Die Facebook Frage (Teil 6): Die Situation „der User“ – Kommunikation wird Information wird Daten

Februar 22nd, 2011 Kommentare deaktiviert für Die Facebook Frage (Teil 6): Die Situation „der User“ – Kommunikation wird Information wird Daten Autor: Ulf Schmidt

Die Kom­mu­ni­ka­ti­on im Netz reißt die tra­di­tio­nel­le Unter­schei­dung zwi­schen Schrift und Rede, zwi­schen kom­mu­ni­ka­ti­vem Aus­tausch und Infor­ma­ti­on, zwi­schen Pri­vat­heit und Öffent­lich­keit ein. Die schein­ba­re Gegen­über­stel­lung von Schrift und Rede, von Pri­vat und Öffent­lich weicht der Gra­da­ti­on. Die Spur, von Der­ri­da in die phi­lo­so­phi­sche Tra­di­ti­on ein­ge­bracht, ist ein zunächst ganz brauch­ba­rer Begriff – ist doch schon all­ge­mein­sprach­lich aner­kannt, dass im Netz jede Bewe­gung Spu­ren hin­ter­lässt, die sich zu der letz­tens beschrie­be­nen Kugel­wol­ken­abs­trak­ti­on fügen. Oder anders gesagt: Die die­je­ni­gen Wel­len­be­we­gun­gen des Wel­le-Teil­chens aus­ma­chen, die sich in dr Abs­trak­ti­on zu einem Teil­chen fügen kön­nen.

Das ist jen­seits theo­re­ti­scher Klü­ge­lei­en ein hand­fes­ter empi­ri­scher Fakt (wenn es so etwas gibt). Denn die Daten­ban­ken von Face­book tun genau das. Wo User mit­ein­an­der kom­mu­ni­zier­ten und davon über­zeugt waren (so sie je einen Gedan­ken dar­über ver­schwen­de­ten), dass es sich eben um rede­ar­tig flüch­ti­gen Aus­tausch han­del­te, erzeu­gen sie zugleich sta­ti­sche, spei­cher­ba­re Infor­ma­tio­nen. Und zwar nicht Infor­ma­tio­nen wie die­je­ni­gen, an denen die Wiki­pe­dia-Auto­ren gemein­sam arbei­ten. Son­dern Infor­ma­tio­nen über sich selbst.

Man kann sich auf die von Wiki­leaks ver­öf­fent­lich­ten Bot­schafts­de­pe­schen als Bei­spiel stüt­zen. Auch hier glaub­ten die Betei­lig­ten, ein­fach einen ande­ren Weg der ver­trau­li­chen, infor­mel­len, nicht-öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on nut­zen zu kön­nen – und fie­len aus allen Wol­ken, als die­se ora­le Kom­mu­ni­ka­ti­on plötz­lich zur Infor­ma­ti­on über sie selbst bzw. ins­ge­samt über das Welt­bild der ame­ri­ka­ni­schen Diplo­ma­tie wur­de. Aus den Spu­ren des Tan­zens ergibt sich der Tän­zer, aus den Wel­len­be­we­gun­gen ent­steht im Auge des Betrach­ters ein Teil­chen oder eine Kugel­wol­ke. Und die­ses Teil­chen kon­kre­ti­siert sich im Auge des spei­chern­den Beob­ach­ters.

