Das ABC der kommenden Wirtschaft, Folge 1: Das Grundkonzept

September 17th, 2010 § 6 comments Autor: Ulf Schmidt

Statt einzelne Menschen als „arbeitslos“ freizusetzen, andere in gewohnter Auslastung weiter arbeiten zu lassen, statt aber auch „Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich“ zu fordern (was sich leider als utopisch herausstellt) und anstatt „Krisen“ durch „Kurzarbeit“ abzufedern, schlage ich das folgende Modell vor:

Die jetzige Vollzeit-Standardarbeitszeit von (grosso modo) 40 Stunden wird abgeschafft. Dafür werden (per Gesetz – natürlich mit Übergangsregelungen) drei Arbeitsvertragsstufen mit entsprechend drei Lohnsteuerkarten für jeden Arbeitnehmer eingeführt (nicht aufschreien – weiterlesen):

A-Vertrag/Lohnsteuerkarte: Dieser Vertrag umfasst 20 Stunden. Nicht mehr, nicht weniger. Keine Überstunden. Es fällt lediglich eine Minimal-Lohnsteuer an (sagen wir 10%). Es fallen keine Arbeitslosigkeits- oder Krankenversicherung an. Ausgezahltes Brutto ist nahezu netto. Keine Lohnnebenkosten. Ziel ist, dass jeder erwerbsfähige Mensch mit einem solchen 20-Stundenvertrag sein Leben leben kann. Weit höher als jedes Basisgeld oder HartzIV – durch einen Mindestlohn von sagen wir 8€ und wegfallenden Nebenkosten bzw. geringen Steuersätzen.

B-Vertrag/Lohnsteuerkarte: Dieser Vertrag umfasst bis zu 20 Stunden in 5er Schritten (B5, B10, B15, B20). In der Regel wird er auf den A-Vertrag gesattelt. Zusammen ergeben A- und B20-Vertrag in etwa die Brutto-Netto-Ratio, die ein heutiger 40-Stunden-Vertrag aufweist. Heißt: Die Steuerbelastung des B-Vertrags ist erheblich höher als bei einem heutigen Normalvertrag. Dennoch gibt es weder Arbeitslosen- noch Krankenversicherung zu zahlen (gleich mehr dazu).

C-Vertrag/Lohnsteuerkarte: Was man früher „Überstunden“ nannte, wird verboten. Unbezahlte Überstunden strengstens. Geleistete Stunden werden vergütet. Ansonsten machen sich sowohl Arbeitnehmer wie Arbeitgeber strafbar. All diese Stunden werden über einen C-Vertrag abgedeckt. Dieser wartet mit einem hohen Steuersatz auf (sagen wir: 85%). Erhöht der Arbeitgeber nicht signifikant die Entlohnung, wird sich vermutlich kein Arbeitnehmer zu diesem Geld zur Arbeit überreden lassen. Freiwilligkeit ist übrigens Voraussetzung. Jede über einen bestehenden (A- oder B-) Vertrag geleistete und nicht vertraglich gesicherte Stunde wird als C-Stunde abgerechnet. Heißt ein A-Arbeitnehmer, der 5 Stunden länger macht, wird nicht automatisch nach B-Vertrag, sondern nach C-Vertrag abgerechnet.

So weit die Grundlage. Und jetzt ein paar Details:

Arbeitslosenversicherung entfällt. Das Ziel des A-Vertrages ist es, dass jeder Erwachsene Mensch, der arbeitsfähig ist, einen solchen 20-Stunden-Arbeitsvertrag hat. Dieses ist das Grundarbeitsverhältnis, das aufgrund der steuerlichen Ausgestaltung für die Arbeitnehmer attraktiv ist. Zudem fördert es in Zweierbeziehungen die Arbeit bider, da beide einen A-Vertrag abschließen können, zusammen also minimale Steuern zahlen. Beispielrechnung: Jeder bekommt 8 Euro Stundenlohn, zahlt davon keine Versicherungen, Steuern etwa 10%. Heißt: monatlich bekommt jeder von beiden 650 Euro Netto – zusammen 1300€ Netto. Dafür lässt sich zu zweit leben angesichts der Tatsache, dass es sich um das absolute Einkommensminimum handelt. Kindergeld gibt es weiterhin, aber keine steuerliche Geltendmachung von Kindern. Überhaupt entfallen die meisten Abschreibungen bei A-Verträgen. Brutto – 10% Steuer = Netto. Wer diese 20 Stunden nicht arbeiten will – bekommt Wohlfahrtsunterstützung. Wer krank ist, bekommt aus der Krankenkasse hinreichende Unterstützung.
Krankenversicherung entfällt als lohnabhängige Leistung. Die Gesundheitsfürsorge wird zur staatlichen Aufgabe und dafür aus der Lohnbindung befreit. Der Staat stellt jährlich bestimmte Summen zur Verfügung, die etwa durch Krankenkassen verwaltet, ausgegeben usw. werden. Es muss keine Staatsvorsorge sein – der Staat entscheidet lediglich, welche Beträge ins System fließen. Pflegeversicherung dito. Ich kann ehrlich gesagt +überhaupt nicht verstehen, wie man ein (angeblich) knappes Gut wie Arbeit durch Nebenkosten verteuern kann, während die (angeblich) ungewünschte Finanzspekulation ohne jede gesellschaftsförderne Steuer- oder Abgabenlast davon kommt. Völlig schwachsinnig.
Rentenversicherung wird ebenfalls aus der strengen Lohnabhängigkeit befreit. Stärkere Finanzierung durch Zins- und Vermögenssteuern.

