Drama und Ideologie 1

August 17th, 2014 Kommentare deaktiviert für Drama und Ideologie 1 Autor: Ulf Schmidt

Was ein Dra­ma ist, was ein Dra­ma­ti­ker macht, scheint mir noch nicht so recht ver­stan­den zu sein. Es gibt seit eini­ger Zeit die Debat­te über dra­ma­ti­sches und post­dra­ma­ti­sches Thea­ter, gele­gent­lich wird dabei ent­we­der das Ende des Dra­mas, der Tod des Dra­ma­ti­kers als Autor kon­sta­tiert gefei­ert, gefor­dert, alter­na­tiv dazu das Über­le­ben oder Nicht-tot-zu-krie­gen des Dra­mas oder Dra­ma­ti­kers – oder des­sen Rück­kunft gefor­dert. Das alles funk­tio­niert ganz gut, um irgend­wie noch über irgend­was etwas zu sagen und zu reden zu haben. So könn­te man es wei­ter lau­fen las­sen und sich sicher sein, dass auch in nähe­rer Zukunft noch Druck­sei­ten gefüllt, Stamm­ti­sche und Kon­fe­ren­zen damit belebt wer­den kön­nen.

Dabei kommt die Fra­ge zu kurz, wovon eigent­lich die Rede ist, wenn vom Dra­ma die Rede ist. Sicher­lich gibt es eine gro­ße Zahl der Ver­su­che dra­ma­ti­scher Regel­poe­ti­ken bis zurück zu Aris­to­te­les und man könn­te mit dem Ver­weis dar­auf oder eini­gen ein­schlä­gi­gen Zita­ten ver­su­chen, die­se Fra­ge zurück­zu­wei­sen, auf man­geln­de Infor­miert­heit des Fra­gers ver­wei­sen und ansons­ten wei­ter machen, wie gehabt. Wer das möch­te, kann und soll­te an die­ser Stel­le auf­hö­ren zu lesen.

Wer jetzt noch wei­ter liest, kann sich die Fra­ge stel­len, wie es denn kommt, dass bestimm­te Gescheh­nis­ver­flech­tun­gen als Dra­ma bezeich­net wer­den, ande­re nicht. Das impli­ziert, sich von einer selbst­ver­ständ­li­chen Ver­wen­dung von Begrif­fen wie „Anfang“, „Mit­te“, „Ende“ zu ver­ab­schie­den und die­se dar­auf zu befra­gen, was denn über­haupt ein Anfang sein soll. Oder ein Ende. Oder noch eigen­ar­ti­ger: etwas zwi­schen bei­den. Man neh­me ein belie­bi­ges, unstrit­tig als „Dra­ma“ qua­li­fi­zier­tes Arte­fakt und strei­che ganz mathe­ma­tisch (nach gezähl­ten Wör­tern) die ers­ten 10%, die letz­ten 10% und neh­me auch in der Mit­te nach rein mathe­ma­ti­schen Kri­te­ri­en 10 % her­aus. Wür­de das, was da übrig bleibt, von einem Betrach­ter, der in der Lage war, das unge­stri­che­ne Arte­fakt als „Dra­ma“ zu erken­nen, jetzt noch als Dra­ma beschrie­ben wer­den? Was sorgt dafür? Alle Ant­wor­ten, die dazu jetzt gege­ben wer­den könn­ten, soll­ten als Ant­wor­ten ver­merkt„ aber nicht akzep­tiert wer­den, son­dern Aus­gangs­punkt für die Fra­gen sein: Was genau meint und besagt die­se Ant­wort? Woher kommt die­se Ant­wort, war­um kann sie der Betrach­ter geben, aus wel­cher Tra­di­ti­on, wel­chem Bezugs­rah­men, wel­cher Ideo­lo­gie her­aus kann er sie geben? Und wie kann ein als Dra­ma beschrie­be­nes Arte­fakt Bestand­tei­le ver­lie­ren und den­noch wei­ter als Dra­ma gel­ten? Denn tat­säch­lich gehört es ja durch­aus zum thea­tra­len All­tag, Dra­men ein­zu­strei­chen.

Was also sorgt dafür, dass ein bestimm­tes Gebil­de, das auf einer Ebe­ne aus Figu­ren oder Per­so­nen bestehen mag, auf einer tie­fer lie­gen­den Ebe­ne aus Sät­zen besteht, als „Dra­ma“ beschreib­bar wird, ein ande­res sol­ches Ensem­ble nicht? Dass es zuschau­er gibt, die nach einer Vor­stel­lung, in der sie ein Arte­fakt aus unter­schied­li­chen Gescheh­nis­sen betrach­tet haben, fest­stel­len kön­nen, sie hät­ten es ent­we­der “ver­stan­den” oder “nich ver­stan­den”, es habe “Sinn” oder “kei­nen Sinn”. Usw. Wie kann Ber­tolt Brecht einen Satz wie den Fol­gen­den schrei­ben:

Die alte Form des Dra­mas ermög­licht es nicht, die Welt so dar­zu­stel­len, wie wir sie heu­te sehen. (Brecht, Über expe­ri­men­tel­les Thea­ter, 47.)

To be con­ti­nued. May­be.

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