Der Marienthaler Dachs – vom Verlag angenommen

Oktober 8th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Der Marienthaler Dachs – vom Verlag angenommen § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Zu mei­ner nicht gerin­gen Freu­de hat der Ver­lag der Auto­ren sich letz­te Woche ent­schie­den, den Mari­entha­ler Dachs ins Ver­lags­pro­gramm auf­zu­neh­men. Damit ist zwar zunächst nicht sehr viel, aber doch eini­ges gewon­nen. Solan­ge Thea­ter sich nicht dazu durch­rin­gen, sich durch das Gebir­ge zu bewe­gen, das die­ser Text ist, solan­ge sie nicht ver­ste­hen, war­um es ein sol­ches Gebir­ge ist und war­um es Lau­ne und Lust machen könn­te, Gebir­ge im Thea­ter zu durch­wan­dern, solan­ge sie den Vor­be­rei­tungs­auf­wand und das Risi­ko scheu­en, so lan­ge bleibt die­ser Text nur ein papier­nes Gebir­ge.

Immer­hin fast vier Jah­re – seit Novem­ber 2008 – hat die Arbeit an die­sem Text gedau­ert. Um über­haupt dar­an arbei­ten zu kön­nen, war ein neu­er Rech­ner mit zwei Bild­schir­men nötig. Zudem zeig­te sich die sehr unschö­ne Begren­zung » Wei­ter­le­sen «

Auf der documenta ist’s wie daheim im Arbeitszimmer #d13

Juli 29th, 2012 § Kommentare deaktiviert für Auf der documenta ist’s wie daheim im Arbeitszimmer #d13 § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Susan Hil­ler: Die Gedan­ken sind frei. Neue Gale­rie. (Hier noch ein tol­les Bild von der Arbeit).

Und so sähs bei mir aus:

 

(As)soziologisches Theater: Die Arbeitslosen von Marienthal und die Verlierer von Wittenberge

März 12th, 2012 § Kommentare deaktiviert für (As)soziologisches Theater: Die Arbeitslosen von Marienthal und die Verlierer von Wittenberge § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Vor etwa 80 Jah­ren bra­chen Sozio­lo­gen in den öster­rei­chi­schen Ort Mari­en­thal nahe Wien auf, um eine sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Stu­die über ein im Gan­zen arbeits­lo­ses Dorf zu ver­fas­sen. Es ent­stand eines der wich­tigs­ten lite­ra­ri­schen Wer­ke des 20. Jahr­hun­derts, die Stu­die „Die Arbeits­lo­sen von Mari­en­thal“ (Buch, Wiki­pe­dia, Mate­ria­li­en). Anders als der Name des Ortes, blei­ben die Bewoh­ner im Buch anonym. Kei­ne Namen, kei­ne Cha­rak­te­ri­sie­run­gen, die Frem­den die Iden­ti­fi­zie­rung Ein­zel­ner ermög­lich­ten.

Vor eini­gen Jah­ren brach nun erneut eine Grup­pe von Sozio­lo­gen, beglei­tet von Thea­ter­leu­ten, auf, um die­se Stu­die nach­zu­spie­len, zu wie­der­ho­len, zu erneu­ern. Unter Lei­tung von Heinz Bude besuch­ten sie Wit­ten­ber­ge in Bran­den­burg, um eine Stu­die über eine Ver­lie­rer­stadt anzu­stel­len, in der Aus­gangs­la­ge fast ähn­lich zu Mari­en­thal. Im direk­ten Ver­gleich der dar­aus ent­stan­de­nen Bücher ist das Wit­ten­ber­ge-Buch „Über­Le­ben im Umbruch“ (hier die Pro­jekt­web­sei­te)  zunächst eine her­be Ent­täu­schung.  Die beob­ach­te­ten Bewoh­ner woll­ten nicht so recht mit­spie­len.

