Arbeitspflicht? Denkpflicht! — Die “niederwertige Arbeit” des Ministerpräsidenten Koch.

Januar 16th, 2010 § 1 comment Autor: Ulf Schmidt

Herr Koch, sei­nes Zei­chens gewähl­ter Minis­ter­prä­si­dent in Hes­sen und angeb­li­cher Nutz­nie­ßer eines jüdi­schen Ver­mächt­nis­ses, das sich lei­der spä­ter als ille­ga­le Par­tei­spen­de erwies, for­dert in einem Inter­view der WiWo mit dem hüb­schen Titel “Poli­tik muss not­wen­di­ge Här­te haben” eine Arbeits­pflicht für Hartz IV-Emp­fän­ger. Zitat aus dem Inter­view:

Wir müs­sen jedem Hartz-IV-Emp­fän­ger abver­lan­gen, dass er als Gegen­leis­tung für die staat­li­che Unter­stüt­zung einer Beschäf­ti­gung nach­geht, auch nie­der­wer­ti­ge Arbeit, im Zwei­fel in einer öffent­li­chen Beschäf­ti­gung. Dass er eben nicht bloß zu Hau­se sitzt.

So blub­bern die Alt­las­ten aus dem Schacht Roland. Gegen­for­de­rung mei­ner­seits: Denk­pflicht für Poli­ti­ker. Nen­nen wir also Herrn Koch den Bun­des­ar­beits­dienst­mi­nis­ter. Wie wol­len wirs machen, Herr Koch? Auto­bah­nen bau­en, die kein Mensch braucht? Denn die­je­ni­gen, die benö­tigt wer­den, wer­den von Men­schen gebaut, die dafür in Lohn­ver­hält­nis­sen ste­hen (ohne aller­dings davon garan­tiert ihren Lebens­un­ter­halt bestrei­ten zu kön­nen. Min­dest­lohn­fra­ge — Sie wis­sen, schon …?). Bau­en wir eine not­wen­di­ge Auto­bahn mit Koch­ar­beits­dienst­lern, wer­den die Lohn­emp­fän­ger nichts mehr zu bau­en haben und sich hin­ten in der Hartz IV Schlan­ge anstel­len. Natür­lich könn­ten Hartz IV-Emp­fän­ger auch — ganz modern — Daten­au­to­bah­nen bau­en. Auch schön. Oder Stra­ßen fegen — aber was machen dann die Stra­ßen­fe­ger? Die alte Idee: schickt die Hart IV Emp­fän­ger doch als “nie­der­wer­ti­ge Arbeit” in Alten­hei­me, um Alte und Pfle­ge­be­dürf­ti­ge zu betreu­en. Viel­leicht Sie, Herr Koch, wenns denn so weit ist? Möch­ten sie in die­ser Form “nie­der­wer­ti­ger Arbeit” nie­der­wer­tig gepflegt wer­den? Ist es eine nie­der­wer­ti­ge Arbeit, alte Men­schen zu pfle­gen und zu betreu­en? Stra­ßen zu fegen? Kin­der zu betreu­en? Was ist denn “nie­der­wer­ti­ge Arbeit”? Oder ist es nor­ma­le Arbeit, die ein­fach nie­der­wer­tig aus­ge­führt wird? Stra­ße mit einem Arm fegen? Oder in Unter­wä­sche bei jedem Wet­ter? Win­del­wech­sel mit dem Mund? Was ist “nie­der­wer­ti­ge Arbeit”, Herr Koch? Oder mei­nen Sie Bör­sen­ana­lys­ten, Invest­ment­ban­ker, Kre­dit­spe­zia­lis­ten? Oder ums dann doch zu fra­gen (und ich mache Sie dafür ver­want­wort­lich, dass die Argu­men­ta­ti­on der­ma­ßen nie­der­wer­tig wird): Minis­ter­prä­si­dent? CDU-Vor­sit­zen­der? Ist das “nie­der­wer­tig”? Muss ein Hartz IV-Emp­fän­ger so was zur Stra­fe machen? Wel­che Berufs­grup­pe wol­len Sie gera­de als “nie­der­wer­tig” ver­un­glimp­fen?

WAS IST NIEDERWERTIGE ARBEIT, HERR KOCH?

Auf die Inter­view-Fra­ge “Geld nur gegen Arbeit, sei es eine gemein­nüt­zi­ge Tätig­keit oder ein Ein-Euro-Job?” ant­wor­tet der Fünf-Ster­ne-Koch: “Auf Dau­er wird es anders nicht gehen.” Und scheint sich der Absur­di­tät sei­ner The­sen nicht im min­des­ten bewußt zu sein. Hartz IV-Emp­fän­ger ohne Arbeit gibt es in gro­ßer Zahl — weil es schein­bar nicht genug Arbeit gibt (auch in die­sem Blog war gele­gent­lich die Rede davon, etwa hier und hier und hier). Wie Sie viel­leicht wis­sen. Ande­re Hartz IV-Auf­sto­cker wie­der­um schuf­ten sich krumm und kön­nen ihren Lebens­un­ter­halt (wir hat­tens oben schon davon) den­noch nicht von ihrer Arbeit bestrei­ten. Sol­len die dann neben­bei auch noch kochen gehen? Wird für die Schuf­te, denen ein Job nicht genug ist, die Frei­zeit abge­schafft? Tags­über Haa­re schnei­den, nachts sozi­al­ko­chen?

