Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream

Dezember 11th, 2014 Kommentare deaktiviert für Ein paar Gedanken zum Livestreaming von Schauspieltheater #theaterstream Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern Abend wur­de in der Boell-Stif­tung über die Fra­ge: “Schau­spiel im Live­stream — Fluch oder Segen” dis­ku­tiert. Dafür hat­te ich mir im Vor­feld ein paar Gedan­ken gemacht, mit denen ich mein Podi­ums-State­ment bestrei­ten woll­te. Nach dem gran­dio­sen Stream aus dem Schau­spiel Dort­mund mit Kay Voges’ Insze­nie­rung von Sarah Kanes “4.4. Psy­cho­se” hab ich dann ent­schie­den, nur rela­tiv knapp eini­ge weni­ge Über­le­gun­gen dar­aus anzu­brin­gen. Die gan­ze Sache des­we­gen jetzt hier:

Reak­tio­nen auf die Fra­ge: “Thea­ter-Strea­ming- Ja oder Nein?” oder: “I can haz live­stream?”

Die ers­te Reak­ti­on: Ja klar, sofort. Die Tech­nik ist da, es ist eine groß­ar­ti­ge Chan­ce zur Öff­nung von Thea­tern in den digi­ta­len Raum, die Mög­lich­keit die Teil­ha­be zu erwei­tern, Men­schen, die aus wel­chen Grün­den auch immer, nicht im Thea­ter­raum anwe­send sein kön­nen oder wol­len Zugang zu ver­schaf­fen – immer­hin ist die Access-The­ma­tik einer der wich­tigs­ten Bestand­tei­le der uto­pi­schen Erzäh­lung vom Inter­net. Abwe­sen­de Zuschau­er bekom­men Zugang, kön­nen in unter­schied­li­chen Orten halb-anwe­send sein, Thea­ter­ma­cher kön­nen sich von ande­ren Thea­ter­ma­chern inspi­rie­ren las­sen. Klingt toll.

Die zwei­te Reak­ti­on: Wenn ihr es macht, macht es ver­nünf­tig. Die ner­vi­gen “Kame­rahei­nis” drei Tage vor der Pre­mie­re ein paar Minu­ten rein- und ihr Equip­ment auf­bau­en las­sen, dann die Sache irgend­wie ins Netz brin­gen, ist ein ver­ständ­li­cher Ansatz ange­sichts der vor­han­de­nen Arbeits­be­las­tung, aber es ist ein ziem­lich aus­sichts­lo­ser Weg.

Wenn jedes Thea­ter sich  den eige­nen Stream dann nur irgend­wo auf die eige­ne Web­sei­te bas­telt, ist die Ent­täu­schung vor­pro­gram­miert. Ein paar Dut­zend Zuschau­er, die jeweils für ein paar Minu­ten schau­en. Und der gan­ze Auf­wand für die Katz.

Zu über­le­gen ist viel­mehr, was, wie, war­um, wo vor­ge­stellt wird. Viel­leicht eine gemein­sa­me Platt­form zu schaf­fen. Sei es eine Netz­thea­ter-Platt­form vom Büh­nen­ver­ein, die alle Streams ver­sam­melt. Einen gemein­sa­men You­Tube-Thea­ter­chan­nel. Oder sich zu über­le­gen, wie man Reich­wei­te und Öffent­lich­keit gewinnt etwa auf Net­flix, T-Enter­tain, Ama­zon Fire TV, Goog­le Chro­me­cast und Co.

Klar kann man dann auch über über Ertrags­mög­lich­kei­ten nach­den­ken. Schließ­lich bie­ten die­se Platt­for­men als bezahl­te Ange­bo­te die Mög­lich­keit, mit Inhal­ten auch Ein­nah­men zu erzie­len. Aber es ist hier kein Reich­tum zu erwar­ten. Wenn über­haupt erreich­bar, wird es lan­ge dau­ern bis auch nur die Strea­ming­kos­ten von den Ein­nah­men gedeckt wer­den. Schon die Zei­tungs­ver­la­ge haben mer­ken müs­sen, dass im Inter­net nur Lou­sy Pen­nies zu ver­die­nen sind.

