Warum mich das bedingungslose Grundeinkommen (noch?) nicht überzeugt.

Oktober 21st, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Die Grunddiagnosen und Ziele der Vertreter des BGE teile ich weitgehend. Die Tatsache, dass die auch hier im Blog bereits öfter beschriebende Produktiovitätsexplosion durch die Digitalisierung die menschliche Industriearbeit an ein Ende zu führen tendiert, kann nicht durch Diffamierung Arbeitsloser, Erhöhung des Drucks, Subventionierung teilweise oder komplett sinnloser Tätigkeiten gelöst werden. Die jahrtausendelang als irrelae Utopie geltende Vison eines Wohlstands mit wenig oder ganz ohne Arbeit wird zu einem möglichen Szenario, das durch Hartz IV und Ausbeutung von Drittweltstaaten ins Gegenteil verkehrt wird.

Staaten haben unter dieser Prämisse vordringlich dafür zu sorgen, dass der weltweite oder nationale Reichtum auch denen ein Auskommen ermöglicht, die keine Möglichkeit produktiver Arbeit finden. Die Frage lautet: wie. Beim Lesen auf der Seite des Netzwerks Grundeinkommen, bin ich erneut über eine (auch bei Werner bzw. Werner/Goehler en passant zu findende) Stelle gestolpert, die auf den Punkt bringt, warum ich an das vorliegende Konzept nicht glaube:

Das Grundeinkommen darf maximal so hoch angesetzt werden, dass nicht durch den Rückgang der wirtschaftlichen Leistungsbereitschaft seine eigene Finanzierung in Gefahr gerät. (Hier)

Das Problem – flankiert von weiteren, demnächst hier darzustellenden Fragezeichen – besteht darin, dass das BGE einen bestimmten Wohlstand (etwa als BIP) voraussetzt, der unter den abgelehnten Organisationsbedingungen entstanden ist, die (zurecht) kritisiert und abgelehnt werden. Das BGE insistiert auf seine emanzipatorische Dimension, weil unangenehme oder ungeliebte Arbeiten vom ökonomischen Zwang zur Arbeit entkoppelt werden.

Erwerbsarbeit erlaubt außerdem, mehr als „nur“ die Existenz- und Mindestteilhabe abzusichern, nämlich einen zusätzlichen Verdienst. Es bestehen also über das Grundeinkommen hinaus weitere materielle Gründe (nicht aber Zwänge) für Erwerbsarbeit. (ebd.)

Wenn Existenz und Mindestteilhabe abgesichert sind, für ein bescheidenes Leben kein Zwang zum Arbeiten besteht, zugleich die Motivation zum Arbeiten lediglich der „Künstlerkritik“ (Boltanski/Chiapello) nachkonstruiert werden, wer kann dann sicherstellen, dass der benötigte Wohlstand erwirtschaftet wird? Dann kommen wir wieder zum oberen Zitat zurück, das  zeigt, dass das BGE eben nicht druckfrei ist. Der Druck wird reduziert, aber er wird nicht abgeschafft.

Einigkeit gibt es darüber, dass ein Grundeinkommen keinesfalls so niedrig sein darf, dass Menschen gezwungen sind, Erwerbsarbeit aufnehmen zu müssen, um ihre Existenz und Teilhabe zu sichern.

Sie dürfen nicht gezwungen werden, trotzdem soll das Ergebnis dasselbe sein wie unter den Zwangsbedingungen. Das kann mit den unterschiedlichsten Hypothesen urgiert werdem. Anthroplogische (Menschen wollen eigentlich arbeiten), arbeitsphilosophische (motivierte Arbeitnehmer sind effizienter als gezwungene), technologischen (Maschinen übernehmen die Arbeit), oder anderen und allen zusammen. Ein „das wird schon“ ist ebenso inakzeptabel wie ein „das kann doch nie funktionieren“. Ob es jenseits dieser Glaubensstreite belastbare Hinweise gibt, oder ob letztenendes das BGE nur zu einem HartzIVplus wird mit „bisschen weniger Zwang“, will ich mir in den nächsten Tagen anschauen.

P.S. Und was mich zunehemend stört am BGE, ist, dass die Digtale Disruption nicht reflektiert einbezogen wird. Dazu vielleicht ebenso später mehr.

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§ One Response to Warum mich das bedingungslose Grundeinkommen (noch?) nicht überzeugt.

  • Sandro sagt:

    Man muss dazu sagen, dass das BGE immer noch eine Utopie ist. Da es noch niemand (in Großem Umfang) probiert hat, kann man es auch nicht genau vorhersagen und bis in die Details planen.
    Wir haben in unserer derzeitigen Situation allerdings die komfortable Ausgangslage, dass wir deutlich mehr produzieren, als für unser Überleben eigentlich notwendig ist (also wir relativ locker das für das BGE notwendige erwirtschaften können).
    Eine Vorstellung von Menschen als Individuen die etwas erreichen wollen und nicht nur genau so viel wie der Nachbar haben wollen und nicht am liebsten auf niedrigem, aber akzeptablen Niveau vor sich hin vegetieren wollen, bringt dann die Verfechter des BGE dazu, sich der Vorstellung hin zu geben, dass es eben auch so werden wird, dass neue Werte entstehen werden. Es ist die Frage, welchem Menschenbild man da anhängt. Und Nebenbei bemerkt: Geld behält ja auch die Antriebskraft, ähnlich wie jetzt auch schon. Nur fängt es eben weiter oben an und nicht bei Null, oder ein klein wenig, wenn man sich vor dem Staate „nackig macht“.
    Und seien wir mal ehrlich: Wer für vier Euro zum Arbeiten gezwungen wird, auf dessen Arbeit kann man auch verzichten (oder muss sie halt selbst machen). Damit will ich nicht die Menschen werten, sondern viel mehr das jetzige System, welche derlei Jobs erst ermöglicht, oder deren Leistung nicht so hoch anerkennt. Mit dem BGE kämen diese Menschen in die Lage auch mal nach oben hin Druck auszuüben.
    Zu hoffen bleibt, dass mit dem BGE abgesichert, viel mehr Menschen genau das tun, was sie gut können und auch mal was ausprobieren, neue Wege gehen. Den zur Not fällt man nicht in eine Armutssituation zurück, wenn die Idee oder das Vorhaben scheitert.
    Das scheint mir der Weg zu sein, der unsere Gesellschaft weiter bringt, als die Menschen, die heute „aus Sicherheit“ lieber den normalen Job eines Angestellten einschlagen. Nicht jeder ist zum Entrepreneur geboren.

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