Die Massen der Medien

Juni 16th, 2011 § 3 comments Autor: Ulf Schmidt

Rolf Todes­co hat einen inter­es­san­ten Text zum The­ma Mas­sen und Mas­sen­me­di­en geschrie­ben (hier).Dabei defi­niert er Mas­sen­me­di­en fol­gen­der­ma­ßen:

Als Mas­sen­me­di­en bezeich­ne ich Zei­tun­gen, Radio, Fern­se­hen, usw., also jour­na­lis­ti­sche Arte­fak­te, die funk­tio­nal zwi­schen einer Redak­ti­on und einem Publi­kum ver­mit­teln, indem sie Signa­le ver­mit­teln, die als Schrift, Bild oder Ton usw. inter­pre­tiert wer­den.

Spä­ter for­mu­liert er:

„Mas­sen­me­di­en“ sind Medi­en, die sich an Mas­sen rich­ten.

Ich fin­de den Ansatz span­nend, wür­de ihn aber gedank­lich ein Stück weit ver­schie­ben oder umkeh­ren, wie ich in einem Kom­men­tar dazu geschrie­ben habe:

„Mas­sen­me­di­en“ sind Medi­en, die sich an Mas­sen rich­ten. “ – könn­te man nicht umge­kehrt behaup­ten, Mas­sen­me­di­en sei­en Medi­en, die Mas­sen erschaf­fen. Spe­zi­fi­zier­ter (wenn es um als nicht-fik­tio­nal gekenn­zeich­ne­te, soge­nann­te Nach­rich­ten­sen­dun­gen geht): ein Publi­kum oder gar (wenn es sich um poli­ti­sche-gesell­schaft­li­che) Nach­rich­ten han­delt: eine Öffent­lich­keit? Sodaß der Fluch des Mas­sen­me­di­ums dar­in bestün­de, fort­ge­setzt wei­ter Inhal­te zu pro­du­zie­ren, um die Mas­se, die sich zwar ver­ein­zelt in den Wohn­zim­mern befin­det, durch Schaf­fung eines poten­zi­ell all­ge­mei­nen Gesprächs­zu­sam­men­hangs (Über Poli­tik reden – mit Freun­den, an Stamm­ti­schen, auf Par­ties) wei­ter als Mas­se zu sta­bi­li­sie­ren, die genau idann wie­der in ihre Kon­sti­tu­en­ten zer­fie­le, wenn das Mas­sen­me­di­um aus­fällt?

Nimmt man also als Ansatz: Mas­sen­me­di­en sind Medi­en, die eine Mas­se pro­du­zie­ren, wird der dif­fu­se und schwer fass­ba­re Begriff der “Mas­se” plötz­lich nicht nur greif­ba­rer, son­dern das Publi­kum der von Todes­co beschrie­be­nen Mas­sen­me­di­en wird plötz­lich anschluss­fä­hig an ande­re Mas­sen­bil­dun­gen, die durch Medi­en bewirkt wer­den. Im Deut­schen hat “Publi­kum” kei­ne Mehr­zahl — anders als im Ame­ri­ka­ni­schen, wo sich in der For­mu­lie­rung “Appo­ved for all audi­en­ces”, die von der Medi­en­kon­trol­le ver­wen­det wird, durch­scheint, dass sich in einer Mas­se ver­schie­de­ne Mas­sen befin­den kön­nen. Im Ame­ri­ka­ni­schen sind damit ver­schie­de­ne Alters­grup­pen gemeint, die seg­men­tiert und ggf. durch Ratings aus­ge­schlos­sen, also spe­zi­fi­ziert wer­den kön­nen. Zugleich wird durch das Zulas­sen bestimm­ter Grup­pen eine Mas­se (oder meh­re­re Mas­sen) defi­nier­ter Eigen­schaf­ten gene­riert. Im Deut­schen scheint für die­sen Audi­ence-Begriff ledig­lich “Ziel­grup­pe” als annä­hernd adäqua­te, inhalt­lich aber irre­füh­ren­de For­mu­lie­rung Über­set­zung ange­mes­sen.

