Flow und skandierte Zeit im Fernsehen #MediaDivina

April 18th, 2013 § 9 comments Autor: Ulf Schmidt

Fernsehen unterhält ein enges Verhältnis zur Zeit, vermutlich enger als die meisten anderen sogenannten Medien oder Künste. Es hat gewisse Verwandtschaften zur täglich oder wöchentlich erscheinenden Zeitung, viel mehr vielleicht noch zum Telegraphen, auch zum Theater (und zum Filmtheater, nicht aber unbedingt zum Film).

Live-ness und Aufzeichnung

Während die Geschichte über Jahrtausende verschiedene Techniken der Aufzeichnung und Aufschreibung, vielleicht sogar Verewigung, von der Höhlenmalerei mit ihren malerischen Filiationen und der Plastik, bis hin zur Schrift von der Keil- und Hieroglyphenschrift über die Buchstabenschrift und Schreibmaschine weiter zur Photo-Graphie und Film, Grammo-Phon, Phonographie bis hin zur Magnetaufzeichnung und zur binären Speicherung, positionierte man das Fernsehen als „eletronisches Teleskop“, das „live“ überträgt. Paul Nipkow stellt bei seinem Patent diese Funktion der Erweiterung der Sinnesorgane in den Raum hinein ganz in den Vordergrund:

Seitdem die Aufgabe, Töne und selbst artikulierte Laute auf weite Entfernungen zu übertragen, durch Reis, Bell und andere ausgezeichnete Erfinder mit Hülfe der Elektrizität in so erstaunlich einfacher Weise gelöst worden, haben sich einzelne erfinderisch begabte Männer eine weitere Aufgabe gestellt, die dasselbe Interesse, wie das Telephon, hervorzurufen wohl geeignet scheint. Es ist dies die Aufgabe, einen Apparat zu schaffen, der in ähnlicher Weise, wie das Telephon dem Ohre, dem Auge die Möglichkeit gebe, Dinge wahrzunehmen, die weit aufserhalb seines natürlichen Wirkungskreises sich befinden. (Quelle)

Von Beginn an war Fernsehen ein „Live-Medium“, dessen Aufgabe nicht im Konservieren oder Aufzeichnen bestand. Trotzdem dokumentierte es – in der Weise des Augenzeugen, der Augenzeugenschaft ermöglichte. Zusammen mit dem Mikrophon auch Ohrenzeugenschaft. Das Kameraobjektiv und das Mikrophon stanzen aus einem loalen Jetztpunkt einen Ausschnitt heraus und stanzen diesen in den Jetztpunkt der Zuschauer hinein. Beides gehört zusammen. Denn nicht nur wird das Ereignis „live“ ausgeschnitten und übertragen, sondern dem Zuschauer droht es zu entgehen, gleich einem, der im Augenblick des Ereignisses die Augen in die falsche Richtung gewendet hat. Das Fernsehbild huscht vorüber, es lässt sich (bis zu Techniken wie dem Magnetband und dem Videorekorder) nicht festhalten. Deswegen finden sich aus den ersten Jahren etwa der Tagesschau keinerlei Aufzeichnungen, deswegen wurden „Sitcoms“ und „Soap-Operas“ live vor der Kamera gespielt und übertragen, wie ein fernes Theater. Fernsehen schreibt seinem Publikum vor, wann es was zu sehen hat. Und bestraft den Nicht-Zuschauer damit, dass unwiederbringlich verloren für ihn ist, was er nicht live gesehen hat. Es verlangt vom Zuschauer die Entscheidung, das was im fernsehen läuft, wichtiger, interessanter, spannender usw. zu gewichten als alles andere in seinem Leben. Man konnte im Anfang eben nicht wie bei einem Buch, die Zeit selbst bestimmen, die Dauer und Pausen selbst festlegen. Es ist das Fernsehen, das mit eiserner Macht verkündet: Schau jetzt hin – oder verpasse es in Ewigkeit. Es ist nicht aufgezeichnet und du kannst die Zeit nicht frei wählen.

