Das Geheimnis und die Macht

August 4th, 2010 § 3 comments Autor: Ulf Schmidt

Im Freitag gibt es heute einen geharnischten Artikel von Peter Nowak (hier) zu der Frage, ob es eine im Geheimen agierende Macht gibt, deren Wirken durch Whistleblower wie Wikileaks aufgedeckt wird – oder ob diese Annahme nur grenzparanoide Verschwörungstheorie ist, während „die  Macht“ vom Kapital bzw. nach Gesetzen des Kapitals ausgeübt wird. Nowak empfiehlt: Statt Wikileaks und andre (ehemals) investigative Quellen wie (früher) den Spiegel doch lieber Marx und das Kapital zu lesen.

Das gibt mir Anlass zu dreierlei:

  1. Marx lesen schadet nie. Marx der Beschäftigung mit Gegenwärtigem vorzuziehen oder beides entgegen zu setzen macht aus Marx einen Märchenonkel, bei dessen Lektüre man noch von ausgebeuteten Proletariern und ausbeutenden Kapitalisten träumen kann. Die Welt hat sich verändert. Marx gehört in die Perspektive der Betrachtung des Gegenwärtigen, ausreichen wird er dafür nicht (mehr).
  2. Die Vorstellung der Macht, die Peter Nowak referiert  und zurückweist, nämlich „das die Welt von Mächten gelenkt werden, die im Geheimen agieren und die immer wieder entlarvt müssen“ greift meines Erachtens tatsächlich zu kurz. Es handelt sich um die hier im Blog bereits gelegentlich beschriebene Reduktion des Geschehens auf shakespeare’sche Schurkendramen, die zwischen Guten und Bösen, zwischen sich gut stellenden Bösen und opferwilligen Guten unterscheiden. Um ein besseres Model für die „Machtkonstellationen“ der Gegenwart zu bekommen, bedarf es meiner Meinung nach zweierlei Einsichten:
  • 3. a) Eine nie dagewesene Öffentlichkeit von Politik führt zu nie dagewesener Geheimhaltung, Heimlichkeit und Geheimmdienstlerei. Während das politische Personal von Medien (insbesondere dem Fernsehen) permanent ins Scheinwerferlicht gerückt wird, von Politpaparazzi enger beobachtet als Beatles, Monroe, Jackson, Tokio Jugendherberge zusammen, sämtliche verbale Regungen sofort im Funk, Fernsehen oder Presse zitiert oder von Dritten weiter kolportiert werden – schafft sich Politik zwangsläufig Räume der „Diskretion“. Müsste man (würd ich auch gerne – vielleicht ein andermal) länger ausführen. Für den Moment möge die Plausibilität genügen: Die permanente Öffentlichkeit und Übertragung in Medien, die sich darum reißen exklusive Meldungen bringen zu können, führt dazu, dass Geheimhaltungsbündnisse entstehen. Man muss sich bündlerisch auf das Schweigen der Betroffenen in Situationen verlassen können, die gemeinsam als geheim klassifiziert wurden. Daraus zu verraten – wie jüngst Gabriels Weitergabe einer Merkel-SMS in Sachen Bundespudelwahl (hier und hier) – ist der politische Hochverrat schlechthin. Der politische Imperativ heißt: Wisse immer was oder wen du nicht verraten darfst – und halte dich daran. Alles andere kann dir verziehen werden. Der Verrat nicht.
  • 3. b)  Macht ist nicht mehr die Macht Einzelner – der shakeseare’schen Könige etwa. Es ist auch nicht mehr genau die Mikrophysik Foucaults. Macht findet heute in Netzwerken statt. Macht zu haben heißt, über bestimmten Netzverbindungen zu verfügen, Netzverbindungen mit besonderem gegenseitigem Vertrauensverhältnis (z.B. das Geheimnis). Und zugleich in diesem Netz eine wichtige Schaltstelle zu sein. Mag früher der isolierte Autokrat, der Despot oder Diktator das Bild des Machthabers sein, ist es heute der Netzwerker, der diese Netzwerke nicht nur als Kommunikationsstrecken nutzt, sondern als Fäden, an denen gezogen werden kann. Die gekappt und wieder hergestellt werden können. Machtveränderungen sind Verschiebungen in diesem Netzwerk oder in diesen netzwerken. Teilweise sind sie unter der Oberfläche verborgen, weil sie von Personal unterhalten werden, das jenseits oder unterhalb der Öffentlichkeitsbühne agiert. Teilweise sind sie öffentlich. Sie sind in gewisser Weise „geheim“ oder wecken jedenfalls den Eindruck, es gäbe eine Geheimebene der Macht. Da das Netzwerk nicht sichtbar ist, ist dem auch so. Wiewohl die Geheimhaltung nicht unbedingt zu seinen Existenzbedingungen gehört – anders als in der klassischen Geheimdiplomatie, deren conditio die Konspiration ist.