In Mari­en­thal konn­ten die For­scher noch ver­schlei­ern, was ihre wah­re Absicht war. Mit Mit­teln nach­rich­ten­dienst­li­cher Agen­ten­tä­tig­keit konn­ten sie sich ein­schleu­sen, das Ver­trau­en der Bewoh­ner gewin­nen und Ein­sich­ten über das beob­ach­te­te Leben gene­rie­ren, bei dem die Beob­ach­te­ten sich nicht beob­ach­tet wähn­ten – und sich des­we­gen nicht für die Beob­ach­tung insze­nie­ren:

Es war unser durch­gän­gig ein­ge­hal­te­ner Stand­punkt, daß kein ein­zi­ger unse­rer Mit­ar­bei­ter in der Rol­le des Repor­ters und Beob­ach­ters in Mari­en­thal sein durf­te, son­dern daß sich jeder durch irgend­ei­ne, auch für die Bevöl­ke­rung nütz­li­che Funk­ti­on in das Gesamt­le­ben ein­zu­fü­gen hat­te. (28)

Viel­fäl­ti­ge Tricks kamen zur Anwen­dung, die die unver­stell­te Mei­nung oder die wah­re Situa­ti­on der Men­schen zum Vor­schein brin­gen soll­te: Insti­tu­tio­nen und Initia­ti­ven wur­den geschaf­fen. Selbst die ein­ge­rich­te­ten ärzt­li­chen Behand­lun­gen dien­ten zur Erhe­bung von Mate­ri­al. Man gewinnt „unauf­fäl­li­ge Ein­bli­cke“, „Ver­trau­en“, „Kon­trol­le“, ver­schafft sich Auf­zeich­nun­gen durch Schnitt­zei­chen­kur­se, lockt Mäd­chen durch einen Turn­kurs an und horcht Eltern in der Erzie­hungs­be­ra­tung aus. Im Ver­lauf des Tex­tes fin­den sich gele­gent­lich Erklä­run­gen, wel­cher krea­ti­ver Metho­den man sich bedien­te, um das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung zu gewin­nen und ver­deckt Infor­ma­tio­nen zu sam­meln. Ein Bei­spiel:

Die Erhe­bungs­ar­beit in Mari­en­thal begann damit, daß wir hun­dert Fami­li­en einen Haus­be­such abstat­te­ten, um sie nach ihren beson­de­ren Wün­schen bei einer von uns geplan­ten Klei­der­ak­ti­on zu fra­gen. Die­se Besu­che wur­den dazu benutzt, durch Beob­ach­tun­gen und Gesprä­che Mate­ri­al über die Grund­hal­tung die­ser Fami­li­en zu sam­meln. Als dann die Klei­der bei uns abge­holt wur­den, frag­ten wir die Betref­fen­den nach ihren Lebens­ge­schich­ten, die gewöhn­lich breit­wil­lig erzählt wur­den. Die­sel­ben » Wei­ter­le­sen «

Aus dem Maschinenraum: “Der Marienthaler Dachs” — zweiter Akt fertig

September 6th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Aus dem Maschinenraum: “Der Marienthaler Dachs” — zweiter Akt fertig § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Vier­zehn Mona­te Arbeit ste­cken drin: Der zwei­te Akt vom “Mari­entha­ler Dachs” ist, naja, in Roh­form fer­tig. Jetzt noch der Drit­te und dann ist das end­lich von der Leis­te. Alles in allem bis­her unge­fähr 2,5 Jah­re Arbeit. Fra­ge mich, ob irgend­ei­ne Dra­ma­tur­gie irgend­wann irgend­wo sich die Arbeit macht, das auch nur anzu­se­hen. Im End­zu­stand wird es auf A2 oder A1 aus­ge­druckt, vier, teil­wei­se fünf par­al­le­le Hand­lungs­or­te und Hand­lungs­strän­ge, die die Besu­cher ein­la­den, sich von Ort zu Ort zu bege­ben, sich ihre eige­ne Geschich­te zusam­men­zu­sur­fen oder zu -fla­nie­ren. Oder in der Wirt­schaft ein Bier zu neh­men. Inspi­red by “Die Arbeits­lo­sen von Mari­en­thal”, einem der wahr­schein­lich größ­ten Bücher des 20.Jahrhunderts.
Any­way, ich bin jetzt erst mal platt.

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Appell und Verantwortung. Oder: Sind Surfer Subjekte?