Wenn sich Medi­en also eine Mas­se erschaf­fen, ist es zugleich — führt man den Gedan­ken von Alex Demi­roi­vic fort, der im Ent­ste­hen der Zei­tun­ge­nen zugleich das Ent­ste­hen einer Öffent­lich­keit sah, also einer Mas­se, die den Namen “Öffent­lich­keit” ver­lie­hen bekommt, weil sie sich mit poli­ti­schen Inhal­ten aus­ein­an­der­setzt — die Auf­ga­be die­ser Mas­sen­me­di­en, Mas­se zu schaf­fen. Das Medi­um addres­siert nicht die Mas­se, es erschafft sie.

Die Ver­schie­bung wür­de in Luh­manns schon zum wohl­fei­len Bon­mot geron­ne­nen Satz “alles, was wir über unse­re Gesell­schaft, ja über die Welt, in der wir leben, wis­sen, wis­sen wir durch die Mas­sen­me­di­en” aus der Rea­li­tät der Mas­sen­me­di­en einen deut­lich ande­ren Fokus set­zen. Denn jen­seits einer Aus­kunft über die Rea­li­täts­kon­struk­ti­on durch die Mas­sen­me­di­en sagt die­ser Satz impli­zit auch, dass es ein “wir” gibt. Die­ses “wir”, so wäre hin­zu­zu­fü­gen, gäbe es nicht ohne das, was das Wir über Welt und Gesell­schaft weiß. Das heißt: Nicht nur die Welt und die Gesell­schaft wird durch Mas­sen­me­di­en kon­stru­iert, son­dern auch die Mas­se, die glau­ben kann, ein Wir zu sein, weil sie die­ses Wis­sen um Welt und Gesell­schaft teilt.

Das Mas­sen­me­di­um erschafft die Mas­se jen­seits des stum­men Gaf­fens auf den Bild­schirm, das Druck­werk oder die Büh­ne zugleich als Kon­ver­sa­ti­ons­zu­sam­men­hang. Die Mas­se, die ein bestimm­tes Medi­um kon­su­miert, hat ein poten­zi­ell gemein­sa­mes Set an The­men, weil sich alle Teil­neh­mer die­ser Mas­se dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass sie mit ande­ren Teil­neh­mern die­ser Mas­se über die The­men reden kön­nen, die das Medi­um beinhal­te­te (etwa Luh­manns Buch, der die Leser zu einem Wir ver­eint, die­zu­gleich Teil­grup­pe des der Wir-Mas­se sind, über die gehan­delt wird, wie sie eine eige­ne Mas­se der Wis­sen­den for­miert, die sich gegen Unwis­sen­de abgrenzt). Die Mas­se wird zu einer Gesprächs­mas­se, die zugleich, über eine län­ge­re Zeit Mas­se gewe­sen, bestimm­te Grund­über­zeu­gun­gen teilt, die das Medi­um (Fern­se­hen oder media­le Sys­tem­theo­rie) jeder­zeit repro­du­zie­ren muss, um die Mas­se zu sta­bi­li­sie­ren.

Damit sind wir in der Kir­che und deren Funk­ti­on, Mas­sen zu schaf­fen. Einer­seits die über­re­gio­na­len Glau­bens­ge­mein­schaf­ten, zugleich aber die ört­li­chen Mas­sen im Sin­ne einer gemein­de. Die ers­te Mas­se ist durch das Mas­sen­me­di­um Buch zusam­men­ge­hal­ten. Es ist die Mas­se derer, die ein bestimm­tes Buch lesen und “glau­ben”. Letz­te­re ist eine Mas­se, die einen bestimm­ten Ort fre­quen­tie­ren — die Kir­che. Und sich dort die ent­spre­chen­den Inhal­te, die der Mas­se wie­der­um Gesprächs­stoff geben (Pre­dig­ten), abzu­ho­len. Die Mas­se kommt nicht in die Kir­che. Die Mas­se ver­lässt die Kir­che. Das Medi­um erschafft Mas­se und Mas­sen.

