Recht des Anderen? Übermensch? Öffentlich und Privat taumelt an den Abgrund.

Oktober 16th, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Vor eini­ger Zeit hat­te ich (hier und hier) über das erstaun­lich kom­ple­xe Pro­blem von Öffent­lich­keit und Pri­vat­heit im Zeit­al­ter des Inter­net geschrie­ben und kur­zen Aus­tausch mit msprO dazu, der Ver­wandt­schaft zu sei­nen Gedan­ken kon­sta­tier­te, die ich nach der wei­te­ren Ent­wick­lung und Lek­tü­re sei­nes Vor­trags ganz und gar zurück­wei­sen möch­te. Ich fürch­te, ich ste­he sei­nem Stand­punkt kon­trär gegen­über.

fxneu­mann wies dar­auf hin, dass der von msprO gefor­der­te Typus des sei­ne Pri­vat­heit dahin­ge­ben­den Men­schen ver­mut­lich eines (übri­gens eher an Super­man oder an den I-A-blö­ken­den Esel als an den gro­ßen Beja­her des Fatum bei Nietz­sche gemah­nen­den) Über­men­schen bedür­fe, was msprO zustim­mend kommentierte.Allerding zeigt auch schon fxneu­manns Zusam­men­fas­sung der Uto­pie, wohin die Rei­se geht. Was er das “Recht des Ande­ren” nennt, nen­ne ich die Auf­se­her­ord­nung des Gulag, des­sen “Über­mensch” der arm­se­ligs­te, über­wach­tes­te Häft­ling in sei­nem kari­bi­schen Draht­git­ter­kä­fig ist:

Die tota­le Fil­ter­sou­ve­rä­ni­tät des Ande­ren ist eine Uto­pie: Eine Uto­pie, die auf einen infor­ma­tio­nel­len Über­men­schen ange­wie­sen ist, der kei­ne Scham, kein Bedürf­nis nach Inti­mi­tät kennt, der so abge­här­tet ist, daß kei­ne Belei­di­gung, kei­ne all­zu ehr­li­che Mei­nung des Ande­ren durch sei­ne (nicht nur tech­ni­schen) Fil­ter schlüpft.

Die gewohnt scharf­sin­ni­ge (viel­leicht auch spitz­fin­di­ge) Umkehr des Rechts des Ande­ren durch Kusanow­sky zum Recht des Ande­ren des Ande­ren (also mir) mag wei­te­rer Über­le­gun­gen bedür­fen. Ich bin gespannt, was Kusanow­sky und msprO noch so an Schar­müt­ze­lei­en und gegen­sei­ti­gen Schlump­fe­rei­en ein­fal­len mag.

Vor­weg: Ich habe nicht beson­ders viel Erfah­rung mit Lévinas, glau­be aber aus dem Weni­gen, das mir unter die Leseau­gen kam, zumin­dest Beden­ken anmel­den zu dür­fen, ob die­ser “Ande­re” tat­säch­lich in irgend­ei­ner Wei­se ein “Recht” anzu­mel­den berech­tigt, befugt oder auch nur wil­lens wäre. Die ungreif­ba­re Kate­go­rie des Ande­ren bei Lévinas ist eine eher appel­lie­ren­de Instanz, die sicher­lich kei­ne “Que­rys” nach mir durch­führt oder gar ver­langt, mei­ne Infor­ma­tio­nen suchen, wis­sen oder for­dern zu dür­fen. Gar ein “Recht” abzu­lei­ten, d.h. prin­zi­pi­ell auf eine höhe­re (juris­ti­sche oder gött­li­che) Instanz damit Bezug neh­men zu wol­len, die die­ses Recht ein­klag­bar oder garan­tiefä­hig machen wür­de, scheint mir enorm pro­ble­ma­tisch.