April 11th, 2011 § 7 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Im Zeit­al­ter des Net­zes wird die Fra­ge nach dem Sub­jekt neu gestellt. Sie muss neu gestellt wer­den, da die tra­di­tio­nel­len Bestim­mun­gen von Sub­jek­ti­vi­tät nicht mehr hin­rei­chend zu sein schei­nen, um den poly­morph per­ver­sen Sur­fer oder User zu fas­sen. Gemes­sen am Begriff des Sub­jekts ist der Sur­fer eine viel­ge­stal­tig gal­lert­ar­ti­ge Mas­se an Kom­mu­ni­ka­ti­on, die sich bald hier­hin, bald dort­hin ver­brei­tet, kle­ben bleibt und selbst zu einem Netz im Gesamt­netz gerinnt, bestehend aus den hin­ter­las­se­nen Spu­ren. Ob dahin­ter eine Iden­ti­tät, Kon­stanz, Auto­no­mie liegt? Ob über­haupt ein ein­heit­li­cher Flucht­punkt hin­ter die­sen protei­schen Viel­ge­stal­ten liegt? Ob sich von einer Viel­heit im Sin­ne einer mul­ti­pli­zier­ten und mul­ti­plen Ein­heit spre­chen lässt – oder von einer Unbe­stimmt­heit in sich, einem zeit­li­chen, räum­li­chen, kon­tex­tu­el­len Flui­dum, das sich in Sekun­den­schnel­le ver­än­dert. Das alles ist kei­ne post­mo­der­ne Fei­er eines post­sub­jek­ti­ven Zeit­al­ters – denn der his­to­ri­sche Rück­gang (mit durch­aus bewuss­ter Ver­knap­pung) kommt an einem Punkt an, der zeigt, wie wich­tig ein Begriff des Sub­jekts ist (auch wenn es viel­leicht zukünf­tig einen ande­ren Namen füh­ren muss).

Das Sub­jekt – Natu­ral Born Fic­tion

Das Sub­jekt war immer schon eine Fik­ti­on. Was kein Ein­wand ist. Es macht ledig­lich Sinn, das nicht zu ver­ges­sen, wenn dage­gen ange­rannt wird. Es ist schier unmög­lich, gegen Fik­tio­nen zu kämp­fen. Gespens­ter las­sen sich nicht dekon­stru­ie­ren. Zunächst weil sie von Anfang an kon­stru­iert sind und jede Dekon­struk­ti­on nur fest­stel­len kann, dass hier eine Kon­struk­ti­on vor­liegt. Was von wenig Erkennt­nis­ge­winn ist. Zudem weil jeder erneu­te Kampf gegen das Gespenst ihm nur neue Kraft ver­leiht. So ist der Ent­zug der Meta­phy­sik, den die Dekon­struk­ti­on bewerk­stel­li­gen woll­te, gründ­lich dar­an geschei­tert, dass » Wei­ter­le­sen «

Von der dramatischen Differenzgesellschaft zur Netzgesellschaft und Netzpolitik

Januar 22nd, 2011 § Kommentare deaktiviert für Von der dramatischen Differenzgesellschaft zur Netzgesellschaft und Netzpolitik § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Oder: die Über­füh­rung von Poli­fe­renz in Dif­fe­renz und zurück

Die gele­gent­lich vor­ge­tra­ge­ne Behaup­tung, das Poli­ti­sche sei die Sphä­re des fun­da­men­ta­len Gegen­sat­zes gehört auf den Prüf­stand, ist so ein­fach nicht ste­hen zu las­sen. Letz­tens hat­te ich in Sachen Schmitt und Laclau/Mouffe ja schon dazu gepos­tet. Was mich noch nicht wirk­lich befrie­digt. Denn einer­seits ist die Dia­gno­se des grund­sätz­lich vor­han­de­nen gesell­schaft­li­chen Kon­flikts tri­vi­al im Hin­blick auf Bewe­gun­gen wie Klas­sen­kämp­fe, poli­ti­sche Wahl­kämp­fe, Apart­heid, Geschlech­ter­dis­kri­mi­nie­run­gen usw. Ande­rer­seits hal­ten die­se gene­ra­li­sier­ten Dif­fe­ren­zen einer genaue­ren Beob­ach­tung nur dann stand, wenn der Beob­ach­ter die Augen so weit zusam­men­kneift, bis er nur noch Schwarz-Weiß Unter­schie­de sieht.