“Mas­se” ist dann aber schon nicht mehr nur ein­fach ein zufäl­lig auf­ge­schüt­te­ter Hau­fen von Ele­men­ten, son­dern Mas­se ist bereits ein — zunächst unstruk­tu­rier­tes — Kon­glo­me­rat. Ein sol­ches, das bereits ein Gemein­sa­mes besitzt, ohne dass die­ses Gemei­na­me noch dazu geführt haben muss, tat­säch­lich dif­fe­ren­zie­rend zu wir­ken. Die Mas­sen­bil­dung durch Mas­sen­me­di­en wäre dem­nach — woll­te man dini­ger­ma­ßen ober­fläch­lich his­to­risch argu­men­tie­ren — ein Nach­fol­ge­mo­dell von Ein­heits­er­zäh­lun­gen wie Stam­mes- oder Natio­nal­my­then, die zuvor über die Wei­ter­erzäh­lung dazu geführt haben, dass durch münd­li­che Wei­ter­ga­be sich eine Mas­se suk­zes­si­ve auf­ad­dier­te. Man mag an hom­ne­ri­sche Mythen, nor­di­sche Sagen, Mah­ab­ha­ra­ta und was der­glei­chen mehr ist, den­ken. Man mag über die Inter­fe­renz von gött­li­cher und mensch­li­cher, mensch­li­cher und “natür­li­cher” Natur den­ken, die in die­sen Mythen­krei­sen zugleich statt­fand und dafür gesorgt hat, dass nicht nur eine Mas­se erzeugt wur­de von sol­chen, die durch die­se Mythen zur Mas­se wur­den, son­dern zugleich Erklä­rungs­mus­ter bereit­stell­ten, die das In-der-Welt-sein mit all sei­nen Unfäl­len, Zufäl­len, Natur­er­eig­nis­sen für die­se Mas­se trans­pa­ren­ter amch­ten.

Dar­in aber zeigt sich die Früh­form heu­ti­ger Mas­sen­me­di­en wie Zei­tun­gen oder Fern­se­hen: Struk­tu­re Erklä­rungs­mus­ter, die von der Mas­se geteilt wer­den, die durch das Medi­um zur Mas­se wird. Die Mas­se ist auch hier eine Mas­se geteil­ter Über­zeu­gun­gen, die sich aller­dings nicht auf her­kömm­li­che Mas­sen­ge­bie­te beschränkt bzw. nicht mit die­sen deckungs­gleich ist: auch wenn die FAZ die “Zei­tung für Deutsch­land” sein will, ist sie doch nur die Zei­tung für die Mas­se der FAZ Leser. Auch wenn die ARD das “Ers­te Deut­sche Fern­se­hen” ist, muss es doch mit dem Gedan­ken sich abfin­den, dass es auch ein Zwei­tes und eini­ge Dut­zend wei­te­re gibt, die ihre eige­nen Mas­sen for­men.

Von einer sol­chen Mas­sen­bil­dung durch ein Medi­um war hier im Blog letz­tens im Zusam­men­hang mit dem Thea­ter die Rede (hier), als es dar­um ging zu zei­gen, dass Thea­ter im 19. Jahr­hun­dert gera­de des­we­gen einen sol­chen Auf­schwung und so rege Bau­tä­tig­keit erleb­ten, weil Mas­sen zu kon­sti­tu­ie­ren waren. In die­sem Fal­le eine eini­ger­ma­ßen gut beschreib­ba­re Mas­se: Das Bilu­dungs- udn Besitz­bür­ger­tum, das sich sowohl von der Adels­ge­sell­schaft als auch von der Arbei­ter­mas­se, die sich in hegel­scher Tra­di­ti­on durch die Wie­der­spie­ge­lung in ihrem Werk nar­ziss­tisch selbst erkann­te, abgren­zen woll­te.

Das Neue nun, das das Netz ist, besteht dar­in, dass die Mas­se sowohl Medi­um als auch medi­en­ge­ne­riert ist. Die Rede von der “Inter­net­com­mu­ni­ty”, als die tra­di­tio­nel­le Mas­sen­me­di­en kaum anders das Netz beschrei­ben kön­nen, zeigt den Blick von Außen, zeigt zugleich, dass es sich weder um natio­na­le noch inhalt­li­che Gren­zen oder Dif­fe­ren­zen han­delt, die die Mas­se unter­tei­len.