Der ANDERE gro­ße Bru­der

Tat­säch­lich ist der “Ande­re” bei msprO eher­ei­ne ver­schlei­er­te Gestalt von Big Bro­ther — wenn nicht gar des Fou­cault­schen Über­wa­chers im Pan­op­ti­kon. Drei Zita­te von msprO:

Die neue Öffent­lich­keit ist der Andere.Wir kön­nen uns also die­se Öffent­lich­keit – wie sie im Inter­net exis­tiert – gar nicht vor­stel­len. Und wenn wir es ver­su­chen, lie­gen wir falsch – per se und per defi­ni­tio­nem. […] So falsch wie der, der sei­ne Haus­fas­sa­de ver­pi­xelt, weil er glaubt, dass er dem Ande­ren den Zugriff auf die­se Daten ver­weh­ren darf, weil er zu wis­sen glaubt, was die­ser damit vor­hat. In all die­sen Fäl­len wird sich nicht eben an einer all­ge­mei­nen Öffent­lich­keit ver­gan­gen, die in der Tat Din­ge in die all­ge­mei­ne Rele­vanz erhebt, oder nicht. Nein, hier wird für den Ande­ren ent­schie­den und zwar ohne Kennt­nis sei­nes Inter­es­ses, sei­ner Fil­ter und sei­ner Kom­pe­tenz.

Das radi­ka­le Recht des Ande­ren ist die Sou­ve­rä­ni­tät beim Fil­tern.

1. Vor­auswahl von Infor­ma­ti­on ist ein Ein­griff in die Fil­ter­sou­ve­rä­ni­tät des Ande­ren. Alles, was wir Infor­ma­tio­nen unzu­gäng­lich machen (z.B. durch Netz­sper­ren), sei es, indem wir Din­ge nicht publi­zie­ren, indem wir Din­ge zurück­zie­hen, indem wir Infor­ma­tio­nen löschen, schränkt die Fil­ter­frei­heit des Ande­ren ein. Wir haben dazu kein Recht.

Der Ande­re mel­det sein Recht an, alles von mir zu wis­sen. Ich darf ihm nichts ent­zie­hen, nichts vor­ent­hal­ten, nichts löschen. Das ist der Traum von der tota­len Infor­ma­ti­on und der tota­len Über­wa­chung. Wer kann die­ses Recht mir gegen­über » Wei­ter­le­sen «

Beyond Augmented Reality — Die Welt wird virtuell.

Oktober 10th, 2010 § 6 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Von einem der ver­mut­lich wirk­lich genia­len Tech­ni­ker der Gegen­wart, Pra­nav Mistry vom M.I.T, vor­ge­stell­te Tech­no­lo­gi­en namens Sixth Sen­se — mit gegen­wär­tig exis­tie­ren­den Mit­teln rea­li­siert. Tech­nik-Kos­ten ca. 350 Dol­lar. Ein wenig Kle­be­band — und schon gibt es eine Kom­bi­na­ti­on aus Han­dy­ka­me­ra, Pro­jek­tor und Ges­ten­er­ken­nung, die in die umge­ben­de Gegen­wart ganz ohne AR-Bril­le Infor­ma­tio­nen pro­ji­ziert, die sich wie­der­um mit den Fin­gern steu­ern und mani­pu­lie­ren las­sen.

Wer jetzt noch atmen kann, möge hier wei­ter sehen:

Was #s21 über Deutschland erzählt

Oktober 3rd, 2010 § 2 comments § permalink; Autor: Ulf Schmidt

Vor­ab: Ich fin­de die Pro­test­be­we­gung in Stutt­gart groß­ar­tig.

