Bestandsaufnahmen des Unbeständigen

Januar 3rd, 2010 Kommentare deaktiviert für Bestandsaufnahmen des Unbeständigen Autor: Ulf Schmidt

Ges­tern abend hab ich mit mei­ner Schwes­ter tele­fo­niert und ver­such­te dar­zuele­gen, wie fun­da­men­tal der Wan­del der Lebens­ver­hält­nis­se momen­tan sei, auf den zu reagie­ren ich von Thea­tern erwar­te. Poli­ti­schen Wan­del, ver­än­der­te Arbeits­welt. Auf die Schnel­le woll­te mir kein kon­sis­ten­ter Vor­trag gelin­gen,  des­we­gen ver­such ichs jetzt in Ruhe:

Die digitale Vernetzung

Durch Face­bokk (nach Mit­glie­dern gezählt wäre Face­book inzwi­chen das viert­größ­te Land der Welt!), Twit­ter, Blogs, Com­mu­nities wer­den Macht­ver­hält­nis­se ver­än­dert. Die Men­schen schaf­fen sich freie Infor­ma­ti­ons- und Aus­tausch­we­ge, die sowohl staat­li­cher wie auch unter­neh­me­ri­scher Kon­trol­le nicht mehr völ­lig unter­lie­gen. Nie­mals in der Geschich­te was es bes­ser mög­lich, sich frei mit belie­big vie­len Men­schen aus­zu­tau­schen. Da die­ser Aus­tausch aber in einem unend­lich spei­cher­ba­ren Raum statt­fin­det, ent­ste­hen dar­aus zugleich mas­si­ve Bedro­hun­gen, die mit der Nut­zung und Aus­wer­tung die­ser Daten zu tun haben. Nie­mals war es näm­lich in glei­cher Wei­se wie heu­te mög­lich, durch auto­ma­ti­sier­te Ver­fah­ren Bezie­hungs-, Denk- und Bewe­gungs­pro­fi­le von Men­schen her­zu­stel­len. Eine gigan­ti­sche Uto­pie und zugleich eine rie­si­ge Bedro­hung. Dzu wur­de auf die­sem Blog schon eini­ges an Links ange­bo­ten. Nun noch hier die Fort­set­zung der Schirr­ma­cher-Debat­te: Absau­fen in der Infor­ma­ti­ons­flut. Lesens­wert. Beden­kens­wert. Und für alle, die es noch nicht ken­nen DAS Video zum The­ma Soci­al Media Revo­lu­ti­on.

Der Wandel der Arbeitswelt

Man redet seit andert­halb Jahr­zehn­ten von der kom­men­den Dienst­leis­tungs- oder Wis­sens­wirt­schaft. Neu­er­dings von “Crea­ti­ve Indus­tries”. Unter gleich­zei­ti­gem Weg­fall von per­so­nal­in­ten­si­ven Pru­duk­ti­ons­in­dus­tri­en. Die­se Vor­her­sa­gen tre­ten nur mit gro­ßer Macht ein. Und die soge­nann­te Finanz­kri­se fun­giert noch als Beschleu­ni­ger für einen Struk­tur­wan­del, der eigent­lich schon längst und rasend schnell im Gan­ge ist. Ver­glei­chen wir nur Ama­zon und Otto. Die Musik­in­dus­trie. Online- und Print­zei­tun­gen. What so ever. Digi­ta­le Dis­rup­ti­on und Dis­in­ter­me­dia­ti­on ergänzt mit dem explo­die­ren­den Pro­duk­ti­vi­täts­po­ten­zi­al durch Digi­ta­li­sie­rung, Auto­ma­ti­sie­rung usw stel­len die Arbeits­welt auf den Kopf und machen zahl­lo­se Men­schen für die Arbeits­welt fak­tisch “über­flüs­sig”.

Die Umwertung des Krieges

Noch vor kaum 20 Jah­ren zogen Hun­dert­tau­sen­de gegen den ers­ten Irak-Krieg auf die Stra­ßen und pro­tes­tier­ten. Vol­ker Rühes Ankün­di­gung eines ers­ten Aus­lands­ein­sat­zes der Bun­des­wehr in Soma­lia zog hef­ti­ge Debat­ten nach sich — die Sol­da­ten muss­ten sich gar von ande­ren Sol­da­ten bewa­chen las­sen. Aber Rühes Agen­da der all­mäh­li­chen Gewöh­nung der Bevöl­ke­rung an Aus­lands­ein­sät­ze trug früch­te. Und heu­te ist Deutsch­land wie­der krieg­füh­ren­des Land. “Von deut­schem Boden darf nie wie­der Krieg aus­ge­hen” — ist Geschich­te.

