Digitalökonomie: Fidor die Bank der Zukunft?

August 11th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Bin ges­tern auf Robert Basics Blog­pos­tings zur Fidor Bank gesto­ßen: Hier sei­ne Vor­stel­lung der Bank (inkl. Kom­men­ta­ren sei­tens der Bank und des Vor­stands! dazu), hier sein enorm posi­ti­ver Selbst­ver­such, hier ein Fern­in­ter­view von Robert mit dem Vor­stand Mat­thi­as Krö­ner. Soweit zur Quel­len­la­ge.

Der Ansatz der Bank ist span­nend: man pflegt nicht Kun­den­ge­schäft und betreibt neben­bei eine Online-Com­mu­ni­ty. Son­dern die Com­mu­ni­ty “ist” die Bank. Die Kun­den kön­nen das aktu­el­le Ange­bot kom­men­tie­ren, sich gegen­sei­tig Rat­schlä­ge geben, der Bank posi­ti­ves und nega­ti­ves Feed­back geben — und Ver­bes­se­rungs­vor­schlä­ge machen. Naja — Vor­schlä­ge kann ich über­all anbrin­gen. Hier aber lebt die Bank von den Vor­schlä­gen und ori­en­tiert sich an den Wün­schen sehr direkt. Ver­mut­lich wer­den wir hier auf der Sei­te dem­nächst auch einen freund­li­chen Kom­men­tar sei­tens der Bank sehen — weil sie genau schaut, wo im Netz gut oder weni­ger gut gespro­chen wird. Genau dort selbst am Gespräch teil­nimmt, Fra­gen beant­wor­tet, Kri­tik auf­nimmt, sich erklärt.

Der “Dia­log”, den Old Eco­no­my-Ban­ken an Pla­kat­wän­de als Ver­spre­chen pap­pen — ist hier Geschäfts­mo­dell gewor­den. Die Kun­den bestim­men oder beein­flus­sen zumin­dest, was für Pro­duk­te die Bank anbie­tet und neh­men zu Kon­di­tio­nen stel­lung, sind invol­viert, haben volls­te Trans­pa­renz über das geche­hen. Und als Neu­kun­de ste­he ich nicht vor unmo­ti­vier­ten und über­be­zahl­ten Kun­den­ver­ra­tern, son­dern von einer Men­ge aktu­el­ler undd akti­ver Kun­den. Wer ist die Bank — wenn nicht die Kun­den selbst? Und der Dia­log der Kun­den und mit den Kun­den ist kei­ne “Außen­kom­mu­ni­ka­ti­on” oder Rand­er­schei­nung, son­dern Kern der Bank.

Heißt: Die Bank ist kein Unter­neh­men, son­dern eine Netz­werk­as­so­zia­ti­on. Kein Netz­werk von ganz glei­chen, es gibt Pro­fis und Bera­ter, und die Bank hat natür­lich sowohl eige­nes Inter­es­se und eige­ne Agen­den. Aber die Bank weiß auch, dass sie von ihrem offe­nen Netz­werk abhän­gig ist. Für mich ein Rie­sen­schritt hin zum Ban­king in der Digi­tal­ökno­mie. Ich wür­de mir nun vor­stel­len, dass die Bank­ge­mein­schaft Digi­tal­land­wir­te beauf­tragt, die ihr Geld durch Digi­tal­spe­ku­la­ti­on ver­meh­ren sol­len. Das wäre Finanz­wirt­schaft für die Digi­tal­öko­no­mie, die aus dem Digi­tal­raum den Gewinn zieht, die die Kom­pe­tenz der Pro­fis als Roh­stoff für die Mehr­wert­er­zeu­gung nutzt. Inves­ti­ti­on der Zukunft. Ich hof­fe, das wird nicht miss­ver­stan­den.

Ich glau­be nicht, dass das Dia­log­mo­dell bis in den Mil­lio­nen-Kun­den-Markt ein­fach ska­lier­bar ist. Aber war­um soll­te es nicht vie­le Netz­werk­ban­ken geben, die sich fall­wei­se wie­der­um unter­ein­an­der ver­net­zen, um grö­ße­re Pro­jek­te zu stem­men. Oder wie­der­um gemein­sam Dritt­play­er beauf­tra­gen, Groß­pro­jek­te zu hand­len und abzu­wi­ckeln (nach Zustim­mung der Kun­den).

