Das flache Netz – jenseits der Tiefenillusion

Dezember 13th, 2009 Kommentare deaktiviert für Das flache Netz – jenseits der Tiefenillusion Autor: Ulf Schmidt

Die geradezu lacan’sche Illusion personaler Tiefe, die insbesondere durch einen bestimmten, von Stanislawski geprägten Stil des Sprechens erzeugt wurde, kann durch das Konzept des Netzes nachhaltig erschüttert werden, ohne dabei bestimmte Zusammenhänge aufgeben zu müssen, die zu der Vorstellung von Oberfläche und Tiefe geführt haben. Letztlich also die Einsicht, das in der gegenwärtigen Situation immer ein Überschuss vorhanden ist, der allein durch das Kraftfeld besagter Situation nicht aufgefangen wird. Der Hintergedanke. Der versteckte Wunsch. Das Unausgesprochene, Ungesagte, Unsagbare. Usw.

Die Person als Netzknotenpunkt gehört in der Situation nicht nur zu einem Gewebe, das die Situation bestimmt. Sie ist vielmehr Knotenpunkt vieler, nicht unbedingt miteinander verwobener Netze. Schnittpunkt vieler Netze in vielen Raumebenen. Jedes dieser Netze radikal flach und zweidimensional. Aber durch ihre Ansiedlung im Raum in der Lage, die alte Vorstellung der Tiefe aufzunehmen – die allerdings nur solange Tiefe ist, wie ein Netz senkrecht zum gegenwärtig betrachteten Situationsnetz steht. Stellen wir uns ein Netz vor, das in unserer Blickebene voll ausgebreitet ist wie eine Wand vor der ich betrachtend stehe. Und einer der Knotenpunkte sei die Person. Und durch diese Person zieht sich ein zweites Netz, das parallel zu meinem Blick verläuft – damit also senkrecht auf das erste Netz steht und seinen einzigen Berührungspunkt in der besagten Person hat. Nennen wir das eine Netz das Familienleben. Nennen wir das andere Netz das Sexualleben. Und lassen beide auseinander stehen. Und lassen wir ein drittes Netz daliegen wie der Boden zu der Wand, die das erste Netz darstellt. Und nennen wir dieses Netz nun Berufsleben. So wird klar, dass die Person sich in der Schnittstelle dreier Netze befindet, die jeweils flächig sind, in ihrer Gesamtheit durch ihre Anordnung aber Tiefe bilden können (wenn denn der Begriff so wichtig ist). Wichtig dabei ist allerdings: die Tiefe kommt weder aus dem Netz noch der Person. Die Tiefe liegt im Auge des Betrachters. Das Netz ist zweidimensional. Was ist der Vorteil der Netzkonzepte? Die proteische Persönlichkeit wird angehbar. Kombinierbar mit Nietzsches Philosophie der Masken, einem radikalisierten soziologischen Rollenmodell.

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