Das verbindet Fernsehen mit dem Telefon und Teleskop (wie Nipkow schreibt). Vielleicht auch mit dem Radio (man müsste untersuchen, inwieweit das Radio von der übertragenen Schallplatte abhängig ist, was ein anderes Thema wäre)

Die phatische Dimension

Das bringt, anders als bei anderen künstlerischen oder medialen Mitteilungen die phatische Dimension interessanterweise ins Spiel. Fernsehen richtet sind in einem Jetztpunkt (in jedem Jetztpunkt) an einen Zuschauer und Zuhörer, der jetzt (wo auch immer) schauen und hören muss. Es ist schwierig zu greifen und zu begreifen, inwieweit das sich von einem Buch oder Bild unterscheidet. Vielleicht macht es der „flow“ deutlicher, der hier allerdings nicht im Sinne von Raymond Williams als der Versuch von Programmmachern zu verstehen ist, durch Verzahnung und thematische Nähe eines Abends (wie dem ARTE Themenabend) Zuschauer an ein bestimmtes Programm zu binden. Hier geht es vielmehr um den darunterliegenden „flow“, mit dem das Fernsehen insgesamt Zuschauer und -hörer bindet. Die unablässige Ausstrahlung von Inhalten, egal, ob sie sich an der Oberfläche nur als ein einziges Fernsehprogramm oder eine tendenziell unendliche Vielheit darstellen und durch Zapping abgewandert werden können. Der grundlegende Imperativ des Fernsehens lautet: Schalte mich ein, schau zu. Erst danach ist es überhaupt befragbar, was genau gesehen oder gehört werden soll. Alle Sender und Programme laufen in ein- und derselben Kiste im Wohnzimmer. Zahllose Programme sind zugänglich, wird zunächst diesem fundamentalen Appell nachgegeben.

„Lass uns miteinander fernsehen“ ist der stumme Appell des Fernsehers an den Noch-Nahseher, der Fernseher werden soll. Erst wer diesem phatischen Appell nachgegeben hat, kann sich in die Entscheidungssituation begeben, was denn nun zu sehen ist.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das schon wirklich im Griff habe. Vielleicht braucht es da noch mehr. Ich hätte auf diese mäandernde Ausführung verzichtet, würde nicht das Fernsehen selbst die phatische Dimension so sehr in den Vordergrund rücken: Nachrichtensprecher, Moderatoren, Talkmastern und Programmansager, die es leider heute nicht mehr gibt, nachdem Fernsehzeitungen, Webseiten und Apps die Aufgabe übernommen haben, Menschen die unterschiedlichsten Einstiegspunkte in den fundamentalen Flow anzubieten, indem sie ihm diskrete Inhalte („Sendungen“) vorstellen und besonders interessant verkaufen (einem Lockangebot in einer Handelswerbung vergleichbar).

Das Interessante an Talking Heads wie Nachrichtensprechern, Moderatoren und Ansagern: sie blicken direkt in die Kamera und damit direkt aus dem Monitor auf den Zuschauer – jedenfalls aus der Perspektive des Zuschauers. Wie ein One-Way-Bildtelefon bauen sie eine phatisch-appellative Beziehung zum Publikum auf. Sie sind diejenigen, die „umgekehrt“ durch das Nipkow-Teleskop blicken. Dem Zuschauer und -hörer wird simulativ suggeriert, dass er eben nicht transzendentaler Beobachter ist, um den die beobachtete Welt sich nicht schert: „Guten Abend, meine Damen und Herren“ schallt es ihm zu Begin der Nachrichten entgegen. Als würde das Fernsehen sich darum scheren, wer dort sitzt.

Anders als den „Schrift“-Aufzeichnungsmedien im weitesten Sinne, eignet Fernsehen eine Verwandtschaft mit der Oralität. Schrift mag das Gesprochene, die Photo-Grafie das gesehene aufzeichnen – das Fernsehen zeichnet nicht auf, sondern überträgt es live und appelliert: Schalt ein, schau zu.

Die Durchkreuzung des Live-Charakters und Skandierung der Zeit

Der Zeit eine Form zu geben, gehört ebenfalls zu ältesten Kulturtechniken: Sonnen- und Mondkalender, die den überraschenden Wandel zwischen begrünten und kahlen Bäumen, zwischen verschneiten und besonnten Wiesen durch Vorhersehbarkeit zu neutralisieren versucht. Sonnenuhren. Fest- und Feiertage und dergleichen mehr. Zu Zeitstrukturierungen ist hinreichend viel geforscht und geschrieben worden.