Ich erlau­be mir, eini­ge Vide­os hier ein­zu­bin­den und zum Anschau­en zu emp­feh­len:

Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau

August 11th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Journalismus bizarr — heute die Frankfurter Rundschau § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Am letz­ten Sam­satg las ich in der FR (hier) in der von mir sehr gelieb­ten und geschätz­ten Kolum­ne von Mely Kiyak einen enorm ein­dring­li­chen Text über die wider­wär­ti­ge Pra­xis der Stei­ni­gung. Ein The­ma, dem sich anzu­neh­men und Pro­test zu üben mei­nes Erach­tens jen­seits aller reli­giö­sen Eigen­hei­ten nicht nur gerecht­fer­tigt son­dern gebo­ten ist. Dass die Todes­stra­fe selbst ein Skan­da­lon ist muss auch nicht dis­ku­tiert wer­den — das ist sie. Aus Grün­den, die ich hier viel­leicht ein­mal pos­ten wer­de.

Heu­te nun lese ich (hier) ein Inter­view mit der Amnes­ty-Akti­vis­tin Marie von Möl­len­dorff, die in vie­ler­lei Hin­sicht Bedenks­wer­tes zur Stei­ni­gung bei­zu­tra­gen hat und deren kon­kre­tes Enga­ge­ment ich zuhöchst respek­tie­re. Das alles vor­weg — nun aber zeigt sich, wie selt­sam Jour­na­lis­mus funk­tio­niert. Und wie wenig der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” dar­auf ach­tet, was er selbst fabri­ziert. Wenn das Anlie­gen stimmt. Dass das bes­te Anlie­gen durch fal­sche Argu­men­te beschä­digt wer­den könn­te — wohl kei­ner Über­le­gung mehr wert.

Viel­leicht mei­ne ver­kürz­te Wahr­neh­mung der Welt — aber selt­sa­mer­wei­se ging ich immer davon aus, dass die Stei­ni­gung eine beson­de­re Grau­sam­keit ist, die Män­ner gegen Frau­en ver­hän­gen, Das bestä­tigt auch weit­ge­hend der Arti­kel in der FR:

Offen­bar sind Frau­en beson­ders häu­fig von Stei­ni­gun­gen bedroht. War­um ist das so?

Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Die Aus­sa­ge eines Man­nes wiegt die Aus­sa­gen von zwei Frau­en auf. Frau­en sind häu­fi­ger Analpha­be­ten und haben oft Geständ­nis­se, die sie unter­zeich­nen, gar nicht gele­sen. Bei eth­ni­schen Min­der­hei­ten ist es oft auch so, dass sie kein Per­sisch ver­ste­hen. Das heißt, dass sie bei Gerichts­ver­fah­ren, selbst wenn sie von Stei­ni­gung bedroht sind, gar nicht wis­sen, was pas­siert. Und da Frau­en meist kein eige­nes Ein­kom­men haben, kön­nen sie sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten.

Män­ner sind auch bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. Aha.  Män­ner haben mehr Gewicht vor Gericht (ääähm — auch wenn sie zu Ungus­ten von Män­nern aus­sa­gen?), Frau­en ver­ste­hen kein Per­sisch (nein — genau lesen: “eth­ni­sche Min­der­hei­ten”). Und Frau­en kön­nen sich kei­nen guten Rechts­bei­stand leis­ten (heißt: Män­ner kön­nen?). Ich will hier nicht die Frau­en-Män­ner-Debat­te zum Dau­er­the­ma machen, wie­wohl ich (hier) beim The­ma Bur­ka (aber mit gänz­lich ande­rem Fokus) dar­auf Bezug genom­men habe. Wir kom­men zu Zah­len:

2009 wur­den min­des­tens 388 Men­schen hin­ge­rich­tet, dar­un­ter war nur ein Mann, der gestei­nigt wur­de. Am häu­figs­ten ist Tod durch Hän­gen. Ehe­bruch gehört zu den Hodoud-Ver­bre­chen, das sind Ver­bre­chen gegen den gött­li­chen Wil­len, die eine Bestra­fung nach isla­mi­schem Recht nach sich zie­hen. Stei­ni­gung steht nur auf den Ehe­bruch ver­hei­ra­te­ter Per­so­nen.