Wie Herr Koch, unter­schei­det sich Ihr Wunsch nach einem Zwang zu einer “nie­der­wer­ti­gen” (wider­wär­ti­gen?) Arbeit, die gezielt als unan­ge­nehm defi­niert ist und deren Nicht­aus­übung doch wohl (aber wie denn eigent­lich) nega­tiv san­lk­tio­niert wer­den soll, von der fol­gen­der­ma­ßen defi­nier­ten:

Als Zwangs­ar­beit wird eine Arbeit bezeich­net, zu der ein Mensch unter Andro­hung einer Stra­fe oder eines sons­ti­gen emp­find­li­chen Übels, gegen sei­nen Wil­len, gezwun­gen wird. Sie ist – mit ver­schwim­men­den Über­gän­gen – die schärfs­te Form der Arbeits­pflicht. (Wiki­pe­dia)

Tat­säch­lich steht ja hin­ter dem Wunsch, Hartz IV Emp­fän­ger zur nie­der­wer­ti­gen Arbeit zu zwin­gen, nicht die Absicht, mehr flei­ßi­ge Mit­ar­bei­ter für den doch ver­mut­lich dem­nächst unbän­dig aus­bre­chen­den Wachs­tums­schub zu bekom­men. Schließ­lich wird die­ses Wachs­tum ja per Schwach­sinns­be­schleu­ni­gungs­ge­setz befoh­len. Die eigent­li­che Absicht ver­kocht der rasen­de Roland anders: “Des­halb müs­sen wir Instru­men­te ein­set­zen, damit nie­mand das Leben von Hartz IV als ange­neh­me Vari­an­te ansieht.” Nur der buß­fer­ti­ge Mensch — hieß es im “Tem­pel des Todes” von India­na Koch .… Jones. Büßen musst du, wenn du Hartz IV haben willst. Hartz gibts nur herz­los! Abschre­ckung vor der Arbeits­lo­sig­keit. Angst machen. Und zwar indem jeder ein­zel­ne Hartz IV Emp­fän­ger zu wan­deln­den Lit­fass­säu­le der Koch­ti­ra­den wird. Wie waärs viel­leicht noch mit einer Kenn­zeich­nung auf der Klei­dung? Schild um den Hals “VORSICHT! Nie­der­wer­ti­ger Arbei­ter — Ich lie­ge allen Men­schen auf der Tasche!” So was in der Art?

Wie absurd: Arbeitslose mit Arbeit bestrafen zu wollen.

Herr Koch? Sind das die Rezep­te, mit denen Sie in die Zukunft gehen wol­len? Und sind sol­che Kochs die Zukuft die­ses Lan­des? Ein Kriegs­mi­nis­ter, der Expe­di­ti­ons­ar­me­en und Kolo­ni­al­trup­pen zur Rou­ti­ne machen will. Ein Bun­des­ar­beits­dienst­mi­nis­ter, der den all­ge­mei­nen Arbeits­dienst als Vor­aus­set­zung für die Lebens­si­che­rung aus­ruft? Als Ent­wick­lungs­hil­fe­mi­nis­ter Reser­ve­haupt­mann Nie­bel, Zug­füh­rer eines Auf­klä­rungs- und Erkun­dungs­zu­ges bei den Fall­schirm­jä­gern der Luft­lan­de­bri­ga­de 25 „Schwarz­wald“ in Calw. Und Herr Koch — was machen Sie mit denen, die das nicht wol­len, kön­nen oder tun wer­den? Abschie­ben nach Aus­tra­li­en? Auf der Stra­ße ver­hun­gern las­sen? Oder ein Joint-Ven­tut­re mit dem Kriegs­mi­nis­ter? Arbeits­lo­se in Uni­for­men ste­cken und ins Aus­land ent­sen­den?  Herr Koch, von Ihren Rezep­ten krieg ich das Kot­zen!

§ One Response to Arbeitspflicht? Denkpflicht! — Die “niederwertige Arbeit” des Ministerpräsidenten Koch.

  • Postdramatiker sagt:

    Nach­trag: In der taz vom 15.01.2010 wird über eine Unicef-Stu­die berich­tet, deren Ergeb­nis ist, dass in Deutsch­land knapp 25% der Her­an­wach­sen­den fürch­ten und erwar­ten, dass sich “nach Been­di­gung der Schu­le und der Aus­bil­dung nur Arbei­ten mit nied­ri­ger Qua­li­fi­ka­ti­on aus­üben” wer­den. Herr Koch — womit wol­len Sie die­se Jugend­li­chen schre­cken? Hier wird bereits “nie­der­wer­ti­ge Arbeit” zur Lebens­er­war­tung. Das Land, das von Ihnen und Ihren Kol­le­gen regiert wird, ist schon vol­ler Schre­cken für jun­ge Leu­te. Übri­gens höher als in allen Län­dern. Deutsch­land liegt unter 21 unter­such­ten auf dem letz­ten Platz, was Zukunfts­op­ti­mis­mus bei jun­gen Leu­ten angeht. Reak­ti­on der zustän­di­gen Minis­te­rin Köh­ler: Sie will die Bean­tra­gung des gesetz­li­chen Kin­der­zusschlags unbü­ro­kra­ti­scher machen …? Wer­den wir von Nar­ren regiert?

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