Dabei han­delt es sich um die Kon­fron­ta­ti­on mit einer Neu­ig­keit, die in Face­book-kri­ti­schen Dar­stel­lun­gen genüss­lich betont wird. „Das Netz ver­gisst nichts“ ist die blöd­sin­ni­ge Paro­le die­ser Kri­ti­ker. Und sie malen ger­ne Bil­der davon, dass der zukünf­ti­ge oder aktu­el­le Chef viel­leicht die Bil­der lang ver­gan­ge­ner Sauf­ge­la­ge sieht und fin­det. So absurd es ist zu glau­ben, dass das lang­fris­tig wirk­lich irgend­wel­che Aus­wir­kun­gen haben wir (es hat nur so lan­ge Aus­wir­kun­gen, wie Chefs nicht User, nicht netz­so­zia­li­siert sind), so deut­lich lei­tet es einer­seits vom eigent­li­chen Weg ab, eröff­net aber den Aus­blick auf den zwei­ten Sach­ver­halt, den eben­falls Wiki­leaks in sei­ner Exis­tenz beschreibt. Die Unter­schei­dung von „pri­vat“ und „öffent­lich“ ist ledig­lich eine tech­ni­sche Schran­ke, die jeder­zeit ein­ge­ris­sen wer­den kann. Es ist das Betä­ti­gungs­feld von Hackern bzw. Cra­ckern genau die­se Schran­ke ein­zu­rei­ßen. Durch Pass­wort-Hacks in Berei­che vor­zu­drin­gen, die eigent­lich als pri­vat geschützt sind. Sich daten­för­mi­ges Pri­vat­ei­gen­tum zu räu­bern.

Aber es ist natür­lich auch das Geschäft von „Drit­ten“, Infor­ma­tio­nen über ande­re zu tei­len. Inhalt von Kom­mu­ni­ka­ti­on ist nicht immer und nicht unbe­dingt ein theo­re­ti­scher Sach­ver­halt oder ein gegen­ständ­li­ches Ding. Man redet über ande­re, foto­gra­fiert sie, stellt die Fotos oder Vide­os ins Netz – ohne dass der Dar­ge­stell­te dazu sei­ne Zustim­mung geben oder auch nur davon wis­sen müss­te. Belieb­te Por­ta­le wie meinprof.de oder das gera­de durch die Pres­se gegan­ge­ne Schü­ler-Mob­bing­por­tal http://isharegossip.com/ leben davon, dass Drit­te über ande­re Aus­kunft geben. Selbst die Stre­et­view-Debat­te ist letzt­lich auf die­ses Feld zurück­zu­füh­ren. Die Ent­mün­di­gung des Ein­zel­nen hin­sicht­lich der Ent­schei­dung, was pri­vat und öffent­lich ist. Das wie­der­um ist eben­falls kein tech­ni­sches oder Platt­form-The­ma. Son­dern ein geän­der­tes Ver­hal­ten, das User aus­zeich­net. Unter allem, was du im Netz tust, hängt das Damo­kles­schwert: Es könn­te von einem ande­ren kopiert und ver­öf­fent­licht, gesha­red und wei­ter­ge­lei­tet wer­den. Zugleich ver­lässt die­se Dro­hung aber das Netz und wei­tet sich in die „Rea­li­tät“ aus. Was immer du tust kann jeder­zeit im Netz doku­men­tiert auf­tau­chen.

Das heißt: Wo du glaub­test pri­vat und flüch­tig zu kom­mu­ni­zie­ren, pro­du­zierst du jetzt Infor­ma­tio­nen über dich, die jeder­zeit „öffent­lich“ wer­den kön­nen. Du pro­du­zierst, wo du per Netz kom­mu­ni­zierst, Daten­sät­ze. Irgend­wel­che schwach­sin­ni­gen „Ver­falls­da­ten“, die ana­log geblie­be­ne Poli­ti­ker for­dern, kön­nen als Sym­ptom für das Auf­däm­mern die­ser Ein­sicht ver­stan­den wer­den. Dass es kei­ne „Ver­tei­di­gung“ dage­gen ist, ver­steht sich von selbst. Unter dem Schlacht­ruf der „Post Pri­va­cy“ zie­hen dar­aus eini­ge wie Micha­el See­man, Jens Best und Felix Neu­mann die Kon­se­quenz, dass man den Geist nun eh nicht mehr in die Fla­sche bekommt. Und fei­ern des­we­gen ein Daten-Wood­stock des Frei­en Infor­ma­ti­ons­aus­tauschs. Alle mit allen über alles. Ver­mut­lich wis­sen sie nicht, was sie tun. Dazu im nächs­ten Pos­ting mehr.

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