Aha — nur ein Mann. Und 387 Frau­en? Nein nein, genau lesen: Es wur­den 388 Men­schen ins­ge­samt hin­ge­rich­tet, davon wur­de ein Mann gestei­nigt. Es steht dort nicht, dass 387 nicht­männ­li­che Stei­ni­gungs­op­fer waren oder nur ein Mann hin­ge­rich­tet wur­de (und zwar durch Stei­ni­gung) hin­ge­gen 387 Frau­en (auf wel­che Wei­se auch immer). Und der Haken steckt im nächs­ten Satz:

Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den. Im Moment sind min­des­tens sie­ben wei­te­re Frau­en und drei Män­ner von Stei­ni­gun­gen bedroht.

Fünf Män­ner, eine Frau. Wie gesagt: Mir war bis­her unbe­kannt, dass über­haupt Män­ner gestei­nigt wer­den. Und mir ist letzt­lich auch ziem­lich egal, Men­schen wel­chen Geschlecht der­art zu Tode gequält wer­den. War­um aber höre ich nichts von den Män­nern, die die­ses Urteil tötet? War­um hängt auch die FR es als “Frau­en­the­ma” auf — und unter­lässt es dann, die mir die Augen doch ein Stück öff­nen­den Zah­len ein­fach weg­zu­las­sen, um den schö­nen Arti­kel damit nicht zu zer­stö­ren? War­um schreibt man auf engs­tem Raum zusam­men: “Es sind auch Män­ner bedroht, aber häu­fi­ger Frau­en. (…) Wir gehen davon aus, dass min­des­tens fünf Män­ner und eine Frau seit 2002 gestei­nigt wur­den.” Kann mir irgend­je­mand aus die­ser Redak­ti­on erklä­ren — war­um?

Und übri­gens — war­um soll ich dafür Leis­tungs­schutz­rech­te aner­ken­nen? Was leis­tet der “Qua­li­täts­jour­na­lis­mus” denn, der sich sol­che Arti­kel leis­tet?

“Politik” eine Konstruktion des Journalismus?

August 10th, 2010 § 5 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ich lese gera­de noch ein­mal den Text “Hege­mo­nie und das Para­dox von pri­vat und öffent­lich” (hier online und als pdf) von Alex Demi­ro­vic. Und bin dabei über einen Gedan­ken gestol­pert, den ich zuletzt (hier) beim Nach­den­ken über Öffentlich/Sozial/Privat über­le­sen hat­te:

Jour­na­lis­ten waren die­je­ni­gen Akteu­re, die, solan­ge es kei­ne poli­ti­schen Par­tei­en, kein regel­mä­ßig tagen­des Par­la­ment und kei­ne Berufs­po­li­ti­ker gab, Poli­tik als eigen­stän­di­ge Hand­lungs­sphä­re auf Dau­er stell­ten und damit auch die staat­li­che Ver­wal­tung kon­trol­lier­ten.

Lei­der unter­schätzt Demi­ro­vic die Kraft die­ses Gedan­kens — und kon­sta­tiert die­se Funk­ti­on nur für den Jour­na­lis­mus der vor­de­mo­kra­ti­schen Epo­che. Wie wäre es, wenn die “Auf Dau­er Stel­lung” des Poli­ti­schen als eine eige­ne Spä­re nur durch die soge­nann­te jour­na­lis­ti­sche Lite­ra­tur grund­sätz­lich geschä­he. Wenn unab­hän­gig von der umge­ben­den Herr­schafts­form “das Poli­ti­sche” nur durch die Erzäh­lun­gen von Print, Radio, TV ent­stün­den — wie die Hei­li­gen­le­gen­den durch die Bibel, Mär­chen­ge­stal­ten, Cele­bri­ties. Wie also, wenn nicht nur die “Dra­ma­tur­gie” wie hier » Wei­ter­le­sen «