Die drit­te Reak­ti­on. Denn an die­sem Punkt zeigt sich, wor­um es eigent­lich geht, wenn  über die­se Form des Strea­mings gere­det wird: Letzt­lich ten­diert das blo­ße fil­men­de Strea­ming dazu, sowohl Thea­ter zum Fern­se­hen zu degra­die­ren, als auch das Netz. Die vier­te Wand wird zu einer undurch­dring­li­chen Matt­schei­be. Die Inter­ak­ti­vi­tät des Net­zes, der Rück­ka­nal, dem sich etwa Nacht­kri­tik geöff­net hat, wird wie­der zum One-Way-Kanal man sitzt vor dem Stream wie vor der Glot­ze. Und wenn man auf den besag­ten Por­ta­len und Ange­bo­ten ein­ge­bun­den ist und Thea­ter auf dem Plas­ma­screen schaut, wird der TV-Ein­druck zemen­tiert.

Thea­ter fin­det im TV ja aus bestimm­ten Grün­den nicht mehr statt. Der ZDF Thea­ter­ka­nal ist nicht etwa dicht gemacht wor­den, weil die Mas­se enthu­si­as­ti­scher Zuschau­er nicht mehr zu hand­ha­ben war. Ist dann der Nach­bau eines sol­chen Thea­ter­ka­nals mit digi­ta­len Mit­teln ein erfolg­ver­spre­chen­de­rer Weg? Solan­ge man die digi­ta­len Mög­lich­kei­ten nicht ernst­haft aus­lo­tet, darf dar­an Zwei­fel ange­mel­det wer­den. 2005 oder 06 hät­te man mit der Mel­dung „Thea­ter jetzt auch als Live­stream“ viel­leicht für Auf­se­hen und Neu­gier gesorgt, heu­te droht es, hin­ter der Ent­wick­lung her zu lau­fen. Man muss wei­ter sprin­gen. Man kann das alles tun. Viel­leicht soll­te oder muss man es tun. Man kann aber nicht halb über den Abgrund sprin­gen. Man kann ein Pilot­pro­jekt machen. Aber auch ein Pilot kommt nur mit einer funk­tio­nie­ren­den Maschi­ne zum Flie­gen, sonst endet er als  Crash-Test-Dum­mie.

Mit die­ser Art des rei­nen Live-Strea­ming fällt man übri­gens ja fata­ler­wei­se auch noch hin­ter die aktu­el­le Fern­seh­ent­wick­lung zurück: Inzwi­schen muss ich nicht mehr um 8 zuhau­se vor der Glot­ze sit­zen, um die Tageschau zu sehen, nicht Sonn­tag vier­tel nach acht vor dem Tat­ort, kann ich mir mei­ne ame­ri­ka­ni­schen Seri­en anse­hen, wann immer ich will. Man soll­te also dar­über nach­den­ken, ob man den Live­stream anschlie­ßend archi­vie­ren und on-demand ver­füg­bar hal­ten muss. In einem deut­schen Thea­ter­ar­chiv. Wo das Publi­kum schau­en kann, wann es will. Wo Thea­ter­wis­sen­schaft­ler end­lich eine Grund­la­ge für ihre Arbeit fin­den. Wo ich unter­schied­li­che Fausts und Ham­lets ver­glei­chen kann. Die ich im Netz­werk sha­ren kann. Kom­men­tie­ren. Die auf nacht­kri­tik, Spie­gel Online und ande­ren Por­ta­len direkt bei der Kri­tik ein­ge­bun­den wer­den kön­nen.

