Wird Facebook der erste virtuelle Staat?

Juli 14th, 2010 Kommentare deaktiviert für Wird Facebook der erste virtuelle Staat? Autor: Ulf Schmidt

Die Nut­zer­zah­len von Face­book wer­den seit eini­ger Zeit schon ger­ne in Rela­ti­on zu staat­li­chen Popu­la­tio­nen gesetzt. Wäre Face­book ein Land — wäre es inzwi­schen das dritt­größ­te nach Chi­na und Indi­en mit sei­nen 500 Mil­lio­nen (!) “Ein­woh­nern”. Das ist inso­fern span­nend als die­ser Staat ein post­na­tio­na­les Gebil­de, ein Netz­werk­staat wäre. Anstel­le von Per­so­nal­aus­weis und Lan­des­zu­gangs­recht tritt Log­in und Nutzungsrecht/Mitgliedschaftsrecht. Des­we­gen liegt eben­falls (neben dem beab­sich­tig­ten The­ma Leis­tungs­schutz­recht) auf mei­nem Desk­top seit Wochen der Plan, Goog­le, Face­book und Apple dar­zu­stel­len und in ihrer gan­zen Dimen­si­on zu ver­ste­hen bzw. das Ver­stan­de­ne zu pos­ten.

Da gerät mir etwas in die Que­re, was ich eigent­lich als pro­phe­ti­schen Clou mei­nes Face­books-Tex­tes anbrin­gen woll­te. Ich war mir sicher, dass Face­book nach dem Roll-Out des “Gefällt mir” But­tons für alle Web­sei­ten (wie die­ses Blog hier) im nächs­ten Schritt einen ähn­li­chen But­ton zum Bezah­len anbie­ten wird. Basie­rend auf einer eige­nen “Wäh­rung”, die supra­na­tio­nal gül­tig sein wird (wie einst der ECU?). Die frei in jede Land­wäh­rung con­ver­ti­bel ist (bzw. zu von Face­book fest­ge­leg­ten Kur­sen). Und die als Mischung aus auf­lad­ba­rer Kre­dit­kar­te, vir­tu­el­ler Wäh­rung und Spielmünzen/Coins funk­tio­niert. Soweit die Pro­phe­tie. Und nun die­se Mel­dung von new­me­diaa­ge (hier):

Facebook virtual currency to roll out in September

Face­book is aiming for a full launch of its vir­tu­al cur­r­en­cy Face­book Credits in Sep­tem­ber, a move that could lead to it beco­m­ing the default online cur­r­en­cy, rival­ling lea­ders such as PayPal.  Face­book Credits is in a beta tri­al, but sources said the soci­al net­work is aiming to roll it out to all users and deve­l­o­pers in Sep­tem­ber. Initi­al­ly, Credits will be aimed at vir­tu­al goods likes games, but will even­tual­ly let con­su­mers buy any­thing, inclu­ding phy­si­cal goods.Industry experts said it could pro­vi­de big oppor­tu­nities for brands to offer tran­sac­tio­nal ser­vices on Face­book and throug­hout the ent­i­re web via Face­book Con­nect. Credits accounts are top­ped up with any credit card, and char­ge a mer­chant 30% com­mis­si­on.

Wäh­rend im Arti­kel nur die Kon­se­quen­zen für Riva­len wie PayPal oder Ama­zon beschrie­ben sind, schei­nen mir die Kon­se­quen­zen für das zukünf­ti­ge Wäh­rungs- und Staats­we­sen viel gra­vie­ren­der. Denn eine neue Wäh­rung mit 500 Mil­lio­nen “Kun­den” stellt einen bedeu­ten­den poli­ti­schen Akteur da. Denn letzt­lich ent­schei­den die Umrech­nungs­prei­se (heißt: der Gegen­wert für Credits) über den Wäh­rungs­wert mit. Wenn Face­book sich per Con­nect und Open Graph auf das gesam­te oder einen Groß­teil des Web aus­brei­tet, Zei­tun­gen, Klei­nig­kei­ten und Großig­kei­ten per Credits bezahlt wer­den kön­nen, macht es für Bür­ger Sinn, ihre Credits zu mög­lichst güns­ti­gen Kon­di­tio­nen zu bekom­men. Es wird (bei 10 Mil­lio­nen Face­book-Nut­zern allein in D) viel­leicht inter­es­sant, sich von der Haus­bank die Euro in Jamai­ka­ni­sche oder Hai­tia­ni­sche Wäh­rung umn­tau­schen zu las­sen, um Credits zu einem bes­se­ren Kurs zu kau­fen. Ich sehe vie­ler­lei Mög­lich­kei­ten für Spe­ku­la­tio­nen. Und ich sehe Poli­ti­ker sich mit Face­book aus­ein­an­der­set­zen, weil ihre eige­ne Wäh­rung von Face­book zu schlecht bewer­tet wird … Von der “Anbie­ter­sei­te” noch ganz zu schwei­gen. Der Face­book-Staat ist ein Kauf­haus. Aber ein Staats­kauf­haus … Viel­leicht. Span­nend.

Hier eines der Vide­os über Face­book als Staat:

Soci­al Media Revo­lu­ti­on 2 (Refresh) from Erik Qual­man on Vimeo.

Liest ein Volks­wirt mit und hat dazu eine Mei­nung?

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