Das hat nichts mit den Inhal­ten zu tun. Abge­se­hen davon, dass ich mich viel zu weit ent­fernt befin­de von Stutt­gart, um die Details zu über­schau­en, stim­me ich Nico Lum­ma und mspro doch weit­ge­hend in ihrer Beur­tei­lung zu. Das Ver­fah­ren war demo­kra­tisch, jeder Ein­wand hat­te 15 Jah­re Zeit vor­ge­bracht, gehört und dis­ku­tiert zu wer­den. Der Bahn­hof ist häss­lich wie die Nacht – es ver­schwin­det durch den Abriss kei­ner­lei Kul­tur­mo­nu­ment. Und was viel­leicht dem einen oder ande­ren Pro­tes­tie­ren­den ange­sichts der Sum­men, die für den Bau ver­an­schlagt wer­den, nicht ganz klar sein dürf­te: Ein Groß­teil der Gel­der fließt an die Bür­ger und die Wirt­schaft der Stadt. Wer baut denn wohl den Bahn­hof? Selbst wenn es nicht aus­schließ­lich schwä­bi­sche Häus­le­bau­er sein wer­den: Bau­ar­bei­ter kön­nen nicht Remo­te arbei­ten. Sie sind in Stutt­gart vor Ort, müs­sen essen, trin­ken, schla­fen, sich bewe­gen, Frei­zeit ver­brin­gen. Die Abwrack­prä­mie für den Stutt­gar­ter Bahn­hof ist daher gera­de für die Stutt­gar­ter ein genia­les Son­der­kon­junk­tur­pro­gramm. Ob die­se Regi­on das nötig hat, man nicht viel­leicht eher die Bahn­hö­fe von Reck­ling­hau­sen, Ober­hau­sen, Bochum, Schwe­rin hät­te tie­fer legen sol­len – las­sen wirs außen vor.

Inhalt­lich ist die Sache also offen – wenn nicht eher abwe­gig. Aber etwas ande­res ist viel wich­ti­ger. Das Gefühl, als Bevöl­ke­rung eines demo­kra­ti­schen Staa­tes einen Wil­len zu haben und durch­set­zen zu kön­nen, kommt nun auch in den vor­letz­ten Win­keln Deutsch­lands an. Zusam­men mit Bay­ern hat Baden Würt­tem­berg eine nahe­zu dynas­ti­sche Regie­rungs­fol­ge hin­ter sich. Kie­sin­ger, Fil­bin­ger, Späth, Teu­fel, Oet­tin­ger, Map­pus. Als han­de­le es sich bei der CDU um ein Adels­haus, das aus sich her­aus die Nach­fol­ge regelt und das Volk nur zum Fah­nen­schwen­ken an die Urnen bit­tet. Eine gan­ze Rei­he von Erfol­gen spricht auch nicht unbe­dingt dafür, dass die Regie­rung fort­ge­jagt gehört hät­te. Geben wirs zu. Abge­se­hen von einem klit­ze­klei­nen Defi­zit.

Deutsch­land hat ver­dammt lan­ge gebraucht, um über­haupt zu ver­ste­hen, was Demo­kra­tie ist. Dass es nicht bedeu­tet, jeman­den zu wäh­len, um sich hin­ter­her an Stamm­ti­schen vier Jah­re lang dar­über das Maul zer­rei­ßen zu kön­nen. Son­dern dass Wahl Ver­ant­wor­tung heißt. Und das Wahl eben vor allem auch heißt: Die Wahl zu haben. Dass also die Abwahl eines Regen­ten oder die öffent­li­che Kund­ge­bung eines nicht regie­rungs­kon­for­men Wil­len weder Majes­täts­be­lei­di­gung, noch Auf­ruhr, noch Häre­sie ist. Son­dern nor­mal. Die Bun­des­re­pu­blik hät­te es ver­mut­lich nie­mals gelernt, hät­ten nicht die muti­gen Ein­woh­ner der DDR mit der Paro­le „Wir sind das Volk“ nicht nur den Rück­tritt einer Regie­rung erzwun­gen, son­dern gar die Abschaf­fung eines gan­zen Staa­tes. Jetzt erst stell­te man in wei­ten Tei­len » Wei­ter­le­sen «

Where am I?

You are currently viewing the archives for Oktober, 2010 at Postdramatiker.