Aufzugreifen bleiben davon die Rhythmisierungen der Zeit, die Gabe der Zeitordnung. Denn die „natürliche“ Zeit der Sonnenauf- und –untergänge, der Natur- und Landwirtschaftsrhythmen, bis hin zu Tierrhythmen (Melken, Hahnkrähen), wurde historisch überlagert von politischen und gesellschaftlichen Zeit-Rhythmisierungen: Von der Kirchturmuhr, die die vollen Stunden mit der Glocke schlug und die Gläubigen zum Gebet rief bis zur Rathaus- und Parlamentsuhr und zur politisch verkündeten Sommer- und Winterzeit. Die Standardisierung und Harmonisierung einer Zeit im Einflussbereich einer Uhr (es gab Zeiten, da benachbarte Dörfer unterschiedliche Uhrzeiten hatten) ist ein Machtfaktor. Und dieser verwandelt sich im Zeitalter der Industrialisierung zugleich zu einem Machtfaktor des Arbeitgebers, der die Arbeitszeiten festsetzt und während dieser Zeit einen Aufenthaltsort vorgibt (N.B. dieser Vorgabeversuch wiederholt sich beim Fernseher, der versucht, zu bestimmter Zeit den Aufenthaltsort zu bestimmen: vor dem Fernsehapparat). Damit einher geht die Schulzeit, die Anfang und Ende und die Unterrichtseinheiten rhythmisierte.

Der Flow der Zeit, das bloße Nacheinander, die Abfolge von Jetztpunkten oder die Dauer wird plastisch geformt: durch Natur, Macht, Kultur. Solche Formungen finden sich auch im Fernseh-Flow. „Sendungen“ werden diskret voneinander abgesetzt. Es gibt kein bloßes Kontinuum, sondern Zeiteinheiten werden intern strukturell gestaltet. Jede Sendung hat ihre Struktur, ihren Anfangs- und Endpunkt (der in Fernsehzeitschriften notierbar ist). Zugleich gibt es unterschiedliche Ebenen weiterer Formatierungen:

die Tagesformatierung durch die täglich konstante Sendung, das tägliche Abendgebet der Nachrichten. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass frühere Zeiten den Beginn des Abends auf 18 Uhr ansetzten, dass erst durch die Tagesschau der 20 Uhr-Punkt zum entscheidenden Wendepunkt zwischen dem „Vorabend“ und dem Abend wurde. Die Tagesschau regiert die Zeiteinteilung, die auch jenseits des Fernsehens ihre Wirkung entfaltet.

  • Die Wochenformatierung durch wiederkehrende Fernsehserien. Die Serie ist das wohl einzige dem Fernsehen wirklich ureigenste Format (in all ihren unterschiedlichen Varianten von Reihe, Miniserie, Episodenserie, Fortsetzungsserie, Endlosserie). Dass die Fernsehserie sich aus der Radioserie entwickelte, zeigt ihre Verwobenheit in Flow-Phänomene. Solange es keine Programmzeitschriften gab oder man sich senderseitig nicht darauf verlassen konnte, dass hinreichend viele Menschen rechtzeitig Program-Guides nutzen, musste eine Rhythmisierung dafür sorgen, den ordnungslosen Flow, der dem Zuschauer keinen greifbaren Anlass zum Einschalten jenseits des Einschaltens selbst gab, in eine erwartbare Ordnung zu verwandeln, die es einem Zuschauer ermöglichte, aus definierten Präferenzen heraus einen Einstieg in den Flow zu finden (nicht aber notwendigerweise einen Ausstieg bevor der übermüdende Körper in der Couch wegdämmert).
  • Weitere Wochenformatierungen finden sich durch „Sendeplätze“. Das heißt, eine Wochen- oder Tagesposition muss nicht unbedingt durch einen definierten Inhalt eingenommen werden, sondern kann durch verschieden verwandte Formate bespielt werden. Die Politmagazine in der ARD etwa, die sie regelmäßig im Wochenrhythmus ablösten. Oder die Tatort-Sendungen der verschiedenen Regionen.