Ist das jetzt wieder so eine „post“-Depression des „bringt doch eh alles nichts“? Eher nicht. Es geht darum, diese Vernetzungen zu verstehen, vielleicht sogar die Geheimhaltung dieser oder jener Vorgänge zu akzeptieren. Aber noch weit mehr geht es darum zu verstehen, dass die medialen Schurkenstücke, die von den Abendnachrichten und Morgenzeitungen als „Politik“ ausgegeben werden nichts mit der real existierenden Politik zu tun haben. Sondern Inszenierungen sind, die bloße Oberflächen und personale Fassbarkeiten suggerieren, wo es längst um Anderes geht, als die Schurkencharaktere. Das Netz. Die (Post-)Dramaturgie.

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§ 3 Responses to Das Geheimnis und die Macht"

  • Siggi sagt:

    „Eine nie dagewesene Öffentlichkeit von Politik führt zu nie dagewesener Geheimhaltung“. That´s the point, wobei ich differenzieren möchte: Nicht-Öffentlichkeit ist nicht gleich Geheimhaltung. Fliessendes Spektrum. Funktionsspektrum. Ergänzend: http://www.youtube.com/watch?v=aZjr6e0J0Ls

  • Postdramatiker sagt:

    Hab nur kurz durchs Video gezappt – klingt sehr sehr spannend. Werd mal schaun, dass ichs mir demnächst genauer anschau. Problem von /Öffentlich/Nichtöffentlich/Geheim ist ein zweiseitiges: Einerseits das, was die Akteure selbst als geheim deklarieren und geheim zu halten versuchen (und was geleakt wird) – andererseits das, was nichtöffentlich geschieht, ohne eigentlich geheim zu sein. Weil einfach nicht alles berichtet werden kann, weil Dinge erst uninteressant erscheinen und im Nachhinein erst in anderem Licht erscheinen (die missverstandene Öffentklichkeit), aber auch Dinge, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht gesagt, verschwiegen, verdreht, geleugnet werden. Die andere Seite ist die öffentliche Betrachtung, die aufgrund der ermittelten Nichtöffentlichkeiten einen sehr großen „Geheimraum“ annehmen. Der sich durch leaks bestätigt findet.
    Deswegen sind Verschwörungstheorien heute öffentliches Gemeingut (als vermutete Verschwörung GEGEN die Öffentlichkeit) – wo sie früher Verschwörungen gegen die Macht waren, die die Öffentlichkeit in der gegenwärtzigen Demokratie trotz allem nur eingeschränkt besitzt. Und sie finden sich immer wieder bestätigt, indem Dinge aus dem Raum der Nichtöffentlichkeit oder des Geheimen von einer sich mit „Veröffentlichung“ brüstenden Presse auf grosslettrige Titelseiten als Investigativmeldungen gerissen werden – oder tatsächlich unangenehme Geheimnisse durchsickern. Allerdings darf nie vergessen werden, dass die Presse in dem Raum des Nichtöffentlichen oder – als embedded Journalist – sogar des Geheimen eingeweiht zu sein pflegt. Mehr als sie der Öffentlichkeit weiß zu machen versteht. Und wenns nur um Geliebte einzelner Politiker geht, die zu gegebenem Zeitpunt lautstark „enttarnt“ werden.

  • Siggi sagt:

    Schizo ist ja, das das AlJazeera ist, mit einer fast durchgängige amerikanischen Autorenrunde ;-). – Was mich an diesem begrifflichen Bemuda-N-Eck so fasziniert ist die fast schon symmetrische Bindung der Begrifflichkeiten und Systemdynamiken von Öffentlichkeit-Nichtöffentlichkeit/Macht-Machtlosikeit/Geheim-(Gegenteil von geheim(?)).

    In dem Sinne ist ja zB auch Bilderberg keine Verschwörung sondern nur etwas (systemisch notwendig?) nichtöffentliches. Es sind auf jeden Fall die Grenzen dieser Anschlussphänomene, die Phasenübergänge an denen die herrlichsten Feuerwerke abgefackelt werden. Auch und eben die genannten Blendgranaten, genannt Presse.

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