Das Drit­te und die disper­sen Par­tei­en

Nicht nur scheint regel­mä­ßig dort, wo eine Dif­fe­rent zu fin­den ist, ein aus­ge­schlos­se­nes, von der Dif­fe­renz nicht erfass­tes ter­ti­um zu geben. Sei es der Arbeits­lo­se, Beam­te oder Frei­be­ruf­ler bei Marx, der Par­ti­san im Krieg, der Nicht­wäh­ler oder die Kir­che in der Demo­kra­tie, der Homo­se­xu­el­le in der machis­ti­schen Gesell­schaft, der „Bas­tard“ in der Apart­heid und Aris­to­kra­tie usw. Son­dern viel­mehr erbringt schon das genaue­re Hin­schau­en, dass unter­halb die­ser Dif­fe­ren­zen wie­der­um eine Viel­zahl von Strö­mun­gen und Abschat­tun­gen vor­lie­gen, die inner­halb einer jeden Par­tei wie­der­um für unter­schied­li­che Strö­mun­gen (also Unter­tei­lun­gen) sor­gen, die mit­un­ter inner­par­tei­lich weni­ger Zusam­men­halt haben, als mit benach­bar­ten Strö­mun­gen der „Geg­ner“. Was aller­dings sich wie­der­um in selb­st­ähn­li­chen Sub­dif­fe­ren­zie­run­gen in die Tie­fe hin­ab führt bis hin zu klei­nen Freun­des- oder Inter­es­sen­krei­sen. Und zeigt, dass die bei­den Sei­ten der Dif­fe­renz alles ande­re als homo­ge­ne Ein­hei­ten sind – es sei denn, sie wür­den mit Gewalt homo­ge­ni­siert (und gar uni­for­mi­siert).

Mau­rice Gau­chet: Tei­lung und Tota­li­ta­ris­mus

Zufäl­li­ger­wei­se bin ich beim Her­um­le­sen in Lefort-Tex­ten in einem Reader-Bei­trag gelan­det, von dem ich annahm (Lese­feh­ler­hal­ber) er sei von Lefort, zudem er sich weit­ge­hend auch so „anfühlt“. Je wei­ter ich damit kam, des­to mehr hat der Text elek­tri­siert. Es han­delt sich um Mau­rice Gau­chets  Die Tota­li­tä­re Erfah­rung und das Den­ken des Poli­ti­schen (hier ent­hal­ten). Ich habe noch nie von Gau­chet, einem Schü­ler von Lefort und Cas­to­ria­dis gehört. Aber nach dem Arti­kel scheint das ein Feh­ler zu sein. Zunächst beginnt er damit zu zei­gen, wie der Traum von der Homo­ge­ni­sie­rung der Tei­lung in den Tota­li­ta­ris­mus führt, der selbst wie­der­um eine Tei­lung (wider Wil­len) her­vor­bringt.

Gau­chet pos­tu­liert die „Not­wen­dig­keit, die Gesell­schaft von ihrer Tei­lung aus zu den­ken“ (209) und attes­tiert Marx einen blin­den Fleck in dem „Pos­tu­lat des sekun­dä­ren und auf­lös­ba­ren Cha­rak­ters der gesell­schaft­li­chen Tei­lung“ (210). Er hält dage­gen, dass ein sol­cher Staat ohne gesell­schaft­li­che Tei­lung ein tota­li­tä­rer Staat sein muss, der gewalt­tä­tig für die Homo­ge­ni­sie­rung sorgt (und man kann hin­zu­fü­gen: der die Tei­lung ledig­lich stra­ti­fi­ziert, indem er Herr­schen­de und Beherrsch­te teilt wie in der DDR). Das leuch­tet ein:

[Der Tota­li­ta­ris­mus] trägt das Schei­tern als Bedin­gung sei­ner Durch­set­zung in sich, inso­fern er sich nur durch das hin­durch her­stellt, was ihm » Wei­ter­le­sen «

Neues aus dem Maschinenraum: Großformatdrucker für neuen Text da!