Damit verleiht das Fernsehprogram der Zeit Struktur. Es liefert voraussehbare Einstiegspunkte in den phatischen Flow, veranlasst das unruhige Bewusst sein vor dem Apparat, sich durch Selbstsuggestion eines bestimmten Interesses zu beruhigen und sich selbst zu erzählen, dass es nicht fernsehen um seiner selbst will, sondern diese oder jene Sendung. Dabei gibt es sich gerne der Verführung hin, nach dieser Sendung weiter fernzusehen, auf dem selben oder einem anderen Sender. Der Live-Charakter des „Du musst jetzt sehen, wenn du sehen willst“, die bloße Fixierung auf den jetztpunkt wird durchkrezt durch die festen Formate, die dem gebannten Starren Anfangs- und Fortsetzungspunkte geben, die in die Geschehensfolge feste Erwartungsstrukturen einziehen. WIe einem Rhapsoden, der unablässig redet, dabei aber versgefügte Sprache verwendet, wiederkehrende Formulierungen und Refrains, wie man sie aus der Oral History der Volkssagen und Epen kennt.

Vielleicht müsste man noch vieles mehr dazu ausführen, für jetzt mag das genügen, um die Verwobenheit zwischen (scheinbar raum-zentriertem) FERNsehen und der Zeit ein wenig aufzuhellen.

P.S. Für diejenigen, die sich nicht mehr an Fernsehansager erinnern:



 

 

 

 

 

 

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§ 9 Responses to Flow und skandierte Zeit im Fernsehen #MediaDivina"

  • Die These, dass das Fernsehen ein Live-Medium sei, lässt sich heute schon allein deswegen nicht mehr halten, weil das Meiste, was gesendet wird, aus der Konserve kommt. Was Du beschreibst ist lediglich der Weg, wie Live-Sendungen ihre Attraktivität für ein potentielles Publikum bekommen können. Das trifft aber nur auf einen sehr kleinen Teil des Gesendeten zu.

    Weiterhin relativiert sich diese Attraktivität dadurch, dass auch Live-Sendung wiederholt werden. TV-Sender nehmen dem Zuschauer die Angst irgendetwas zu verpassen, weil sie wiederholt wird. Das ging dann weiter durch das Aufkommen von Aufzeichnungstechniken und wurde völlig irrelevant durch Mediatheken im Internet, durch die fast jede Sendung jederzeit aufrufbar geworden ist. Das durchbricht dann auch die Notwendigkeit seinen Tagesablauf nach dem TV-Programm zu strukturieren. Der Zuschauer gewinnt die Souveränität zurück selbst zu entscheiden, welcher Produktion er wann seine Aufmerksamkeit schenken will.

    Desweiteren weist gerade, dass Überangebot an Sendungen darauf hin, dass man eben nicht genau dieser Sendung, sondern auch vielen anderen seine Aufmerksamkeit schenken kann. Die vermeintliche Autorität einer Live-Sendung besteht aufgrund von Alternativprogrammen einfach nicht mehr. Deswegen evaluieren TV-Stationen ihre Sendungen über Einschaltquoten. Einfach um sicherzustellen, dass man nichts umsonst ausstrahlt, weil es sein Publikum nicht findet.

    Sorry, aber die hier angestellte Art über Fernsehen zu theoretisieren kommt ungefähr 40 – 50 Jahre zu spät. Die Bedeutung, die hier dem Fernsehen zugeschrieben wird, hat es schon lange nicht mehr.

  • Fredl sagt:

    „Und bestraft den Nicht-Zuschauer damit, dass unwie­der­bring­lich ver­lo­ren für ihn ist, was er nicht live gese­hen hat.“

    Auch ich kann nach wie vor diese Ansicht überhaupt nicht teilen. Der größte Teil der Fernsehsüchtigen aus meiner Bekanntschaft verfügt über ausgebuffte Techniken zur Aufzeichnung der Versäumten, und oder/ über den Geräten bereits implementierte Timeshift-Funktion, die das Ausgestrahlte pausiert, damit man pinkeln gehen kann.

