Bundesphrasenminister Guido

Februar 16th, 2010 Kommentare deaktiviert für Bundesphrasenminister Guido Autor: Ulf Schmidt

Zweierlei gilt es nachzutragen. Zunächst der sehr eigentümliche Sozialismus-Begriff des Herrn Westerwelle, der glaubt, Sozialisten seien Typen, die für Nichtstun Lohn zahlen. Putzig. Vielleicht mal ein Zitat, dass gerade der Herr Westerwelle sofort unterschreiben würd:

Die Müßiggänger schiebt beiseite.

Und woher, Herr Westerwelle, mag dieses Zitat sein? Sie könnens selber Googeln. Oder sich von mir sagen lassen, dass es eine Textzeile aus der Internationale ist, dem „weltweit am weitetsten verbreitete[n] Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“ (Wikipedia).

Dann noch ein kurzer Nachtrag zu der Frage, ob en sich liberal nennender Parteivorsitzender sich die moralische (!) Verurteilung von Menschen erlauben kann, die keine Arbeit haben. Moralische Verurteilung des Genusses ohne Produktivanteil ist der Kern der katholischen Sexualmoral. Sexueller Genuss nur zum Zwecke der Kinderproduktion. Wer nicht (Kinder)produziert, soll auch nicht genießen. Ernstzunehmende Liberalität steht über solch kleinlichen Moralpredigereien. Und sie sollte auch über der moralischen Verurteilung von Menschen stehen, die essen ohne zu arbeiten. Nicht nur (aber auch) weil auch dieser Zustand der Arbeitslosigkeit überwiegend kein freigewählter ist. Ähnlich wie Homosexualität etwa. Und sowenig die homoerotischen Vergehen in der katholischen Kirche ein moralisches Urteil gegen Homophilie insgesamt begründen kann, so wenig kann der gelegentliche Missbrauch von Sozialleistungen ein Urteil gegen hilfsbedürftige Menschen und Familien insgesamt sein.

Um flüchtigen Lesern eines klar zu sagen: es geht nicht um ein ad hominem Argument. Es geht vielmehr darum, jene gesellschaftliche Liberalität, die sich diese blaugelbe Pünktchenpartei irgendwann auf die Fahnen schrieb, auch gegen sie selbst zu verteidigen und zu bewahren. Moralische Diffamierung von Andersgläubigen oder Andersliebenden ist ebenso verwerflich wie die moralische Verurteilung derer, die von Hilfe abhängig sind. Und den moralischen Keil zwischen arbeitende und nicht arbeitende Bevölkerung zu treiben, gleichzeitig aber Hoteliers und Gastwirten die Mehrwertsetuer zu senken anstatt einen Mindestlohn einzuführen, das ist widerlich. Warum nicht einen Keil treiben zwischen Familien, die Kinder in die Welt setzen und unter finanziellen Belastungen großziehen, um das Rentensystem zu sichern – und denen, die keine Kinder haben oder jemals haben werden, Herr Westerwelle ( jetzt doch ad hominem). Immerhinm reden Sie in Ihrem „Deppen“-Interview lang und breit von Kindern.Wo sind denn ihre, Herr Westerwelle (übrigens: ich hab auch keine und würde mich dafür auch nicht diffamieren lassen; denn die Arbeit raubt mir die Zeit für Kinder – trotzdem zahle ich gerne! Steuern für Kindergärten, Schulen, Schülerlotsen, Lernmittelfreiheit und Kindergeld).

Machen wir an dieser Stelle Schluß, bevor ich mich in Weißglut schreibe. Der Punkt ist klar: Keine moralische Verurteilung von Hilfsbedürftigen. Kein Keil zwischen diejenigen, die schuften, um den lebensunterhalt zu fristen, und denen, die gerne schuften würden aber nicht können.

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