Januar 4th, 2011 § Kommentare deaktiviert für Neues aus dem Maschinenraum: Großformatdrucker für neuen Text da! § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Nach­dem das Aus­dru­cken von Sich Gesell­schaft leis­ten schon ein grö­ße­res Pro­blem war und auf A3 auch nur zu mit­tel­mä­ßi­ger Les­bar­keit führ­te — brauchts für den Mari­entha­ler Dachs eine ver­nünf­ti­ge Lösung. Einen A1 Dru­cker aus dem Hau­se Hew­lett-Packard. Desi­gn­jet 488CA. Gebraucht gekauft. Mich traf ein mit­tel­schwe­rer Bllitz, als der Lie­fe­rant mit einer 1.80 lan­gen Kis­te in Form eines Kin­der­s­args dastand, die ich mit ihm zusam­men kaum die Trep­pe rauf­be­kom­men hab:

Jetzt aber ist die Maschi­ne aus­ge­packt, auf­ge­baut, ver­staut. Und wenn ich mor­gen schaf­fe, ein Parallel/USB Kabel zu besor­gen und es schaf­fe, den Trei­ber unter VISTA zu instal­lie­ren — kann end­lich die Über­nah­me der Zet­tel­wän­de in die Datei begin­nen mit nach­fol­gen­dem Wie­der­aus­druck zur Neu­ver­zet­te­lung.

Ver­zet­teln ist eh das bes­te.

Die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der Dramaturgie. Eine Art Programm.

September 29th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Die Wiedergeburt des Theaters aus dem Geist der Dramaturgie. Eine Art Programm. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Es gab Zei­ten, da neben den Erzäh­lern, neben Kir­chen­ma­lern und Pre­di­gern oder auch neben Roman­ciers die Thea­ter­au­to­ren die Auf­ga­be hat­ten Geschichte(n) zu erzäh­len. Sie mach­ten den Men­schen ein beweg­tes Bild vom Ver­hält­nis zwi­schen Men­schen, Men­schen und Göt­tern in der Anti­ke, zwi­schen Men­schen, Men­schen und Gott, zwi­schen Regier­ten, Regier­ten und Regie­ren­den, zwi­schen Armen, Armen und Rei­chen, zwi­schen Män­nern und Frau­en, Bür­gern und Adli­gen, Arbei­tern und Arbeit­ge­bern, Lin­ken und Rech­ten. Tat­säch­lich ist dabei das Medi­um selbst die Haupt­bot­schaft gewe­sen. Nicht nur das Medi­um der Guck­kas­ten­büh­ne allein, des Thea­trons, der Volks­büh­ne. Son­dern vor allem die Dra­ma­tur­gie. Die Geschich­te als „Sinn­ge­bung des Sinn­lo­sen“, wie es im Titel eines hüb­schen Buches von Theo­dor Les­sing heißt. Die per­p­etu­ier­te Dra­ma­tur­gie, die das Gesamt­ge­flecht in herr­schen­de Kon­flik­te sor­tier­te, in eine Abfol­ge aris­to­te­li­scher Pro­ve­ni­enz klemm­te, Wen­dun­gen mit moti­vier­ten oder erklär­ten Ver­än­de­run­gen (aus dem Cha­rak­ter der Han­deln­den, aus den ein­grei­fen­den Göt­tern, aus der revo­lu­tio­nä­ren Wil­lens­bil­dung) hin­ter­leg­ten. Der Mensch, der aus einer unüber­sicht­li­chen anti­ken, mit­tel­al­ter­li­chen, baro­cken, auf­klä­re­ri­schen, moder­nen Welt ins Thea­ter ging, kam her­aus und wuss­te: es gibt einen sinnn­haf­ten, ver­steh­ba­ren Zusam­men­hang. Er war auf­ge­for­dert, in sei­ner Welt die­sen Zusam­men­hang her­zu­stel­len. Der kate­go­ri­sche Impe­ra­tiv an den Thea­ter­zu­schau­er lau­te­te: Wursch­te­le nicht ein­fach rum um glau­be nicht, die ande­ren wursch­tel­ten nur. Viel­mehr mach Geschich­te, habe Moti­ve, habe Zie­le. Ver­ste­he das Dra­ma, in dem du dich befin­dest. Wursch­te­le nicht – han­de­le! Und ler­ne bei uns im, Thea­ter, was „han­deln“ ist.