    Auch ich habe als Kind schon, die (meist in x-ten Wiederholungen ausgestrahlten!) Filme und Serien wie ein Verrückter auf VHS-Kasetten archiviert. Um sie wieder und wieder, again and again, anzusehen. Bis zum Materialverschleiß.

  • Fredl sagt:

    „Des­we­gen fin­den sich aus den ers­ten Jah­ren etwa der Tages­schau kei­ner­lei Auf­zeich­nun­gen, des­we­gen wur­den „Sit­coms“ und „Soap-Operas“ live vor der Kamera gespielt und über­tra­gen, wie ein fer­nes Thea­ter.“

    Das ist nicht korrekt:

    „Die meisten Sitcoms werden in den USA (in Deutschland eher selten) vor Live-Publikum aufgezeichnet (sic!)“

    „Ansonsten geht seit Ende der 1990er auch in den USA der Trend zu Ein-Kamera-Sitcoms, die wie normale Serien und Filme gedreht werden, meist ohne Live-Publikum, wie bei 30 Rock oder Malcolm Mittendrin.“

    „In seltenen Fällen wird die Sitcom zwar im Multicamera-Verfahren gedreht, allerdings ohne Live-Publikum, und die fertigen Folgen werden dann einem Publikum vorgespielt, deren Lacher aufgenommen werden, wie bei How I Met Your Mother. “

    http://de.wikipedia.org/wiki/Sitcom

  • Postdramatiker sagt:

    – VIdeorekorder usw. sind Technologien mit denen Publikum auf das Problem reagiert, das Fernsehen darstellt. Es sind Supplemente, die an der grundsätzlichen Unwiderbringlichkeit nichts ändern, sondern sie durch eigene Aufzeichnung zu korrigieren versuchen. Für euch beide sind Schmetterlinge offensichtlich Tiere, die mit Nadeln in der Mitte bewegungslos in Glaskästen leben, richtig?
    – Mediatheken, zeitversetztes Fernsehen usw. sind tatsächlich qualitative Neuerungen. Ob das, was wir als Fernsehen kennen, diese Neuerungen überleben wird, wird sich zeigen.
    – Wiederholungen sind einerseits das Angebot, Verpasstes zu einem anderen Zeitpunkt erneut sehen zu können, zweitens schlicht Effizienztechniken. Interessant wäre, seit wann in welcher Form welche Formate wiederholt wurden und als wiederholenswert betrachtet wurden.
    – 40-50 Jahre zu spät: mag sein. Denk dir doch einfach, ich hätts vor 40-50 Jahren schon mal geschrieben und würde es hier nur re-posten. Vielleicht hilfts. Oder du liest es einfach nicht und gehst noch ein bisschen die Moderne beobachten, von der du vermutlich überwiegend aus den Massenmedien wie dem Fernsehen weisst. Was dir offenbar nicht zu denken gibt.
    – „Die Bedeutung …. hat es nicht mehr“: Ein durchschnittlicher täglicher Fernsehkonsum in Deutschland von ca. 4 Stunden ist bedeutungslos? Interesse an der Gesellschaft ist vermutlich eher nicht so dein Gebiet, gell?
    – Sitcoms: Wenn du deinen Weg schon zu Wikipedia findest, dann lies es auch vernünftig:
    Soap operas were originally broadcast live from the studio, creating what many at the time regarded as a feeling similar to that of a stage play. (Wikipedia englisch)
    Early sitcoms were broadcast live, recorded on kinescopes, or not recorded at all. (Wikipedia Englisch)

    Das Lachen des Publikums war für den Fernsehzuschauer hörbar; es entstand das Gefühl, einem Live-Ereignis beizuwohnen.“ (Wikipedia deutsch)

    „und die fer­ti­gen Fol­gen wer­den dann einem Publi­kum vor­ge­spielt, deren Lacher auf­ge­nom­men wer­den“ – und solche rätselhaften Praktiken veranlassen dich nicht zum Nachdenken? Na, muss ja nicht.
    Euch interessierts nicht – dann lest bitte woanders Interessanteres. Und verschwendet eure und meine Zeit nicht mit Dummheiten.

