecher“ (Kein Witz – hier lesen). Die griechische (!) Regierung verbietet Privatpersonen Bargeldtransaktionen oberhalb von 1.500 Euro seit Anfang diesen Jahres (Handelsblatt). Das scheint nur einem gesellschaftlichem Trend zur elektronischen Zahlung zu folgen – erschwert zugleich aber auch den Bankrun. Denn die elektronischen Datensätze, die „Guthaben“ oder „Schulden“ ausmachen können nun nicht mehr „realisiert“ werden. Sie sind nicht mehr aus den elektronischen Büchern herauszubekommen, es ändert sich höchstens der „Speicherort“ von einer Bank zur anderen. Da nun der Interbankenhandel genauso elektronisch funktioniert, ist es für eine Bank, die Liquidität braucht, ein Einfaches, sich von einer anderen Bank einen entsprechenden Datensatz erzeugen zu lassen (wobei ich nicht wirklich verstehe, warum sie ihn nicht selbst erzeugen sollte … indem sie sich selbst zur Bad Bank macht vielleicht, eine Good Bank gründet, die ihr dann …)

Schritt 8: Das vollständig digitale Finanzsystem und die Konvertierbarkeit

In letzter Konsequenz entsteht ein fast völlig in sich selbst zirkulierendes, sich aufblähendes oder schrumpfendes Zahlensystem, das mit irgendwelchen Realien nicht mehr viel zu tun hat. Außer für den einzelnen Schuldner,

  • der seinen digitalen Buchungssatz mit einer physischen Sicherheit unterlegen muss, zum Beispiel einem Haus, das der Bank so lange „gehört“, bis er den Datensatz getilgt hat
  • der bei Zahlungsschwierigkeiten seine physischen Güter pfänden lassen muss
  • der zum Zwecke der Tilgung des aus der Luft erzeugten Datensatzes arbeiten muss und zwar letztlich für die Bank

Das zeigt eine verblüffende Verwandtschaft zum Phänomen des „unvollständigen Tauschs“, den ich hinsichtlich der Verwertungsindustrie letztens beschrieben hatte: Der eine Tauschpartner gibt etwas, das er zugleich behält – der andere muss dafür im Gegenzug auf etwas komplett verzichten und das Eigentum übergeben. Darin zeigt sich m.E. eine Strukturähnlichkeit auf, die es im folgenden zweiten Teil zu beleuchten gibt.

Das Irre

Das Problem der übermäßig vorhandenen Liquidität im Finanzsystem versuchen die europäischen Regierungen durch Rettungsfonds zu lösen, die was genau tun? Richtig – weitere Milliarden an Liquidität bereit zu stellen. Und warum? Weil das ganze System nicht – wie Hörmann meint – auf Betrug basiert, sondern auf Vertrauen. Das war übrigens die „Moral“ der Geschicht’ von Sich Gesellschaft leisten. Es ist das Vertrauen, das durch rechtliche Regularien gesteigert aber nicht letztlich garantiert werden kann, dass derjenige, der einen Geldzettel besitzt, dafür von jemand anderem etwas bekommt. Jeder kann sich Geld drucken – er wird nur feststellen, dass das Vertrauen, das ihm potenzielle Abnehmer entgegen bringen, zumeist zu gering ist, um es wirkungsvoll in Umlauf zu bringen. Schecks waren versuche, solche Halbgelder umlauffähig zu machen, bedurften aber ebenfalls des Vertrauens, das der Scheck nicht „platzt“. Neue Versuche des Regiogeldes setzen darauf, dass Menschen sich vertrauen, die sich (potenziell) persönlich kennen.

 So what?

Bereits hier – und ergänzt im zweiten Teil – ist zu sehen, dass das Grundproblem darin liegt, dass es noch keine Ansätze zur Ausarbeitung einer Theorie der Digitalökonomie gibt, dass vielmehr sowohl Wissenschaft wie auch Politik versuchen, neue Phänomene mit überholten Erklärungsmustern zu verstehen und dabei Kausalitäten unterstellen, die so nicht (mehr) funktionieren. Die putzigen Wünsche, die Finanzindustrie möge sich doch wieder an der „Realwirtschaft“ orientieren, diese stützen, finanzieren und fördern, werden in dem Maße zum Kalauer, wie auch diese Industrien sich zunehmend digitalisieren und virtualisieren. Wie die warenzentrierte Wirtschaftstheorie gut daran täte, sich mit der Frage der Ware in einer Zeit zu beschäftigen, da die Mechanismen der Knappheitsproduktion nicht mehr funktionieren wie früher, Waren und Handels- oder Vertriebswege sich digitalisieren, täte die Finanztheorie gut daran, sich mit dem Geld neu zu beschäftigen, das selbst nur insofern „knapp“ ist, wie es nur einigen wenigen (nichtstaatlichen Akteuren!) erlaubt ist, kreditorische Datensätze zu erzeugen. Wie wäre ein Raubkopierwesen im Finanzsektor zu verstehen? Denkbar ist es.

Und wenn „die Netzgemeinde“ freien Zugang zu Informationen und Inhalten im Netz fordert, die ohne produktiven oder vertrieblichen Aufwand überall in der Welt kostenlos verfügbar sein sollen – warum dann nicht den ungehinderten Zugang zu aus bloßen Datensätzen bestehendem … Geld?

In der entstehenden Digitalökonomie ist gegenwärtig nicht das Problem, dass es zu wenig, sondern zu viel Geld gibt – von dem zu wenige Menschen etwas haben.

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