Das ent-eig­ne­te Thea­ter

Die­se Zei­ten sind vor­bei. Längst haben Fern­se­hen und poli­ti­sche Pres­se die­se Erzähl­for­men ursur­piert (hier im Blog wur­de gele­gent­lich schon auf den Hang zum Shakespeare’schen in den aktu­el­len Medi­en­land­schaft hin­ge­wie­sen). Längst ent­kommt nie­mand mehr der Dau­er­be­schal­lung mit Dra­ma­tur­gie. Auf die­ses Vor­ver­ständ­nis sich stüt­zend kön­nen Staa­ten und Regier­zun­gen dra­ma­tur­gisch ein­grei­fen und genau die regu­la­to­ri­schen Ein­grif­fe punkt­ge­nau anset­zen, die ihren Steue­rungs­ab­sich­ten ent­spricht. Weil die Dra­ma­tur­gie längst in allen Köp­fen und Lebens­ver­hält­nis­sen ange­langt ist.  Thea­ter befin­det sich in etwa in der Situa­ti­on der Male­rei im Ange­sicht der Foto­gra­fie. Über­flüs­sig. Ort­los.

Der undramat(urg)ische Über­druss malt nach Zah­len

Dar­aus haben sich zwei Grund­ten­den­zen erge­ben: Aus einem kaum arti­ku­lier­ten Grund­ge­fühl des Über­drus­ses, dem Büch­ner­schen Leon­ce sehr ver­gleich­bar, haben Thea­ter und Regi­en sich damit abge­fun­den, ein­fach das Alte zu per­p­etu­ie­ren. War­um neue Geschich­ten spie­len, wenn sie doch sich im Wesent­li­chen nicht von den Alten nicht unter­schei­den? Und das Wesent­li­che ist eben die Dra­ma­tur­gie. Man neh­me also die Vor­zeich­nung von Rem­brandts Nach­wa­che und zei­ge Krea­ti­vi­tät in der Aus­ge­stal­tung. Der eine stellt die Nacht­wachäch­ter nackt dar. Der eine als geschla­ge­ne Trup­pe. Der nächs­te als Grup­pe Trans­se­xu­el­ler, von Frau­en, von Ara­bern, Afri­ka­nern, Eski­mos. Oder von allen zusam­men. Der nächs­te als Grup­pe von Roter Armee und Wehr­macht. Wozu » Wei­ter­le­sen «

Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern.

August 24th, 2010 § Kommentare deaktiviert für Thesen zum Theater: Veröffentlichung des Privaten. Annäherung des Fernen. Das Innere äußern. § permalink; Autor: Ulf Schmidt

{Vor­be­mer­kung: In der Kate­go­rie “The­sen zum Thea­ter” sol­len in die­sem Blog Gedan­ken auf Trag­fä­hig­keit getes­tet und zur Kri­tik und Über­ar­bei­tung gestellt wer­den. Jede The­se bleibt vor­läu­fig. Wie auch die­se Bemer­kung.}

Dass das Thea­ter der Raum des “Sozialen“sei, gele­gen zwi­schen dem Öffent­li­chen und dem Pri­va­ten, war letz­tens hier und hier im Blog als The­se auf­ge­stellt wor­den. Das Sozia­le war dabei als der Bereich des sozia­len Sys­tems vor­läu­fig bestimmt wor­den — was sich ange­sichts der Über­le­gun­gen zum Ver­hält­nis von privat/öffentlich im Zusam­men­hang mit Goog­le Stre­et­view noch ein Stück wei­ter prä­zi­sie­ren lässt.