  • Deine Familie, Freunde und Kollegen kennst Du auch bloß aus den Massenmedien, oder was? Falls ja, würde das Deinen aggressiven Ton erklären. Komm mal ein bißchen runter und überleg mal, was die wirklich wichtigen Dinge im Leben sind. Das ist bestimmt nicht das Fernsehen, selbst wenn es Leute gibt, die den ganzen Tag davor sitzen. Was glaubst Du denn mit so einer Theorie über das Fernsehen zu erreichen, außer solche Leute in ihrem Lebensstil zu bestätigen? Du kannst Dich damit dann vielleicht noch darüber aufregen, wie viele Leute ihre Zeit mit dem Fernsehen verschwenden. Aber das ist genauso eine Verschwendung von Zeit und Energie. Da kannst Du dich auch gleich mit vor die Glotze setzen.

    Das ganze Leben zieht unwiederbringlich an einem vorbei, nicht nur das Fernsehprogramm. Also versucht man sich zu erinnern. Filme sind eine Möglichkeit dies zu tun. Dann muss man den Schmetterling auch nicht mehr mit einer Nadel in einen Glaskasten bannen. Die Aufzeichnung ersetzt nicht die ursprüngliche Erfahrung, aber man kann sich wenigsten daran erinnern als sie dem Vergessen zu überlassen und nur noch im Jetzt gedächtnislos vor sich hin zu treiben. Was ist falsch daran sich effizient zu erinnern, solange die Erinnerung nicht zur einzigen Gegenwart wird? Und die Gegenwart sollte nicht nur aus den Erfahrungssubstraten der Massenmedien bestehen, oder? Es gibt auch noch echte Menschen, mit denen man seine Zeit verbringen kann. Das Wissen über die kommt nicht aus den Massenmedien – es sei denn Mitmenschen gehören nicht mehr zu Deiner Welt.

  • Fredl sagt:

    „Das Lachen des Publi­kums war für den Fern­seh­zu­schauer hör­bar; es ent­stand das Gefühl, einem Live-Ereignis bei­zu­woh­nen.“

    Zunächst: Ich empfinde Deine Texte als interessante Anregungen, an denen man sich reiben kann, in dem man sie mit eigenen Auffassung vergleicht.

    Mir ging es darum, die Selbstbeschreibung des Fernsehens, das natürlich die leibhafte Präsenz als ein Alleinstellungsmerkmal seiner Trans-Mission fetischisiert, wenn nicht sakralisiert (darin vielleicht wirklich an kultische Idolatriepraktiken anknüpfend?), nicht zu bestreiten, sondern zu hinterfragen. Wenn man will daraufhin, ob sie nicht dem huldigen, was Derrida mit Präsenzmetaphysik bezeichnete und zu dekonstruieren versuchte. Das Simulakrum des Fernsehbildes huldigt unbestritten dem Kult der „echten Zeit“ (Echtzeit), wie des echten Raumes.
    Dem auratischen Hic et Nunc, von dem Benjamin meinte, es sei den alten Kunstwerken zu eigen gewesen, und durch technische Reproduzierbarkeit gerade verloren gegangen. Diese Dimension wird, vielleicht weil sie stets schon verloren ist, umso eindringlicher re-vitalisiert und beschworen.
    Der lebendigen Gegenwart eines wirklichen Hier und Jetzt wird gehuldigt, das sich ohne Verzug (und doch mit der Flüchtigkeit wahrer Ereignisse – „verweile Doch, Du bist so schön“) ereignet. „Ereignishaftigkeit“ dabei programmhaft simuliert.

    Greift dabei jedoch unvermeidlicherweise auf Aufzeichnung wie auf Unechtes zurück. Nicht nur auf prozeßontologischen Fluß à la Bergson, sondern Repetivität und Intermittenz.

    Dieser Zug sollte meiner Ansicht nach nicht zu kurz kommen.