Dafür aber unter­teilt sich das Netz in ver­schidens­te Bub­bles, in Pri­vat­öf­fent­lich­kei­ten und Freun­des­krei­se, in der die Zurech­nung von Sen­de­me­di­um und Emp­fän­ger (wie sie aus der vor­he­ri­gen Zeit der Mas­sen­me­di­en besteht) nicht mehr gilt. Weil die Mas­se selbst das Medi­um ist, das sich selbst in Mas­sen unter­tei­len mag. Daher die Schwie­rig­keit zwi­schen “pri­vat” und “öffent­lich” zu unter­schei­den, die für gegen­wär­tig so viel Furo­re sorgt. “Öffent­lich­keit” ist eine bestimm­te Form von durch Medi­en pro­du­zier­ter Mas­se, das sich im Wesent­li­chen dadurch aus­zeich­net, dass es egal ist, wen die Bot­schaft erreicht. Wenn es die­ses Medi­um nicht mehr (oder nicht mehr als Leit­mdi­um) gibt, bedarf auch der Begriff der Öffent­lich­keit einer ande­ren Defi­ni­ti­on. Eben­so wie der Begriff der Pri­vat­heit, der wie­der­um eine (sehr viel klei­ne­re) ande­re Mas­se umfasst, für die exklu­si­ve Inhal­te pro­du­ziert wer­den, deren Emp­fän­ger klar defi­niert und addres­siert sind.

To be con­ti­nued.

 

 

§ 3 Responses to Die Massen der Medien"

  • Rolf Todesco sagt:

    Man könn­te viel­leicht mit oder gegen Luh­mann sagen, dass die Mas­se die Umwelt des Medi­ums ist, das Mas­sen­me­di­um genannt wird — also auch das, was hier “WIR” oder Oef­fent­lich­keit genannt wird. Dann gin­ge es dar­um, bei­de Sei­ten der Unter­schei­dung zu beob­ach­ten, also das Medi­um UND die Mas­se. Vor allem aber wür­de ich dann neben der Unter­schei­dung auch den Raum der Unter­schei­dung beob­ach­ten: Durch wel­che Beob­ach­tung wird Medien/Massen erzeugt?
    Eine für mich plau­si­ble Beob­ach­tung wäre: Auto­ren (sub­jek­ti­vier­te Auto­ri­tät) erzeu­gen dis­kur­siv die Vor­stel­lung, dass sie sich an jeman­den rich­ten, und dass die­ses “jemand” als Mas­se (allen­falls sogar mit einem Wir-Gefühl) vor­han­den sei.
    Ein Blog (wie die­ser hier) könn­te dann als Pro­dukt einer Ein-Mann-Redak­ti­on als Mas­sen­me­di­um beob­ach­tet wer­den.

  • Postdramatiker sagt:

    “Ein Blog (wie die­ser hier) könn­te dann als Pro­dukt einer Ein-Mann-Redak­ti­on als Mas­sen­me­di­um beob­ach­tet wer­den.” Genau. Mög­lich­keit zur Bil­dung einer Mas­se, wie das Sand­korn der Aus­ter die Mög­lich­keit bil­det, eine Per­le zu bil­den. Und zugleich ihnen Mög­lich­keit bie­tend, ein luh­mann­sches “Wir” zu bil­den durch die Gemein­sam­keit der Rezep­ti­on des Blogs, die wahr­nehm­bar gemacht wird durch das Sich-Zut­wit­tern, das Auf-Face­book-Sha­ren, das Auch-Fan-der-Sei­te-sein, das viel­leicht sogar Dar­über-Reden.

  • Rolf Todesco sagt:

    hmmm ;-) so (natur­dia­lek­tisch) wür­de ich dage­gen nicht beob­ach­ten: Die Aus­ter meint ja ver­mut­lich nicht, dass sie aus einem Sand­korn in eine Per­le macht, geschwei­ge denn dass es Per­len über­haupt gibt. Redak­tio­nen aber sind wohl bestimmt durch die Vor­stel­lung eine Leser­schaft, Oef­fent­lich­keit, Mas­sen­pu­bli­kum zu haben.
    Mir geht es mehr um die Vor­stel­lun­gen von Redak­tio­nen (auch Ein-Mann-Redak­tio­nen) als um Mas­sen. Dar­um, wie wer sich Mas­sen vor­stellt, wenn er Mas­sen­me­di­en sagt.

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