Jeden­falls gilt die­se Anmer­kung so lan­ge, wie es kei­nen tie­fe­ren Sinn macht, dass ich hier und jetzt die­sem Stream live bei­woh­ne. Wenn ich also nicht die Mög­lich­kei­ten des Digi­ta­len als künst­le­ri­sche Mög­lich­kei­ten des Spiels mit der digi­ta­len Live-ness ver­ste­he, sie an den Augen­blick kop­pe­le. In dem genau jetzt pas­sie­ren muss, was pas­siert. In dem nicht nur eine in sich geschlos­se­ne, fer­ti­ge Pro­duk­ti­on über­tra­gen wird, die ich mir auch 3 Stun­den spä­ter anse­hen könn­te. Son­dern in der es eben Sinn macht, jetzt und genau jetzt dabei zu sein. Und in die­ser Zeit viel­leicht selbst als Zuschau­er in Akti­vi­tä­ten ver­wi­ckelt zu wer­den. Mög­lich­wei­se wäre es sogar span­nen­der die Rich­tung des Streams umzu­keh­ren und den Zuschau­er ins Thea­ter zu über­tra­gen statt anders her­um.

Es geht also dar­um, sich künst­le­risch mit dem Digi­ta­len aus­ein­an­der zu set­zen. Es nicht nur als Über­tra­gungs­mit­tel zu begrei­fen; es nicht als das klei­ne Schwänz­chen am thea­tra­len Ele­fan­ten zu betrach­ten, den Rest des Ele­fan­ten aber außen vor zu las­sen.

Viel­mehr ist der künst­le­ri­sche Umgang mit digi­ta­len Mög­lich­kei­ten der span­nen­de­re Weg. Auch auf die Gefahr hin mich zu wie­der­ho­len. Wenn der Schritt zum Live­stream der Schritt durch die Tür ins digi­ta­le Wun­der­land wird, wenn Künst­ler und Thea­ter­ma­cher hin­durch­ge­hen ohne beim blo­ßen Strea­men ste­hen zu blei­ben, dann kann damit etwas groß­ar­ti­ges Neu­es begin­nen, ein Thea­ter des digi­ta­len Zeit­al­ters und der digi­ta­len und ver­netz­ten Gesell­schaft, auf das die Dort­mun­der “4.48 Psy­cho­se” einen Aus­blick gab­mit einer Thea­ter­ar­beit, die in sich mensch­li­che Dar­stel­ler und tech­ni­sche Mit­tel im Zusam­men­spiel ver­eint, wo sich die Strea­ming­tech­nik ein­füg­te oder anfüg­te und sich als  inter­es­san­te und span­nen­de Fort­set­zung oder sogar Erwei­te­rung der sze­ni­schen Mit­tel vor Ort zeig­te.

Das ver­än­dert die Thea­ter­kunst. So wie der Schritt aus den Frei­licht­thea­tern ins geschlos­se­ne Haus sie ver­än­dert hat, wie Tinal Lorenz schon twit­ter­te. Wie die Elek­tri­fi­zie­rung der Beleuch­tungs­an­la­gen sie ver­än­dert und fan­tas­ti­sche neue Mög­lich­kei­ten eröff­net hat. Und eine digi­ta­li­sier­te Thea­ter­kunst hät­te dann ins­be­son­de­re auch die Mög­lich­keit, die Aus­wir­kun­gen der Ver­net­zung der Gesell­schaft zu reflek­tie­ren und wo nötig zu kri­ti­sie­ren.

Das ist die Eröff­nung eines neu­en Spiel­raums und viel­leicht einer neu­en Spar­te: des Digi­tal­thea­ters. Gleich­zei­tig ist es eine enor­me Anstren­gung. Urhe­ber­rechts­fra­gen. Sind Schau­spie­ler und Regis­seu­re und bereit, ihre Büh­nen­ar­beit in viel­leicht mit­tel­mä­ßi­gen Vide­os für die Ewig­keit digi­tal ver­füg­bar zu machen. Auch even­tu­el­le Fehl­schlä­ge. Ver­wer­tungs­recht­li­che Fra­gen: Wer zahlt dafür? Wer bekommt wie viel dafür? Müs­sen wir Tei­le der GEZ-Bei­trä­ge des öffent­li­chen Rund­funks dafür bean­spru­chen, dass öffent­li­che Ein­rich­tun­gen jetzt zu neu­en Sen­de­an­stal­ten wer­den? Die inzwi­schen zum Dis­kus­si­ons­ge­gen­stand gewor­de­nen tra­di­tio­nel­len Kon­zep­te von Autor­schaft wer­den wei­ter zu befra­gen und viel­leicht nach­hal­tig zu ver­än­dern sein.

