Spannender Ansatz für ein Netztheater

August 24th, 2010 Kommentare deaktiviert für Spannender Ansatz für ein Netztheater Autor: Ulf Schmidt

Der Freitag bringt heute hier einen Bericht von Andrew Dickson (Übersetzung Holger Hutt) über eine Veranstaltung des Edinburgher Traverse Theatre mit dem Titel Impossible Things before Breakfast. Interessant daran ist, dass die dort vorgestellten Stücke live in Kinos übertragen wurden:

Nun versucht das Traverse etwas, das man früher, wenn zwar nicht für unmöglich, so doch für hoch ambitioniert gehalten hätte: An einem Abend wurden diese zwei kurzen Stücke zusammen mit drei weiteren mithilfe eines Videobeamers in 30 Kinos in ganz Großbritannien und Irland übertragen. Das Theater ist freilich nicht das erste, das etwas derartiges macht. Bereits im Jahr 2006 begann die Metropolitan Opera in New York mit der Übertragung ihrer Aufführungen in Kinos auf der ganzen Welt und im vergangenen Jahr folgte Londons National Theatre unter anderem mit Hellen Mirren in Racines Phèdre, was weltweit 200.000 Menschen mitverfolgten. Vor ein paar Wochen gab das Londoner Donmar, bei dem es aufgrund der geringen Platzkapazitäten und des großen Andrangs schwierig sein kann, eine Karte zu bekommen, bekannt, man werde den King Lear des Herbstspielplanes ebenfalls live auf Videobeamer senden. (Quelle)

Das selbst ist eigentlich noch nicht wirklich der Spannung letzter Schluss – hat doch schon das Fernsehen Theateraufführungen live übertragen (Ohnsorg, Millowitsch, Kurfürstendamm um nur einige zu nennen, an die ich mich noch aus eigener Anschauung erinnere). Es ist auch nicht die große Meldung, dass nun in den Kinos eine Art des Gemeinschaftsgefühls bei den Zuschauern erzeugt werden soll, die bei Fernsehübertragung nicht aufkommt. Public Viewing fürs Theater. Macht Bayreuth auch. Ins Netz wird auch schon live gestreamt.

Mich würde vielmehr interessieren, ein Konzept oder einen Mulltitext zu machen, der 30 (oder sagen wir: 3) Theater miteinander verbindet – und untereinander Live-Bilder in die jeweilige Live-Aufführung überträgt, sodass ein Hybrid entsteht, der an jedem Ort einen anderen „körperlichen“ Bestandteil hat (die leibhaftigen Akteure) und jeweils andere „virtuelle“ Anwesende.Das wäre imho wirklich spannend.

Der Artikel endet mit der Forderung, diese Aktion nur als einen Entwicklungsstart zu betrachten:

Alle sind sich einig, dass die neue Technologie künstlerisch etwas Neues bieten muss – nicht zuletzt weil das Theaterstück in eine hybride Form überführt wird, die Live-Video, digitale Animation, Surround-Sound und vieles mehr umfasst. Vielleicht liegt ja eine Möglichkeit, die Live-Übertragungen von Theaterstücken erlebbar zu machen, darin, das Ungeschliffene und Rohe nicht als Mangel, sondern als Tugend zu begreifen, und die Spannung der Live-Aufführung ebenso zu betonen wie den Charakter des Gemeinschaftserlebnisses.

So ist es. Und ich binde hier ein Video von der Firma Cisco ein, das zeigt, wie unglaublich eindrucksvoll eine Mixtur aus „Präsenz“ und „Absenz“ rüberkäme, würde man holographische TelePresence nutzen. Anmerkung: Die „Magie“ beginnt nach etwa 50 Sec.

Denke hier bloß niemand an den Geist von Hamlets Vater! In allen Schauplätzen müsste Live-Publikum sitzen. So würde die Realfigur des einen Ortes zur Virtualfigur des anderen Ortes. Und zwar jeweils gegenseitig. Real-Virtuale Interaktion. Eine neue Koordination von An- und Abwesenheiten.

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