Die Neubewertung von Arbeitslosigkeit

Noch wird unter­stellt, wer kei­ne Arbeit habe, sei ent­we­der nicht wirk­lich inter­es­siert oder habe eben nicht ordent­lich gelernt. Ein hüb­sches Über­bleib­sel aus Zei­ten, da Arbeits­lo­se noch “Null Bock” auf ihren zer­ris­se­nen Leder­ja­cken und gewal­ti­ge bun­te Haar­schöp­fe hat­ten. Inzwi­schen ist es kaum mehr zu über­se­hen, dass Arbeits­lo­sig­keit nicht nur jeden trifft — son­dern auch gar kein Ver­häng­nis, son­dern eine ganz nor­ma­le Pha­se in Bio­gra­phi­en wird. Auf ein Arbeit­lo­sig­keits­po­ten­zi­al von 38% kamen Späth et al. 1996. Wach­sen­de Ten­denz. Wohl­ge­merkt: Es gebricht die­sem Land nicht an Reich­tum und Wohl­stand. Nur an Arbeit — dem klas­si­schen (behaup­te­ten!) Ver­tei­lungs­schlüs­sel für einen Teil des Wohl­stands. Wenn Arbeits­lo­sig­keit als Frei­heit zur Muße ver­stan­den und mit Grund­ein­kom­men abge­si­chert wird, sind Din­ge ganz anders und viel­ver­spre­chen­der anzu­ge­hen. Man müss­te dann nur defi­nie­ren, wem man war­um wie viel Muße zubil­li­gen will …

Wettbewerb und Solidarität

Es isnzwi­schen eine Fra­ge der Wett­be­werbs­fä­hig­keit, in wel­chen Kin­der­gar­ten Kin­der gesteckt wer­den. In wel­che Schu­le sie gehen. Was sie ler­nen. Wel­che Noten sie nach Hau­se brin­gen. Wo sie stu­die­ren. Was sie in der Frei­zeit machen. Das Gesetz des Wett­be­werbs, das aus der Theo­rie der Märk­te stammt, auf dem sich Wett­be­wer­ber um Güter und Gel­der strei­ten, wird zum beherr­schen­den Gesell­schafts­ge­setz. Hin­ter dem die geselslchaft­li­che Soli­da­ri­tät oder gar christ­li­che Nächs­ten­lie­be zurück zu ste­hen haben. Das schö­ne an die­sem Wett­be­werb: Es fin­det nie­mals in abso­lu­en Zah­len, son­dern immer in rela­ti­ven Ran­kings statt. In denen es immer einen zwei­ten, drit­ten, letz­ten gibt, der nun alles dar­an zu set­zen hat, sich zu ver­bes­sern. Und ers­ter zu wer­den. Oder ers­ter zu blei­ben. Ein Hams­ter­rad, das sich von selbst wei­ter dreht. Ohne jemals ein “genug” zu ken­nen. Wie sieht eine sol­che Wett­be­werbs­ge­sell­schaft aus?

Die Verdächtigung des Bürgers

Seit der Erfin­dung des BKA in Zei­ten des Ter­rors, gefolgt vom Kampf gegen Rus­sen­ma­fia und ande­re — wer­den Über­wa­chungs­me­cha­nis­men und -geset­ze recht kon­stant erwei­tert. Ver­dachts­un­ab­hän­gi­ge Kon­trol­len, Schlei­er- und Ras­ter­fah­nung, Mas­sen-DNA­tests, gro­ßer Lausch­an­griff, Vor­rats­da­ten­spei­che­rung … Der Kata­log ist lang. Als neu­est Idee nun neben dem bio­me­tri­schen Aus­wis, der den Kör­per untrenn­bar mit sei­nem digi­ta­len Dou­ble ver­knüp­fen soll, der Nackt­scan­ner. Wohl­ge­merkt: Das Ver­bre­chen derer, die sich der tota­len Lei­bes­vi­si­ta­ti­on zu unter­zie­hen haben, besteht dar­in, dass sie in ein Flug­zeug stei­gen wol­len. Jaja, aber aber. Die Sicher­heit. Und — was wenn der nächs­te Ter­ro­rist den Spreng­stoff in hand­li­chen Päck­chen ver­schluckt, wie ein Koka­in-Back­pa­cker? Wer­den dann all geröntgt vor jedem Flug? Das Neben­pro­dukt die­ser erhöh­ten Sicher­heits­vor­keh­run­ge­nist jeder­zeit, dass der staat­li­che Über­wa­chungs­zu­griff mas­siv erwei­tert wird. Und das Ver­hält­nis der Bür­ger zu ihrem Staat mehr wie das einen noch unbe­stä­tig­ten Ver­däch­ti­gen ist, als das eine Sou­ve­räns. Unschulds­ver­mu­tung — Schuld­ver­mu­tung bis zum Beweis der Unschuld. Hier eine Über­sicht über die Rei­he der Grund­rechts­be­schrän­kun­gen und Sicher­heits­ge­set­ze vom AK Vor­rats­da­ten­spei­che­rung.

Fort­set­zung folgt.

Und was haben Thea­ter damit zu tun? Sicher­lich ist von ihnen nicht zu ver­lan­gen, auf Tages­po­li­tik zu reagie­ren oder sie zu erklä­ren. Dafür sind so vie­le Mas­sen­me­di­en und Socia Media im Ein­satz, die es per Film­do­ku­men­ta­ti­on und jour­na­lis­ti­schem Kom­men­tar viel bes­ser kön­nen. Vom Thea­ter ist die Arbeit an der Schicht dar­un­ter zu ver­lan­gen — zum Bei­spiel an der Erklä­runs­funk­ti­on der scha­ma­nis­ti­schen? pro­phe­ti­schen? pas­to­ral-pon­ti­fi­ka­len Mas­sen­me­di­en. Glaubt jemand, Ais­chy­los sei am Pro­zess des Orest gele­gen gewe­sen? Ais­chy­los hat den Auf­ein­an­der­prall und Über­gang von zwei Rechts- und Geset­zes­wel­ten beschrie­ben (dazu in mei­ner Magis­ter­ar­beit ein Abschnitt S.86–108, den ich immer noch ganz ordent­lich fin­de). Das ist der Hal­te­punkt poli­ti­schen Thea­ters.

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