Das Sozia­le als Ver­öf­fent­li­chung des Pri­va­ten

Ins­be­son­de­re in der Dra­men­ge­schich­te der letz­ten Jahr­hun­der­te spiel­te Thea­ter häu­fig (aus dem Bauch her­aus wür­de ich sagen: in bestimm­ten Epo­chen nahe­zu aus­schließ­lich) in “Pri­vat­räu­men”. Sei­en es die Herr­scher- und Adli­gen­ge­mä­cher der Shakespeare’schen Köni­ge, die Paläs­te Raci­nes oder auch die Wohn­räu­me bür­ger­li­cher Trau­er­spie­le. Thea­ter ver-öffent­licht Räu­me, die wei­test­ge­hend “pri­vat” in dem Sin­ne waren, dass das Publi­kum dort nicht hin­ein konn­te. Und inner­halb die­ser ver­öf­fent­lich­ten Pri­vat­räu­me ent­spann sich das dra­ma­tur­gi­sche Sys­tem der Socia­li­tä­ten, der Bezie­hun­gen unter­ein­an­der, die Ver­schie­bun­gen von Kon­stel­la­tio­nen, der Wis­sens­über­schuss oder -man­gel bei Betei­lig­ten. Das durch die Ram­pe getrenn­te, ggf. sogar ins Dun­kel des Zuschau­er­raums getauch­te Publi­kum war in die Rol­le des “pri­va­ten” Voy­eurs gewie­sen und hat­te das “Recht auf Ein­sicht” in das (aller­dings fik­ti­ve) Pri­va­te. Eine Form von “Big Bro­ther” — nur eben unter den Regu­la­ri­en des Sys­tems. Denn mit Kant wäre zu sagen, dass Thea­ter dabei die tran­szen­den­ta­le Ästhe­tik der prak­ti­schen Ver­nunft sowohl » Wei­ter­le­sen «

Postdramatik und Transmedia storytelling

August 3rd, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

In einem Pos­ting von Tho­mas Knüwer (hier) bin ich über das enorm inter­es­san­te Kon­zept von “Trans­me­dia sto­ry­tel­ling” gestol­pert. Das ist und ist zugleich nichts Neu­es. Neu ist es inso­fern, als es bis­he­ri­gen Medi­en­ver­knüp­fun­gen (Roma­fi­gur im Kino­film, in Fern­sehseh­rie, in Comic, im Radio — den­ken wir an Super­man besi­pi­els­wei­se) eine sehr sehr span­nen­de Dre­hung gibt. Ich zitie­re Knüwer:

Eine TV-Serie wird künf­tig nicht mehr nur eine TV-Serie sein. Sie ist gleich­zei­tig ein Comic­heft, ein Video­spiel, eine Flut von Inter­net-Sei­ten. Was mög­lich ist, zeig­te “Heroes”: Die Serie um Men­schen, die unver­hofft zu Super­kräf­ten kom­men, fand wäh­rend ihrer US-Aus­strah­lung mul­ti­me­di­al statt. Da konn­ten Fans über mög­li­che neue Super­kräf­te bestim­men, die Comic-Hef­te auf dem Bild­schirm waren tat­säch­lich zu haben, wer eine bei­läu­fig in der Hand­lung auf­tau­chen­de Tele­fon­num­mer wähl­te, lan­de­te tat­säch­lich bei einem Anruf­be­ant­wor­ter jener Fir­ma, die in der Hand­lung auf­tauch­te. Und natür­lich hat­te die schon eine Home­page. Auch die BBC ver­sucht sich schon in die­sem Feld, ihr Sci­ence-Fic­tion-Dau­er­bren­ner “Dr. Who” bekommt ver­stärkt Video­spiel-Able­ger.

Nicht ganz neu ist ein sol­ches Kon­zept, weil es in gro­ßen “Alter­na­te Rea­li­ty Games” (Wiki­pe­dia) bereits mit gigan­ti­schem Erfolg prak­ti­ziert wur­de. Vor zwei oder drei Jah­ren hat mich selbst ein groß­ar­ti­ges, über Web­sei­ten und Han­dy gespiel­tes Game von Stel­la Artois gefes­selt. Das Span­nen­de dar­an ist die Phan­ta­sie­welt, die im Kopf ent­steht. Das Netz an Rea­li­tät, des sich über die Rea­li­tät legt. Der Film “The Game” mit Micha­el Dou­glas gibt eine gute Vor­stel­lung von einem sol­chen Spiel im Extrem. Und als “vira­le Mar­ke­ting­kam­pa­gne” bewarb War­ner den Film “The Dark Knight” mit einem genia­len trans­me­dia­len Alter­na­te Rea­li­ty “Game”:

Bevor ich jetzt ver­ges­se, was ich eigent­lich sagen woll­te: Trans­me­dia­les Thea­ter. » Wei­ter­le­sen «

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