Ich glaube, dass sich auf solch einer Basis tatsächlich arbeiten lässt: Eine Gesellschaft, die nicht darüber nachdenken muss, wie sie 40-Stunden-Arbeitslätze schafft. Denn die 40 Stunden sind eine abstrakte Größe, die nicht naturgegeben ist. Warum nicht über die 20-Stunden-Basis nachdenken, auf die dann je nach persönlichen Präferenzen bzw. Unternehmensnachfrage weitere Stunden draufgesattelt werden können. Natürlich hieße das zugleich, eine Art Verpflichtung zur Arbeit festzuschreiben. Nur ganz ehrlich: Nicht jede Beschäftigung, die Spaß macht und Erfüllung bringt, wird bezahlt (ich würde sonst nur noch bloggen). Und nicht jede Tätigkeit, die bezahlt wird, würden Menschen auch unbezahlt wahrnehmen.
Der „New Deal“ lautet: Lasst uns die Arbeit, die gemacht werden muss, so verteilen, dass jeder ein bisschen davon trägt. Wer Lust hat, mehr zu arbeiten, darf mehr arbeiten. Wer sich nebenbei weiterbilden möchte, kann dies abzüglich der 20 Stunden bezahlter A-Arbeit nach Herzenslust tun. Und wenn die Wirtschaft mehr Arbeitnehmer braucht in Jobs, die nicht besonders attraktiv sind: Einfach mehr Geld zahlen.
Ich werde auf der Idee in den nächsten Tagen noch ein wenig weiter denken. Weiß nicht, ob sie hier im Posting schon so attraktiv rüber gekommen ist, wie sie mir zu sein scheint, wenn man sie weiter denkt. Zumal sie die Frage des Grundeinkommens – wie ich meine – relativ elegant löst. Es wird nicht nur der gesellschaftliche Wohlstand auf einigermaßen gleichmäßiger Basis verteilt (mit individuellen Ausschlägen nach oben) – sondern eben auch die gesellschaftliche Arbeitsbelastung dabei umverteilt. Das scheint mir den größten Reiz auszumachen.
Übrigens glaube ich, dass dieses Konzept auch genug Freiraum lässt, um einer kommenden Digitalökonomie Wachstums- und Entfaltungsspielräume zu eröffnen.

I’ll think on (unbezahlt).

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§ 6 Responses to Das ABC der kommenden Wirtschaft, Folge 1: Das Grundkonzept"

  • mspro sagt:

    > Nur ganz ehrlich: Nicht jede Beschäftigung, die Spaß macht und Erfüllung bringt, wird bezahlt (ich würde sonst nur noch bloggen)

    Ich fände das nicht nur persönlich, sondern auch gesellschaftlich am sinnvollsten, wenn du nur bloggen würdest!

    Den Rest – die Scheißarbeit – muss man dann eben ordentlich bezahlen. Und nebenher noch mal ein paar Milliönchen in die Forschung stecken, um all den Kram von Maschinen machen zu lassen. Wird eh passieren. Wenn die Lohnkosten dafür hoch sind, um so eher. Ehrlich, da seh ich kein Problem.

    Langfristig wird der Computer nur noch kreative Tätigkeiten nicht ersetzen können. Alles andere ist in spätestens 10 Jahren futsch.

  • Postdramatiker sagt:

    Merci! Bin bei deinem zeitfenster nicht so optimistisch, denke dass das laenger dauern wird – und dass industriewirtschaft in einigen jahrzenten etwa den stellenwert hat, den heute landwirtschaft einnimmt: grundaetzlich enorm wichtig, wenig spannend, im wesentlichen im rahmen von aufrechterhaltung und pragmatisvher umsetzung betroffen. Wenn nicht gar vergleichbar der ruhrkohle: wegen kompletter automatisierung abwickelbar in sachen mitarbeiterschaft.
    Ich vermute aber, dass der uebergang gehandelt werden muss. Bge finde ich spannend – aber vermutlich nicht durchsetzbar. Mal schaun wie weit ich mit dem 20er konzept komme…
    Wenns als buch erscheint, koennt ich vermutlich davon leben. Naja … Wohl eher nicht.

  • ValentinHerre sagt:

    Interessantes Modell. Bin eher wegen Theaterzeugs auf dem Blog gelandet, les aber immer begeisterter all deine anderen Texte.
    Ich find die Lösung mit den Überstunden etwas zu „links“, sozusagen. Wirkt sehr schnell wie ein sozialistisches Arbeitsverbot – polemisch formuliert. Wobei die Idee sehr gut ist. Wie wäre es mit einer Knautschzone, dass von der Gesamtzahl der Arbeitsstunden auf dem B-Vertrag 5 % Überstunden – unvergütet oder auf Basis des B-Vertrags – erlaubt sind, danach erst diese Lösung einsetzt?
    Glaube ich wäre realitätsfreundlicher.
    Aber super Ding!!
    Gruß
    Valentin

  • Postdramatiker sagt:

    Laesst sich drueber nachdenken – freut mich uebrigens enorm, dass du wegen theater kommst und dich dafuer interessierst. Ich wollte, mehr Theaterleute wuerden sich mehr fuer dIe Gesellschaft interessieren, in der ihr theater stattfindet.

  • Kinderfreund sagt:

    [MARKED AS SPAM BY ANTISPAM BEE | Country Check]
    Ich habe in Österreich gelesen wenn alle Sozialsysteme abgeschafft werden und statt dessen auf die Befölkerung aufgeteile werden, bekäme jeder in Österrecih wohnhafte Bürger 800 Euro monatlich.
    Das würde ich für zukunftsträchtig und sozial fair halten.

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