Umweltwerdung des Psychischen — und ihre Rückkehr in die Wirtschaft

August 9th, 2010 § 1 comment § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Ein berühm­tes und häu­fig inkri­mi­nier­tes Dik­tum von Niklas Luh­mann erklär­te die Psy­che oder das „psy­chi­sche Sys­tem“ zur Umwelt des sozia­len Sys­tems der Gesell­schaft bzw. damit grund­sätz­li­cher aller Sys­te­me, die nicht das psy­chi­sche Sys­tem selbst sind. Das heißt: Im Wirt­schafts­sys­tem, Im Kunst­sys­tem, im Rechts­sys­tem usw. kommt die Psy­che nur als Umwelt vor. Die Kno­ten­punk­te der Kom­mu­ni­ka­ti­on sind auf­ge­spal­ten in (min­des­tens) zwei Sys­te­me: ein psy­chi­sches und ein Gesell­schaft­li­ches (bzw. bereits nahe­zu zwangs­läu­fig meh­re­re sich über­wie­gend zum Gesell­schafts­sys­tem sich als Sub­sys­te­me ver­hal­ten­de. Wenn ichs denn rich­tig ver­stan­den habe.

Es stellt sich die Fra­ge, ob die­se theo­re­ti­sche peti­tio princi­pii nicht tat­säch­lich unbe­merkt eine Dia­gnos­tik der Moder­ne ist, in der seit der Mit­te des 18. Jahr­hun­derts tat­säch­lich der Mensch zumin­dest im Wirt­schafts­sys­tem einer­seits Arbei­ter war, des­sen Eige­nes, Psy­chi­sches, Indi­vi­du­el­les bloß Umwelt war, mit der Pri­vat­klei­dung zuguns­ten eines Arbeits­sys­tems abge­legt wur­de. Ande­rer­seits das Pri­va­te nur mehr – nun abge­spal­ten vom Arbeits­le­ben etwa durch unter­schied­li­che Ver­or­tun­gen von Pri­va­tem und Beruf­li­chem – das Beruf­li­che als Umwelt betrach­tet. Ist also die fun­da­men­ta­le Spal­tung in Sozi­al­sys­tem „Fir­ma“ und psy­chi­sches, emo­tio­na­les Zuhau­se die Rela­ti­on, die Luh­mann tat­säch­lich beschreibt, die auf his­to­risch älte­re Kon­struk­te nicht in dem Maße – viel­leicht nur für Geist­li­che, Sol­da­ten, Huren, — zuträ­fe?

Dazu wür­de wie­der­um pas­sen, das nicht lan­ge nach der Ein­füh­rung des intra­per­so­na­len Schis­ma die Psy­cho­lo­gie und ins­be­son­de­re die Psy­cho­ana­ly­se und Psy­cho­the­ra­pie ent­stand. Ich kom­me dar­auf, weil ich – wie­wohl mit Boltanski/Chiapello noch immer nicht ganz fer­tig – zwi­schen­drin ein wenig bei Eva Ill­ouz „Gefüh­le in Zei­ten des Kapi­ta­lis­mus“ zu schmö­kern begon­nen habe. Sie beschreibt eine Tren­nung von „einer emo­ti­ons­frei­en öffent­li­chen und einer mit Emo­tio­nen gesät­tig­ten pri­va­ten Sphä­re“ (12, die sie in der Fol­ge bis in die Gegen­wart hin­ein zer­fal­len sieht. Über das begin­nen­de 19. Jahr­hun­dert schreibt sie, „daß die Psy­cho­ana­ly­se und die Viel­zahl abtrün­ni­ger Theo­ri­en der Psy­che, die ihr gefolgt sind, im gro­ßen und gan­zen ihre Haupt­auf­ga­be dar­in sahen, das emo­tio­na­le Leben neu aus­zu­rich­ten (auch wenn es natür­lich so aus­sah, als wären sie ledig­lich dar­an inter­es­siert, es zu zer­le­gen).“ (15)