  • Postdramatiker sagt:

    @Fredl – davon bin ich so weit nicht entfernt in meinem Interesse, ja. DIe vielfältigen Durchkreuzungen der Präsenz und des Hic et Nunc, wie du schreibst, sind ja quasi augenfällig. Und zugleich irritierend. Die Verwebung der absoluten physischen Präsenz des physisch Apräsenten. Das Prae-Sensus dessen, was dem Sensus entrückt ist, mit dem was in das Präsens eingeschnitten wird, sei es als Aufzeichnung, Archivmaterial, Animation, Illustration, gibt dabei ebenso zu denken, wie das, was sich in diesem Gewebe verbirgt und die dihegese ausmacht, die Strukturierung zur Erzählung, die als ganz selbstverständlich erscheint, solange ihre Selbstverständlichkeit nicht als Selbstverständlichkeit fraglich wird.
    Ob man Anschluss an die Diagnose Derridas findet, dessen Interesse eher der Buch- als der Fernsehmetaphysik galt, kann ich dir noch gar nicht wirklich beantworten. Momentan würde ich die Buch-Metaphysisk eher mit einer Endo-Physik kontrastieren, die eben die (aristotelische) „synthesis“ bezeichnet, die Zusammenfügung dessen, was nach seiner Zusammenfügung den Effekt des „Verstehens“ generiert. Mit Nietzsche könnte man vielleicht tentativ als Arbeitshypothese sagen:
    „Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben…“ – wobei die Referenz „Gott“ (oder deine „Idolatrie“) einen anderen Zusammenhang eröffnet als die Referenz „Metaphysik“.
    Nachdem es das Fernsehen nun recht lange gibt, scheinen mir diese Fragen allesamt doch verblüffend offen und ein Gewirr von Zügen zu ergeben, das es geduldig zu entwirren oder dem es nachzuspüren gilt. Gerade wenn man Adorno/Horkheimers Diagnose vom schematischen Operieren und der Übernahme des Bewusstseins durch eine Kulturindustrie folgt – ohne allerdings zu glauben, man könne durch bloße Opposition gegen diese Industrie auf eine Auseinandersetzung mit ihr verzichten.

  • Fredl sagt:

    Danke für deine weiteren Erläuterungen!

    „Ob man Anschluss an die Dia­gnose Der­ri­das fin­det, des­sen Inter­esse eher der Buch– als der Fern­seh­me­ta­phy­sik galt, kann ich dir noch gar nicht wirk­lich beant­wor­ten.“

    Dazu http://www.perlentaucher.de/buch/jacques-derrida/echographien.html

    Jean-Luc hat im Anschluß an bildtheoretische Überlegungen die Präsenz, in Ausdeutung einer gut bezeugten Etymologie, als Prä(s)-Entia (prä + esse) gelesen. Als ein Sein oder Wesen, was insofern stets „außer sich“ ist, als es sich vor-sich-selbst-stellt (prä), nur ist, in dem es sich raum-zeitlich voraus ist. Präsenz als Ausstellung, Ex-Position. Auch ein interessanter Approach, um Ungleichzeitigkeit und das Displacement, den différantiellen Aufschub (der gleichzeitig Reserven bildet), zu fassen.

  • Postdramatiker sagt:

    Fredl – habe auf deinen Hinweis hin die Echographien zu lesen begonnen. Sehr spannend, zumal Derrida bzw. das Gesprächsduo meinen Gedanken verblüffend nah ist (oder: ich ihnen). Ich finde das Umspielen der Archive anschlussfähig, die kritische Kraft, die Derrida der Speicherung und öffentlichen Verfügbarmachung von TV-Inhalten zuschreibt.
    Zugleich stieß ich gerade auf eine Formulierung, die dem obigen Posting recht nahe kommt:
    „Derrida: Ein bestimmtes Innehalten, eine Pause von unveränderlicher Dauer ist unmöglich oders ehr unwahrscheinlich oder sehr selten … der Ablauf ist unumkehrbar, man kann nicht zurückkehren …
    Stiegler: … zurückkehren und folglich gerät man in eine Haltung des Nie-wieder, während die Technik …. gerade Iterabilität und die Möglichkeit der Wiederholung in sich schließt

    Derrida: …. Als Fernsehzuschauer hat man den Eindruck, dass das nur ein einziges Mal.: das kommt nicht wieder, sagt man sich, das ist ‚live‘, direkt in Echtzeit, während es andererseits, wie wir ebenso wissen, von den mächtigsten, raffiniertesten Wiederholungsmaschinen produziert wurde.“ (106f.)
    Danke für den Buch-Hinweis! Und das persistente „man müsste“ Derridas bestätigt mich darin, weiterzumachen.

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