Ja aber: “Unse­re Thea­ter­tra­di­ti­on?” mag jetzt jemand zum Bei­spiel aus einer Frank­fur­ter Kul­tur­re­dak­ti­on rufen. Geht die Tra­di­ti­on nicht den Bach run­ter? Thea­ter war immer eine sich ver­än­dern­de Kunst, das ist viel­leicht die wich­tigs­te Thea­ter­tra­di­ti­on. Um wie­der mal Gus­tav Mah­ler zu zitie­ren: „Tra­di­ti­on ist Bewah­rung des Feu­ers und nicht Anbe­tung der Asche.“ Viel­leicht heißt Thea­ter­tra­di­ti­on also nicht, Shake­speare-Text­a­sche immer wie­der neu zu bele­ben (und jetzt auch noch zu strea­men), son­dern sich zu fra­gen: Was wür­de Shake­speare mit den digi­ta­len und ver­netz­ten Mög­lich­kei­ten in einem world-wide Glo­be-Theat­re tun?

Vier­te und letz­te Reak­ti­on also: Wenn man sich die­sen Fra­gen im Thea­ter zu öff­nen beginnt und sie wirk­lich ernst nimmt, dann ist das Live­strea­ming ein tol­ler ers­ter Schritt in die rich­ti­ge Rich­tung. Wenn man mit dem Digi­ta­len spielt UND dar­über künst­le­risch reflek­tiert – und beim Live­strea­ming viel­leicht plötz­lich sogar eine poli­ti­sche Hal­tung zur Netz­neu­tra­li­tät und zu Open Access ent­wi­ckelt.

Wenn es aber auf die anfangs geschil­der­te klei­ne Lösung hin­aus­läuft, in der die “Vide­ohei­nis” zäh­ne­knir­schend ihr Ding­dong trei­ben dür­fen frei nach Theo­dor Heuss: „Nun streamt mal schön“, dann kann man es tun oder las­sen. Wahr­schein­lich guckt dann jeden­falls wie­der kein Schwein.

Der Unter­gang der Thea­ter­welt ist jeden­falls vom Live­strea­ming nicht zu erwar­ten. Wer es nicht sehen will, soll es las­sen. Ob das Strea­ming ins­ge­samt tra­di­tio­nel­lem Thea­ter irgend­et­was bringt (was auch immer man sich davon ver­spricht) — scheint mir frag­lich. Man kanns pro­bie­ren. Aber die Rich­tung in die die Dort­mun­der Arbeit weist ist imho die wesent­lich span­nen­de­re Opti­on: künst­le­risch mit der Tech­nik umge­hen, wo der künst­le­ri­sche Umgang Sinn macht. Und/oder Spaß.

Nach­trag: Von Rai­ner Glaap bekam ich einen schö­nen Arti­kel geschickt, der die nächs­te mög­li­che Evo­lu­ti­ons­stu­fe nach dem Live­strea­ming auf­greift und über die Mög­lich­kei­ten von Ocu­lus Rift nach­denkt und schreibt: “Can Ocu­lus Cure Bau­mol”? Next dis­cus­sion, any­bo­dy?

Updates:

Auf nacht­krtik ein Dos­sier mit vie­len Tex­ten zum The­ma hier.

Ein Über­blicks-Arti­kel von Bea­te Hei­ne dazu auf boell.de hier.

Auf Deutsch­land­ra­dio Kul­tur dazu ein Bericht hier.

Der Mit­schnitt von der gest­ri­gen Dis­kus­si­on in der Boell-Stif­tung:

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