Bezieht man Freuds Ziel, die Pati­en­ten arbeits- und lie­bes­fä­hig zu machen (ich fin­de gera­de die zitier­fä­hi­ge Stel­le nicht – viel­leicht hat jemand einen Tipp) in die Betrach­tung ein, fällt eben in der Zusam­men­stel­lung Arbeit+Liebe auch die Ent­ge­gen­set­zung auf: Die Arbeits­welt und die Lie­bes­welt. Die eine die Umwelt des anderen.Innenleben und Außen­le­ben.  Wäh­rend sich vor­he­ri­ge Jahr­hun­der­te dar­um bemüh­ten „vom Umgang mit Men­schen“ ethisch zu han­deln, tritt nunmehr4 das schi­zo­lo­gi­sche Pro­blem des Umgangs mit sich selbst, dem Selbst, mit sich auf. Und die freud­sche Psy­cho­tech­no­lo­gie schafft ein sich auf die Ver­gan­gen­heit rich­ten­des Ich, das in sich selbst und der eige­nen Ver­gan­gen­heit die Lösung für gegen­wär­ti­ge Pro­ble­me sucht. Und neben­bei arbei­ten geht. Oder sich im Thea­ter anschaut, wie man das Leben in Innen- und Außen­welt ein­zu­tei­len hat.

Und die Auf­ga­be der Gegen­wart stellt sich so dar, dass der Re-Ent­ry des eines Sys­tems ins ande­re statt­fin­det. Dass also öffent­li­che Gefüh­le gefragt und gefor­dert sind (etwa bei Fuß­ball­ver­an­stal­tun­gen), bei der Arbeit (Selbst­mo­ti­va­ti­on und Lei­den­schaft) zugleich ratio­na­les, regel- und gesetz­ge­lei­te­tes Han­deln im Pri­va­ten.

Na, ich wird mal Ill­ouz wei­ter lesen.

Leistungsschutz und Urheberrecht in der frühen Digitalökonomie

August 8th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Leistungsschutz und Urheberrecht in der frühen Digitalökonomie § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Die sonst so häu­fig zurecht von mir geschmäh­te Yel­low­pos­til­le SpON kam ges­tern- wohl weil im Som­mer­loch ein­fach alles her­hal­ten muss, was die wer­be­ver­kauf­ten Sei­ten füllt — tat­säch­lich mit etwas Inter­es­san­tem und ins­be­son­de­re Selbst­re­fe­ren­ti­el­lem um die Ecke. Ver­ges­sen wir nicht: Spie­gel und SpON sind die markt­gän­gi­gen Mar­ken des Spie­gel-Ver­lags, der ein wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men dar­stellt. Und zwar indem er die Tex­te von Auto­ren ver­öf­fent­licht und dafür von der wer­be­trei­ben­den Indus­trie und/oder von Nut­zern Geld ver­langt.  Der Ver­lag ver­wer­tet die Urhe­bun­gen sei­ner Auto­ren. Ure­ber­recht einer­seits — Ver­wer­tungs­recht ande­rer­seits. Und neu­er­dings möch­ten die Ver­la­ge ein Leis­tungs­schutz­recht, um auch im Inter­net durch Infor­ma­ti­ons­ver­knap­pung und Mono­po­li­sie­rung noch Kapi­tal aus die­sen Urhe­bun­gen zu zie­hen. So weit die nüch­ter­ne Beschrei­bung.

Nun kommt in der Rubrik Spie­gel Wissenschaft/Geschichte ein Arti­kel unter dem Titel “Explo­si­on des Wis­sens” von Frank Tha­de­usz um die Ecke, der im Sum­ma­ry anteasert:

Hat Deutsch­land im 19. Jahr­hun­dert einen indus­tri­el­len Auf­stieg erlebt, weil das Land kein Urhe­ber­recht kann­te? Mit die­ser Ana­ly­se sorgt ein Münch­ner Wirt­schafts­his­to­ri­ker für Auf­se­hen.

Das klingt, als wol­le besag­ter Wis­sen­schaft­ler Eck­hard Höff­ner die Urhe­ber ent­eig­nen. Tat­säch­lich aber geht es um das “Copy­right” — nicht ganz das­sel­be wie das Urhe­ber­recht — son­dern viel ähn­li­cher dem deut­schen Ver­wer­tungs­recht, heißt dem Recht zur Ver­viel­fäl­ti­gung von Urge­ho­be­nem. Das betrifft letzt­lich zwar auch die Auto­ren, die kein Geld für ihre Wer­ke sahen. Aber es betrifft in viel stär­ke­rem Maße die Ver­la­ge, denen der Pro­fit den Bach hin­ab­schwamm. Das soll­te man tun­lichst tren­nen. Tha­de­usz schreibt von der Lon­do­ner Ver­le­ger­kul­tur, die vom 1710 ein­ge­führ­ten Copy­right geschützt waren:

Die pro­mi­nen­tes­ten Ver­le­ger in Lon­don ver­dien­ten trotz­dem präch­tig und fuh­ren teils mit ver­gol­de­ten Drosch­ken umher. Ihre Kun­den waren Rei­che » Wei­ter­le­sen «

Digitalökonomie — eine eigene Währung für Finanzmarktspekulation?

August 7th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie — eine eigene Währung für Finanzmarktspekulation? § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Wenn­die Digi­tal­öko­no­mie als eige­ne Dimen­si­on ent­steht, die sich von der Real­di­men­si­on löst, stel­len sich zwei Fra­gen: Braucht Digi­ta­li­en nicht auch eine eige­ne Wäh­rung? Und ist die Finanz­spe­ku­la­ti­on tat­säch­lich die Wert­schöp­fungs­in­dus­trie?

Vor­weg: Ich habe kei­ner­le Ahnung, ob das irgend­wo­hin führt oder ein­fach der größ­te Blöd­sinn ist.

Die Rural­öko­no­mie bezog Reich­tü­mer aus der Natur, aus Land­wirt­schaft und Vieh­zucht. Die Indus­trie­öko­no­mie bezog ihren Reich­tung aus Roh­stof­fen und Arbei­ter­zucht oder der in dem Werk­stü­cken gespei­cher­ten abs­trak­ten Arbeit. Glo­bal­öko­no­mie bezog ihren Reich­tum inbe­son­de­re aus dem Trans­port, der Ver­füg­bar­ma­chung von Pro­duk­ten (die sich hin­sicht­lich der Län­der, in die sie expor­tiert wer­den, wie Roh­stof­fe dar­stel­len) und dem Han­del. Wor­aus soll eine Digi­tal­öko­no­mie Wert­schöp­fung zie­hen? Wo ist die Erde, aus deren Ver­ede­lung sich Reich­tum schaf­fen lässt — wenn nicht im Wege der Finanz­spe­ku­la­ti­on, der es gelingt, aus buch­stäb­lich Nichts Pro­fit zu schla­gen. Ein domes­ti­zier­ter Casi­no­ka­pi­ta­lis­mus müss­te doch wert­schöp­fend frucht­bar zu machen sein. Wenn » Wei­ter­le­sen «

Digitalökonomie, Arbeitslosigkeit, Freiheit

August 6th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie, Arbeitslosigkeit, Freiheit § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Aus den Pos­tings der ver­gan­ge­nen Tage dürf­te her­vor­ge­gan­gen sein, dass die Geschäfts­mo­del­le tra­di­tio­nel­ler Unter­neh­men akut bedroht sind. Sei es die auf­ge­ho­be­ne Knapp­heit digi­ta­ler bzw. digi­ta­li­sier­ba­rer Güter oder die nicht mehr (welt­weit) loka­le, nie­der­las­sungs­ge­bun­de­ne Ver­triebs­or­gansia­ti­on durch eCom­mer­ce und vir­tu­el­le Shops, die Laden­lo­ka­le über­flüs­sig machen — bis hin­ein in die Vor­la­ge­n­er­stel­lung rea­ler Güter durch den Kun­den in Digi­ta­li­en — wei­te Fel­der des her­kömm­li­chen Wirt­schaf­tens wer­den von der Wel­le des hier vor eini­ger Zeit als Digi­ta­len Tsu­na­mi (hier) bezeich­ne­ten Ver­än­de­rungs­pro­zes­ses erfasst wer­den. Dabei wer­den Arbeits­plät­ze in gewal­ti­gem Aus­maß weg­fal­len — Rif­kin spricht daher vom “Ende der Arbeit”.

All das greift zu kurz, beschäf­tigt man sich mit der Digi­tal­öko­no­mie, ohne sie sofort aus natio­nal­öko­no­mi­scher oder glo­bal­öko­no­mi­scher Per­spek­ti­ve zu ver­kür­zen und nur das “nicht mehr” zu betrach­ten. In der Digi­tal­öko­no­mie fällt weit­ge­hend auch die Knapp­heit der Pro­duk­ti­ons- und Dis­tri­bu­ti­ons­mit­tel weg. Ver­las­sen wir für einen Augen­blick den etwa von Marx fokus­sier­ten Bereich » Wei­ter­le­sen «

Digitalökonomie und staatliche Macht

August 5th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie und staatliche Macht § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Digi­tal­öko­no­mi­eist eine Öko­no­mie, in der nichts knapp ist außer der Knapp­heit selbst. Unter­neh­men, einst ange­tre­ten um den Wunsch nach knap­pen Gütern zu (wecken und zu) befrie­di­gen, ste­hen nun vor der ein­ma­li­gen Situa­ti­on, dass ihre Güter nicht mehr knapp sind. Sie kon­kur­rie­ren (etwa in der schö­nen Paro­le “Zei­tun­gen ver­sus Blog­ger”) mit Pro­du­zen­ten, die glei­che Stück­zah­len mit weni­ger bzw. gar kei­nem finan­zi­el­len Invest her­stel­len und ver­trei­ben kön­nen. Die zudem unend­lich vie­le “Kopi­en” eines ein­mal gekauf­ten Pro­dukts in den kos­ten­lo­sen Ver­kehr brin­gen kön­nen. Das plötz­lich so wich­ti­ge erwa­chen­de Inter­es­se am Urhe­ber­recht und dar­aus (unhalt­bar) abge­lei­te­ten Ansprü­chen der Ver­wer­ter von Urhe­bun­gen erscheint als Hei­land. Und ist doch nur ein ver­klei­de­ter Stu­dent mit wei­ßem Bart.

Neben dem Umgang der bestehen­den öko­no­mi­schen Ein­hei­ten — nen­nen wir sie vor­erst wei­ter­hin Unter­neh­men und Fir­men — mit den digi­tal­öko­no­mi­schen Gegen­ben­hei­ten stellt sich zugleich die Fra­ge, wie staat­li­che Macht mit die­sem öko­no­mi­schen Gebil­de umgeht. Denn im staat­li­chen Han­deln und Ein­griff tref­fen zwei Dimen­sio­nen auf­ein­an­der, die es demo­kra­ti­schen Staa­ten nahe­zu unmög­lich macht, eige­ne Macht­an­sprü­che auf­recht zu erhal­ten und durch­zu­set­zen. In dem gene­ra­li­sier­ten (Aus-)Tauschsystem Digi­ta­li­ens wer­den nicht nur Vir­tua­li­en gehan­delt, son­dern vor allem Daten und Infor­ma­tio­nen. Und damit müs­sen staat­li­che Ein­grif­fe in die phy­si­sche Infra­struk­tur Digi­ta­li­ens (Vul­go: des Net­zes) sich jeder­zeit mit dem Vor­wurf der Zen­sur aus­ein­an­der set­zen. Waren Han­dels­hemm­nis­se, Han­dels­be­schrän­kun­gen, Zöl­le frü­her ein­fach Aktio­nen im » Wei­ter­le­sen «

Digitalökonomie und Globalökonomie

August 5th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Digitalökonomie und Globalökonomie § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach einem ers­ten Abgren­zungs­ver­such der Digi­tal­öko­no­mie gegen die Natio­nal­öko­no­mie in den ver­gan­ge­nen Tagen, heu­te ein ers­ter Ver­such zu bestim­men, wor­i­on sich die Dig­tal- von der in letz­ten Zügen lie­gen­den Glo­bal­wirt­schaft, d.h. der Glo­ba­li­sie­rung, unter­schei­det. So para­dox es auf den ers­ten Blick wirkt:

Glo­bal­wirt­schaft ist noch und in aller stärks­tem Maße Lokal­wirt­schaft. Wirt­schaft begibt sich an bestimm­te Orte — sei es um Lohn­kos­ten zu sen­ken, Märk­te zu erschlie­ßen, Steu­er­vor­tei­le zu nut­zen, Inves­ti­ti­ons­hil­fen abzu­fra­gen … — heißt: sie glo­ba­li­siert. Sie arbei­tet mit Part­nern, die an ande­ren Orten sit­zen. Oder ver­kauft an Kun­den, die am ande­ren Ende der Welt ange­sie­delt sind. Trans­port und Kom­mu­ni­ka­ti­on sind die Ermög­li­cher die­sess Pro­zes­ses der Glo­ba­li­sie­rung. Trans­port und Kom­mu­ni­ka­ti­on zwwi­schen loka­li­sier­ba­ren Punk­ten.

Tat­säch­lich fin­det bei der Glo­ba­li­sie­rung ein gewal­ti­ger welt­wei­ter Ver­schie­be­bahn­hof der Knapp­hei­ten und Über­flüs­se statt. Loka­le Nach­fra­ge­über­schüs­se wer­den durch Trans­port von Gütern dort­hin oder Errich­ten von Pro­duk­ti­ons­ein­hei­ten vor Ort beant­wor­tet. Loka­les Arbeits­kräf­te­über­an­ge­bot wird eben­so durch loka­le Ansied­lung beant­wor­tet. Knapp­heit und Über­fluss fin­den zu glo­ba­len Aus­tausch­pro­zes­sen. Aber die­se Glo­ba­li­sie­rung kann nur als Ungleich­ge­wicht funk­tio­nie­ren. Wür­de die gan­ze Welt leben wie Cas­trop-Rau­xel — es gäbe kei­ne Glo­ba­li­sie­rung.

Digi­tal­öko­no­mie und Ver­füg­bar­keit

Wie die natio­nal­öko­no­mi­sche Knapp­heit in der Digi­tal­öko­no­mie nicht zu fin­den ist, so auch die loka­le Knapp­heit der Glo­ba­li­sie­rung nicht. Jeder Mensch mit Zugriff auf das Inter­net kann im Web jede­zeit und über­all jedes Gut abru­fen und » Wei­ter­le­sen «

Das Geheimnis und die Macht

August 4th, 2010 § 3 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Frei­tag gibt es heu­te einen gehar­nisch­ten Arti­kel von Peter Nowak (hier) zu der Fra­ge, ob es eine im Gehei­men agie­ren­de Macht gibt, deren Wir­ken durch Whist­leb­lo­wer wie Wiki­leaks auf­ge­deckt wird — oder ob die­se Annah­me nur grenz­pa­ra­noi­de Ver­schwö­rungs­theo­rie ist, wäh­rend “die  Macht” vom Kapi­tal bzw. nach Geset­zen des Kapi­tals aus­ge­übt wird. Nowak emp­fiehlt: Statt Wiki­leaks und and­re (ehe­mals) inves­ti­ga­ti­ve Quel­len wie (frü­her) den Spie­gel doch lie­ber Marx und das Kapi­tal zu lesen.

Das gibt mir Anlass zu drei­er­lei:

  1. Marx lesen scha­det nie. Marx der Beschäf­ti­gung mit Gegen­wär­ti­gem vor­zu­zie­hen oder bei­des ent­ge­gen zu set­zen macht aus Marx einen Mär­chen­on­kel, bei des­sen Lek­tü­re man noch von aus­ge­beu­te­ten Pro­le­ta­ri­ern und aus­beu­ten­den Kapi­ta­lis­ten träu­men kann. Die Welt hat sich ver­än­dert. Marx gehört in die Per­spek­ti­ve der Betrach­tung des Gegen­wär­ti­gen, aus­rei­chen wird er dafür nicht (mehr).
  2. Die Vor­stel­lung der Macht, die Peter Nowak refe­riert  und zurück­weist, näm­lich “das die Welt von Mäch­ten gelenkt wer­den, die im Gehei­men » Wei­ter­le­sen «

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